76. Berlinale 2026
Wie unpolitisch darf Wim Wenders sein? |
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| Graffiti in der Nähe von Wim Wenders Wohnort. | ||
| (Foto: Privat) | ||
Die Kunst ist frei und muss es bleiben. Es gibt auch ein Recht, sich nicht zu bestimmten Themen und Problemen zu äußern; und es gibt auch ein Recht die Antwort auf eine Frage zu verweigern. Und vor allem gibt es das Recht, Ansichten zu vertreten, die politischen Aktivisten nicht passen.
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Nur in Berlin werden derlei Ansichten nicht von allen geteilt. Es ist zum Verzweifeln, wie hier aus jeder Mücke einer öffentlichen Äußerung der Elefant einer Weltanschaungsfrage gemacht wird, wie in der Berliner Kultur- und akademischen Szene allerorten Hysterie und eine Form des sozialen Kulturstalinismus herrschen, das ABC: Ausgrenzung, Bekenntniszwang, Cancel-Rituale – wer G sagt muss auch AZA sagen.
Eigentlich wollte ich diese leidige Szene für diese Berlinaledauer einmal ignorieren, die hyperventilierenden Blasen nicht noch künstlich aufpusten. Aber einige Erlebnisse und Erzählungen der vergangenen Woche, und eine Photographie wie jene (siehe oben) lassen einem keine Wahl, man muss zumindest zeigen und erzählen, was hier los ist, und nicht nur das Kino, sondern die demokratische Gesellschaft und ihre Streitkultur kaputtmacht.
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Gleich zum Auftakt vor gut einer Woche hat es bei der Berlinale richtig Ärger gegeben: Ein politischer Aktivist und bekannter Israel-Feind, der in seinem Leben noch nie journalistisch über Film berichtet hat und sich in seinen Wortmeldungen als expliziter Verächter der Hochkultur positioniert, es aber geschafft hatte, im Pressecorps akkreditiert zu werden, hatte sich bei der Jurypressekonferenz zu Wort gemeldet, und Regisseur Wim Wenders, der Präsident der hochkarätig besetzten Internationalen Jury, hatte sich von seinen Fragen – unterstützen Sie als die Jury die »Unterstützung der deutschen Regierung für den Genozid in Gaza«, »ihre Rolle als Hauptfinanzier der Berlinale« und »die selektive Behandlung der Menschenrechte«? – provozieren lassen. Er antwortete nicht gerade elegant: »Wir müssen uns aus der Politik raushalten. ... Wir sind das Gegengewicht zur Politik, wir sind das Gegenteil der Politik.«
Das war auch vor dem Hintergrund des von der Berlinale immer behaupteten und als Marketingphrase vor sich hergetragenen Etikett als »politisches Festival« keine sehr kluge Formulierung.
Die Idee, das Filme in erster Linie ästhetisch zu verstehen sind, ist zwar richtig und gut gemeint aber unscharf und unglücklich formuliert und wurde gewollt missverstanden. Schon hat die Berlinale auch 2026 wieder ihren Polit-Skandal.
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Ein anderes Jurymitglied, die polnische Produzentin Ewa Puszczynska (The Zone of Interest) hatte eine bessere, klarere Antwort: »Nein, Filme sind nicht politisch in der Weise, in der Sie glauben, dass sie politisch sind. Filme handeln von Empathie, von dem Versuch etwas zu verstehen; sie dienen dazu, dass man sich selber seine Meinung bildet.
Und uns diese Frage zu stellen, ist ein
bisschen unfair – denn wir versuchen, als Filmemacher zu jedem einzelnen Zuschauer zu sprechen und sie zum Denken zu bringen. Aber wir sind nicht verantwortlich für deren Entscheidungen. Wenn ihre Entscheidung ist, Israel zu unterstützen oder Palästina, dann ist das ihre Entscheidung. Wir könnten über den Senegal reden und all die anderen Kriege, sie haben auf den größten Konflikt geschaut, aber es gibt sehr viele Kriege, bei denen es zu einem Genozid kommt und wir sprechen nicht
darüber. Insofern handelt es sich um eine sehr komplizierte Frage und es ist etwas unfair uns zu fragen, wen wir unterstützen und wen nicht.
Wir alle hier haben verschiedene Ansichten und eine allgemeine Antwort zu erwarten ist unfair.«
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Man fragte sich auch, wie die Jury, und die Festivalleitung so naiv sein konnten, dass dort offenbar auch nach der Vorgeschichte der vergangenen zwei Jahre mit den diversen Antisemitismus-Vorfällen oder israelfeindlichen Statements bei der Berlinale niemand mit entsprechenden Gefahren rechnete.
