76. Berlinale 2026
Zwischen Intimität und Ideologie |
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| Ein Film, der auch ohne einen Preis bleiben wird: We Are All Strangers von Anthony Chen | ||
| (Foto: Giraffe Pictures/76. Berlinale) | ||
Von Axel Timo Purr
Es gehört zu den ritualisierten Enttäuschungen eines Festivals, dass am Ende selten der eigene Favorit gewinnt und natürlich ebenso selten der objektiv „beste“ Film. Prämiert wird stattdessen meist der beste Kompromiss, jener Film, der im Gefüge einer Jury den stärksten gemeinsamen Nenner bildet: ästhetisch tragfähig, politisch anschlussfähig und diskursiv vermittelbar. In diesem Jahr fiel die Entscheidung für den Goldenen Bären auf Gelbe Briefe von İlker Çatak. Eine Wahl, die weniger überrascht, als dass sie sich im Nachhinein als konsequente Entscheidung erweist.
Çataks bislang politischster Film – und der erste ohne seinen langjährigen Drehbuch-Kooperationspartner Johannes Duncker, der noch an Çataks Erfolg Das Lehrerzimmer mitgeschrieben hatte – entfaltet seine Wirkung nicht durch spektakuläre Bilder, sondern durch eine strukturelle Setzung: Ankara wird in Berlin verortet und Istanbul in Hamburg. Diese Verschiebung ist kein bloßer Produktionskniff, sondern sieht sich wie eine bewusste ästhetische Verfremdung an, die an Berholt Brechts episches Theater und die Methode des Verfremdungseffekt denken lässt. Wenn an deutschen Altbauten plötzlich „Gott steh uns bei“ prangt, verschiebt sich damit auch der Resonanzraum. Das vermeintlich Nationale wird universell. Die politische Krise wird als anthropologischer Zustand lesbar.
Im Zentrum steht das Zerfallen von Beziehungen unter ideologischem Druck. Çatak interessiert sich weniger für programmatische Statements als für die Mikro-Erosion: das allmähliche Verstummen, das Unausgesprochene, das Kippen von Loyalitäten. Besonders prägnant sind die Film-im-Film- und Theaterszenen, in denen Kunst nicht als Heilsversprechen, sondern als Selbstbefragung erscheint. Rettet Theater die Welt, womit wir wieder bei dem bereits erwähnten Brecht wären? Die Frage wird gestellt – aber dann nicht affirmativ beantwortet. Auch das Kino entzieht sich bei Çatak dem Pathos der Selbstüberhöhung. Es kann bestenfalls Räume öffnen, so wie Çatak es nicht nur hier, sondern bereits nicht in seinem Lehrerzimmer, aber auch bereits in Es gilt das gesprochene Wort (2019)bewiesen hat.
Bei all dem „Familiären“ in diesem Film gerät allerdings die Eskalation um die Tochter einen Moment lang zu deutlich, bricht aus dem ansonsten sehr organischen Drehbuchkorsett fast schon brutal aus, wird Çatak zu didaktisch. Der Wandel eines Intellektuellen in Richtung patriarchaler Härte wirkt zu abrupt, so als benötige das Drehbuch eine eigentlich unnötige zugespitzte Verdichtung. Doch dieser Einwand betrifft bestenfalls die Dramaturgie, nicht die Diagnose. Gelbe Briefe formuliert einen Befund, der über die Türkei hinausweist. Die politische Polarisierung ist kein lokales Phänomen. Sie durchzieht Gesellschaften weltweit – und sie beginnt im Privaten. Insofern ist der Goldene Bär hier weniger Auszeichnung als die Bestätigung einer These.
Der Große Preis der Jury ging an Kurtuluş von Emin Alper. Alper bleibt seinem bevorzugten Setting treu: dem abgelegenen Dorf als Projektionsfläche gesellschaftlicher Spannungen. Bereits in seinen starken Burning Days, der 2022 in Cannes lief, hatte Alper gezeigt, wie lokale Machtstrukturen globale Mechanismen spiegeln. Auch in Salvation wird die Fehde zweier Clans in einem geografischen Mikrokosmos zum Brennglas einer Gegenwart, in der Hasspredigten und Ressentiments nicht mehr marginal, sondern strukturierend sind.
