83. Filmfestspiele von Venedig 2026
Schöne Männer tanzen schlecht |
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| Prime time für Robert Pattinson in Primetime | ||
| (Foto: Leonine) | ||
»Der junge deutsche Film erscheint ... auf einmal als Terra incognita. Neben Roger Fritz und Eckhart Schmidt, der ja auch sein verzweigtes, unüberschaubares OEuvre aufzuweisen hat, gilt es, Will Tremper zu entdecken, der als ein deutscher Sam Fuller immer hin- und herschwankte zwischen dem Kino und dem Journalismus und mit seiner legendären Artikelserie 'Deutschland, deine Sternchen' auch einiges beigetragen hat zum damaligen Mädchenwunder.«
– Hans Schifferle, Süddeutsche Zeitung, 4.1.1996
Journalismus und Medien werden dieses Jahr vom Festival und seinen Filmen besonders ins Visier genommen. Primetime, ein Debütfilm von Lance Oppenheim mit Robert Pattinson in der Hauptrolle, handelt in Spielfilmform von einer realen NBC-Fernsehsendung, die Pädophile in die Falle gelockt hat, von Selbstjustiz und Übergriffigkeit der Medien.
Pattinson spielt Chris Hansen, den Moderator von »To Catch a Predator«, wie die Sendung tatsächlich hieß. Hier wurden potenzielle Sexualstraftäter in ein Haus gelockt und dann vor laufender Kamera entlarvt und der Polizei ausgeliefert. Voyeurismus pur, aber auch Verhinderung von Verbrechen – ein moralischer Konflikt, der der Sendung Traumquoten bescherte, und sie kurzzeitig zu einer regelrechten Mediensensation werden ließ. Und eine ambivalente ästhetische
Faszination, die darin liegt, dass das Fernsehformat chaotisch-abgründige Realität und streng konstruierte Inszenierung miteinander vermischt. Das Ergebnis ist idealtypisches Spektakelfernsehen.
Der Regisseur orientiert sich – schnelle Schnitte, platte Witze – genau an der Bildsprache des Mainstream-Fernsehens und der Reality-TV-Shows der frühen 2000er Jahre.
Im Kino ist das oft etwas schlicht, weil es sich auf formaler Ebene selbst der Mittel bedient, die der Film inhaltlich kritisieren will.
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In ähnlicher Weise hat bereits Danny Boyles Eröffnungsfilm Ink über die Anfänge des Medienmoguls Rupert Murdoch Ende der 60er die Grenze zwischen Nachrichtenberichterstattung und Spektakel, Unterhaltung und öffentlicher Bloßstellung ausgelotet. Ink erzählt im Kern die Entstehung des modernen Boulevardjournalismus. Murdoch und sein Chefredakteur Larry Lamb erkennen, dass eine Zeitung nicht unbedingt dadurch erfolgreich
wird, dass sie die Welt »erklärt«, sondern dadurch, dass sie die Leser »packt«. Die Nachricht wird vom Inhalt zum Rohstoff, um eine Reaktion zu provozieren.
Die »Sun« praktiziert in diesem Film keinen »schlechteren« Journalismus, sondern entwickelt eine andere Vorstellung davon, was Journalismus überhaupt ist. Die Nachricht soll emotional sein, erregend, und leicht verständlich.
Ink erzählt von dem Moment, in dem der Journalismus entdeckt, dass
Menschen keine Informationen wollen, sondern Eskapismus.
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Wenn man beide Filme zusammennimmt, erzählen sie eine ziemlich düstere Geschichte der Medien – die Geschichte einer moralischen Abwärtsspirale: Aus Information wird Aufmerksamkeit, aus Aufmerksamkeit wird Erregung, aus Erregung wird Verdummung. Und die gibt wenigen Macht.
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Man kann aus dem Rai-Studio aus dem Fenster schauen, aber man sieht nicht den roten Teppich wie manche in ihren Festivalerzählungen behaupten, weil es malerischer klingt.
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George Clooney bekam zur Eröffnung einen Ehrenlöwen für sein Lebenswerk. Die Laudatio hielt seine langjährige Freundin und Co-Darstellerin Laura Dern.
Clooneys Rede begann typisch selbstironisch. »Wenn man dir sagt, dass du einen Preis für dein Lebenswerk bekommst, fallen dir eigentlich nur zwei Dinge ein: Was für eine unglaubliche Ehre. Und zweitens: Wissen die etwa etwas, was ich nicht weiß? Ihr habt mit meinen Ärzten gesprochen, oder?«
Dann blickte er auf 45 Jahre als Schauspieler zurück und sagte, das klinge im Rückblick so, als habe er einen Plan gehabt – »aber das hatte ich nicht«. Im Grunde habe er versucht, die Miete zu bezahlen und nicht nach Kentucky zurückkehren zu müssen, um wieder Tabak zu schneiden.
Dann kam es zum Politischen: »Stories are always dangerous to people who peddle in fear.« (Geschichten sind für Menschen, die mit der Angst anderer Geschäfte machen, immer gefährlich.).
Er argumentierte, dass die Mächtigen und die Reichsten den Menschen zunehmend einreden wollten, sie müssten voreinander Angst haben. Filme könnten zwar keine Kriege beenden, die Inflation senken oder Wahlen reparieren, aber sie könnten daran erinnern, dass ein Fremder niemals einfach nur ein Fremder sei – sondern der Held in der Geschichte eines anderen Menschen. Clooney verteidigt das Kino nicht primär als politische Waffe, sondern als Gegenmittel gegen Entmenschlichung. Nicht alle Filme in Venedig sehen das ähnlich.
Laura Derns Laudatio war wesentlich persönlicher und zugleich eine ziemlich liebevolle Demontage des Clooney-Mythos. Sie beschrieb ihn als »a man of the deepest kind of humanity and integrity«, einen Menschen, der für Wahrheit stehe und deshalb Geschichten erzählen müsse. Diese Geschichten könnten unterhalten und bewegen, aber sie könnten uns auch dazu bringen, nach dem Guten in uns selbst und in anderen zu verlangen. Clooney erzähle Geschichten, die Freiheiten schützen und andere zur Verantwortung ziehen.
Und dann: »He’s the best friend you could ever have and the funniest person you will ever meet.« Ein »Rebell, Schelm, Altruist, Schauspieler, Sportler, Vater, Ehemann, Weltbürger, den einzigen Menschen, den man in einer Krise an seiner Seite haben wolle – ›…and a really bad dancer.‹«