79. Filmfestspiele Cannes 2026
Und manchmal fährt ein Zug nach Auschwitz... |
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| Notre Salut von Emmanuel Marre | ||
| (Foto: Filmfestival Cannes 2026) | ||
Ein knappes Jahr vor der Präsidentschaftswahl wendet sich Frankreich der Vergangenheit zu. Genauer gesagt dem Frankreich im Zweiten Weltkrieg, das von Deutschland besiegt, besetzt und malträtiert wurde.
Jedenfalls in seinen Filmen. Es war eine auffällige Häufung von Filmen im Cannes-Jahrgang 2026, die sich der Erinnerung an die französische Geschichte der Jahre 1939–45 verschrieben hatten – eine Erinnerung, die nicht nur die Franzosen angesichts der internationalen Lage und der rechtsextremen Bedrohungen im Inneren der Demokratien mit beispielloser Gewalt und Dringlichkeit wieder eingeholt hat.
Gleichzeitig sind diese Filme in der Wahl ihrer Inszenierung und Mittel sehr verschieden: Es gibt einen morbiden eisigen Abstieg in die Finsternis der deutschen Folterkeller; es gibt die ein bisschen sentimentale Erinnerung an eines der wenigen Happy Ends dieser Jahre, an die Rettung von rund hundert jüdischen Kindern aus dem Lager von Vénissieux bei Lyon; es gibt kühle Bestandsaufnahmen und pathetische Mobilisierungsfilme.
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Der mit Abstand beste von ihnen ist Notre Salut von Emmanuel Marre, der international bezeichnenderweise den Titel »A Man of His Time« bekam und am Ende die Silberne Palme fürs »Beste Drehbuch« erhielt.
Dieser Film war einer der gelungensten des Festivals: Ein ästhetischer und politischer positiver Schock, bewundernswert präzise und frei in jeder Hinsicht. Marre erfand eine neue Form, um von jenem bis heute partiell blinden Fleck der französischen Geschichte zu sprechen: der Kollaboration mit den Nazis.
Der Regisseur deutet das schöne Leben der Kollaborateure an bezeichnenden Stellen an, konzentriert sich aber auf anderes: statt Orgien und Champagner geht es um
Verwaltungsorganisation in der Provinz – anhand des Schicksals eines Mannes: Henri Marre (gespielt von Swann Arlaud), dem Urgroßvater des Regisseurs. Dessen tatsächlicher Briefwechsel mit seiner Frau in Paris, die der Regisseur auf einem Dachboden entdeckte, bildet die Basis für das Drehbuch.
Henri Marre war von Beruf Ingenieur und Autor eines von seinen Kollegen ignorierten Management-Handbuchs, besessen von Effizienz und der Idee, Kosten zu senken; mäßig karriereorientiert und auf sehr banale Weise reaktionär und nach der Niederlage von 1940 pétainistisch eingestellt. Bald versucht er, letztlich erfolglos, sich einen Posten in einem Ministerkabinett des Vichy-Regimes zu sichern.
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Dies ist ein Film, der auf eine moderne Weise auf die Vichy-Vergangenheit blickt und auch darum diese Vergangenheit erschreckend modern erscheinen lässt.
Zum Beispiel die Musik: Sie ist anachronistisch und modern, Popmusik der 70er und 80er wie Alphaville, »Sounds like a Melody«. Das ist ein Verfremdungselement, ein brechtsches Verfahren in einem französischen Film.
Es ist auch ein Verweis auf eine Regie-Haltung: Wie Sofia Coppola in Marie Antoinette geht es nicht um historische Konstruktion, sondern ums Verständlich-Machen. Noch eine Stufe weiter dreht das Verfahren jene einzige Szene, in der minutenlang originale Archivaufnahmen von Vichy-Propaganda-Clips zu sehen sind. Dazu spielt Marre den primitiven Superhit »Life is Life« von Opus, dessen Dödel-Lyrik perfekt zu dem passt, was hier gesagt wird: »When we all give the power/We all give the best/Every minute of an hour/Don’t think about the rest«
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Etwas anderes ist der Umgang mit der Sprache: Man sieht Menschen minutenlang miteinander diskutieren, ob man besser »Cooperation« sagt oder »Collaboration«.
