21.02.2026
76. Berlinale 2026

Wie unpolitisch darf Wim Wenders sein?

Graffiti in der Nähe von Wim Wenders Wohnort
Graffiti in der Nähe von Wim Wenders Wohnort.
(Foto: Privat)

Politik und Glaubensbekenntnisse; Berlinale Notizen, Folge 3

Von Rüdiger Suchsland

Die Kunst ist frei und muss es bleiben. Es gibt auch ein Recht, sich nicht zu bestimmten Themen und Problemen zu äußern; und es gibt auch ein Recht die Antwort auf eine Frage zu verwei­gern. Und vor allem gibt es das Recht, Ansichten zu vertreten, die poli­ti­schen Akti­visten nicht passen.

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Nur in Berlin werden derlei Ansichten nicht von allen geteilt. Es ist zum Verzwei­feln, wie hier aus jeder Mücke einer öffent­li­chen Äußerung der Elefant einer Welt­an­schaungs­frage gemacht wird, wie in der Berliner Kultur- und akade­mi­schen Szene aller­orten Hysterie und eine Form des sozialen Kultur­sta­li­nismus herrschen, das ABC: Ausgren­zung, Bekennt­nis­zwang, Cancel-Rituale – wer G sagt muss auch AZA sagen.

Eigent­lich wollte ich diese leidige Szene für diese Berli­nal­e­dauer einmal igno­rieren, die hyper­ven­ti­lie­renden Blasen nicht noch künstlich aufpusten. Aber einige Erleb­nisse und Erzäh­lungen der vergan­genen Woche, und eine Photo­gra­phie wie jene (siehe oben) lassen einem keine Wahl, man muss zumindest zeigen und erzählen, was hier los ist, und nicht nur das Kino, sondern die demo­kra­ti­sche Gesell­schaft und ihre Streit­kultur kaputt­macht.

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Gleich zum Auftakt vor gut einer Woche hat es bei der Berlinale richtig Ärger gegeben: Ein poli­ti­scher Aktivist und bekannter Israel-Feind, der in seinem Leben noch nie jour­na­lis­tisch über Film berichtet hat und sich in seinen Wort­mel­dungen als expli­ziter Verächter der Hoch­kultur posi­tio­niert, es aber geschafft hatte, im Pres­se­corps akkre­di­tiert zu werden, hatte sich bei der Jury­pres­se­kon­fe­renz zu Wort gemeldet, und Regisseur Wim Wenders, der Präsident der hoch­karätig besetzten Inter­na­tio­nalen Jury, hatte sich von seinen Fragen – unter­s­tützen Sie als die Jury die »Unter­s­tüt­zung der deutschen Regierung für den Genozid in Gaza«, »ihre Rolle als Haupt­fi­nan­zier der Berlinale« und »die selektive Behand­lung der Menschen­rechte«? – provo­zieren lassen. Er antwor­tete nicht gerade elegant: »Wir müssen uns aus der Politik raus­halten. ... Wir sind das Gegen­ge­wicht zur Politik, wir sind das Gegenteil der Politik.«

Das war auch vor dem Hinter­grund des von der Berlinale immer behaup­teten und als Marke­ting­phrase vor sich herge­tra­genen Etikett als »poli­ti­sches Festival« keine sehr kluge Formu­lie­rung.
Die Idee, das Filme in erster Linie ästhe­tisch zu verstehen sind, ist zwar richtig und gut gemeint aber unscharf und unglück­lich formu­liert und wurde gewollt miss­ver­standen. Schon hat die Berlinale auch 2026 wieder ihren Polit-Skandal.

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Ein anderes Jury­mit­glied, die polnische Produ­zentin Ewa Puszc­zynska (The Zone of Interest) hatte eine bessere, klarere Antwort: »Nein, Filme sind nicht politisch in der Weise, in der Sie glauben, dass sie politisch sind. Filme handeln von Empathie, von dem Versuch etwas zu verstehen; sie dienen dazu, dass man sich selber seine Meinung bildet.
Und uns diese Frage zu stellen, ist ein bisschen unfair – denn wir versuchen, als Filme­ma­cher zu jedem einzelnen Zuschauer zu sprechen und sie zum Denken zu bringen. Aber wir sind nicht verant­wort­lich für deren Entschei­dungen. Wenn ihre Entschei­dung ist, Israel zu unter­s­tützen oder Palästina, dann ist das ihre Entschei­dung. Wir könnten über den Senegal reden und all die anderen Kriege, sie haben auf den größten Konflikt geschaut, aber es gibt sehr viele Kriege, bei denen es zu einem Genozid kommt und wir sprechen nicht darüber. Insofern handelt es sich um eine sehr kompli­zierte Frage und es ist etwas unfair uns zu fragen, wen wir unter­s­tützen und wen nicht.
Wir alle hier haben verschie­dene Ansichten und eine allge­meine Antwort zu erwarten ist unfair.«

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Man fragte sich auch, wie die Jury, und die Festi­val­lei­tung so naiv sein konnten, dass dort offenbar auch nach der Vorge­schichte der vergan­genen zwei Jahre mit den diversen Anti­se­mi­tismus-Vorfällen oder isra­el­feind­li­chen State­ments bei der Berlinale niemand mit entspre­chenden Gefahren rechnete.

