10.09.2026
83. Filmfestspiele von Venedig 2026

»Where were you, while we were getting high?«

»Look Back« von Hirokazu Kore-eda
Look Back von Hirokazu Kore-eda
(Foto: Filmfestspiele Venedig · Hirokazu Kore-eda)

Look Back / Don’t Look Back: Ein Meisterwerk aus Japan und eine Doku über Oasis – Notizen aus Venedig, 3. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Nostalgia seems a bad word today. I have no problem with nostalgia.«
– Liam Gallagher (Oasis), 2025

Nachdem der Film vorüber ist und sich der erste über­wäl­ti­gende Eindruck dieser Achter­bahn­fahrt aller Sinne gelegt hat, ein erster Gedanke: Ich weiß gar nicht, wie ich weiter­leben könnte, wenn ich diesen Film nicht gesehen hätte. Natürlich ist das ein Paradox, schon klar, kein Grund für Leser­briefe.
Fest­zu­halten ist aber das große Glück, diesen Film gesehen zu haben, der sofort einen festen Platz im Herzen bekommen hat.

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Inter­es­san­ter­weise wusste ich im ersten Bild sofort, worum es gehen würde, obwohl ich den zugrun­de­lie­genden Mangahit nicht kannte, und auch den danach entstan­denen schönen, sehr erfolg­rei­chen Anime von Kiyotaka Oshiyama vorher nicht.

Das aber genau ist eben die Kunst des Regis­seurs, der mit Andeu­tungen arbeitet, der die Bilder genau konstru­iert, der einen Film gemacht hat, den manche Film­kri­tiken jetzt »tender but overly senti­mental« (der ungerührte Tim Grierson von Screen­daily) nennen, der aber niemals die Kontrolle über seinen Stoff verliert und vor allem die Reaktion des Publikums ins Zentrum seiner Über­le­gungen stellt.

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Look Back vom Japaner Hirokazu Kore-eda ist die Adaption einer populären Novelle: Die berüh­rende, in unver­gleich­li­chem, zartem, andeu­tungs­rei­chem japa­ni­schen Stil erzählte Geschichte dreht sich um zwei sehr ungleiche 12-jährige Mädchen, die über ihre Liebe zu Manga-Comics against all odds beste Freun­dinnen und allmäh­lich erwachsen werden.

Die Handlung erstreckt sich in Stationen und vor dem Hinter­grund des Wechsels der Jahres­zeiten über mehrere Jahre: Ayumu Fujino (als Kind gespielt von Furi Nanase) ist eine beliebte, und viel­leicht fast etwas zu putzige und auch gele­gent­lich selbst­ver­liebte Schülerin. Aber sie ist auch eine Outs­i­derin, denn nichts ist ihr wichtiger, als „mangaka“ zu werden, Manga­au­torin. Ihr durchaus vorhan­dener Ehrgeiz wird gebrochen, als sie in der Schü­ler­zei­tung die Mangas von Kyomoto (Rokka Okada) liest, einer anderen Schülerin, die so ziemlich das Gegenteil von ihr ist: Kyomoto ist ein hiki­ko­mori, eine wegen sozialer Ängste extrem zurück­ge­zogen lebende Schülerin, die kaum ihr Zimmer verlässt. Erschüt­tert darüber, wie viel besser die Arbeit dieser geheim­nis­vollen Einsied­lerin ist, erwacht zumnächst Fujinos Wett­be­werbs­geist, und sie ist über die Ferien davon besessen, ihr zeich­ne­ri­sches Können durch Studien zu verbes­sern. Doch die neuen Geschichten der Konkur­rentin frus­trieren sie. Für kurze Zeit gibt sie das Zeichnen ganz auf.

Doch dann kommt es nach viel­leicht einer halben Stunde zu der ersten persön­li­chen Begegnung der beiden: Die groß­ar­tigste, berüh­rendste Szene der ganzen Woche von Venedig. Und in Worten nicht zu beschreiben: Man muss es gesehen haben, wie die strub­be­lige Gestörte allen Mut zusam­men­nimmt, hinter Fujino herläuft und ihr ihre Bewun­de­rung einge­steht. Es stellt sich heraus, dass Kyomoto Fujinos Arbeit seit langer Zeit geradezu vergöt­tert und sogar so weit geht, sie „Sensei Fujino“ zu nennen, Meisterin.
So erwecken die beiden gegen­seitig die Künst­le­rinnen und das Beste in sich. Sie werden unzer­trenn­lich.

