03.03.2022
ABSTAND/ZOOM

R_RITUAL

Licorice Pizza
Ritualhaft durch die Zeit rennen: PT Andersons Licorice Pizza
(Foto: Universal Pictures)

Allein der Kinogang wurde zu einem Ritual, indem ich davor die ersten drei Teile angesehen habe und ein bisschen aufgeregt war, wegen des Neuen

Von Nora Moschue­ring

Ich hab's ja nicht so mit Ritualen, ab und an versuche ich welche einzu­führen, kleine private, beschei­dene, um meinem Tages­ab­lauf Struktur zu geben. Das Frühstück z.B. hat sich bei mir von Anfang an bewährt, dagegen ist das Mittag­essen, das sich ja allgemein gut durch­ge­setzt hat, bei mir sowohl zeitlich als auch inhalt­lich instabil und unkonkret. Ebenso wie das Abend­essen. Da die drei Sachen aber aufein­ander aufbauen, wächst eine Unre­gel­mäßig­keit in die nächste.

Ich bin schon mit wenig festen Ritualen aufge­wachsen, das heißt nicht, dass zu Weih­nachten oder an Geburts­tagen nichts stattfand, es war einfach immer ein wenig anders als im Vorjahr. In gesell­schaft­liche oder soziale Rituale bin ich schon ab und an einge­bunden, aber so ganz geheuer sind sie mir eigent­lich nicht, obwohl ich insgeheim schon immer mal gerne Teil eines tradi­tio­nellen Gesangs­ver­eins gewesen wäre.

Eröffnung der Berlinale 2022: mal wieder mit einem Roten Teppich und dem ganzen Drum und Dran: Schöne Roben, viele Fotograf*innen, Eindrücke und kurze State­ments vom Roten Teppich, das Bären-Logo und ein bisschen Glitzer-Glitzer. Kein Ritual, an dem ich jemals aktiv teil­ge­nommen habe, aber das mir doch in seiner nicht-Einzig­ar­tig­keit sehr bekannt ist. Ich habs dann auf 3sat nach­ge­schaut: Die Reden der Festival-Leitung, der Dank an die Partner, die Vertre­te­rinnen der Politik, Schau­spie­le­rinnen-Reden, Jury­be­grüßung, Anzahl der Filme, aus wie vielen Ländern, Eröff­nungs­film-Ankün­di­gung, Begrüßung Regie, ein rotes Band wird durch­ge­schnitten, eine Sekt­fla­sche geköpft, ein Gong geschlagen, applau­diert oder so. Das kann natürlich nur zu einem Ritual werden, wenn man jährlich mit dabei ist, oder wenn man zu vielen verschie­denen Festivals geht.

Man kann auch für seinen Kinoabend ein Ritual haben: 1 Liter Cola, Nachos, nach einer Stunde aufs Klo. Das klingt erst Mal bescheiden, kann aber ausgebaut werden. Nachos finde ich ganz ok, in eine Art Kino-Ritual haben sie es aber bei mir nie geschafft und mit Lakritz könnte man mich jagen. Dass »Licorice« Lakritz heißt, ist mir erst nach dem Film aufge­gangen. Licorice Pizza von Paul Thomas Anderson, benannt nach einer ehema­ligen Schall­plat­ten­la­den­kette und einzelne Worte, die Anderson an seine Jugend erinnern, beschreibt eine Zeit, in der es scheinbar weniger Rituale gibt. In der Jugend ist man bereit, die in der Kindheit von anderen gegebenen Rituale abzu­schüt­teln oder sie zumindest als solche zu erkennen und dann aktiv anzu­nehmen oder abzu­lehnen (um sie dann zwanzig Jahre später wieder aufzu­nehmen). Wilder Freiraum, in dem erst mal alles neu zu sein scheint: Schule, Partys, Freund­schaften, Liebe ... im besten Fall ist nichts fest­ge­fahren und man über­rascht sich ständig selber. Gary Valentine und Alana Kane begegnen sich Anfang der Siebziger, er ist 15 und sie 25 und entgegen dem, was ich eben geschrieben habe, sieht Gary in ihrer Begegnung eine ziemlich klare Sache: »Ich hab meine zukünf­tige Frau getroffen.« Ziemlich viel Gewiss­heit für dieses Alter. Gary wittert zudem überall Geschäfts­ideen: Zuerst ist er Schau­spieler, dann macht er in Wasser­betten, dann in Spiel­au­to­maten. Anderson hält sich in dieser Liebes­ge­schichte nicht unbedingt an einen klas­si­schen Aufbau – außer mit Garys Ziel­vor­stel­lungs­satz und dem Happy End –, dazwi­schen bewegt er sich charmant an Hollywood vorbei, obwohl es in L.A. spielt. Vieles ist gleich­wertig, z.B. beide Personen und ihre jeweilige Geschichte und manches läuft Bekanntem zuwider, wie z.B. die Flucht mit einem alten Laster in den Hollywood Hills, rückwärts und ohne Benzin.

