Sein oder Nichtsein |
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| The Rainbowmaker eröffnet das Festival | ||
| (Foto: Georgische Filmtage München · Nana Djordjadze) | ||
Von Paula Ruppert
Es wird warm, der Sommer ist zurück. Und es ist wieder eines der Jahre, in denen der internationale Fußball die Gemüter in Form einer Weltmeisterschaft wahlweise zusätzlich erhitzt oder völlig kaltlässt. Und auch wenn sich Georgien nicht qualifiziert hat, gibt es bei den vom 18.-21. Juni stattfindenden Georgischen Filmtagen dazu passend im wohlig-kühlen Kino-Dunkel unter anderem einen Fußballfilm – der so gut wie völlig ohne Fußball auskommt.
Dry Leaf von Alexandre Koberidze ist dabei in vielerlei Hinsicht besonders, denn der Film hat einiges nicht, das man von modernen Filmen gewöhnt ist: schnelle Schnitte, ein hochaufgelöstes Bild, sichtbare Figuren. Man muss sich durchaus auf die Ästhetik des alten Sony Ericsson Phones einlassen, mit dem gefilmt wurde; an die sehr geringe Auflösung auf einer Kinoleinwand muss man sich die ersten Minuten gewöhnen. Dann jedoch wird man hineingezogen in die Reise eines Vaters, der auf der Suche nach seiner Tochter durch die Dörfer des georgischen Hinterlandes fährt und ihrer Spur anhand der Fußballplätze folgt, die seine Tochter fotografiert hatte. Die Menschen, mit denen er spricht und interagiert, sind meistens für die Zuschauer/innen nicht sichtbar, haben aber doch ganz eindeutig eine ausgeprägte Präsenz. Wenn diese poetisch-ruhige Reise durch das atemberaubend schöne ländliche Georgien schließlich endet, braucht man einige Zeit, um aus dem Kinosessel wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren.
Nicht und doch da ist Dato im Eröffnungsfilm The Rainbowmaker von Regisseurin Nana Djordjadze, die am Abend der Eröffnung auch für ein Q&A zur Verfügung stehen wird. Als der etwas unsichere Dato aus dem Gefängnis zurück zu seiner Familie kommt, vergnügt sich seine Frau mit einem Anderen und seine Kinder weigern sich, ihn als Vater zu akzeptieren, hatte ihr Großvater ihnen die Abwesenheit doch mit heldenhaften Spionagegeschichten erklärt. Um seine Familie zurückzugewinnen, muss er also scheinbar genau dieser Held werden. Zu Hilfe kommt ihm ein Kugelblitz – und er kann plötzlich das Wetter beeinflussen. Die mit märchenhaften Elementen gespickte Geschichte entwickelt sich zu einem Film für jedes Alter, das Magie und Witz mit einer tieferen Ebene verbindet. Der Wunsch nach einer heilen und liebevollen Familie ist das, was The Rainbowmaker ausmacht.
Um erfüllte und unerfüllte Wünsche und Verlangen geht es auch in einem der Klassiker des georgischen Kinos, Baum der Wünsche aus dem Jahr 1976 von Tengiz Abuladze. Geprägt von starker Symbolik zeigt er ein Dorf im vorrevolutionären Georgien, eine zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte, den Wunsch nach sowie die Angst vor Veränderung und vieles mehr. Es ist schwer, den Film in Worte zu fassen, der sehr vielschichtig gestaltet ist und auch lange nach dem ersten Sehen noch nachwirkt.
Der Einfluss von Abuladzes Film wird einmal auch visuell in April von Dea Kulumbegaschwili deutlich, der 2024 in Venedig den Spezialpreis der Jury gewann. Im Zentrum steht die Frauenärztin Nina, die in den Dörfern auch Abtreibungen durchführt. Auch hier stehen der Wunsch nach einem erfüllten Leben, Glück und Liebe gleichermaßen im Vordergrund wie Tragik, Gefahr und die Frage, welche Entscheidungen die richtigen sind. Der Film ist in seiner Ruhe, die von brutalen Szenen durchbrochen wird, besonders eindrücklich und alles andere als leichte Kost.
»artechock-Langkritik von April (von Dunja Bialas)«
Wer etwas weniger Schweres und gleichzeitig Abwechslungsreiches sucht, ist mit einem der Kurzfilmabende bestens beraten. Dort findet man unter anderem den wie ein Märchen erzählten Dokumentarfilm What does the mud whisper (Regie: Dea Tcholokava), der aus der Sicht eines jungen Mädchens erzählt, die im Thermalschlamm von Akhtala mit den Schlammmännern spricht, die laut den Legenden dort sein sollen. Selten war Braungrau so ästhetisch und lebendig. It will be better before (Regie: Keto Kipiani) wiederum stellt mit dem Observatorium von Abastumani keine Legenden, sondern einen Ort der Wissenschaft in seinen Mittelpunkt, der verlassen scheint, es aber nicht ist.
Georgische Filmtage in München
18.-21.6.2026
Eröffnung im Filmmuseum (18.06.26, 19:00)
19.-21.06.26 versch. Spieltermine im Werkstattkino