83. Filmfestspiele von Venedig 2026
»Where were you, while we were getting high?« |
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| Look Back von Hirokazu Kore-eda | ||
| (Foto: Filmfestspiele Venedig · Hirokazu Kore-eda) | ||
»Nostalgia seems a bad word today. I have no problem with nostalgia.«
– Liam Gallagher (Oasis), 2025
Nachdem der Film vorüber ist und sich der erste überwältigende Eindruck dieser Achterbahnfahrt aller Sinne gelegt hat, ein erster Gedanke: Ich weiß gar nicht, wie ich weiterleben könnte, wenn ich diesen Film nicht gesehen hätte. Natürlich ist das ein Paradox, schon klar, kein Grund für Leserbriefe.
Festzuhalten ist aber das große Glück, diesen Film gesehen zu haben, der sofort einen festen Platz im Herzen bekommen hat.
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Interessanterweise wusste ich im ersten Bild sofort, worum es gehen würde, obwohl ich den zugrundeliegenden Mangahit nicht kannte, und auch den danach entstandenen schönen, sehr erfolgreichen Anime von Kiyotaka Oshiyama vorher nicht.
Das aber genau ist eben die Kunst des Regisseurs, der mit Andeutungen arbeitet, der die Bilder genau konstruiert, der einen Film gemacht hat, den manche Filmkritiken jetzt »tender but overly sentimental« (der ungerührte Tim Grierson von Screendaily) nennen, der aber niemals die Kontrolle über seinen Stoff verliert und vor allem die Reaktion des Publikums ins Zentrum seiner Überlegungen stellt.
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Look Back vom Japaner Hirokazu Kore-eda ist die Adaption einer populären Novelle: Die berührende, in unvergleichlichem, zartem, andeutungsreichem japanischen Stil erzählte Geschichte dreht sich um zwei sehr ungleiche 12-jährige Mädchen, die über ihre Liebe zu Manga-Comics against all odds beste Freundinnen und allmählich erwachsen werden.
Die Handlung erstreckt sich in Stationen und vor dem Hintergrund des Wechsels der Jahreszeiten über mehrere Jahre: Ayumu Fujino (als Kind gespielt von Furi Nanase) ist eine beliebte, und vielleicht fast etwas zu putzige und auch gelegentlich selbstverliebte Schülerin. Aber sie ist auch eine Outsiderin, denn nichts ist ihr wichtiger, als „mangaka“ zu werden, Mangaautorin. Ihr durchaus vorhandener Ehrgeiz wird gebrochen, als sie in der Schülerzeitung die Mangas von Kyomoto (Rokka Okada) liest, einer anderen Schülerin, die so ziemlich das Gegenteil von ihr ist: Kyomoto ist ein hikikomori, eine wegen sozialer Ängste extrem zurückgezogen lebende Schülerin, die kaum ihr Zimmer verlässt. Erschüttert darüber, wie viel besser die Arbeit dieser geheimnisvollen Einsiedlerin ist, erwacht zumnächst Fujinos Wettbewerbsgeist, und sie ist über die Ferien davon besessen, ihr zeichnerisches Können durch Studien zu verbessern. Doch die neuen Geschichten der Konkurrentin frustrieren sie. Für kurze Zeit gibt sie das Zeichnen ganz auf.
Doch dann kommt es nach vielleicht einer halben Stunde zu der ersten persönlichen Begegnung der beiden: Die großartigste, berührendste Szene der ganzen Woche von Venedig. Und in Worten nicht zu beschreiben: Man muss es gesehen haben, wie die strubbelige Gestörte allen Mut zusammennimmt, hinter Fujino herläuft und ihr ihre Bewunderung eingesteht. Es stellt sich heraus, dass Kyomoto Fujinos Arbeit seit langer Zeit geradezu vergöttert und sogar so weit geht, sie „Sensei
Fujino“ zu nennen, Meisterin.