Das Dorf ist bei Alper kein Ort der Folklore, sondern ein politisches Labor. Die Entfernung ins Periphere ist nur scheinbar. Was dort verhandelt wird, ist die Erosion demokratischer Diskurse insgesamt. Das Echo der Hasspredigten, die hier skandiert werden, hallen im Moment auf den Straßen der ganzen Welt wider. Insofern fügt sich Alpers Film nahtlos in ein Wettbewerbsfeld, das auffallend häufig die Intimität des Politischen thematisierte.
Mit dem Preis der Jury wurde Queen at Sea von Lance Hammer ausgezeichnet. Filme über Demenz neigen dazu, den Verfall als existenzielles Drama zu inszenieren – man denke an Hanekes Amour oder Zellers The Father. Hammer setzt früher an und verschiebt den Fokus: Nicht nur der Verlust kognitiver Fähigkeiten steht im Zentrum, sondern die Frage nach Autonomie und Zustimmung.
Die Szene, in der die Polizei ins Schlafzimmer eindringt, weil eine demente Mutter dem Sex mit ihrem Ehemann angeblich nicht zustimmen könne, markiert den ästhetischen wie moralischen Kern des Films. Aus einem intimen Moment wird ein Verwaltungsakt. Fürsorge transformiert sich in Kontrolle. Hammer zeigt die Entmündigung des Alters als Akt moralischer Selbstgewissheit. Mitunter gerät das in eine etwas zu vehemente didaktische Schärfe, die an die sozialrealistisch Tradition eines Ken Loach erinnert.
Gerade hier drängt sich aber auch der Vergleich mit An ihrer Seite (2006) von Sarah Polley auf, jenem stillen, meisterhaften Debüt über Demenz, das mit mehr Zurückhaltung und formaler Präzision arbeitete. Polley erzählte von Verlust, ohne institutionelle Apparate zum Gegenspieler zu stilisieren. Hammers Film ist konfrontativer, unmittelbarer, vielleicht weniger subtil. Und doch liegt unter seiner Anklage eine bemerkenswerte Zärtlichkeit. Die Schauspieler arbeiten mit Blicken, Pausen, Berührungen – Gesten, die die Liebe sichtbar machen, gerade im Moment einer Gefährdung.
Der Silberne Bär für die Regie ging an Grant Gee für Everybody Digs Bill Evans. In streng komponierten Schwarz-Weiß-Bildern erzählt Gee vom Jazzpianisten Bill Evans nach dem Tod seines Bassisten Scott LaFaro. „I’m outside of life“ – dieser Satz durchzieht den Film wie ein gebrochener Akkord. Biografie wird hier zur Studie über Isolation, Sucht und künstlerische Selbstentfremdung.
Sandra Hüller erhielt den Silbernen Bären für ihre Rolle in Rose. Ihre Figur, eine im 17. Jahrhundert als Mann lebende Soldatin, trägt die Kugel, die ihr Gesicht zerriss, als Talisman. Hüllers Spiel ist physisch, reduziert, von einer inneren Konsequenz, die den historischen Stoff in gegenwärtige Fragen nach Identität überführt.
Der Preis für das beste Drehbuch ging an Geneviève Dulude-de Celles für Nina Roza, während Yo (Love is a Rebellious Bird) von Anna Fitch und Banker White für seine herausragende künstlerische Leistung geehrt wurde – ein Film, der visuelle und musikalische Strukturen in eine eigensinnige Form übersetzt.
Und doch sind es oft die nicht Ausgezeichneten, die im Gedächtnis bleiben, sondern andere Filme, leiser vielleicht, aber nachhaltiger in ihrer Wirkung.
Bu Shi Mo Sheng Ren (We Are All Strangers) von Anthony Chen ist in diesem Jahr einer dieser Filme. Chen erzählt von Migration, Prekarität und moralischer Verantwortung in einer Tonlage, die unweigerlich an Yi Yi – A One and a Two von Edward Yang erinnert. Diese leise, umfassende Zärtlichkeit, die selbst schmerzhafte Zumutungen nicht dramatisch überhöht, sondern in geduldiger Beobachtung auffängt, durchzieht Chens Film von der ersten bis zur letzten Einstellung. Da ist etwa das ältere Paar, das im klimatisierten 187er-Bus durch Singapur fährt, weil es dort kühler ist und weil man mehr sieht. Dieser Blick ist Programm: aufmerksam, ruhig, ohne Zynismus. Der Sohn schlägt sich als Grab-Fahrer durch die Plattformökonomie, der Vater trägt die Müdigkeit eines Mannes, der seit Jahrzehnten gegen das Abrutschen ankämpft. Die malaysische Partnerin, seit 30 Jahren ohne Einbürgerung, lebt im Zustand permanenter Herabwürdigung. Selbst der Handel mit gefälschten Medikamenten gerät hier nicht zum Thriller, sondern zur moralischen Bewährungsprobe.