Wie aus Kreisen der Berlinale zu erfahren ist, gab es innerhalb des Festivals durchaus Leute die vor der Akkre­di­tie­rung des Polit­ak­ti­visten und Podcas­ters, der die Frage in der Pres­se­kon­fe­renz stellte, und vor der Jury­pres­se­kon­fe­renz gewarnt hatte. Schließ­lich ist nicht nur der Podcast-Name Jung & Naiv hier Programm, vor allem hat der betreffende Host meines Wissens bislang noch niemals eine Filmkritik oder einen kulturellen Festivalbericht geschrieben.
Man würde von der Presseabteilung des Festivals mindestens erwarten, ihre Chefin vorzuwarnen wer da so rumsitzt bei der Jury-Pressekonferenz.

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Wim Wenders tut einem leid. Ein Regisseur, der 50 Jahre lang Filme gemacht hat, wird jetzt von unbe­darften Polit­ak­ti­visten um sein Lebens­werk betrogen. Es wird so getan, als hätte der Mann immer unpo­li­ti­sche Filme gemacht, oft wider besseres Wissen. Dabei ist ein Film wie Der Himmel über Berlin hoch­po­li­tisch und gleich­zeitig poetisch.

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Wie gesagt: Ich hätte das Thema gerne vermieden. Aber die Berlinale zwingt uns alle dazu, weil auch die Redak­tionen entspre­chende Kommen­tare einfor­dern. Immer wieder schafft es die Berlinale, dass wir nicht über Filme schreiben und nicht über Filme reden, sondern über irgend­einen Quatsch, wie angeb­liche »Genozide« oder die Frage, wie politisch Filme sein sollen – sie schafft es, zu einer Film­ver­mei­dungs­ma­schine und Kultur­ver­mei­dungs­ma­schine zu werden. Viel­leicht ist das ja das heimliche Ziel der Berlinale, dass wir nicht über ihre Filme reden, weil die einfach zu schlecht sind.

Das Ganze hat Kreise gezogen.

Wie schön, dass mich der Medi­en­partner der Berlinale, 3sat, auf dem sonst viele werbend-wertende Beiträge über die Berlinale laufen, einge­laden hat, in ihrer Sendung »Kultur­zeit« darüber zu sprechen.

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Jour­na­list ist kein geschützter Begriff. Nicht jeder, der einen Jour­na­lis­ten­aus­weis hat, ist deswegen auch Jour­na­list. Es mag sein, dass sich Menschen, die eine bestimmte poli­ti­sche Agenda kommen­tie­rend und pole­mi­sie­rend vertreten für Jour­na­listen halten, sie sind es deswegen aber noch lange nicht, sondern sie sind poli­ti­sche Agita­teure.

Um es für die, die nicht verstehen wollen, nochmal deutlich zu erklären: Es geht hier keines­wegs darum, Jour­na­listen zu zensieren. Sondern es geht um zwei Fragen: Ist jeder Aktivist ein Jour­na­list?
Die Frage ist, ob man Leute auf ein Film­fes­tival zulassen muss, die poli­ti­sche Akti­visten sind, und die die Berlinale nur als Plattform nutzen, um ihre Follo­wer­blase zu bedienen und ihre Reich­weite zu stärken?

Eine weitere Frage ist auch die, wen und warum ein Film­fes­tival eigent­lich akkre­di­tiert? Es stimmt ja nicht, dass alle akkre­di­tiert werden. Wir stellen uns vor: Ein rechts­kon­ser­va­tiver oder -extremer Blogger stellte auf jeder Pres­se­kon­fe­renz die Frage: »Sind Sie für Remi­gra­tion?« oder etwas subtiler: »Wie enga­gieren Sie sich als Künstler gegen Auslän­der­kri­mi­na­lität?«
Oder: Russische Staats­me­dien oder der Mullah­knecht eines regie­rungs­nahen irani­schen Nach­rich­ten­dienstes macht ähnliches, und stelle regi­me­nahe filmferne Fragen in der klaren Absicht, einzelne Teil­nehmer oder das Festival als Ganzes zu diskre­di­tieren?
Oder, um die Absur­dität vollends deutlich zu machen: Der Jour­na­list eines Fußballf­an­zine stellt überall die Frage: Wie finden Sie die Fußball­bun­des­liga`? Und finden Sie nicht, dass Union Berlin der geilste Club der Welt ist?
Die meisten, die über die Berlinale berichten wollen, würden solche Fragen als Zumutung, störend und unan­ge­messen beur­teilen. Es ist hoch­pro­ble­ma­tisch wenn Autoren, ob wie sie nun Jour­na­listen nennen wollen oder nicht, nie über Filme berichten, und statt­dessen Pres­se­kon­fe­renzen nur für ihre eigene Propa­ganda instru­men­ta­li­sieren. Die Berlinale hat sich zum Schau­platz von poli­ti­schen Akti­vismus gemacht.

