10.09.2026
83. Filmfestspiele von Venedig 2026

Das Genie auf der Leinwand

Dau von Ilya Khrzhanovsky
Dau von Ilya Khrzhanovsky
(Foto: Filmfestspiele Venedig · Ilya Khrzhanovsky)

Der sowjetische Oppenheimer und das US-amerikanische Lumpenproletariat – Notizen aus Venedig, 4. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Das Schiff schlin­gerte ruhig unter wolken­losem Himmel dahin.«
– Christian Kracht, »Imperium«

Der sowje­ti­sche Oppen­heimer – so könnte man Lev Landau beschreiben, jenen sowje­ti­schen Physiker und Nobel­preis­träger 1962, der das unver­hoh­lene Vorbild für »Dau« ist, einen unver­gleich­li­chen, atem­be­rau­bend schönen und in seiner Handlung schreck­li­chen Film, der hier am Mitt­woch­abend Premiere hatte und uns noch lange begleiten wird.

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Dau ist ein unver­gleich­li­ches Projekt, dessen über 20-jährige Produk­ti­ons­ge­schichte jetzt hier nicht referiert werden kann, genauso wenig der Zusam­men­hang des Films, der jetzt in Venedig Premiere hat, mit den beiden Dau-Filmen, die vor ein paar Jahren auf der Berlinale zu sehen waren.

Referiert werden muss aber unbedingt, dass dieser Film von
Ilya Khrzha­novsky, der am heutigen Mittwoch Premiere hatte, der Ursprungs­film und das Herz des ganzen Projekt­kom­plexes ist, und jener Film, der vor etwa 20 Jahren beauf­tragt wurde und von deutschen Sendern wie Arte und dem WDR stark unter­s­tützt.
Umso trauriger ist, bevor wir auf den Film selber kommen, die nötige Fest­stel­lung, dass kein einziger Vertreter dieser Sender in Venedig anwesend ist – die Öffent­lich-Recht­li­chen haben ihre eigenen Projekte vergessen. Sie lassen gerade das, was ihr Prestige ausmachen könnte und müsste, vernach­läs­sigt auf der Straße als Sperrmüll herum­stehen. Weil es ihnen womöglich peinlich ist und weil es nicht mehr in die Vorstel­lung eines Main­stream-Fern­se­hens passt, in der jeder Film dem anderen zum Verwech­seln ähnelt und von den immer gleichen Pappnasen moderiert oder vorge­stellt wird und die fiktio­nalen Rollen von den immer gleichen Pappnasen in den immer gleichen Papp­ku­lissen gespielt werden.

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Zunächst noch zu etwas anderem. Die US-Doku­men­tar­film­re­gis­seurin Barbara Kopple ist eine renom­mierte Filme­ma­cherin und dem »direct cinema« verpflichtet. Ihr neuer Film, Union Town, der in Venedig außer Konkur­renz läuft, ist Frederick Wiseman gewidmet, der im vergan­genen Februar starb.
Inzwi­schen ist Kopple 80 Jahre alt. Vor etwa 25 Jahren war sie mal beim Filmfest München zu Gast, Ulla Rapps legendäre Indie-Reihe zeigte einen Tribute ihres Werks.

Kopple als Filme­ma­cherin, das ist die gute alte klas­si­sche Sozi­al­de­mo­kratie. Schlechte Musik und gute Politik. Komplett ohne Über­ra­schungen, aber integer und ehrenwert. Bernie Sanders und Ken Loach als Doku­men­tar­film. Und ähnlich wie Loach in der Machart von benei­dens­werter, ungemein beein­dru­ckender Souver­ä­nität. Nach 30 Sekunden steht der Film auf dem Gleis und wird es bis zum Ende nicht verlassen.
Es geht um den den Kampf der New Yorker »Teamster«-Gewerk­schaft für Rechte für die Liefe­ranten von ups oder von amazon (in Subun­ter­nehmen verlagert).

Das ist sehr schön anzusehen, auch als eine Remi­nis­zenz an das »gute alte« und sympa­thi­sche Amerika, ebenso wie an ein poli­ti­sches Kino, das der Komple­xität der heutigen Verhält­nisse nicht in jeder Hinsicht gewachsen ist, das man sich aber zurück­wünscht in seinem Enga­ge­ment und seinem Mut, seinem Opti­mismus, seinen klaren Thesen.

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Zur Komple­xität der heutigen Verhält­nisse: Getrübt wird das schöne prächtige Bild der starken, erfolg­rei­chen »Teamster«-Gewerk­schaft in dem Moment, in dem im letzten Viertel des Films eine Abstim­mung unter den New Yorker Gewerk­schafts­mit­glie­dern zeigt, dass 65 Prozent von ihnen bei der Präsi­dent­schafts­wahl 2024 für Donald Trump stimmen werden. Das erzählt nicht nur etwas über Trump mit seiner Attrak­ti­vität für ehemals linke Wähler­schichten, sondern auch über diese Schichten selbst.
Da hätte der Film viel länger verglei­chen und diffe­ren­zieren müssen, denn gewis­ser­maßen hebt es seine Prämissen vom klaren Klas­sen­kampf und eindeu­tigen Inter­essen aus den Angeln.

