83. Filmfestspiele von Venedig 2026
Auf dem Kindergeburtstag des Autorenfilms |
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| Jack O’Connell ist Rupert Murdoch in Danny Boyles Biopic Ink – dem Eröffnungsfilm von Venedig | ||
| (Foto: Filmfestspiele Venedig · Danny Boyle) | ||
»Wenn es damals, als wir vielleicht 12 Jahre alt waren, einer geschafft hat, in einen Film ab 16 oder gar ab 18 Jahren hineinzukommen, hat er den anderen die aufregendsten Momente detailgenau nacherzählt: all die blutigen Szenen aus Hammer-Horrorfilmen oder die Shoot-outs aus Italo-Western. Dabei kam es auch auf Gestik, Mimik und Geräusche an, die zur Explosion führen: das Klicken eines Abzughahns, das Knarren einer Salontür, der letzte Blick eines Desperados.«
– Hans Schifferle (über Roberto Rodriguez in epd-film, 7.Juli 1996)
Der Blick der Kinder auf die Filme und die Welt der Erwachsenen. Das ist gar keine schlechte Perspektive auf ein Filmfestival, erst recht nicht auf das in Venedig, die Stadt der Masken und des Karnevals.
Zwölf Tage lang feiern wir ab heute Abend wieder den Kindergeburtstag des Kinos.
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Die »Mostra di cinema« in Venedig ist das älteste aller Filmfestivals auf dieser Welt. Und zugleich nach dem Festival von Cannes das zweitwichtigste. Venedig ist seit jeher ein Zentrum des europäischen Autorenfilms. Zugleich ist es in den letzten zehn bis 15 Jahren zu einer Art Startrampe für die Oscar-Saison geworden.
An diesem Mittwochabend wurde die »Mostra« zum 83. Mal eröffnet. Filme konnten wir bis Redaktionsschluss noch nicht sehen. Dafür gibt der erste Blick aufs
Programm Anlass für ein paar Vorüberlegungen.
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Es gibt Festivals, die ein Programm vorlegen. Und es gibt Festivals, die mit ihrem Programm eine Behauptung aufstellen. Venedig 2026 gehört zur zweiten Kategorie. Die Behauptung lautet ungefähr so: Das große internationale Autorenkino ist noch da. Es hat Werner Herzog, Nanni Moretti, Hirokazu Kore-eda, Lee Chang-dong und Danny Boyle nicht vergessen. Es hat auch Hollywood nicht vergessen, Robert Pattinson nicht, Penélope Cruz nicht, Javier Bardem nicht. Es besitzt weiterhin Stars, Budgets, Premieren, Weltpolitik und den alten Traum vom Gewinn des Goldenen Löwen.
Einige große Namen des Autorenkinos sind zurück in Venedig. Wenn man auf das Programm dieses Jahres blickt, erscheint es zunächst fast etwas altmodisch ausgerichtet zu sein: Werner Herzog, Nanni Moretti, Hirokazu Kore-eda, Lee Chang-dong, Danny Boyle und andere bilden eine ungewöhnliche Konzentration etablierter Namen. Sie repräsentieren eine ganze
Generation großer Autorenfilmer.
Man könnte sagen: Venedig setzt auf Erfahrung. Man könnte aber auch sagen: Venedig setzt auf die Vergangenheit, weil die Gegenwart des Kinos so schwer zu definieren geworden ist.
Sagt diese auffällige Häufung etwas über den Zustand des internationalen Kinos aus? Ist Venedig 2026 also ein Festival der alten Meister – oder kündigt sich hier bereits etwas Neues an? Oder ist es vielleicht gar das eigentliche Thema des diesjährigen
Festivals: Kino, das auf seine etablierten Autoren zurückgreift, weil es Schwierigkeiten hat, neue filmische Autoritäten hervorzubringen?
Etwa Lee Chang-dongs Rückkehr nach acht Jahren oder Morettis Rückkehr nach Jahrzehnten machen deutlich, wie stark inzwischen auch die Karrieregeschichte eines Regisseurs zum medialen Ereignis geworden ist. Ein Festival darf aber nie nur Jubiläumsveranstaltung der Filmgeschichte sein. Es muss gleichzeitig jene Filme finden, deren Bedeutung heute noch niemand kennt.
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Venedig hat immer schon stark auf etablierte Namen gesetzt. Das ist einerseits ein Qualitätsversprechen, andererseits stellt sich die Frage, ob hier eine Generation nur noch ihr eigenes Erbe verwaltet. Sind diese Regisseure noch wirklich riskant – oder ist ihre Handschrift inzwischen selbst zu einer Marke geworden?