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So ist dies eine Geschichte über das Sehen, das Beob­achten, und über die Reprä­sen­ta­tion der Wirk­lich­keit, die in der Kunst, also auch im Kino statt­findet.

Die beiden Mädchen gehen über verschneite Felder, besuchen Tempel und Aquarien und studieren Haie und andere Meeres­tiere für einen neuen Manga. Sie gehen ins Kino und sehen dort Nosferatu.

Kore-eda filmt die Natur mit einer nüch­ternen Meis­ter­schaft, zeigt sie schön und erfüllt sie mit Staunen, ohne sie jemals offen­kundig zu ästhe­ti­sieren.

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Look Back ist eine Geschichte über den Umgang mit Emotionen, Freund­schaft und Enttäu­schungen, Einsam­keit und Trost. Vor allem aber eine Geschichte über die Leiden­schaft für Kunst, die Leben retten und über Verluste trösten kann, und für die manche Menschen große Opfer bringen.
Eine kluge, reife Reflexion, die Kunst versteht als etwas, das Menschen mitein­ander verbindet und helfen kann, Traumata, Trauer und Einsam­keit zu über­winden.

Es geht um »Dedi­ca­tion«, darum, wie sich Menschen, auch Zwölf­jäh­rige, einer Sache, einer Passion oder auch einem Menschen so intensiv verschreiben können, dass es für Außen­ste­hende »verrückt« erscheinen mag.
»Then why do you draw?« ist die entschei­dende, nicht einfach zu beant­wor­tende Frage des Films. Es ist die Frage: Was ist Kunst?

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Formal ist der wunderbar von Kinder­stars gespielte Film virtuos – und mischt in den Realfilm Anima­ti­ons­szenen und die Fantasy einer magischen, »alter­na­tiven« Realität hinein, die an David Lynch erinnert.
Kore-eda, der 2018 mit Shop­lif­ters in Cannes gewann, ist einer der großen Huma­nisten des Weltkinos. Wie kein anderer kann er Kinder und Jugend­liche ins Zentrum stellen und ihre Geschichten ins Univer­sale heben. Kore-eda verkör­pert das Beste der großen japa­ni­schen Kino­tra­di­tion.

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Außer Konkur­renz lief Oasis – Don’t Look Back in Anger, ein Doku­men­tar­film über die legendäre Brit-Pop Band »Oasis«. Nach 15 Jahren Funk­stille vertrugen sich die unglei­chen genialen Brüder Liam und Noel Gallagher wieder, und es kam 2025 zu einer Tournee. Der Bruder­zwist und die Musik stehen im Zentrum des Films von Will Lovelace und Dylan Southern.
Darüber wird die kultur­his­to­ri­sche Bedeutung der Band über Gebühr vernach­läs­sigt – genau dieser Aspekt ist aber entschei­dend: Denn der Erfolg von Oasis in den 1990er Jahren lässt sich kaum allein musi­ka­lisch erklären. Oasis kam aus den Ruinen des That­che­rismus, die Band traf auf einen histo­ri­schen Moment, in dem sich Groß­bri­tan­nien selbst neu erfinden wollte. Oasis waren dabei weniger die Akteure und Macher dieses neuen Groß­bri­tan­niens als das Pop-Pendant zu »Cool Britannia« und »New Labour«, seine massen­taug­lichste Ausdrucks­form, in der sich aber auch schon die Schwächen einer rela­ti­vis­ti­schen Post­mo­derne (»Defi­ni­tely Maybe«) und ihrer modernen Erben mani­fes­tierte, deren Unfähig­keit, die Zukunft zu gestalten und der »Kali­for­ni­schen Ideologie« (die briti­schen Sozio­logen Richard Barbrook und Andy Cameron über Silicon Valley, wo sich Marx und Maggie Thatcher in der Staats­feind­schaft treffen) zu begegnen.

Dafür zeigt der Doku­men­tar­film, dass »Oasis« keines­wegs von gestern ist, sondern auch von morgen. Denn auf den Konzerten von 2025 tummeln sich neben den Fans der 90er deren Kinder und Enkel und singen jede Oasis-Textzeile mit.