Chen formuliert keine Parolen. Er beobachtet. Seine politische Aussage liegt in der Form, im Rhythmus, in der Weigerung zur Zuspitzung. Vielleicht war genau diese Subtilität weniger konsensfähig im Kreis einer Jury, die nach einem klareren Zeichen suchte. Doch in der Erinnerung entfaltet gerade diese Zurückhaltung eine fast schon zauberhafte Größe.
Dies gilt übrigens auch für A Family von Mees Peijnenburg, der in Generation 14plus mit einer Special Mention bedacht wurde, aber auch im Wettbewerb Chancen auf einen Preis gehabt hätte. Auf den ersten Blick ist der Film ein Scheidungsdrama aus der Perspektive zweier Jugendlicher, Elis und Nina. Doch wer genau hinsieht, erkennt, dass hier mehr verhandelt wird als familiärer Zwist. Die Familie erscheint als Mikrokosmos politischer Strukturen. Egoläufe der Erwachsenen, Sprachlosigkeit, Machtspiele – all das spiegelt größere gesellschaftliche Dynamiken wider.
Peijnenburg gelingt es dabei, den Wahnsinn einer Ehe, die einmal Liebe war und nun Hass ist, ohne Einseitigkeit zu zeigen. Die Tanzszene des Vaters mit den Kindern bricht die Fronten auf, eine poetische Kamerafahrt durch die Wohnung der Familie legt die Bruchlinien eines ganzen (Ehe-) Lebens offen, das gegengeschnittene Pommes-Essen der Kinder wirkt wie ein zögerlicher Versuch der Versöhnung mit einem verschwundenen Leben. In diesen Momenten spricht der Film subtil von großer Politik: von Systemen, die im Kleinen zerbrechen, von Gesellschaften, die sich in ihren intimsten Zellen neu ordnen. Die Familie ist hier Spiegel unserer hochpolitisierten Welt.
Diese Politisierung zeigte sich auch auf dem Festival selbst, denn über allem schwebte die Diskussion um Jurypräsident Wim Wenders. Ein deutscher Podcast-Journalist, im Filmumfeld bislang nicht anwesend, glaubte ihm und der Jury durch provokante Fragen fehlende Politisierung vor allem zum Thema Nahost nachgewiesen zu haben – eine Zuspitzung, die sich rasch verselbständigte. Die Formulierung wirkte wie ein in den Raum gestellter Generalverdacht: als wolle man einem der prägenden Autorenfilmer des Neuen Deutschen Films ausgerechnet jenes Moment absprechen, das sein Werk stets mitgetragen hat – die Verbindung von Poesie und Politik.
Vor allem aber wurde die Provokation gerade dem Wettbewerb dieses Jahrgangs nicht gerecht. Selten war ein Programm so deutlich von politischen Fragen durchzogen: von Çataks Analyse ideologischer Polarisierung über Alpers Studie kollektiver Verhärtung bis hin zu Hammers Auseinandersetzung mit staatlicher Fürsorge und individueller Autonomie. Hinzu kamen zahlreiche Beiträge aus und über den Nahen Osten, die das Verhältnis von Macht, Erinnerung und Identität verhandelten. Die Debatte wirkte daher wie ein Nebenschauplatz – laut, aber inhaltlich dünn und erinnerte auf groteske Weise an die jüngste filmische Aneignung des literarischen Klassikers Wuthering Heights, nicht mehr als ein Sturm im Instagram-Glas.
Aber vielleicht liegt ja genau darin die eigentliche Bilanz dieser Berlinale: Politik erschien hier nicht als Parole, nicht als dekoratives Bekenntnis, sondern als Struktur – als feiner Riss im Privaten, als kaum merkliche, doch anhaltende Spannung im Intimen. Der Goldene Bär für Gelbe Briefe setzt unter diese Haltung ein deutliches Zeichen. Nicht als endgültiges Urteil über einen Jahrgang, sondern als Ausdruck eines Moments, in dem Klarheit gewichtiger schien als jede kalkulierte, algorithmisch optimierte Raffinesse.