83. Filmfestspiele von Venedig 2026
Das Genie auf der Leinwand |
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| Dau von Ilya Khrzhanovsky | ||
| (Foto: Filmfestspiele Venedig · Ilya Khrzhanovsky) | ||
»Das Schiff schlingerte ruhig unter wolkenlosem Himmel dahin.«
– Christian Kracht, »Imperium«
Der sowjetische Oppenheimer – so könnte man Lev Landau beschreiben, jenen sowjetischen Physiker und Nobelpreisträger 1962, der das unverhohlene Vorbild für »Dau« ist, einen unvergleichlichen, atemberaubend schönen und in seiner Handlung schrecklichen Film, der hier am Mittwochabend Premiere hatte und uns noch lange begleiten wird.
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Dau ist ein unvergleichliches Projekt, dessen über 20-jährige Produktionsgeschichte jetzt hier nicht referiert werden kann, genauso wenig der Zusammenhang des Films, der jetzt in Venedig Premiere hat, mit den beiden Dau-Filmen, die vor ein paar Jahren auf der Berlinale zu sehen waren.
Referiert werden muss aber unbedingt, dass dieser Film von
Ilya Khrzhanovsky, der am heutigen Mittwoch Premiere hatte, der Ursprungsfilm und das Herz des ganzen Projektkomplexes ist, und jener Film, der vor etwa 20 Jahren beauftragt wurde und von deutschen Sendern wie Arte und dem WDR stark unterstützt.
Umso trauriger ist, bevor wir auf den Film selber kommen, die nötige Feststellung, dass kein einziger Vertreter dieser Sender in Venedig anwesend ist – die
Öffentlich-Rechtlichen haben ihre eigenen Projekte vergessen. Sie lassen gerade das, was ihr Prestige ausmachen könnte und müsste, vernachlässigt auf der Straße als Sperrmüll herumstehen. Weil es ihnen womöglich peinlich ist und weil es nicht mehr in die Vorstellung eines Mainstream-Fernsehens passt, in der jeder Film dem anderen zum Verwechseln ähnelt und von den immer gleichen Pappnasen moderiert oder vorgestellt wird und die fiktionalen Rollen von den immer gleichen Pappnasen in
den immer gleichen Pappkulissen gespielt werden.
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Zunächst noch zu etwas anderem. Die US-Dokumentarfilmregisseurin Barbara Kopple ist eine renommierte Filmemacherin und dem »direct cinema« verpflichtet. Ihr neuer Film, Union Town, der in Venedig außer Konkurrenz läuft, ist Frederick Wiseman gewidmet, der im vergangenen Februar starb.
Inzwischen ist Kopple 80 Jahre alt. Vor etwa 25 Jahren war sie mal beim Filmfest München zu Gast, Ulla Rapps legendäre Indie-Reihe zeigte einen Tribute ihres Werks.
Kopple als Filmemacherin, das ist die gute alte klassische Sozialdemokratie. Schlechte Musik und gute Politik. Komplett ohne Überraschungen, aber integer und ehrenwert. Bernie Sanders und Ken Loach als Dokumentarfilm. Und ähnlich wie Loach in der Machart von beneidenswerter, ungemein beeindruckender Souveränität. Nach 30 Sekunden steht der Film auf dem Gleis und wird es bis zum Ende nicht verlassen.
Es geht um den den Kampf der New Yorker »Teamster«-Gewerkschaft für
Rechte für die Lieferanten von ups oder von amazon (in Subunternehmen verlagert).
Das ist sehr schön anzusehen, auch als eine Reminiszenz an das »gute alte« und sympathische Amerika, ebenso wie an ein politisches Kino, das der Komplexität der heutigen Verhältnisse nicht in jeder Hinsicht gewachsen ist, das man sich aber zurückwünscht in seinem Engagement und seinem Mut, seinem Optimismus, seinen klaren Thesen.
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Zur Komplexität der heutigen Verhältnisse: Getrübt wird das schöne prächtige Bild der starken, erfolgreichen »Teamster«-Gewerkschaft in dem Moment, in dem im letzten Viertel des Films eine Abstimmung unter den New Yorker Gewerkschaftsmitgliedern zeigt, dass 65 Prozent von ihnen bei der Präsidentschaftswahl 2024 für Donald Trump stimmen werden. Das erzählt nicht nur etwas über Trump mit seiner Attraktivität für ehemals linke Wählerschichten, sondern auch über diese Schichten
selbst.
Da hätte der Film viel länger vergleichen und differenzieren müssen, denn gewissermaßen hebt es seine Prämissen vom klaren Klassenkampf und eindeutigen Interessen aus den Angeln.
