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Eine Begegnung mit Jörg Buttgereit

  29.05.1997
 
 
 
 

Der Ruf dieses Filmemachers eilt ihm meilenweit voraus — zumindest in bestimmten Kreisen, jedoch mit unterschiedlichen Konnotationen. Er ist die Ikone des zeitgenössischen deutschen Horrorfilms, sofern dieser überhaupt existiert, der Schrecken (oder das Vergnügen?) der Staatsanwälte und Möchtegernzensoren von Norwegen bis Indonesien und deswegen einer der Lieblinge des Werkstattkinos. Kennt man seinen Namen nur von Filmplakaten, Artikeln und Gesprächen über seine Filme, setzen sich Bilder des nekrophilen Splatter-Overkills zu einer geheimnisvollen Aura zusammen. Ich kenn' den Bruder, dessen Schwester hat 'nen Freund, der früher 'mal 'nen Buttgereit-Film gesehen hat. Oder so ähnlich. Kurzum, dieser Mythos besteht zu großen Teilen aus Texten über ihn. Denn die Filme von Jörg Buttgereit wurden noch nie professionell verliehen, und so erreichten sie bis jetzt nur sehr wenige Kinogänger. Von NEKROMANTIK, der 1987 auf 16mm gedreht und seit 1988 gespielt wurde, existiert erst seit kurzem eine 35mm-Kopie, die bis dato dreimal vorgeführt wurde.

Sieht man dann zum ersten Mal NEKROMANTIK oder SCHRAMM, so wie das letzten Donnerstag im Cinerama möglich war, wundert man sich. Über die Filme, die Zensoren und die Erwartungen. Die inneren Bilder des Ekels und Schreckens sind oft stärker und größer als die Filme, auch wenn der Regisseur Buttgereit heißt.

NEKROMANTIK handelt von der Liebe eines Pärchens zu Leichen und deren Resten. Robert Schmadtke arbeitet bei "Joe's Säuberungsaktion", einer Firma, die Tote von Straßen und aus Vorgärten entfernt und dabei mehr an eine Müllabfuhr als an ein Beerdigungsunternehmen erinnert. Durch diesen Job gelingt es Robert immer wieder die Objekte seiner Begierde nach Hause zu schmuggeln.

Verblüffend ist zunächst, daß der Film sichtbar mit geringsten finanziellen Mitteln produziert wurde. NEKROMANTIK wartet nicht mit einer Orgie von Spezialeffekten auf, und man bekommt nur eine eindeutige Splatter-Szene zu sehen. So erinnert der Film nicht allein durch seine Musik an eine andere Legende des Splatter-Films, der auch keiner ist: THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE. Beide Filme könnte man wohl eher als experimentellen Horror bezeichnen, ohne deren Parallelen überzustrapazieren, denn TEXAS CHAINSAW MASSACRE erzählt seine Geschichte mit sicherem Stilwillen. Die streckenweise unsichere Kameraführung und die Darstellungen der Schauspieler in NEKROMANTIK erinnern an Bewerbungsfilme für Hochschulen, was nicht abwertend sein soll, sondern nur die Ebene der Produktion verdeutlicht: Hier haben einige enthusiastische Amateure und Autodidakten viel Arbeit investiert, ohne dabei monetären Lohn erhalten zu haben. (Artechock, ick hör' dir trappsen!) Dies verleiht dem Film, fast zwangsläufig, Charme und eine gewisse Selbstironie, auch wenn Buttgereit sagt, er wollte sich keinen Jux machen. Aber das vermittelt NEKROMANTIK ebenso. Vor allem in Szenen, die von anderen Begierden und der Nähe von Sexualität und Tod erzählen: Wie die Freundin von Schmadtke mit der Leiche verkehrt, von einem Metallstab unterstützt, oder Schmadtke über eine Prostituierte herfällt, nachdem er sie ermordet hat.

Besonders ernsthaft wird es allerdings, wenn sich Buttgereit als Bilderstürmer versucht und er Schmadtke eine Jesusfigur ans Kreuz nageln läßt. Von allen Fesseln des Katholizismus befreit, hüpft Schmadtke dann fröhlich über Wiesen, um sich danach ein Messer in den Bauch zu rammen. Sterbend, in einem monströsen Orgasmus, verspritzt er Sperma und Blut in größeren Mengen - alles sehr katholisch und gleichzeitig ein 'französisches' Bild für den sexuellen Höhepunkt: "der kleine Tod". Die Naivität, mit der alles gezeigt wird, ist erstaunlich, hier ist Buttgereit wirklich mutig - oder war da nicht doch ein ironisches Grinsen?

