28.05.2026
79. Filmfestspiele Cannes 2026

Und manchmal fährt ein Zug nach Auschwitz...

»Notre Salut« von Emmanuel Marre
Notre Salut von Emmanuel Marre
(Foto: Filmfestival Cannes 2026)

Sprache der Anpassung: Frankreich, Vichy und Antifaschismus als Subgenre an der Croisette – Cannes-Tagebuch, 09. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Ein knappes Jahr vor der Präsi­dent­schafts­wahl wendet sich Frank­reich der Vergan­gen­heit zu. Genauer gesagt dem Frank­reich im Zweiten Weltkrieg, das von Deutsch­land besiegt, besetzt und malträ­tiert wurde.

Jeden­falls in seinen Filmen. Es war eine auffäl­lige Häufung von Filmen im Cannes-Jahrgang 2026, die sich der Erin­ne­rung an die fran­zö­si­sche Geschichte der Jahre 1939–45 verschrieben hatten – eine Erin­ne­rung, die nicht nur die Franzosen ange­sichts der inter­na­tio­nalen Lage und der rechts­extremen Bedro­hungen im Inneren der Demo­kra­tien mit beispiel­loser Gewalt und Dring­lich­keit wieder eingeholt hat.

Gleich­zeitig sind diese Filme in der Wahl ihrer Insze­nie­rung und Mittel sehr verschieden: Es gibt einen morbiden eisigen Abstieg in die Fins­ternis der deutschen Folter­keller; es gibt die ein bisschen senti­men­tale Erin­ne­rung an eines der wenigen Happy Ends dieser Jahre, an die Rettung von rund hundert jüdischen Kindern aus dem Lager von Vénis­sieux bei Lyon; es gibt kühle Bestands­auf­nahmen und pathe­ti­sche Mobi­li­sie­rungs­filme.

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Der mit Abstand beste von ihnen ist Notre Salut von Emmanuel Marre, der inter­na­tional bezeich­nen­der­weise den Titel »A Man of His Time« bekam und am Ende die Silberne Palme fürs »Beste Drehbuch« erhielt.

Dieser Film war einer der gelun­gensten des Festivals: Ein ästhe­ti­scher und poli­ti­scher positiver Schock, bewun­derns­wert präzise und frei in jeder Hinsicht. Marre erfand eine neue Form, um von jenem bis heute partiell blinden Fleck der fran­zö­si­schen Geschichte zu sprechen: der Kolla­bo­ra­tion mit den Nazis.
Der Regisseur deutet das schöne Leben der Kolla­bo­ra­teure an bezeich­nenden Stellen an, konzen­triert sich aber auf anderes: statt Orgien und Cham­pa­gner geht es um Verwal­tungs­or­ga­ni­sa­tion in der Provinz – anhand des Schick­sals eines Mannes: Henri Marre (gespielt von Swann Arlaud), dem Urgroß­vater des Regis­seurs. Dessen tatsäch­li­cher Brief­wechsel mit seiner Frau in Paris, die der Regisseur auf einem Dachboden entdeckte, bildet die Basis für das Drehbuch.

Henri Marre war von Beruf Ingenieur und Autor eines von seinen Kollegen igno­rierten Manage­ment-Handbuchs, besessen von Effizienz und der Idee, Kosten zu senken; mäßig karrie­re­ori­en­tiert und auf sehr banale Weise reak­ti­onär und nach der Nieder­lage von 1940 pétai­nis­tisch einge­stellt. Bald versucht er, letztlich erfolglos, sich einen Posten in einem Minis­ter­ka­bi­nett des Vichy-Regimes zu sichern.

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Dies ist ein Film, der auf eine moderne Weise auf die Vichy-Vergan­gen­heit blickt und auch darum diese Vergan­gen­heit erschre­ckend modern erscheinen lässt.
Zum Beispiel die Musik: Sie ist anachro­nis­tisch und modern, Popmusik der 70er und 80er wie Alpha­ville, »Sounds like a Melody«. Das ist ein Verfrem­dungs­ele­ment, ein brecht­sches Verfahren in einem fran­zö­si­schen Film.

Es ist auch ein Verweis auf eine Regie-Haltung: Wie Sofia Coppola in Marie Antoi­nette geht es nicht um histo­ri­sche Konstruk­tion, sondern ums Vers­tänd­lich-Machen. Noch eine Stufe weiter dreht das Verfahren jene einzige Szene, in der minu­ten­lang originale Archiv­auf­nahmen von Vichy-Propa­ganda-Clips zu sehen sind. Dazu spielt Marre den primi­tiven Superhit »Life is Life« von Opus, dessen Dödel-Lyrik perfekt zu dem passt, was hier gesagt wird: »When we all give the power/We all give the best/Every minute of an hour/Don’t think about the rest«

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Etwas anderes ist der Umgang mit der Sprache: Man sieht Menschen minu­ten­lang mitein­ander disku­tieren, ob man besser »Coope­ra­tion« sagt oder »Colla­bo­ra­tion«.

