79. Filmfestspiele Cannes 2026
Wer träumt die Träume unter Palmen? |
![]() |
|
| Emmanuel Marres überraschender Film Notre Salut | ||
| (Foto: Filmfestival Cannes 2026) | ||
»Die Mission von Cannes ist es, jedes Jahr zu definieren, was Kino ist.« – Thierry Frémaux, Festspielleiter
Vielleicht haben wir den besten Film im diesjährigen Cannes-Wettbewerb noch gar nicht gesehen. Zumindest ich nicht, denn ich habe bisher den koreanischen Zombie-Film Hope versäumt, der, wenn man den Kollegen der versammelten Kritikerschar glauben mag, einer der besten Filme im Wettbewerb ist. Vor allem scheint Hope der einzige Film zu sein, der ein bisschen überraschend, ein bisschen provokativ ist, sozusagen der Titane im diesjährigen Jahrgang, oder The Substance.
Den hole ich morgen bei den »Reprisen« nach, ebenso wie Moulin und zwei andere Filme. Das Beste kommt zum Schluss, oder?
Was niemand bisher, zu dem Zeitpunkt am frühen Freitagnachmittag, an dem ich das schreibe, gesehen hat, außer ein paar ganz Schlauen, die in internen Screenings oder auf dem Markt waren, das sind die neuen Filme von Valeska Grisebach und Léa Mysius.
Vielleicht rollt ja Grisebach mit ihrem rekordverdächtige dreieinhalb Stunden langen Film Das geträumte Abenteuer das Feld von hinten auf, und gewinnt, aber vielleicht gewinnt auch Léa Mysius, eine nicht weniger vielversprechende jüngere Regisseurin aus Frankreich, die in jedem Fall mit ihrem Debüt Ava vor einigen Jahren in der »Semaine de la Critique« das Cannes-Publikum mitgerissen hat.
+ + +
Der Italiener Ugo Brusaporco hatte gestern einen schlechten Tag: »In Italiano: dio porco!« Ein »Schweinetag«. Sein Computer ist zusammengebrochen. Dabei hätte er gerne seine neueste These ausformuliert: »Dieses Jahr ist ein LGBTQ-Cannes.«
+ + +
Nicholas Winding Refn kann er damit nicht gemeint haben. Das Beste, was sich über dessen neuen, bizarren Egotrip Her private hell (Außer Konkurrenz) sagen lässt, ist, dass Refn ein sehr persönliches, kompromissloses Werk gemacht hat, und dass sich das dänische Enfant Terrible dem mittleren Realismus eines grundsätzlich staatstragenden, linksliberalen und von Europa dominierten Autorenfilms verweigert, einer Ästhetik, die zwar selten wirklich schlecht ist, aber immer irgendwie gediegen und akademisch und ästhetisch oft erzkonservativ.
Im Kritikerspiegel von critic.de habe ich den Film als »indiskutabel« eingeordnet, und zwar nicht weil er nur miserabel wäre, sondern weil die anderen Kategorien nicht passen, und man über ihn tatsächlich nicht diskutieren kann.
Refn entfaltet (s)einen privaten Kosmos. Und das darf er auch alles machen. Ich muss es aber nicht gut finden. Von einer Science-Fiction-Welt im Kino erwarte ich mir zumindest, dass diese Welt irgendwie erklärt wird, dass wir wissen, wo wir sind und nach welchen Regeln alles funktioniert. Das hat Refn nicht nötig.
Wir begegnen gut gecasteten Figuren, und die Mädcheneinsamkeit, die man hier auch sieht, die verbindet diesen Film sogar mit anderen, mit denen er sonst fast gar nichts zu tun hat.
Das Ganze ist eine Mischung aus großer Oper und Comic, aus Porno und Blade Runner. Eine Daddy-Männerphantasie, eine Erwachsenenversion von Schneewittchen und die sieben Zwerge, sehr opulent und exzessiv und voyeuristisch in allem, was Gewalt angeht, aber sehr keusch, puritanisch ud unerotisch in Fragen des Sex.