Unser Held ist selbstverständlich gegen »die vulgäre und geschmacklose Politik der Nazis.« Zugleich ist er überzeugt, dass diese Niederlage »das beste war, das uns passieren könnte«. Noch im Sommer 1940 schreibt er das Buch »Notre Salut« – übersetzt »unser Wohl«. Man kann es aber auch übersetzen mit »unsere Rettung«. Oder noch schlimmer: »unser Heil«.
In dem Fall ist diese willkommene Niederlage eine Gelegenheit, alles radikal zu verändern: »reconstruir dans und manière
radicale.« Hierfür brauche man »die richtigen Leute«: Man müsse wieder aufbauen und »die Fehler der Demokratie beseitigen«. Da möchte man die Fehler der Demokratie vermeiden und jene Kräfte, die uns schon wieder infiltrieren wollen von Anfang an, daran hindern, uns schwach zu machen.
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Dazu kommen die ganzen bürokratischen Alltags-Sätze. Es geht um Organisation. Unser Held ist im Bezirk Limoges dafür zuständig, Arbeitslosigkeit zu beseitigen und Arbeitslosenhilfe zu organisieren. Da ist es natürlich nur eine praktische Frage, ob auch Juden Arbeitslosenunterstützung bekommen sollten, wo sie doch von der Regierung ein Arbeitsverbot in bestimmten Bereichen bekommen haben.
Sie haben es nicht leicht gehabt, da die Deutschen mit immer höheren Anforderungen immer neue Arbeitskräfte verlangt haben, und dann schickt man halt Spanier und Portugiesen, damit die Franzosen nicht geschickt werden müssen. Man baut Arbeitslager mit Barackenunterkünften, aber selbstverständlich bitte ohne Stacheldraht drumherum – »die wahre Autorität liegt im Herzen der Leute.«
Wir sehen Propagandabanner oder -poster: »Langage de Père, langage de chef – Suivons le Maréchal«
Die Juden, heißt es, müssen keine Angst haben: »Le Maréchal will protect all who are for France.«
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Marre organisiert den Schulunterricht neu und außer einer anderen Form von Disziplin – man hat aufzustehen, wenn der Lehrer die Klasse betritt, und ihn zu grüßen, man hat am Morgen die Nationalhymne zu singen (die übrigens immer noch die Marseillaise der Französischen Revolution ist, hier stand Vichy in der Kontinuität der Republik) –, abgesehen von dieser anderen Form der Disziplin möchte man noch mehr Sport in den Unterricht integrieren, denn man möchte ja »eine gesunde und starke Jugend« haben, nicht so dekadent wie in den Jahrzehnten zuvor.
So zeigt Marre die spießbürgerliche Skrupellosigkeit und Dummheit der Schreibtischtäter des Vichy-Regimes. Der Krieg bleibt in dem bewusst bieder gehaltenen Setting ebenso unsichtbar wie Grausamkeit und Gewalt. Deportation erscheint nur als Notiz auf Dokumenten, die das Mitwissen der vermeintlich Ahnungslosen belegen. Und manchmal fährt ein Zug nach Auschwitz...
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Es ist die Geburt des modernen Managements aus dem Geist der Organisation und Anpassung und des pragmatischen Funktionierens.
Alles ist erschreckend aktuell. Ein hellwacher Film, dessen Demontage beschwichtigender Mitläufer gerade jetzt besonders dringlich wirkt. Mit schwarzem Humor und großer Traurigkeit ist Emmanuel Marre eine Bestandsaufnahme der alltäglichen Kollaboration und eine desillusionierte und desillusionierende Geschichtslektion geglückt: »Every minute of the future/Is a memory of the past«
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Der andere in Frankreich angesiedelte Zweite-Weltkriegsfilm ist László Nemes’ weitaus klassischer erzählter Moulin. Ein brutaler Spionagefilm, der an Jean-Pierre Melvilles Armee im Schatten erinnert, er handelt vom realen Anführer der französischen Résistance, Jean Moulin (Gilles Lellouche), seinen letzten Wochen vor der Verhaftung,
der qualvollen Gefangenschaft und der Grausamkeit, die ihm durch die Deutschen widerfährt.
