22.02.2026
76. Berlinale 2026

Zwischen Intimität und Ideologie

Wo Men Bu Shi Mo Sheng Ren / We Are All Strangers
Ein Film, der auch ohne einen Preis bleiben wird: We Are All Strangers von Anthony Chen
(Foto: Giraffe Pictures/76. Berlinale)

Wenn Ideologie ins Wohnzimmer einzieht und Fürsorge zur Kontrolle wird. Die 76. Berlinale changierte zwischen moralischer Zuspitzung und poetischer Zurückhaltung

Von Axel Timo Purr

Es gehört zu den ritua­li­sierten Enttäu­schungen eines Festivals, dass am Ende selten der eigene Favorit gewinnt und natürlich ebenso selten der objektiv „beste“ Film. Prämiert wird statt­dessen meist der beste Kompro­miss, jener Film, der im Gefüge einer Jury den stärksten gemein­samen Nenner bildet: ästhe­tisch tragfähig, politisch anschluss­fähig und diskursiv vermit­telbar. In diesem Jahr fiel die Entschei­dung für den Goldenen Bären auf Gelbe Briefe von İlker Çatak. Eine Wahl, die weniger über­rascht, als dass sie sich im Nach­hinein als konse­quente Entschei­dung erweist.

Çataks bislang poli­tischster Film – und der erste ohne seinen lang­jäh­rigen Drehbuch-Koope­ra­ti­ons­partner Johannes Duncker, der noch an Çataks Erfolg Das Lehrer­zimmer mitge­schrieben hatte – entfaltet seine Wirkung nicht durch spek­ta­kuläre Bilder, sondern durch eine struk­tu­relle Setzung: Ankara wird in Berlin verortet und Istanbul in Hamburg. Diese Verschie­bung ist kein bloßer Produk­ti­ons­kniff, sondern sieht sich wie eine bewusste ästhe­ti­sche Verfrem­dung an, die an Berholt Brechts episches Theater und die Methode des Verfrem­dungs­ef­fekt denken lässt. Wenn an deutschen Altbauten plötzlich „Gott steh uns bei“ prangt, verschiebt sich damit auch der Reso­nanz­raum. Das vermeint­lich Nationale wird univer­sell. Die poli­ti­sche Krise wird als anthro­po­lo­gi­scher Zustand lesbar.

Im Zentrum steht das Zerfallen von Bezie­hungen unter ideo­lo­gi­schem Druck. Çatak inter­es­siert sich weniger für program­ma­ti­sche State­ments als für die Mikro-Erosion: das allmäh­liche Verstummen, das Unaus­ge­spro­chene, das Kippen von Loya­li­täten. Besonders prägnant sind die Film-im-Film- und Thea­ter­szenen, in denen Kunst nicht als Heils­ver­spre­chen, sondern als Selbst­be­fra­gung erscheint. Rettet Theater die Welt, womit wir wieder bei dem bereits erwähnten Brecht wären? Die Frage wird gestellt – aber dann nicht affir­mativ beant­wortet. Auch das Kino entzieht sich bei Çatak dem Pathos der Selb­stü­ber­höhung. Es kann besten­falls Räume öffnen, so wie Çatak es nicht nur hier, sondern bereits nicht in seinem Lehrer­zimmer, aber auch bereits in Es gilt das gespro­chene Wort (2019)bewiesen hat.

Bei all dem „Fami­liären“ in diesem Film gerät aller­dings die Eska­la­tion um die Tochter einen Moment lang zu deutlich, bricht aus dem ansonsten sehr orga­ni­schen Dreh­buch­kor­sett fast schon brutal aus, wird Çatak zu didak­tisch. Der Wandel eines Intel­lek­tu­ellen in Richtung patri­ar­chaler Härte wirkt zu abrupt, so als benötige das Drehbuch eine eigent­lich unnötige zuge­spitzte Verdich­tung. Doch dieser Einwand betrifft besten­falls die Drama­turgie, nicht die Diagnose. Gelbe Briefe formu­liert einen Befund, der über die Türkei hinaus­weist. Die poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung ist kein lokales Phänomen. Sie durch­zieht Gesell­schaften weltweit – und sie beginnt im Privaten. Insofern ist der Goldene Bär hier weniger Auszeich­nung als die Bestä­ti­gung einer These.

Das Dorf als Welt­zu­stand

Der Große Preis der Jury ging an Kurtuluş von Emin Alper. Alper bleibt seinem bevor­zugten Setting treu: dem abge­le­genen Dorf als Projek­ti­ons­fläche gesell­schaft­li­cher Span­nungen. Bereits in seinen starken Burning Days, der 2022 in Cannes lief, hatte Alper gezeigt, wie lokale Macht­struk­turen globale Mecha­nismen spiegeln. Auch in Salvation wird die Fehde zweier Clans in einem geogra­fi­schen Mikro­kosmos zum Brennglas einer Gegenwart, in der Hass­pre­digten und Ressen­ti­ments nicht mehr marginal, sondern struk­tu­rie­rend sind.

