10.09.2026
83. Filmfestspiele von Venedig 2026

Schöne Männer tanzen schlecht

Primitime
Prime time für Robert Pattinson in Primetime
(Foto: Leonine)

Schnelle Schnitte, platte Witze: George Clooney und Medienkritik an den ersten Lido-Tagen – Notizen aus Venedig, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Der junge deutsche Film erscheint ... auf einmal als Terra incognita. Neben Roger Fritz und Eckhart Schmidt, der ja auch sein verzweigtes, unüber­schau­bares OEuvre aufzu­weisen hat, gilt es, Will Tremper zu entdecken, der als ein deutscher Sam Fuller immer hin- und herschwankte zwischen dem Kino und dem Jour­na­lismus und mit seiner legen­dären Arti­kel­serie 'Deutsch­land, deine Sternchen' auch einiges beigetragen hat zum damaligen Mädchen­wunder.«
– Hans Schif­ferle, Süddeut­sche Zeitung, 4.1.1996

Jour­na­lismus und Medien werden dieses Jahr vom Festival und seinen Filmen besonders ins Visier genommen. Primetime, ein Debütfilm von Lance Oppenheim mit Robert Pattinson in der Haupt­rolle, handelt in Spiel­film­form von einer realen NBC-Fern­seh­sen­dung, die Pädophile in die Falle gelockt hat, von Selbst­justiz und Über­grif­fig­keit der Medien.

Pattinson spielt Chris Hansen, den Moderator von »To Catch a Predator«, wie die Sendung tatsäch­lich hieß. Hier wurden poten­zi­elle Sexu­al­straf­täter in ein Haus gelockt und dann vor laufender Kamera entlarvt und der Polizei ausge­lie­fert. Voyeu­rismus pur, aber auch Verhin­de­rung von Verbre­chen – ein mora­li­scher Konflikt, der der Sendung Traum­quoten bescherte, und sie kurz­zeitig zu einer regel­rechten Medi­en­sen­sa­tion werden ließ. Und eine ambi­va­lente ästhe­ti­sche Faszi­na­tion, die darin liegt, dass das Fern­seh­format chaotisch-abgrün­dige Realität und streng konstru­ierte Insze­nie­rung mitein­ander vermischt. Das Ergebnis ist ideal­ty­pi­sches Spek­ta­kel­fern­sehen.
Der Regisseur orien­tiert sich – schnelle Schnitte, platte Witze – genau an der Bild­sprache des Main­stream-Fern­se­hens und der Reality-TV-Shows der frühen 2000er Jahre.

Im Kino ist das oft etwas schlicht, weil es sich auf formaler Ebene selbst der Mittel bedient, die der Film inhalt­lich kriti­sieren will.

+ + +

In ähnlicher Weise hat bereits Danny Boyles Eröff­nungs­film Ink über die Anfänge des Medi­en­mo­guls Rupert Murdoch Ende der 60er die Grenze zwischen Nach­rich­ten­be­richt­erstat­tung und Spektakel, Unter­hal­tung und öffent­li­cher Bloßstel­lung ausge­lotet. Ink erzählt im Kern die Entste­hung des modernen Boule­vard­jour­na­lismus. Murdoch und sein Chef­re­dak­teur Larry Lamb erkennen, dass eine Zeitung nicht unbedingt dadurch erfolg­reich wird, dass sie die Welt »erklärt«, sondern dadurch, dass sie die Leser »packt«. Die Nachricht wird vom Inhalt zum Rohstoff, um eine Reaktion zu provo­zieren.
Die »Sun« prak­ti­ziert in diesem Film keinen »schlech­teren« Jour­na­lismus, sondern entwi­ckelt eine andere Vorstel­lung davon, was Jour­na­lismus überhaupt ist. Die Nachricht soll emotional sein, erregend, und leicht vers­tänd­lich.
Ink erzählt von dem Moment, in dem der Jour­na­lismus entdeckt, dass Menschen keine Infor­ma­tionen wollen, sondern Eska­pismus.

+ + +

Wenn man beide Filme zusam­men­nimmt, erzählen sie eine ziemlich düstere Geschichte der Medien – die Geschichte einer mora­li­schen Abwärts­spi­rale: Aus Infor­ma­tion wird Aufmerk­sam­keit, aus Aufmerk­sam­keit wird Erregung, aus Erregung wird Verdum­mung. Und die gibt wenigen Macht.

+ + +

Man kann aus dem Rai-Studio aus dem Fenster schauen, aber man sieht nicht den roten Teppich wie manche in ihren Festi­valer­zäh­lungen behaupten, weil es male­ri­scher klingt.

+ + +

George Clooney bekam zur Eröffnung einen Ehren­löwen für sein Lebens­werk. Die Laudatio hielt seine lang­jäh­rige Freundin und Co-Darstel­lerin Laura Dern.

Clooneys Rede begann typisch selbst­iro­nisch. »Wenn man dir sagt, dass du einen Preis für dein Lebens­werk bekommst, fallen dir eigent­lich nur zwei Dinge ein: Was für eine unglaub­liche Ehre. Und zweitens: Wissen die etwa etwas, was ich nicht weiß? Ihr habt mit meinen Ärzten gespro­chen, oder?«

Dann blickte er auf 45 Jahre als Schau­spieler zurück und sagte, das klinge im Rückblick so, als habe er einen Plan gehabt – »aber das hatte ich nicht«. Im Grunde habe er versucht, die Miete zu bezahlen und nicht nach Kentucky zurück­kehren zu müssen, um wieder Tabak zu schneiden.

Dann kam es zum Poli­ti­schen: »Stories are always dangerous to people who peddle in fear.« (Geschichten sind für Menschen, die mit der Angst anderer Geschäfte machen, immer gefähr­lich.).

Er argu­men­tierte, dass die Mächtigen und die Reichsten den Menschen zunehmend einreden wollten, sie müssten vorein­ander Angst haben. Filme könnten zwar keine Kriege beenden, die Inflation senken oder Wahlen repa­rieren, aber sie könnten daran erinnern, dass ein Fremder niemals einfach nur ein Fremder sei – sondern der Held in der Geschichte eines anderen Menschen. Clooney vertei­digt das Kino nicht primär als poli­ti­sche Waffe, sondern als Gegen­mittel gegen Entmensch­li­chung. Nicht alle Filme in Venedig sehen das ähnlich.

Laura Derns Laudatio war wesent­lich persön­li­cher und zugleich eine ziemlich liebe­volle Demontage des Clooney-Mythos. Sie beschrieb ihn als »a man of the deepest kind of humanity and integrity«, einen Menschen, der für Wahrheit stehe und deshalb Geschichten erzählen müsse. Diese Geschichten könnten unter­halten und bewegen, aber sie könnten uns auch dazu bringen, nach dem Guten in uns selbst und in anderen zu verlangen. Clooney erzähle Geschichten, die Frei­heiten schützen und andere zur Verant­wor­tung ziehen.

Und dann: »He’s the best friend you could ever have and the funniest person you will ever meet.« Ein »Rebell, Schelm, Altruist, Schau­spieler, Sportler, Vater, Ehemann, Welt­bürger, den einzigen Menschen, den man in einer Krise an seiner Seite haben wolle – ›…and a really bad dancer.‹«