Dagegen ist Drive My Car von Ryusuke Hamaguchi, basierend auf einer Kurz­ge­schichte von Haruki Murakami, voller Rituale. Der Schau­spieler und Regisseur Yūsuke Kafuku ist verhei­ratet mit der Dreh­buch­au­torin Oto. Oto findet ihre Geschichten während des gemein­samen Sexes, sie erzählt sie ihm dann als eine Art zweiten Höhepunkt. Das Ritual, der Akti­vie­rungs­schub, die Leben­dig­keit, bringen Oto dazu, ihre Phantasie ins Unge­wöhn­liche zu steigern. Einige Zeit nach ihrem Tod nimmt Kafuku einen Auftrag als Thea­ter­re­gis­seur in Hiroshima an, er soll dort Tsche­chows »Onkel Wanja« insze­nieren. Die Rollen besetzt er mit Schau­spieler*innen, die unter­schied­liche Sprachen sprechen. Markie­rung für das Textende einer Figur wird durch ein Klopfen auf den Tisch gesetzt, ein Rhythmus, der den Text verkör­per­licht. Kafuku fährt täglich mit seinem roten Saab 900 von seiner Unter­kunft zum Probeort und während der Fahrten lernt er den einst von Oto einge­spro­chenen Wanja-Text. Sie ließ für ihn Lücken, in die er schlüpfen kann. Nun wird ihm in Hiroshima eine Fahrerin zur Seite gestellt, die in diesen für ihn sehr intimen Raum einbricht, ihn aber sowohl mit ihrem Gefühl für das Auto als auch mit ihrer eigenen Geschichte beein­druckt. Drive My Car handelt von Geschichten, von Texten, deren Inhalt ins Abstrakte fließt, ins Gefühl und wieder zurück. So kommt man von einem Rhythmus zu einem Verständnis. Zwischen all diesen persön­li­chen Ritualen finden indi­vi­du­elle Annähe­rungen statt, treffen sich Personen mit ihren Geschichten: Kafuku und die Fahrerin Misaki Watari oder auch der junge Schau­spieler Kōji Takatsuki. Rituale bringen Beru­hi­gung, Sicher­heit, müssen dann aber aufge­bro­chen werden. Beim Thea­ter­stück, durch den feier­abend­li­chen Gang in die Bar oder durch das Proben im Park, bei den täglichen Auto­fahrten durch das Abkommen vom üblichen Fahrweg.

Watari fährt den Saab und Trinity fährt das Motorrad. Extremst guter Übergang zu Matrix Resur­rec­tions. In Serien oder auch Fort­set­zungen freut man sich natürlich über Dinge, Sätze oder Bewe­gungen, die man wieder­erkennt. Darin sieht man dann aber auch, ob die Fort­set­zung diesen schmalen Grat von Altem zu Neuem, von Wieder­erken­nung zu neuem Input bzw. aktueller Relevanz schafft oder einfach nur in einer Wieder­ho­lungs­schleife mit – äh ja – Déjà-vus hängen bleibt. Matrix gelingt beides ab und an ein bisschen: Aus den zwei Pillen sind unzählige geworden (zur Stabi­li­sie­rung des Gemüts), die grünen Zeichen­kas­kaden bleiben, die Körper­ko­kons sind immer noch die gleichen, Neo muss da schon wieder draus befreit werden und die Kämpfe kommen einem doch alle sehr bekannt vor. Ich mochte ihn trotzdem, ich mochte das ironische Cappuc­cino-Trinken, das Spie­le­de­si­gner-Hipster-Leben, Neos/Keanu Reeves knallhart durch­ge­zo­genen, sehr monotonen Gesichts­aus­druck und Look, der über­gangslos bestehen bleibt, vom desil­lu­sio­nierten, müden in der Kreativ-Wirt­schaft Arbei­tenden bis hin zum kämp­fe­ri­schen Trinity-Befreier. Abge­laufen hat sich die Idee aber trotzdem. Aber allein der Kinogang wurde zu einem Ritual, indem ich davor die ersten drei Teile angesehen habe und ein bisschen aufgeregt war, wegen des Neuen.

Von »Matrix« gibt es bisher »nur« vier Filme, Star Wars ist ein ganzes, immer weiter wach­sendes Universum, ich habe mir die neun Haupt­filme noch mal angesehen (und Solo und Rogue One). Hier gibt es auch Rituale, oft muss man die Todes­sterne oder impe­ria­lis­ti­schen Kreuzer durch einen besonders schmalen Schacht an ihrer Schwach­stelle treffen. Dazu muss eine kleine Gruppe in relativ kurzer Zeit noch an Infor­ma­tionen kommen. Alle stehen unter Zeitdruck, und zum Schluss passiert alles parallel. Das fällt wahr­schein­lich weniger auf, wenn man es alle Jahre mal sieht, hinter­ein­ander dann doch. Immer ein wenig wie eine Schnit­zel­jagd und viel von einem Compu­ter­spiel – im besten Sinne, denn hier hat jemand nicht nur an die Spiele­me­chanik, sondern auch an die Story gedacht. Das sieht man auch an der Entwick­lung der Figuren, ihren Zweifeln und Schwächen (dass sie nun wirklich alle immer aus ein bis zwei Genpools stammen müssen, drama­ti­siert die Story zwar, das Ganze wird dadurch aber sehr monar­chis­tisch). Ich habe mir wöchent­lich einen Film gegeben, das war ein sehr profanes Ritual, was nur aus einer Handlung bestand: Sonntags Star Wars gucken. Jetzt könnte ich mich an »The Manda­lo­rian« und »Boba Fett« machen. Viel­leicht folgt nun aber auch Der Pate, drei Filme, sehr kurz (wie Matrix). Ich bin mir nicht sicher, ob das dann schon ritua­li­siert werden kann, aber in meiner Serie der Aufar­bei­tung oder des Wieder­se­hens von Klas­si­kern dann viel­leicht doch. Ist alles eine Frage der Defi­ni­tion. Und wie zu Beginn schon geschrieben, wahr­schein­lich entspre­chen mir Mini-Serien allgemein einfach mehr als Serien.

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