So erwecken die beiden gegenseitig die Künstlerinnen und das Beste in sich. Sie werden unzertrennlich.
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So ist dies eine Geschichte über das Sehen, das Beobachten, und über die Repräsentation der Wirklichkeit, die in der Kunst, also auch im Kino stattfindet.
Die beiden Mädchen gehen über verschneite Felder, besuchen Tempel und Aquarien und studieren Haie und andere Meerestiere für einen neuen Manga. Sie gehen ins Kino und sehen dort Nosferatu.
Kore-eda filmt die Natur mit einer nüchternen Meisterschaft, zeigt sie schön und erfüllt sie mit Staunen, ohne sie jemals offenkundig zu ästhetisieren.
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Look Back ist eine Geschichte über den Umgang mit Emotionen, Freundschaft und Enttäuschungen, Einsamkeit und Trost. Vor allem aber eine Geschichte über die Leidenschaft für Kunst, die Leben retten und über Verluste trösten kann, und für die manche Menschen große Opfer bringen.
Eine kluge, reife Reflexion, die Kunst versteht als etwas, das Menschen miteinander verbindet und helfen kann, Traumata, Trauer und Einsamkeit zu überwinden.
Es geht um »Dedication«, darum, wie sich Menschen, auch Zwölfjährige, einer Sache, einer Passion oder auch einem Menschen so intensiv verschreiben können, dass es für Außenstehende »verrückt« erscheinen mag.
»Then why do you draw?« ist die entscheidende, nicht einfach zu beantwortende Frage des Films. Es ist die Frage: Was ist Kunst?
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Formal ist der wunderbar von Kinderstars gespielte Film virtuos – und mischt in den Realfilm Animationsszenen und die Fantasy einer magischen, »alternativen« Realität hinein, die an David Lynch erinnert.
Kore-eda, der 2018 mit Shoplifters in Cannes gewann, ist einer der großen Humanisten des Weltkinos. Wie kein anderer kann er Kinder und Jugendliche ins Zentrum
stellen und ihre Geschichten ins Universale heben. Kore-eda verkörpert das Beste der großen japanischen Kinotradition.
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Außer Konkurrenz lief Oasis – Don’t Look Back in Anger, ein Dokumentarfilm über die legendäre Brit-Pop Band »Oasis«. Nach 15 Jahren Funkstille vertrugen sich die ungleichen genialen Brüder Liam und Noel Gallagher wieder, und es kam 2025 zu einer Tournee. Der Bruderzwist und die Musik stehen im Zentrum des Films von Will Lovelace und Dylan
Southern.
Darüber wird die kulturhistorische Bedeutung der Band über Gebühr vernachlässigt – genau dieser Aspekt ist aber entscheidend: Denn der Erfolg von Oasis in den 1990er Jahren lässt sich kaum allein musikalisch erklären. Oasis kam aus den Ruinen des Thatcherismus, die Band traf auf einen historischen Moment, in dem sich Großbritannien selbst neu erfinden wollte. Oasis waren dabei weniger die Akteure und Macher dieses neuen Großbritanniens als das Pop-Pendant
zu »Cool Britannia« und »New Labour«, seine massentauglichste Ausdrucksform, in der sich aber auch schon die Schwächen einer relativistischen Postmoderne (»Definitely Maybe«) und ihrer modernen Erben manifestierte, deren Unfähigkeit, die Zukunft zu gestalten und der »Kalifornischen Ideologie« (die britischen Soziologen Richard Barbrook und Andy
Cameron über Silicon Valley, wo sich Marx und Maggie Thatcher in der Staatsfeindschaft treffen) zu begegnen.
Dafür zeigt der Dokumentarfilm, dass »Oasis« keineswegs von gestern ist, sondern auch von morgen. Denn auf den Konzerten von 2025 tummeln sich neben den Fans der 90er deren Kinder und Enkel und singen jede Oasis-Textzeile mit.