Unser Held ist selbst­ver­s­tänd­lich gegen »die vulgäre und geschmack­lose Politik der Nazis.« Zugleich ist er überzeugt, dass diese Nieder­lage »das beste war, das uns passieren könnte«. Noch im Sommer 1940 schreibt er das Buch »Notre Salut« – übersetzt »unser Wohl«. Man kann es aber auch über­setzen mit »unsere Rettung«. Oder noch schlimmer: »unser Heil«.
In dem Fall ist diese will­kom­mene Nieder­lage eine Gele­gen­heit, alles radikal zu verändern: »recon­struir dans und manière radicale.« Hierfür brauche man »die richtigen Leute«: Man müsse wieder aufbauen und »die Fehler der Demo­kratie besei­tigen«. Da möchte man die Fehler der Demo­kratie vermeiden und jene Kräfte, die uns schon wieder infil­trieren wollen von Anfang an, daran hindern, uns schwach zu machen.

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Dazu kommen die ganzen büro­kra­ti­schen Alltags-Sätze. Es geht um Orga­ni­sa­tion. Unser Held ist im Bezirk Limoges dafür zuständig, Arbeits­lo­sig­keit zu besei­tigen und Arbeits­lo­sen­hilfe zu orga­ni­sieren. Da ist es natürlich nur eine prak­ti­sche Frage, ob auch Juden Arbeits­lo­sen­un­ter­s­tüt­zung bekommen sollten, wo sie doch von der Regierung ein Arbeits­verbot in bestimmten Bereichen bekommen haben.

Sie haben es nicht leicht gehabt, da die Deutschen mit immer höheren Anfor­de­rungen immer neue Arbeits­kräfte verlangt haben, und dann schickt man halt Spanier und Portu­giesen, damit die Franzosen nicht geschickt werden müssen. Man baut Arbeits­lager mit Bara­cken­un­ter­künften, aber selbst­ver­s­tänd­lich bitte ohne Stachel­draht drumherum – »die wahre Autorität liegt im Herzen der Leute.«

Wir sehen Propa­gan­da­banner oder -poster: »Langage de Père, langage de chef – Suivons le Maréchal«

Die Juden, heißt es, müssen keine Angst haben: »Le Maréchal will protect all who are for France.«

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Marre orga­ni­siert den Schul­un­ter­richt neu und außer einer anderen Form von Disziplin – man hat aufzu­stehen, wenn der Lehrer die Klasse betritt, und ihn zu grüßen, man hat am Morgen die Natio­nal­hymne zu singen (die übrigens immer noch die Marseil­laise der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion ist, hier stand Vichy in der Konti­nuität der Republik) –, abgesehen von dieser anderen Form der Disziplin möchte man noch mehr Sport in den Unter­richt inte­grieren, denn man möchte ja »eine gesunde und starke Jugend« haben, nicht so dekadent wie in den Jahr­zehnten zuvor.

So zeigt Marre die spieß­bür­ger­liche Skru­pel­lo­sig­keit und Dummheit der Schreib­tisch­täter des Vichy-Regimes. Der Krieg bleibt in dem bewusst bieder gehal­tenen Setting ebenso unsichtbar wie Grau­sam­keit und Gewalt. Depor­ta­tion erscheint nur als Notiz auf Doku­menten, die das Mitwissen der vermeint­lich Ahnungs­losen belegen. Und manchmal fährt ein Zug nach Auschwitz...

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Es ist die Geburt des modernen Manage­ments aus dem Geist der Orga­ni­sa­tion und Anpassung und des prag­ma­ti­schen Funk­tio­nie­rens.

Alles ist erschre­ckend aktuell. Ein hell­wa­cher Film, dessen Demontage beschwich­ti­gender Mitläufer gerade jetzt besonders dringlich wirkt. Mit schwarzem Humor und großer Trau­rig­keit ist Emmanuel Marre eine Bestands­auf­nahme der alltäg­li­chen Kolla­bo­ra­tion und eine desil­lu­sio­nierte und desil­lu­sio­nie­rende Geschichts­lek­tion geglückt: »Every minute of the future/Is a memory of the past«

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Der andere in Frank­reich ange­sie­delte Zweite-Welt­kriegs­film ist László Nemes’ weitaus klas­si­scher erzählter Moulin. Ein brutaler Spio­na­ge­film, der an Jean-Pierre Melvilles Armee im Schatten erinnert, er handelt vom realen Anführer der fran­zö­si­schen Résis­tance, Jean Moulin (Gilles Lellouche), seinen letzten Wochen vor der Verhaf­tung, der qual­vollen Gefan­gen­schaft und der Grau­sam­keit, die ihm durch die Deutschen wider­fährt.
Moulin ist ein groß­ar­tiger Orga­ni­sator des Unter­grunds, ein unbe­wegter, geis­tes­ge­gen­wär­tiger Operateur, der sich in den noir­haften Schatten dieses Kriegs­films bewegt. Under­cover als Designer navigiert er durch eine hoch­ge­fähr­liche Welt.