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Gerade einige derer die die Position von Wenders und seinen Vertei­di­gern jetzt am vernehm­lichsten atta­ckieren, und »Zensur« schreien, haben übrigens selbst in ihren Berufs­ver­bänden oder bei der Bundes­pres­se­kon­fe­renz, in anderen Zusam­men­hängen den Ausschluss von Mitglie­dern verlangt. Das könnte auf Nachfrage belegt werden.

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Der Gipfel von allem war dann ein Brief, der eine Woche später von ungefähr 80 Film­schaf­fenden unter­zeichnet wurde.

In einem offenen Brief üben sie scharfe Kritik an der dies­jäh­rigen Berlinale. In dem im Bran­chen­ma­gazin »Variety« veröf­fent­lichten Schreiben zeigen sich bekannte Schau­spieler und Regis­seure »bestürzt«. Ihrer Meinung nach gebe es eine »Betei­li­gung an der Zensur von Künstlern, die Israels andau­ernden Völker­mord an den Paläs­ti­nen­sern im Gaza­streifen ablehnen« – und die deutsche Regierung spiele »eine Schlüs­sel­rolle bei der Ermög­li­chung«.
Unter­zeichner sind Film- und Seri­en­stars wie Tilda Swinton (65), Javier Bardem (56), Tobias Menzies (51), Tatiana Maslany (40) oder Brian Cox (79) und Regis­seure wie Adam McKay (57) und Mike Leigh (82).

Es ist zwar zu hören, dass manche von ihnen die Pres­se­kon­fe­renz überhaupt nicht gesehen haben, um die es ging, und sich bei Wenders und anderen privat entschul­digten. Aber öffent­lich schweigen sie.

Es sind billige Proteste, Palästina-Soli­da­rität ist zu einem Lifestyle-Marker geworden. Etwa ein paki­sta­ni­scher Filme­ma­cher ruft laut »Free Gaza« um dort wieder Gelder zu bekommen, aber »Free Pakistan« würde er nie rufen.

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»Die Bären sind los!« schreiben besonders einfalls­reiche Jour­na­listen, oder »Berlinale-Fieber« gerne zum Auftakt der Berlinale. Ich habe kein Fieber, auch wenn die Berlinale eine einzige Krankheit ist. Und in Berlin laufen zwar in vielen Straßen wilde Füchse durch die Gegend, aber keine Bären.

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Preis­chancen hat heute Abend wohl der Film Rosa von Michael Schleinzer. Den fand ich nicht so gut, wie andere, werde ihn mir aber noch mal anschauen, weil ihn doch viele so toll finden. »Weil er perfektes Handwerk ist, das ist wie ein Bocuse-Gericht, aber hoffen wir doch nicht eher auf Über­ra­schungs­mo­mente?« kommen­tierte ein Freund, der es eher so sieht, wie ich.

Chancen haben wohl auch Tizza Covi und Rainer Frimmel mit ihrem Spielfilm The Loneliest Man in Town. Die Wiener »Presse« schreibt dazu: »In einem anderen Jahr wäre der neue Film des öster­rei­chi­schen Regieduos Tizza Covi und Rainer Frimmel bei der Berlinale als einer der 'poli­ti­scheren' durch­ge­gangen. Erzählt er doch von der Vertrei­bung eines alten Mieters in Wien aus seiner ange­stammten Wohnung und berührt damit ein bren­nendes Thema unserer Zeit, die Gentri­fi­zie­rung. Außerdem ist der Held des Films ein Blues­mu­siker, mithin Symbol­figur und selbst großer Verehrer einer Gegen­kultur, auch wenn deren Mode mit Jeanshemd und Kote­letten ein wenig in die Tage gekommen scheint.«

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Die Preise der FIPRESCI-Jury, der Film­kri­tiker stehen bereits fest: Soumsoum, the Night of the Stars von Mahamat-Saleh Haroun.
Narciso von Marcelo Marti­nessi.
AnyMart (Chirudo) von Yusuke Iwasaki.
Animol von Ashley Walters.

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Keiner mag die Berlinale. Man nimmt sie in Kauf.

Der Bahnhof Fried­richstraße ist quasi geschlossen. Züge halten dort zwar nach wie vor, und man kann ein- und aussteigen, aber sowohl die Super­märkte darin, wie daneben sind auf unbe­stimmte zeit geschlossen, auch noch alle Zeitungs­läden und Restau­rants bis auf den McDonalds, der Laden der Tele­fon­firma, der Bäcker und noch sechs, sieben andere Geschäfte. Dies ist jeden­falls auf Zeit und während der dies­jäh­rigen Berlinale ein toter Unort, er sieht aus wie eines der Raum­schiffe aus Alien.