18.06.2026

Sein oder Nichtsein

The Rainbowmaker
The Rainbowmaker eröffnet das Festival
(Foto: Georgische Filmtage München · Nana Djord­jadze)

Die Georgischen Filmtage München erkunden dieses Jahr, was ist, sein könnte, nicht war, hätte sein können – und nicht mehr ist

Von Paula Ruppert

Es wird warm, der Sommer ist zurück. Und es ist wieder eines der Jahre, in denen der inter­na­tio­nale Fußball die Gemüter in Form einer Welt­meis­ter­schaft wahlweise zusätz­lich erhitzt oder völlig kaltlässt. Und auch wenn sich Georgien nicht quali­fi­ziert hat, gibt es bei den vom 18.-21. Juni statt­fin­denden Geor­gi­schen Filmtagen dazu passend im wohlig-kühlen Kino-Dunkel unter anderem einen Fußball­film – der so gut wie völlig ohne Fußball auskommt.

Dry Leaf von Alexandre Koberidze ist dabei in vielerlei Hinsicht besonders, denn der Film hat einiges nicht, das man von modernen Filmen gewöhnt ist: schnelle Schnitte, ein hoch­auf­gelöstes Bild, sichtbare Figuren. Man muss sich durchaus auf die Ästhetik des alten Sony Ericsson Phones einlassen, mit dem gefilmt wurde; an die sehr geringe Auflösung auf einer Kino­lein­wand muss man sich die ersten Minuten gewöhnen. Dann jedoch wird man hinein­ge­zogen in die Reise eines Vaters, der auf der Suche nach seiner Tochter durch die Dörfer des geor­gi­schen Hinter­landes fährt und ihrer Spur anhand der Fußball­plätze folgt, die seine Tochter foto­gra­fiert hatte. Die Menschen, mit denen er spricht und inter­agiert, sind meistens für die Zuschauer/innen nicht sichtbar, haben aber doch ganz eindeutig eine ausge­prägte Präsenz. Wenn diese poetisch-ruhige Reise durch das atem­be­rau­bend schöne ländliche Georgien schließ­lich endet, braucht man einige Zeit, um aus dem Kino­sessel wieder in die Wirk­lich­keit zurück­zu­kehren.

Nicht und doch da ist Dato im Eröff­nungs­film The Rain­bow­maker von Regis­seurin Nana Djord­jadze, die am Abend der Eröffnung auch für ein Q&A zur Verfügung stehen wird. Als der etwas unsichere Dato aus dem Gefängnis zurück zu seiner Familie kommt, vergnügt sich seine Frau mit einem Anderen und seine Kinder weigern sich, ihn als Vater zu akzep­tieren, hatte ihr Großvater ihnen die Abwe­sen­heit doch mit helden­haften Spio­na­ge­ge­schichten erklärt. Um seine Familie zurück­zu­ge­winnen, muss er also scheinbar genau dieser Held werden. Zu Hilfe kommt ihm ein Kugel­blitz – und er kann plötzlich das Wetter beein­flussen. Die mit märchen­haften Elementen gespickte Geschichte entwi­ckelt sich zu einem Film für jedes Alter, das Magie und Witz mit einer tieferen Ebene verbindet. Der Wunsch nach einer heilen und liebe­vollen Familie ist das, was The Rain­bow­maker ausmacht.

Um erfüllte und uner­füllte Wünsche und Verlangen geht es auch in einem der Klassiker des geor­gi­schen Kinos, Baum der Wünsche aus dem Jahr 1976 von Tengiz Abuladze. Geprägt von starker Symbolik zeigt er ein Dorf im vorre­vo­lu­ti­onären Georgien, eine zum Scheitern verur­teilte Liebes­ge­schichte, den Wunsch nach sowie die Angst vor Verän­de­rung und vieles mehr. Es ist schwer, den Film in Worte zu fassen, der sehr viel­schichtig gestaltet ist und auch lange nach dem ersten Sehen noch nachwirkt.

Der Einfluss von Abuladzes Film wird einmal auch visuell in April von Dea Kulum­be­ga­schwili deutlich, der 2024 in Venedig den Spezi­al­preis der Jury gewann. Im Zentrum steht die Frau­enärztin Nina, die in den Dörfern auch Abtrei­bungen durch­führt. Auch hier stehen der Wunsch nach einem erfüllten Leben, Glück und Liebe glei­cher­maßen im Vorder­grund wie Tragik, Gefahr und die Frage, welche Entschei­dungen die richtigen sind. Der Film ist in seiner Ruhe, die von brutalen Szenen durch­bro­chen wird, besonders eindrück­lich und alles andere als leichte Kost.

»artechock-Lang­kritik von April (von Dunja Bialas)«

Wer etwas weniger Schweres und gleich­zeitig Abwechs­lungs­rei­ches sucht, ist mit einem der Kurz­film­abende bestens beraten. Dort findet man unter anderem den wie ein Märchen erzählten Doku­men­tar­film What does the mud whisper (Regie: Dea Tcho­lo­kava), der aus der Sicht eines jungen Mädchens erzählt, die im Ther­mal­schlamm von Akhtala mit den Schlamm­män­nern spricht, die laut den Legenden dort sein sollen. Selten war Braungrau so ästhe­tisch und lebendig. It will be better before (Regie: Keto Kipiani) wiederum stellt mit dem Obser­va­to­rium von Abas­tu­mani keine Legenden, sondern einen Ort der Wissen­schaft in seinen Mittel­punkt, der verlassen scheint, es aber nicht ist.

Geor­gi­sche Filmtage in München
18.-21.6.2026

Eröffnung im Film­mu­seum (18.06.26, 19:00)
19.-21.06.26 versch. Spiel­ter­mine im Werk­statt­kino

Rahmen­pro­gramm:

  • Video­in­stal­la­tion im Foyer des Film­mu­seums (18.6., 22:00)
  • Lesung »Licht durch unsere Gitter«, 19.06.26 18:00, Werk­statt­kino
  • Ausstel­lung im arTea-Gallery Space beim Viktua­li­en­markt