Wie aus Kreisen der Berlinale zu erfahren ist, gab es innerhalb des Festivals durchaus Leute die vor der Akkreditierung des Politaktivisten und Podcasters, der die Frage in der Pressekonferenz stellte, und vor der Jurypressekonferenz gewarnt hatte. Schließlich ist nicht nur der Podcast-Name Jung & Naiv hier Programm, vor allem hat der betreffende Host meines Wissens bislang noch
niemals eine Filmkritik oder einen kulturellen Festivalbericht geschrieben.
Man würde von der Presseabteilung des Festivals mindestens erwarten, ihre Chefin vorzuwarnen wer da so rumsitzt bei der Jury-Pressekonferenz.
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Wim Wenders tut einem leid. Ein Regisseur, der 50 Jahre lang Filme gemacht hat, wird jetzt von unbedarften Politaktivisten um sein Lebenswerk betrogen. Es wird so getan, als hätte der Mann immer unpolitische Filme gemacht, oft wider besseres Wissen. Dabei ist ein Film wie Der Himmel über Berlin hochpolitisch und gleichzeitig poetisch.
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Wie gesagt: Ich hätte das Thema gerne vermieden. Aber die Berlinale zwingt uns alle dazu, weil auch die Redaktionen entsprechende Kommentare einfordern. Immer wieder schafft es die Berlinale, dass wir nicht über Filme schreiben und nicht über Filme reden, sondern über irgendeinen Quatsch, wie angebliche »Genozide« oder die Frage, wie politisch Filme sein sollen – sie schafft es, zu einer Filmvermeidungsmaschine und Kulturvermeidungsmaschine zu werden. Vielleicht ist das ja das heimliche Ziel der Berlinale, dass wir nicht über ihre Filme reden, weil die einfach zu schlecht sind.
Das Ganze hat Kreise gezogen.
Wie schön, dass mich der Medienpartner der Berlinale, 3sat, auf dem sonst viele werbend-wertende Beiträge über die Berlinale laufen, eingeladen hat, in ihrer Sendung »Kulturzeit« darüber zu sprechen.
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Journalist ist kein geschützter Begriff. Nicht jeder, der einen Journalistenausweis hat, ist deswegen auch Journalist. Es mag sein, dass sich Menschen, die eine bestimmte politische Agenda kommentierend und polemisierend vertreten für Journalisten halten, sie sind es deswegen aber noch lange nicht, sondern sie sind politische Agitateure.
Um es für die, die nicht verstehen wollen, nochmal deutlich zu erklären: Es geht hier keineswegs darum, Journalisten zu zensieren. Sondern es geht um zwei Fragen: Ist jeder Aktivist ein Journalist?
Die Frage ist, ob man Leute auf ein Filmfestival zulassen muss, die politische Aktivisten sind, und die die Berlinale nur als Plattform nutzen, um ihre Followerblase zu bedienen und ihre Reichweite zu stärken?
Eine weitere Frage ist auch die, wen und warum ein Filmfestival eigentlich akkreditiert? Es stimmt ja nicht, dass alle akkreditiert werden. Wir stellen uns vor: Ein rechtskonservativer oder -extremer Blogger stellte auf jeder Pressekonferenz die Frage: »Sind Sie für Remigration?« oder etwas subtiler: »Wie engagieren Sie sich als Künstler gegen Ausländerkriminalität?«
Oder: Russische Staatsmedien oder der Mullahknecht eines regierungsnahen iranischen
Nachrichtendienstes macht ähnliches, und stelle regimenahe filmferne Fragen in der klaren Absicht, einzelne Teilnehmer oder das Festival als Ganzes zu diskreditieren?
Oder, um die Absurdität vollends deutlich zu machen: Der Journalist eines Fußballfanzine stellt überall die Frage: Wie finden Sie die Fußballbundesliga`? Und finden Sie nicht, dass Union Berlin der geilste Club der Welt ist?
Die meisten, die über die Berlinale berichten wollen, würden solche Fragen als
Zumutung, störend und unangemessen beurteilen. Es ist hochproblematisch wenn Autoren, ob wie sie nun Journalisten nennen wollen oder nicht, nie über Filme berichten, und stattdessen Pressekonferenzen nur für ihre eigene Propaganda instrumentalisieren. Die Berlinale hat sich zum Schauplatz von politischen Aktivismus gemacht.
