0 3 3      0 1 0 4 1 9 9 8

magazin



 
besprechung
Leinwand der Obsessionen

rudolf schlichter - gemälde, aquarelle, zeichnungen

eine ausstellung in der städtischen galerie im lenbachhaus

Nicht gerade geeignet für einen entspannten Museumsbesuch am Sonntagnachmittag ist die Ausstellung "Rudolf Schlichter - Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen", die derzeit in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus zu sehen ist. Knöpfstiefelfetischismus, Lustmordszenen, Strangulationen, Gewalt und Totschlag beherrschen das Oeuvre des Künstlers. Wohl eher seiner Stilvielfalt, die von dadaistischen bis hin zu surrealistischen Anklängen reicht, als seiner Themenwahl, gilt daher das Interesse der klar gegliederten und übersichtlichen Ausstellung. Bereits 1984 widmete die Kunsthalle in Berlin Rudolf Schlichter (1890-1955) eine große Retrospektive. Diese zu ergänzen und seinen Arbeiten erneut ein Forum zu bieten ist das Ziel der in Tübingen, Wuppertal und München gezeigten Ausstellung.

Rudolf Schlichter wird 1890 als sechstes Kind eines Lohngärtners in Calw geboren. Früh schon erkennt er sich als gespaltene Persönlichkeit. Inzestuöse Wünsche bestimmen das Verhältnis zu seiner Schwester Gertrud, später verfolgt er auf päderastische Weise seinen Neffen. Eros und Gewalt entwickeln sich zum Grundthema seiner Gedanken und damit seiner Kunst. Während seines Studiums an der Kunstakademie Karlsruhe lebt er mit der Prostituierten "Fanny" zusammen und verkauft pornographische Kunst. "Ich kultivierte eine Religion des Bösen, trieb einen Kult des Lasters und konnte doch die warnende Stimme des Gewissens nie ganz betäuben", so seine bestechend ehrliche Selbstanalyse.


1918 gründet er zusammen mit sechs Malern, darunter Egon Itta und Georg Scholz, die Gruppe "Rih". Den Namen entleiht der alte Karl May-Fan Schlichter vom Araberhengst des Kara ben Nemsi, der so viel wie "Wind" bedeutet. Der Name sollte Programm sein und Fanfare, doch erregte lediglich ein laues Lüftchen. Im selben Jahr geht Schlichter nach Berlin, um dort etwas zu bewegen: "Als Mitglied der Novembergruppe und der Berliner Sezession arbeitete ich in verschiedenen revolutionären Gruppen zusammen mit Bert Brecht, Georg Grosz, Alfred Döblin, Erich Kästner (...)." Er betätigte sich als journalistischer Zeichner, arbeitete an verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, wie "Der Gegner", "Ulk", "Die Rote Fahne", "Simplizissimus", mit und betätigte sich als Buchillustrator. Doch dann kommt eine Wende.

"Ich verkehre viel mit den sogenannten neuen Nationalisten, besonders Ernst Jünger, den ich auch gemalt habe (...)." So kommt es auch, daß Rudolf Schlichter die Umschlagillustration zu Ernst Jüngers Buch "Krieg und Krieger" liefert. Hauptursache für seinen Bruch mit dem Kommunismus und Hinwendung zum Nationalismus war ein Frau. 1927 lernte er Elfriede Elisabeth Koehler (190-75), genannt Speedy, kennen, die er 1929 heiratete. Der Masochist Schlichter findet in Speedy seine "Domina mea", als die sie auch in seinem Werk erscheint - die jedoch bald eine rein geistige Beziehung zu ihrem Gatten bevorzugt und sich stattdessen an diversen Liebhabern gütlich hält.

Schlichter, eine erstaunliche Doppelbegabung, wird auch als Schriftsteller aktiv und veröffentlicht eine mehrbändige Autobiographie. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten werden die beiden bis dahin erschienenen Bände "Das widerspenstige Fleisch" und "Tönerne Füße" als "Pervers-erotische Selbstdarstellung" verboten. 1937 ist er dann auch mit vier graphischen Arbeiten auf der Ausstellung "Entartete Kunst" vertreten. Er verläßt Berlin und zieht zurück ins Württembergische Rottenburg am Neckar und 1939 nach München, wo er bis zu seinem Tod 1955 lebt. 1954 ist er mit acht Arbeiten auf der Biennale in Venedig verteten.


Die Aufteilung der Ausstellung in zwei Raumkomplexe widmet einen Teil allein den Porträts, die vor allem viele seiner berühmten Zeitgenossen wie Berthold Brecht, Ernst und Friedrich Georg Jünger, darstellen. Schlichter wird als begnadeter Zeichner erkennbar, der in seinen Gemälden eine für die deutsche Malerei häufig so typische, wie von einem Grauschleier überdeckte Farbigkeit aufweist. Gemetzel, Mord und Totschlag beherrschten jedoch nicht nur Schlichters Innenwelt, sondern entsprechen der politischen Situation seines Lebens, das zwei Weltkriege umspannte. "Den an sich selbst beobachteten schizophrenen Befund versucht Schlichter immer wieder auf deutsche Befindlichkeiten allgemein zu übertragen." So ist sein Aquarell "Tingel-Tangel" (1919-20) eine paradigmatische Charakterisierung der vergnügungssüchtigen Halbwelt Berlins in den frühen 20er Jahren.

Das Werk Schlichters zeigt den Kampf eines Menschen, der in ständiger Analyse seiner selbst und seiner Umwelt, um sein Zur-Welt-Kommen ringt und scheitert. Er resigniert jedoch nicht, sondern bringt es in Wort und Bild zum Ausdruck bringt.

friederike gaa



email
impressum

kunst in münchen
suche

berichte, kommentare,
archiv

meinungen,
thesen, aktionen

kulturinformation
im internet