Moulin ist ein großartiger Organisator des Untergrunds, ein unbewegter, geistesgegenwärtiger Operateur, der sich in den noirhaften Schatten dieses Kriegsfilms bewegt. Undercover als Designer navigiert er durch eine hochgefährliche Welt.
Moulin stellt vor allem die tapfere Standhaftigkeit der Hauptfigur der gewalttätigen Impulsivität seines Peinigers Klaus Barbie (gespielt von Lars Eidinger) gegenüber. Moulin ist ein patriotischer Film, und genau das begrenzt ihn letztlich in seinen weiterreichenden Ambitionen.
Melvilles stoische Figuren enthüllten tiefgreifende Wahrheiten über Moral, Gewohnheiten und Schwächen der Menschen um sie herum. Moulin hingegen operiert mit deutlich geringerem Interesse an solchen Fragen und offenbart kaum etwas, das sich nicht auch in einem Geschichtsbuch finden ließe – alles im Dienste der Darstellung eines unzerbrechlichen Nationalhelden, dessen Märtyrertum Nemes mit präzisen, zugleich aber kalten und distanzierten Mitteln inszeniert.
Ein Abstieg in die Hölle des nationalsozialistischen Terrors. Die strenge Inszenierung von László Nemes beharrt auf Körperlichkeit und physischer Dimension. Der Zuschauer betrachtet die Résistance nicht aus epischer Distanz; nach und nach wird er in eine Maschinerie aus Einschließung, Angst und körperlichem Verschleiß hineingezogen.
Am Ende zeigt Nemes, dass die Erinnerung an die französische Résistance auf einem grundlegenden Paradox beruht. Die Mitglieder der Armée Secrète, die gegen den Nationalsozialismus kämpften, mussten ihre Identität fortwährend auslöschen, um zu überleben, doch die Geschichte verwandelte sie schließlich in monumentale Persönlichkeiten. Moulin wird letztlich zu einem Schatten, der dazu bestimmt ist, im kollektiven Gedächtnis Frankreichs weiterzuleben.
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La Bataille de Gaulle von Antonin Baudry ist ein epischer Film im klassischsten Sinne des Wortes. Der Film beabsichtigt nicht lediglich, Ereignisse zu rekonstruieren, sondern versucht, eine Legende wiederauferstehen zu lassen. Bereits in seinen ersten Szenen entwirft er das Bild von Charles de Gaulle als einem Führer, der dazu bestimmt ist, über den realen Menschen hinauszuwachsen und zu einer Ikone zu werden – zur Verkörperung des französischen Befreiers, beinahe schon zu einer historischen Figur, noch bevor die Schlacht überhaupt gewonnen ist. Baudry inszeniert De Gaulle als jemanden, der bereits von seinem eigenen Nachruhm begleitet wird.
Die Erzählung wechselt zwischen zwei parallelen narrativen Bewegungen. Auf der einen Seite steht De Gaulles diplomatischer und militärischer Kampf: die Verhandlungen in London, die politischen Auseinandersetzungen mit Churchill und die Manöver, um Verbündete und Militärs davon zu überzeugen, dass Frankreich trotz Niederlage und Waffenstillstand weiterhin existiert. Auf der anderen Seite erscheinen die ersten Impulse des innerfranzösischen Widerstands. Dieser doppelte Blick verhindert, dass die Geschichte auf die bloße Verherrlichung einer großen Persönlichkeit reduziert wird, und erinnert daran, dass der Widerstand nicht nur aus einer einzelnen Figur hervorgeht, sondern auch aus anonymen Menschen, die aus persönlicher Überzeugung zu handeln beginnen.
Der Film ist Teil einer ambitionierten Großproduktion, die als Diptychon konzipiert wurde und sich bis 1944–45 fortsetzt. Im Zentrum steht Simon Abkarians Darstellung von Charles de Gaulle. Der Schauspieler gestaltet De Gaulle durch Starrheit und eine beinahe skulpturale Präsenz. Anstatt sichtbare Emotionen auszudrücken, scheint er vielmehr das Gewicht einer historischen Mission zu tragen. Das verstärkt die beinahe mythische Dimension der Figur und macht ihn zu einer Autoritätsgestalt.