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Gerade einige derer die die Position von Wenders und seinen Verteidigern jetzt am vernehmlichsten attackieren, und »Zensur« schreien, haben übrigens selbst in ihren Berufsverbänden oder bei der Bundespressekonferenz, in anderen Zusammenhängen den Ausschluss von Mitgliedern verlangt. Das könnte auf Nachfrage belegt werden.
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Der Gipfel von allem war dann ein Brief, der eine Woche später von ungefähr 80 Filmschaffenden unterzeichnet wurde.
In einem offenen Brief üben sie scharfe Kritik an der diesjährigen Berlinale. In dem im Branchenmagazin »Variety« veröffentlichten Schreiben zeigen sich bekannte Schauspieler und Regisseure »bestürzt«. Ihrer Meinung nach gebe es eine »Beteiligung an der Zensur von Künstlern, die Israels andauernden Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen ablehnen« – und die deutsche Regierung spiele »eine Schlüsselrolle bei der Ermöglichung«.
Unterzeichner sind Film-
und Serienstars wie Tilda Swinton (65), Javier Bardem (56), Tobias Menzies (51), Tatiana Maslany (40) oder Brian Cox (79) und Regisseure wie Adam McKay (57) und Mike Leigh (82).
Es ist zwar zu hören, dass manche von ihnen die Pressekonferenz überhaupt nicht gesehen haben, um die es ging, und sich bei Wenders und anderen privat entschuldigten. Aber öffentlich schweigen sie.
Es sind billige Proteste, Palästina-Solidarität ist zu einem Lifestyle-Marker geworden. Etwa ein pakistanischer Filmemacher ruft laut »Free Gaza« um dort wieder Gelder zu bekommen, aber »Free Pakistan« würde er nie rufen.
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»Die Bären sind los!« schreiben besonders einfallsreiche Journalisten, oder »Berlinale-Fieber« gerne zum Auftakt der Berlinale. Ich habe kein Fieber, auch wenn die Berlinale eine einzige Krankheit ist. Und in Berlin laufen zwar in vielen Straßen wilde Füchse durch die Gegend, aber keine Bären.
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Preischancen hat heute Abend wohl der Film Rosa von Michael Schleinzer. Den fand ich nicht so gut, wie andere, werde ihn mir aber noch mal anschauen, weil ihn doch viele so toll finden. »Weil er perfektes Handwerk ist, das ist wie ein Bocuse-Gericht, aber hoffen wir doch nicht eher auf Überraschungsmomente?« kommentierte ein Freund, der es eher so sieht, wie ich.
Chancen haben wohl auch Tizza Covi und Rainer Frimmel mit ihrem Spielfilm The Loneliest Man in Town. Die Wiener »Presse« schreibt dazu: »In einem anderen Jahr wäre der neue Film des österreichischen Regieduos Tizza Covi und Rainer Frimmel bei der Berlinale als einer der 'politischeren' durchgegangen. Erzählt er doch von der Vertreibung eines alten Mieters in Wien aus seiner angestammten Wohnung und berührt damit ein brennendes Thema unserer Zeit, die Gentrifizierung. Außerdem ist der Held des Films ein Bluesmusiker, mithin Symbolfigur und selbst großer Verehrer einer Gegenkultur, auch wenn deren Mode mit Jeanshemd und Koteletten ein wenig in die Tage gekommen scheint.«
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Die Preise der FIPRESCI-Jury, der Filmkritiker stehen bereits fest: Soumsoum, the Night of the Stars von Mahamat-Saleh Haroun.
Narciso von Marcelo Martinessi.
AnyMart (Chirudo) von Yusuke Iwasaki.
Animol von Ashley Walters.
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Keiner mag die Berlinale. Man nimmt sie in Kauf.
Der Bahnhof Friedrichstraße ist quasi geschlossen. Züge halten dort zwar nach wie vor, und man kann ein- und aussteigen, aber sowohl die Supermärkte darin, wie daneben sind auf unbestimmte zeit geschlossen, auch noch alle Zeitungsläden und Restaurants bis auf den McDonalds, der Laden der Telefonfirma, der Bäcker und noch sechs, sieben andere Geschäfte. Dies ist jedenfalls auf Zeit und während der diesjährigen Berlinale ein toter Unort, er sieht aus wie eines der Raumschiffe aus Alien.