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Zur Komple­xität ist aber noch etwas zweites, Wich­ti­geres zu sagen: Im ersten Moment denkt man, dies sei gutes altes »Arbei­ter­kino« und es gehe hier um Arbei­ter­rechte und man würde gern sagen: Lars Klingbeil und die deutsche Sozi­al­de­mo­kratie können von diesem Kino auch lernen, dass man die Iden­ti­täts­po­litik hinter sich lässt und wieder zu klas­si­schen Vorstel­lungen von Arbeiter-Mobi­li­sie­rung und Arbeiter-Inter­es­sen­ver­tre­tung zurück­geht. Doch beim Nach­denken über den Film wird schnell etwas anderes klar – und dieser Gedanke ist nicht angenehm: Das Prole­ta­riat im klas­si­schen Sinn, die Arbei­ter­schichten gibt es nicht mehr. Das was wir hier sehen, die Gruppen, die die Regis­seurin porträ­tiert und die von der Teamster-Gewerk­schaft vertreten werden in ihren berech­tigten Inter­essen als Ange­stellte oder Mitar­beiter, diese Gruppen sind denn gerade kein Prole­ta­riat! Sondern allen­falls das, was Marx einst das »Lumpen­pro­le­ta­riat« nannte.
Diese Gruppen produ­zieren nichts! Sie liefern, sie sind Dienst­leister, sie trans­por­tieren Produkte, die größ­ten­teils in China und noch billi­geren asia­ti­schen Ländern produ­ziert wurden, die auf der Ausbeu­tung der Dritten Welt beruhen, und viele von ihnen kommen selbst aus jener Dritten Welt, aus den Ländern jenseits der indus­tria­li­sierten und halb­in­dus­tria­li­sierten Staaten.
Hier, in einer Bestands­auf­nahme der gesell­schaft­li­chen Lage und den neuen Schich­tungen muss eine Linke ansetzen, die irgend­wann wieder mehr­heits­fähig werden möchte.

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Dau erzählt von einem Physiker in den 30er Jahren; Heisen­berg und Einstein werden zitiert. Er erzählt auch vom stali­nis­ti­schen Terror, ist aber zugleich weit entfernt von all dem Zeug, das vorher komplett speku­lativ über den Film geschrieben wurde.

Vor allem sieht er unglaub­lich gut aus! Visuell ist der Film der Wahnsinn, und muss eigent­lich den Goldenen Löwen gewinnen.

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Ein Parforce­ritt durch die sowje­ti­sche Geschichte, beginnend 1928, endend 40 Jahre später, in zwei Teilen mit einer »Inter­mis­sion«. Nicht nur dies erinnert an Brady Corbets Der Brutalist, der – natürlich nach Dziga Vertov – am ehesten für alles hier ein Referenz- und Vergleichs­film ist – in seinem feeling; auch in seiner Manie, vor allem in der Eigen­wil­lig­keit der Regie wie der Haupt­figur; in seiner Visua­lität, die immer wieder unge­se­hene, tatsäch­lich neue Bilder und Momente hervor­zau­bert; in seinem Versuc,h geistige und künst­le­ri­sche, vor allem kreative Prozesse, kurz: Das Genie auf die Leinwand zu bringen.

Der Vergleich mit Oppen­heimer von Chris­to­pher Nolan führt dagegen eher in die Irre, denn das Feeling ist ein total anderes.
Dau ist auch nicht psycho­lo­gisch, sondern struk­tu­rell erzählt.

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In Leningrad 1928 entfaltet sich zunächst mal ein Stream of conscious­ness, der uns mit subjek­tiver Kamera minu­ten­lang durch die Straßen taumeln lässt. Wir sind mitten­drin zwischen Sowjet­macht und Elek­tri­fi­zie­rung, Lenins Tod und Stalins Aufstieg. Auf den Straßen sehen wir Ratten, Dreck, Hunde, eigent­lich überall ein ziem­li­ches Chaos. An den Wänden konstruk­ti­vis­ti­sche Tapeten, knall­bunte Farben, runde Spiegel, Dreiecke, Verzer­rungen, konstruk­ti­vis­ti­sches Lebens­ge­fühl. Daneben wunder­schöne Frauen in Pelz­män­teln, fesche Jünglinge in roten Jackets und hell­blauen Pyjamas, man trinkt Wodka, eine Frau fragt auf der Party einen Bekannten: »Are they gay?« Die Antwort: »No they are physi­cians«. Im Party­ge­spräch plaudert eine Figur, der gesagt wird: »Du wirst in die Hölle kommen« fröhlich: »Ja, aber dort bin ich dann mit Bakunin und Dosto­jewski.« Ein weiterer: »Ich bevorzuge jede Hölle mit Robes­pierre.«

Das lärmende Chaos geht weiter und weiter, präsen­tiert dabei immer wieder neue visuelle Wunder, von denen hoch­haus­große Plakate und sechs­mo­to­rige Propel­le­r­un­ge­tüme nur die offen­sicht­li­chen sind.

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Dem Film gelingt es dabei, in Farben und Atmo­sphäre unbe­wusste Erin­ne­rungen zu wecken, das 20. Jahr­hun­dert wieder­auf­leben zu lassen. So ist das eigent­lich seit Bernardo Berto­lucci, seit 1900 und Der letzte Kaiser niemandem geglückt.
Ich erinnere mich in diesem Film an meine Kindheit – und die fand nicht in der UdSSR statt.

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Dau ist Professor für theo­re­ti­sche Physik, er kommt dann irgend­wann nach Charkov 1933-37. Die Hungersnot wird erwähnt und dann disku­tiert der Physiker in einer tollen Vorlesung in einem perfekt zeit­genös­sisch rekon­stru­ierten Vorle­sungs­saal die Frage: Was ist der Sinn des Lebens?

Fort­set­zung folgt, jetzt muss ich ins Kino.