Das Dorf ist bei Alper kein Ort der Folklore, sondern ein poli­ti­sches Labor. Die Entfer­nung ins Periphere ist nur scheinbar. Was dort verhan­delt wird, ist die Erosion demo­kra­ti­scher Diskurse insgesamt. Das Echo der Hass­pre­digten, die hier skandiert werden, hallen im Moment auf den Straßen der ganzen Welt wider. Insofern fügt sich Alpers Film nahtlos in ein Wett­be­werbs­feld, das auffal­lend häufig die Intimität des Poli­ti­schen thema­ti­sierte.

Intimität unter staat­li­cher Aufsicht

Mit dem Preis der Jury wurde Queen at Sea von Lance Hammer ausge­zeichnet. Filme über Demenz neigen dazu, den Verfall als exis­ten­zi­elles Drama zu insze­nieren – man denke an Hanekes Amour oder Zellers The Father. Hammer setzt früher an und verschiebt den Fokus: Nicht nur der Verlust kogni­tiver Fähig­keiten steht im Zentrum, sondern die Frage nach Autonomie und Zustim­mung.

Die Szene, in der die Polizei ins Schlaf­zimmer eindringt, weil eine demente Mutter dem Sex mit ihrem Ehemann angeblich nicht zustimmen könne, markiert den ästhe­ti­schen wie mora­li­schen Kern des Films. Aus einem intimen Moment wird ein Verwal­tungsakt. Fürsorge trans­for­miert sich in Kontrolle. Hammer zeigt die Entmün­di­gung des Alters als Akt mora­li­scher Selbst­ge­wiss­heit. Mitunter gerät das in eine etwas zu vehemente didak­ti­sche Schärfe, die an die sozi­al­rea­lis­tisch Tradition eines Ken Loach erinnert.

Gerade hier drängt sich aber auch der Vergleich mit An ihrer Seite (2006) von Sarah Polley auf, jenem stillen, meis­ter­haften Debüt über Demenz, das mit mehr Zurück­hal­tung und formaler Präzision arbeitete. Polley erzählte von Verlust, ohne insti­tu­tio­nelle Apparate zum Gegen­spieler zu stili­sieren. Hammers Film ist konfron­ta­tiver, unmit­tel­barer, viel­leicht weniger subtil. Und doch liegt unter seiner Anklage eine bemer­kens­werte Zärt­lich­keit. Die Schau­spieler arbeiten mit Blicken, Pausen, Berüh­rungen – Gesten, die die Liebe sichtbar machen, gerade im Moment einer Gefähr­dung.

Musik, Masken, Manuskripte

Der Silberne Bär für die Regie ging an Grant Gee für Everybody Digs Bill Evans. In streng kompo­nierten Schwarz-Weiß-Bildern erzählt Gee vom Jazz­pia­nisten Bill Evans nach dem Tod seines Bassisten Scott LaFaro. „I’m outside of life“ – dieser Satz durch­zieht den Film wie ein gebro­chener Akkord. Biografie wird hier zur Studie über Isolation, Sucht und künst­le­ri­sche Selbst­ent­frem­dung.

Sandra Hüller erhielt den Silbernen Bären für ihre Rolle in Rose. Ihre Figur, eine im 17. Jahr­hun­dert als Mann lebende Soldatin, trägt die Kugel, die ihr Gesicht zerriss, als Talisman. Hüllers Spiel ist physisch, reduziert, von einer inneren Konse­quenz, die den histo­ri­schen Stoff in gegen­wär­tige Fragen nach Identität überführt.

Der Preis für das beste Drehbuch ging an Geneviève Dulude-de Celles für Nina Roza, während Yo (Love is a Rebel­lious Bird) von Anna Fitch und Banker White für seine heraus­ra­gende künst­le­ri­sche Leistung geehrt wurde – ein Film, der visuelle und musi­ka­li­sche Struk­turen in eine eigen­sin­nige Form übersetzt.

Die Filme, die bleiben

Und doch sind es oft die nicht Ausge­zeich­neten, die im Gedächtnis bleiben, sondern andere Filme, leiser viel­leicht, aber nach­hal­tiger in ihrer Wirkung.

Bu Shi Mo Sheng Ren (We Are All Strangers) von Anthony Chen ist in diesem Jahr einer dieser Filme. Chen erzählt von Migration, Preka­rität und mora­li­scher Verant­wor­tung in einer Tonlage, die unwei­ger­lich an Yi Yi – A One and a Two von Edward Yang erinnert. Diese leise, umfas­sende Zärt­lich­keit, die selbst schmerz­hafte Zumu­tungen nicht drama­tisch überhöht, sondern in gedul­diger Beob­ach­tung auffängt, durch­zieht Chens Film von der ersten bis zur letzten Einstel­lung. Da ist etwa das ältere Paar, das im klima­ti­sierten 187er-Bus durch Singapur fährt, weil es dort kühler ist und weil man mehr sieht. Dieser Blick ist Programm: aufmerksam, ruhig, ohne Zynismus. Der Sohn schlägt sich als Grab-Fahrer durch die Platt­for­mö­ko­nomie, der Vater trägt die Müdigkeit eines Mannes, der seit Jahr­zehnten gegen das Abrut­schen ankämpft. Die malay­si­sche Partnerin, seit 30 Jahren ohne Einbür­ge­rung, lebt im Zustand perma­nenter Herab­wür­di­gung. Selbst der Handel mit gefälschten Medi­ka­menten gerät hier nicht zum Thriller, sondern zur mora­li­schen Bewäh­rungs­probe.