Interessant ist aber nicht nur, wer in Venedig vertreten ist, sondern ob einer dieser Regisseure noch etwas wagt, das man von ihm nicht erwartet.
Zum Beispiel Werner Herzogs Bucking Fastard. Herzog ist inzwischen 83 Jahre alt und gehört zu den letzten Filmemachern, bei denen man eigentlich nie genau weiß, was einem bevorsteht. Ein Regisseur wie Herzog kann dem heutigen normierten und berechenbaren Kino immer Überraschungen entgegensetzen. Herzog steht für eine Form der filmischen Unberechenbarkeit, die im heutigen Produktionssystem selten geworden ist. Seine Filme sind exzentrisch, widersprüchlich, manchmal sogar »falsch« im Sinne der ungeschriebenen Regeln.
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In den letzten Jahren lässt sich eine Verspartung der Festivals beobachten.
Die alte Gegenüberstellung »Autorenfilm gegen Mainstream« funktioniert nicht mehr. Interessante Schauspieler suchen sich interessante Regisseure; Hollywoodstars arbeiten mit jungen Filmemachern; europäische Autoren bekommen größere Budgets.
Venedig nutzt diese Verbindung auch strategisch: Das Festival ist Kunstereignis und zugleich Star- und Medienereignis. Dabei ist die Hollywood-Präsenz 2026 etwas schwächer als in manchen früheren Jahren – auch wegen der Krise der amerikanischen Filmindustrie und gestiegener Produktionskosten.
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Zugleich reichen auch in diesem Jahr die politischen Konfliktlinien der Gegenwart stark ins Festival hinein: Nahost, Ukrainekrieg, Migration, Macht der Medien, Elon Musk, USA.
Was bedeutet das für ein Filmfestival, wenn es zunehmend zu einem politischen Forum wird?
Das Kino darf und soll politisch sein. Aber die großen Festivals geraten zunehmend in die Erwartung, selbst eine politische Haltung zu demonstrieren. So droht das Festival selbst zum moralischen Tribunal zu werden. Und zudem Filme zu zeigen (zeigen zu müssen?), die tribunalähnlichen oder rein illustrativen Charakter haben, Tendenzfilme sind.
Die Frage ist aber: Muss ein Filmfestival eigentlich zu jedem politischen Konflikt eine eindeutige Position liefern – oder
besteht seine (auch politische) Qualität gerade darin, dem Zeitgeist gegenüber widerständig zu bleiben, Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten und Plattform zu sein?
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Ein Festival ist dann interessant, wenn es nicht nur bestätigt, was man ohnehin schon weiß. Die eigentliche Aufgabe des Festivals besteht darin, eine neue Hierarchie entstehen zu lassen. Vielleicht wird einer der großen Namen überraschen. Vielleicht aber auch ein völlig unbekannter Film. Die entscheidende Frage ist nicht, wer den Goldenen Löwen bekommt, sondern welcher Film uns zwingt, unsere Vorstellung davon zu verändern, was gegenwärtig gutes Kino sein kann.
Vielleicht muss man Venedig 2026 also gar nicht fragen, ob die alten Meister noch gut sind. Die spannendere Frage ist: Kann einer von ihnen noch etwas tun, was wir von ihm nicht erwarten – und kann daneben ein Film auftauchen, dessen Bedeutung wir heute noch gar nicht kennen?
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Denn wenn man wissen will, wohin das Kino geht, sollte man vielleicht weniger auf die etablierten Meister schauen als auf »Orizzonti«. Diese Sektion ist ausdrücklich den ästhetischen und expressiven Entwicklungen des internationalen Kinos gewidmet, Debüts, jungen Regisseuren und weniger bekannten Arbeiten. In diesem Jahr stehen dort unter anderem Filme von Alina Marazzi, Robert Greene, Rubaiyat Hossain, Anuparna Roy und anderen.
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Der Münchner Filmkritiker Hans Schifferle, der über etliche Jahre für epd-film und die SZ geschrieben hat, wurde 1957 geboren und starb leider schon 2021. Er war eine wichtige, unverwechselbare Stimme und ein wunderbarer Gesprächspartner. Anfang des Jahres erschien bei »edition text und kritik« der Band »Berufung: Kritiker«, herausgegeben von Ulrich Mannes und Rolf Aurich, der einige seiner schönsten Texte versammelt und kundig kommentiert. In den diesjährigen Venedig-Notizen werden wir regelmäßig aus ihm zitieren.