Moulin stellt vor allem die tapfere Stand­haf­tig­keit der Haupt­figur der gewalt­tä­tigen Impul­si­vität seines Peinigers Klaus Barbie (gespielt von Lars Eidinger) gegenüber. Moulin ist ein patrio­ti­scher Film, und genau das begrenzt ihn letztlich in seinen weiter­rei­chenden Ambi­tionen.

Melvilles stoische Figuren enthüllten tief­grei­fende Wahr­heiten über Moral, Gewohn­heiten und Schwächen der Menschen um sie herum. Moulin hingegen operiert mit deutlich gerin­gerem Interesse an solchen Fragen und offenbart kaum etwas, das sich nicht auch in einem Geschichts­buch finden ließe – alles im Dienste der Darstel­lung eines unzer­brech­li­chen Natio­nal­helden, dessen Märty­rertum Nemes mit präzisen, zugleich aber kalten und distan­zierten Mitteln insze­niert.

Ein Abstieg in die Hölle des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Terrors. Die strenge Insze­nie­rung von László Nemes beharrt auf Körper­lich­keit und physi­scher Dimension. Der Zuschauer betrachtet die Résis­tance nicht aus epischer Distanz; nach und nach wird er in eine Maschi­nerie aus Einschließung, Angst und körper­li­chem Verschleiß hinein­ge­zogen.

Am Ende zeigt Nemes, dass die Erin­ne­rung an die fran­zö­si­sche Résis­tance auf einem grund­le­genden Paradox beruht. Die Mitglieder der Armée Secrète, die gegen den Natio­nal­so­zia­lismus kämpften, mussten ihre Identität fort­wäh­rend auslö­schen, um zu überleben, doch die Geschichte verwan­delte sie schließ­lich in monu­men­tale Persön­lich­keiten. Moulin wird letztlich zu einem Schatten, der dazu bestimmt ist, im kollek­tiven Gedächtnis Frank­reichs weiter­zu­leben.

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La Bataille de Gaulle von Antonin Baudry ist ein epischer Film im klas­sischsten Sinne des Wortes. Der Film beab­sich­tigt nicht lediglich, Ereig­nisse zu rekon­stru­ieren, sondern versucht, eine Legende wieder­auf­er­stehen zu lassen. Bereits in seinen ersten Szenen entwirft er das Bild von Charles de Gaulle als einem Führer, der dazu bestimmt ist, über den realen Menschen hinaus­zu­wachsen und zu einer Ikone zu werden – zur Verkör­pe­rung des fran­zö­si­schen Befreiers, beinahe schon zu einer histo­ri­schen Figur, noch bevor die Schlacht überhaupt gewonnen ist. Baudry insze­niert De Gaulle als jemanden, der bereits von seinem eigenen Nachruhm begleitet wird.

Die Erzählung wechselt zwischen zwei paral­lelen narra­tiven Bewe­gungen. Auf der einen Seite steht De Gaulles diplo­ma­ti­scher und mili­täri­scher Kampf: die Verhand­lungen in London, die poli­ti­schen Ausein­an­der­set­zungen mit Churchill und die Manöver, um Verbün­dete und Militärs davon zu über­zeugen, dass Frank­reich trotz Nieder­lage und Waffen­still­stand weiterhin existiert. Auf der anderen Seite erscheinen die ersten Impulse des inner­fran­zö­si­schen Wider­stands. Dieser doppelte Blick verhin­dert, dass die Geschichte auf die bloße Verherr­li­chung einer großen Persön­lich­keit reduziert wird, und erinnert daran, dass der Wider­stand nicht nur aus einer einzelnen Figur hervor­geht, sondern auch aus anonymen Menschen, die aus persön­li­cher Über­zeu­gung zu handeln beginnen.

Der Film ist Teil einer ambi­tio­nierten Groß­pro­duk­tion, die als Diptychon konzi­piert wurde und sich bis 1944–45 fortsetzt. Im Zentrum steht Simon Abkarians Darstel­lung von Charles de Gaulle. Der Schau­spieler gestaltet De Gaulle durch Starrheit und eine beinahe skulp­tu­rale Präsenz. Anstatt sichtbare Emotionen auszu­drü­cken, scheint er vielmehr das Gewicht einer histo­ri­schen Mission zu tragen. Das verstärkt die beinahe mythische Dimension der Figur und macht ihn zu einer Auto­ri­täts­ge­stalt.