03.09.2026
83. Filmfestspiele von Venedig 2026

Auf dem Kindergeburtstag des Autorenfilms

Ink von Danny Boyle
Jack O’Connell ist Rupert Murdoch in Danny Boyles Biopic Ink – dem Eröffnungsfilm von Venedig
(Foto: Filmfestspiele Venedig · Danny Boyle)

Die alten Meister und das neue Kino – Notizen aus Venedig, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Wenn es damals, als wir viel­leicht 12 Jahre alt waren, einer geschafft hat, in einen Film ab 16 oder gar ab 18 Jahren hinein­zu­kommen, hat er den anderen die aufre­gendsten Momente detail­genau nach­er­zählt: all die blutigen Szenen aus Hammer-Horror­filmen oder die Shoot-outs aus Italo-Western. Dabei kam es auch auf Gestik, Mimik und Geräusche an, die zur Explosion führen: das Klicken eines Abzughahns, das Knarren einer Salontür, der letzte Blick eines Despe­rados.«
– Hans Schif­ferle (über Roberto Rodriguez in epd-film, 7.Juli 1996)

Der Blick der Kinder auf die Filme und die Welt der Erwach­senen. Das ist gar keine schlechte Perspek­tive auf ein Film­fes­tival, erst recht nicht auf das in Venedig, die Stadt der Masken und des Karnevals.
Zwölf Tage lang feiern wir ab heute Abend wieder den Kinder­ge­burtstag des Kinos.

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Die »Mostra di cinema« in Venedig ist das älteste aller Film­fes­ti­vals auf dieser Welt. Und zugleich nach dem Festival von Cannes das zweit­wich­tigste. Venedig ist seit jeher ein Zentrum des europäi­schen Autoren­films. Zugleich ist es in den letzten zehn bis 15 Jahren zu einer Art Start­rampe für die Oscar-Saison geworden.
An diesem Mitt­woch­abend wurde die »Mostra« zum 83. Mal eröffnet. Filme konnten wir bis Redak­ti­ons­schluss noch nicht sehen. Dafür gibt der erste Blick aufs Programm Anlass für ein paar Vorü­ber­le­gungen.

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Es gibt Festivals, die ein Programm vorlegen. Und es gibt Festivals, die mit ihrem Programm eine Behaup­tung aufstellen. Venedig 2026 gehört zur zweiten Kategorie. Die Behaup­tung lautet ungefähr so: Das große inter­na­tio­nale Autoren­kino ist noch da. Es hat Werner Herzog, Nanni Moretti, Hirokazu Kore-eda, Lee Chang-dong und Danny Boyle nicht vergessen. Es hat auch Hollywood nicht vergessen, Robert Pattinson nicht, Penélope Cruz nicht, Javier Bardem nicht. Es besitzt weiterhin Stars, Budgets, Premieren, Welt­po­litik und den alten Traum vom Gewinn des Goldenen Löwen.

Einige große Namen des Autoren­kinos sind zurück in Venedig. Wenn man auf das Programm dieses Jahres blickt, erscheint es zunächst fast etwas altmo­disch ausge­richtet zu sein: Werner Herzog, Nanni Moretti, Hirokazu Kore-eda, Lee Chang-dong, Danny Boyle und andere bilden eine unge­wöhn­liche Konzen­tra­tion etablierter Namen. Sie reprä­sen­tieren eine ganze Gene­ra­tion großer Autoren­filmer.
Man könnte sagen: Venedig setzt auf Erfahrung. Man könnte aber auch sagen: Venedig setzt auf die Vergan­gen­heit, weil die Gegenwart des Kinos so schwer zu defi­nieren geworden ist.
Sagt diese auffäl­lige Häufung etwas über den Zustand des inter­na­tio­nalen Kinos aus? Ist Venedig 2026 also ein Festival der alten Meister – oder kündigt sich hier bereits etwas Neues an? Oder ist es viel­leicht gar das eigent­liche Thema des dies­jäh­rigen Festivals: Kino, das auf seine etablierten Autoren zurück­greift, weil es Schwie­rig­keiten hat, neue filmische Auto­ri­täten hervor­zu­bringen?

Etwa Lee Chang-dongs Rückkehr nach acht Jahren oder Morettis Rückkehr nach Jahr­zehnten machen deutlich, wie stark inzwi­schen auch die Karrie­re­ge­schichte eines Regis­seurs zum medialen Ereignis geworden ist. Ein Festival darf aber nie nur Jubiläums­ver­an­stal­tung der Film­ge­schichte sein. Es muss gleich­zeitig jene Filme finden, deren Bedeutung heute noch niemand kennt.

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Venedig hat immer schon stark auf etablierte Namen gesetzt. Das ist einer­seits ein Quali­täts­ver­spre­chen, ande­rer­seits stellt sich die Frage, ob hier eine Gene­ra­tion nur noch ihr eigenes Erbe verwaltet. Sind diese Regis­seure noch wirklich riskant – oder ist ihre Hand­schrift inzwi­schen selbst zu einer Marke geworden?
Inter­es­sant ist aber nicht nur, wer in Venedig vertreten ist, sondern ob einer dieser Regis­seure noch etwas wagt, das man von ihm nicht erwartet.