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Zur Komplexität ist aber noch etwas zweites, Wichtigeres zu sagen: Im ersten Moment denkt man, dies sei gutes altes »Arbeiterkino« und es gehe hier um Arbeiterrechte und man würde gern sagen: Lars Klingbeil und die deutsche Sozialdemokratie können von diesem Kino auch lernen, dass man die Identitätspolitik hinter sich lässt und wieder zu klassischen Vorstellungen von Arbeiter-Mobilisierung und Arbeiter-Interessenvertretung zurückgeht. Doch beim Nachdenken über den
Film wird schnell etwas anderes klar – und dieser Gedanke ist nicht angenehm: Das Proletariat im klassischen Sinn, die Arbeiterschichten gibt es nicht mehr. Das was wir hier sehen, die Gruppen, die die Regisseurin porträtiert und die von der Teamster-Gewerkschaft vertreten werden in ihren berechtigten Interessen als Angestellte oder Mitarbeiter, diese Gruppen sind denn gerade kein Proletariat! Sondern allenfalls das, was Marx einst das »Lumpenproletariat«
nannte.
Diese Gruppen produzieren nichts! Sie liefern, sie sind Dienstleister, sie transportieren Produkte, die größtenteils in China und noch billigeren asiatischen Ländern produziert wurden, die auf der Ausbeutung der Dritten Welt beruhen, und viele von ihnen kommen selbst aus jener Dritten Welt, aus den Ländern jenseits der industrialisierten und halbindustrialisierten Staaten.
Hier, in einer Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Lage und den neuen
Schichtungen muss eine Linke ansetzen, die irgendwann wieder mehrheitsfähig werden möchte.
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Dau erzählt von einem Physiker in den 30er Jahren; Heisenberg und Einstein werden zitiert. Er erzählt auch vom stalinistischen Terror, ist aber zugleich weit entfernt von all dem Zeug, das vorher komplett spekulativ über den Film geschrieben wurde.
Vor allem sieht er unglaublich gut aus! Visuell ist der Film der Wahnsinn, und muss eigentlich den Goldenen Löwen gewinnen.
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Ein Parforceritt durch die sowjetische Geschichte, beginnend 1928, endend 40 Jahre später, in zwei Teilen mit einer »Intermission«. Nicht nur dies erinnert an Brady Corbets Der Brutalist, der – natürlich nach Dziga Vertov – am ehesten für alles hier ein Referenz- und Vergleichsfilm ist – in seinem feeling; auch in seiner Manie, vor allem in der Eigenwilligkeit der Regie wie der Hauptfigur; in seiner Visualität, die immer wieder ungesehene, tatsächlich neue Bilder und Momente hervorzaubert; in seinem Versuc,h geistige und künstlerische, vor allem kreative Prozesse, kurz: Das Genie auf die Leinwand zu bringen.
Der Vergleich mit Oppenheimer von Christopher Nolan führt dagegen eher in die Irre, denn das Feeling ist ein total anderes.
Dau ist auch nicht psychologisch, sondern strukturell erzählt.
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In Leningrad 1928 entfaltet sich zunächst mal ein Stream of consciousness, der uns mit subjektiver Kamera minutenlang durch die Straßen taumeln lässt. Wir sind mittendrin zwischen Sowjetmacht und Elektrifizierung, Lenins Tod und Stalins Aufstieg. Auf den Straßen sehen wir Ratten, Dreck, Hunde, eigentlich überall ein ziemliches Chaos. An den Wänden konstruktivistische Tapeten, knallbunte Farben, runde Spiegel, Dreiecke, Verzerrungen, konstruktivistisches Lebensgefühl. Daneben wunderschöne Frauen in Pelzmänteln, fesche Jünglinge in roten Jackets und hellblauen Pyjamas, man trinkt Wodka, eine Frau fragt auf der Party einen Bekannten: »Are they gay?« Die Antwort: »No they are physicians«. Im Partygespräch plaudert eine Figur, der gesagt wird: »Du wirst in die Hölle kommen« fröhlich: »Ja, aber dort bin ich dann mit Bakunin und Dostojewski.« Ein weiterer: »Ich bevorzuge jede Hölle mit Robespierre.«
Das lärmende Chaos geht weiter und weiter, präsentiert dabei immer wieder neue visuelle Wunder, von denen hochhausgroße Plakate und sechsmotorige Propellerungetüme nur die offensichtlichen sind.
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Dem Film gelingt es dabei, in Farben und Atmosphäre unbewusste Erinnerungen zu wecken, das 20. Jahrhundert wiederaufleben zu lassen. So ist das eigentlich seit Bernardo Bertolucci, seit 1900 und Der letzte Kaiser niemandem geglückt.
Ich erinnere mich
in diesem Film an meine Kindheit – und die fand nicht in der UdSSR statt.
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Dau ist Professor für theoretische Physik, er kommt dann irgendwann nach Charkov 1933-37. Die Hungersnot wird erwähnt und dann diskutiert der Physiker in einer tollen Vorlesung in einem perfekt zeitgenössisch rekonstruierten Vorlesungssaal die Frage: Was ist der Sinn des Lebens?
Fortsetzung folgt, jetzt muss ich ins Kino.