Die Staatsanwaltschaft konnte jedenfalls nicht mehr lachen und zog den Film vor ein paar Jahren ein. Buttgereit ging vor Gericht und gewann. Was er sich vor allem dadurch erklärt, daß er selbst den Film von Beginn an, ohne den Umweg über die Freiwillige Selbstkontrolle, als nicht jugendfrei indizierte. Eine Gefährdung der Jugend lag also nicht vor.

Buttgereit erzählte, daß eine der Ausgangsideen für den Film darin bestand, zu versuchen wie weit man gesellschaftliche Grenzen der Moral überschreiten kann. Er hat das nicht getan, indem er eine derbe Szene an die andere reiht, sondern er versucht mit seiner Geschichte, dem Publikum Verständnis für die abnormen Figuren abzuringen. Mit NEKROMANTIK ist Buttgereit vielleicht gescheitert, bei SCHRAMM gelang es ihm besser. In jedem Fall sollte die Gesellschaft dieser Zeit aufgeklärt genug sein, um ihre Grenzen kritisch zu reflektieren. Natürlich sind Konflikte mit den herrschenden Institutionen programmiert, aber in diesem Fall stellte sich heraus, daß die Vertreter dieser Institutionen doch nicht immer so undemokratisch handeln, wie man das oft annimmt. Solange aber bestimmte Filme nicht aufgeführt werden dürfen, bleibt die Quasizensur in einem Land ohne offizielle Zensur weiter ein umstrittenes Thema.

SCHRAMM wurde von der deutschen Kritik und Staatsanwaltschaft wohlwollender aufgenommen. Der 1992 für 40.000 Mark produzierte Film spiegelt die (Innen-)Welt des Serienmörders Schramm wieder. Handwerklich ausgereifter, thematisiert der Film wieder die Grenzüberschreitung. Der Serienmörder ist nicht das Monster, sondern der Mann von nebenan, mit mehr Halluzinationen als die anderen, abstrusen Kastrationsängsten, aber auch sympathischen Seiten - offensichtlich mag er keine Missionare der Zeugen Jehovas. Schramm verliebt sich in seine Nachbarin, eine Prostituierte, und beide hätten zu einem Paar werden können, daß Bonnie und Clyde in den Schatten stellt. Aber Schramm kann sich ihr nicht offenbaren und so nimmt alles seinen tragischen Verlauf. Insgesamt vermittelt der Film eine Atmosphäre, die mehr an ERASERHEAD von David Lynch, als an einen Serienmörderfilm erinnert.

Buttgereit erläuterte, eine Motivation, SCHRAMM zu drehen, war seine Reaktion auf DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER. In Jonathan Demmes Film sah Buttgereit vor allem eine Werbung für das FBI und eine Diskriminierung der Homosexuellen als Perverse. So wurde der Film auch von der amerikanischen Homosexuellenbewegung interpretiert, die dann ihre Kritik am Film für die Schwulendebatte instrumentalisierte. Meines Erachtens machten sie es sich mit ihrer Interpretation zu einfach - genauso wie Buttgereit. (Für Interessierte an diesem Diskurs: Janet Staiger: Taboos and Totems: Cultural Meanings of The Silence of the Lambs, in: Collins u.a.: Film Theory goes to the Movies, 1993, Routledge) Daß DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER auf mehrere, sehr unterschiedliche Weisen interpretiert werden kann, läßt sich in Klaus Theweleits hervorragendem Aufsatz "Sirenenschweigen, Polizistengesänge" nachlesen. (In: Andreas Rost (Hrsg.): Bilder der Gewalt, 1994, Verlag der Autoren - siehe auch die "Reden über Film"-Rubrik in Artechock)

Jörg Buttgereit erscheint ein wenig wie der Zauberer von Oz: Der Mythos ist viel größer als er und seine Filme. Dazu haben nicht nur Medien- und Gerichtsrummel, sondern auch die Filme beigetragen. Aufzufallen ist nicht die schlechteste Strategie, wenn man sich mit ein paar Filmkopien, gegen die Massenfilmstarts der großen Verleihe, Gehör und Auge verschaffen muß. Das garantiert jedoch keinen Erfolg. Für den sehr persönlichen Kurzfilm MEIN PAPI hat Buttgereit zwar mittlerweile seinen ersten Filmpreis erhalten, trotzdem ist die Finanzierung seiner neuen Projekte noch nicht geklärt.

Max Herrmann

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