Zum Beispiel Werner Herzogs Bucking Fastard. Herzog ist inzwi­schen 83 Jahre alt und gehört zu den letzten Filme­ma­chern, bei denen man eigent­lich nie genau weiß, was einem bevor­steht. Ein Regisseur wie Herzog kann dem heutigen normierten und bere­chen­baren Kino immer Über­ra­schungen entge­gen­setzen. Herzog steht für eine Form der filmi­schen Unbe­re­chen­bar­keit, die im heutigen Produk­ti­ons­system selten geworden ist. Seine Filme sind exzen­trisch, wider­sprüch­lich, manchmal sogar »falsch« im Sinne der unge­schrie­benen Regeln.

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In den letzten Jahren lässt sich eine Verspar­tung der Festivals beob­achten.

Die alte Gegenü­ber­stel­lung »Autoren­film gegen Main­stream« funk­tio­niert nicht mehr. Inter­es­sante Schau­spieler suchen sich inter­es­sante Regis­seure; Holly­wood­stars arbeiten mit jungen Filme­ma­chern; europäi­sche Autoren bekommen größere Budgets.

Venedig nutzt diese Verbin­dung auch stra­te­gisch: Das Festival ist Kunst­er­eignis und zugleich Star- und Medi­en­er­eignis. Dabei ist die Hollywood-Präsenz 2026 etwas schwächer als in manchen früheren Jahren – auch wegen der Krise der ameri­ka­ni­schen Film­in­dus­trie und gestie­gener Produk­ti­ons­kosten.

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Zugleich reichen auch in diesem Jahr die poli­ti­schen Konflikt­li­nien der Gegenwart stark ins Festival hinein: Nahost, Ukrai­ne­krieg, Migration, Macht der Medien, Elon Musk, USA.
Was bedeutet das für ein Film­fes­tival, wenn es zunehmend zu einem poli­ti­schen Forum wird?

Das Kino darf und soll politisch sein. Aber die großen Festivals geraten zunehmend in die Erwartung, selbst eine poli­ti­sche Haltung zu demons­trieren. So droht das Festival selbst zum mora­li­schen Tribunal zu werden. Und zudem Filme zu zeigen (zeigen zu müssen?), die tribu­nalähn­li­chen oder rein illus­tra­tiven Charakter haben, Tendenz­filme sind.
Die Frage ist aber: Muss ein Film­fes­tival eigent­lich zu jedem poli­ti­schen Konflikt eine eindeu­tige Position liefern – oder besteht seine (auch poli­ti­sche) Qualität gerade darin, dem Zeitgeist gegenüber wider­s­tändig zu bleiben, Wider­sprüche und Ambi­va­lenzen auszu­halten und Plattform zu sein?

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Ein Festival ist dann inter­es­sant, wenn es nicht nur bestätigt, was man ohnehin schon weiß. Die eigent­liche Aufgabe des Festivals besteht darin, eine neue Hier­ar­chie entstehen zu lassen. Viel­leicht wird einer der großen Namen über­ra­schen. Viel­leicht aber auch ein völlig unbe­kannter Film. Die entschei­dende Frage ist nicht, wer den Goldenen Löwen bekommt, sondern welcher Film uns zwingt, unsere Vorstel­lung davon zu verändern, was gegen­wärtig gutes Kino sein kann.

Viel­leicht muss man Venedig 2026 also gar nicht fragen, ob die alten Meister noch gut sind. Die span­nen­dere Frage ist: Kann einer von ihnen noch etwas tun, was wir von ihm nicht erwarten – und kann daneben ein Film auftau­chen, dessen Bedeutung wir heute noch gar nicht kennen?

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Denn wenn man wissen will, wohin das Kino geht, sollte man viel­leicht weniger auf die etablierten Meister schauen als auf »Orizzonti«. Diese Sektion ist ausdrück­lich den ästhe­ti­schen und expres­siven Entwick­lungen des inter­na­tio­nalen Kinos gewidmet, Debüts, jungen Regis­seuren und weniger bekannten Arbeiten. In diesem Jahr stehen dort unter anderem Filme von Alina Marazzi, Robert Greene, Rubaiyat Hossain, Anuparna Roy und anderen.

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Der Münchner Film­kri­tiker Hans Schif­ferle, der über etliche Jahre für epd-film und die SZ geschrieben hat, wurde 1957 geboren und starb leider schon 2021. Er war eine wichtige, unver­wech­sel­bare Stimme und ein wunder­barer Gesprächs­partner. Anfang des Jahres erschien bei »edition text und kritik« der Band »Berufung: Kritiker«, heraus­ge­geben von Ulrich Mannes und Rolf Aurich, der einige seiner schönsten Texte versam­melt und kundig kommen­tiert. In den dies­jäh­rigen Venedig-Notizen werden wir regel­mäßig aus ihm zitieren.