Chen formu­liert keine Parolen. Er beob­achtet. Seine poli­ti­sche Aussage liegt in der Form, im Rhythmus, in der Weigerung zur Zuspit­zung. Viel­leicht war genau diese Subti­lität weniger konsens­fähig im Kreis einer Jury, die nach einem klareren Zeichen suchte. Doch in der Erin­ne­rung entfaltet gerade diese Zurück­hal­tung eine fast schon zauber­hafte Größe.

Dies gilt übrigens auch für A Family von Mees Peij­nen­burg, der in Gene­ra­tion 14plus mit einer Special Mention bedacht wurde, aber auch im Wett­be­werb Chancen auf einen Preis gehabt hätte. Auf den ersten Blick ist der Film ein Schei­dungs­drama aus der Perspek­tive zweier Jugend­li­cher, Elis und Nina. Doch wer genau hinsieht, erkennt, dass hier mehr verhan­delt wird als fami­liärer Zwist. Die Familie erscheint als Mikro­kosmos poli­ti­scher Struk­turen. Egoläufe der Erwach­senen, Sprach­lo­sig­keit, Macht­spiele – all das spiegelt größere gesell­schaft­liche Dynamiken wider.

Peij­nen­burg gelingt es dabei, den Wahnsinn einer Ehe, die einmal Liebe war und nun Hass ist, ohne Einsei­tig­keit zu zeigen. Die Tanzszene des Vaters mit den Kindern bricht die Fronten auf, eine poetische Kame­ra­fahrt durch die Wohnung der Familie legt die Bruch­li­nien eines ganzen (Ehe-) Lebens offen, das gegen­ge­schnit­tene Pommes-Essen der Kinder wirkt wie ein zöger­li­cher Versuch der Versöh­nung mit einem verschwun­denen Leben. In diesen Momenten spricht der Film subtil von großer Politik: von Systemen, die im Kleinen zerbre­chen, von Gesell­schaften, die sich in ihren intimsten Zellen neu ordnen. Die Familie ist hier Spiegel unserer hoch­po­li­ti­sierten Welt.

Die Debatte um das Poli­ti­sche

Diese Poli­ti­sie­rung zeigte sich auch auf dem Festival selbst, denn über allem schwebte die Diskus­sion um Jury­prä­si­dent Wim Wenders. Ein deutscher Podcast-Jour­na­list, im Film­um­feld bislang nicht anwesend, glaubte ihm und der Jury durch provo­kante Fragen fehlende Poli­ti­sie­rung vor allem zum Thema Nahost nach­ge­wiesen zu haben – eine Zuspit­zung, die sich rasch verselb­stän­digte. Die Formu­lie­rung wirkte wie ein in den Raum gestellter Gene­ral­ver­dacht: als wolle man einem der prägenden Autoren­filmer des Neuen Deutschen Films ausge­rechnet jenes Moment abspre­chen, das sein Werk stets mitge­tragen hat – die Verbin­dung von Poesie und Politik.

Vor allem aber wurde die Provo­ka­tion gerade dem Wett­be­werb dieses Jahrgangs nicht gerecht. Selten war ein Programm so deutlich von poli­ti­schen Fragen durch­zogen: von Çataks Analyse ideo­lo­gi­scher Pola­ri­sie­rung über Alpers Studie kollek­tiver Verhär­tung bis hin zu Hammers Ausein­an­der­set­zung mit staat­li­cher Fürsorge und indi­vi­du­eller Autonomie. Hinzu kamen zahl­reiche Beiträge aus und über den Nahen Osten, die das Verhältnis von Macht, Erin­ne­rung und Identität verhan­delten. Die Debatte wirkte daher wie ein Neben­schau­platz – laut, aber inhalt­lich dünn und erinnerte auf groteske Weise an die jüngste filmische Aneignung des lite­ra­ri­schen Klas­si­kers Wuthering Heights, nicht mehr als ein Sturm im Instagram-Glas.

Aber viel­leicht liegt ja genau darin die eigent­liche Bilanz dieser Berlinale: Politik erschien hier nicht als Parole, nicht als deko­ra­tives Bekenntnis, sondern als Struktur – als feiner Riss im Privaten, als kaum merkliche, doch anhal­tende Spannung im Intimen. Der Goldene Bär für Gelbe Briefe setzt unter diese Haltung ein deut­li­ches Zeichen. Nicht als endgül­tiges Urteil über einen Jahrgang, sondern als Ausdruck eines Moments, in dem Klarheit gewich­tiger schien als jede kalku­lierte, algo­rith­misch opti­mierte Raffi­nesse.