+ + +
Zu den vielen schönen Dingen an Cannes gehört auch, dass man hier über die Filme redet, über Ästhetiken, über Kinogeschichten. Geredet wird dagegen nicht über Palästinenser, sonstige Araber und über den Klimawandel. Vielleicht sagt Javier Bardem mal irgendetwas bei der Pressekonferenz, was sein privilegiertes Gewissen erleichtert, aber das wird von allen achselzuckend zur Kenntnis genommen und auch er selbst hält sich damit nicht lange auf.
Tatsächlich ist Cannes aber so viel mehr als das, was sich in der Regel in der deutschen Berichterstattung widerspiegelt. Cannes ist weder der Rote Teppich, wo es allein darum geht, welche Schauspielerin am durchsichtigsten bekleidet ist oder sich dem Dresscode verweigert, weil ihr Abendkleid nicht rechtzeitig vom Sponsor geliefert wurde, noch ist es nur der Wettbewerb um die Goldene Palme. Da gibt es zum einen den »Markt«, eine überquellende Freifläche mit dutzenden nationalen Pavillons, auf denen wie vor einer Woche beim Grand Prix Eurovision die nationale Flagge im Mistral-Wind flattert.
+ + +
In diesem Jahr blieb Hollywood weitgehend weg, für US-Filme wie für die hier ungeliebten Streamer ist zur Zeit das Festival von Venedig attraktiver. Und weil der Wettbewerb um die Goldene Palme über die ganzen zwölf Tage nie richtig Fahrt aufnahm, unkten schon wieder die ersten unter den Fachbesuchern, mit Cannes gehe es jetzt endgültig bergab.
Aber auch solche Cannes-Abgesänge gehören eher zur jährlichen Folklore des Festivals, ebenso wie die Debatten über den Dresscode auf
dem Roten Teppich oder die Zahl der Frauen im Wettbewerb. Tatsächlich waren fünf Regisseurinnen bei 22 Wettbewerbsfilmen gar keine schlechte Quote, bedenkt man, wie wenig Regisseurinnen es außerhalb Europas überhaupt gibt. Wichtiger aber ist, dass man in Cannes auf quotierte Repräsentation noch nie Wert gelegt hat, noch nicht einmal in ästhetischen. Wer nur den Wettbewerb sah, mit seinem mittleren Realismus und grundsätzlich staatstragenden, akademischen,
erzkonservativen Filmen, fragte sich, welche Filme denn wohl der Künstlerische Leiter Thierry Frémaux im Sinn hatte, als er während des Festivals nicht ohne Pathos erklärte, die »Mission« von Cannes sei es, »jedes Jahr zu definieren, was Kino ist.«
+ + +
Das Vichy-Frankreich unter der Kollaborateursregierung des Marschalls Philippe Pétain ist eine historische Periode, auf die das französische Kino nur sehr selten den Blick gerichtet hat – zweifellos deshalb, weil unser Nachbarland noch immer weit davon entfernt ist, mit seiner begeisterten Unterstützung und Zusammenarbeit mit dem Marionettenstaat abzurechnen. In jenem Frankreich, mit seiner stickigen Atmosphäre und seinem günstigen Klima für jede Art neuer Karrieristen, steigt Henri Marre unaufhörlich zwischen Beamten, Präfekturen und Ministerien auf. Er ist ein grauer, aber chamäleonartiger Beamter, unscheinbar, aber opportunistisch, entschlossen, sich als fanatischer »Pétainist« hervorzutun und nötigenfalls die administrative Organisation der Judenpogrome sowie den Bau von Baracken zu leiten, die zu Konzentrationslagern für all jene werden sollten, die gemäß der antisemitischen Gesetzgebung Pétains verschleppt werden mussten, um dessen wahre Herren zufriedenzustellen.
Was Emmanuel Marre in seinem überraschenden Film Notre Salut tatsächlich erzählt, ist nichts anderes als die Geschichte seines Urgroßvaters väterlicherseits, und er tut dies ausgehend von der Briefkorrespondenz zwischen jenem Kollaborateur mit trüber ultrakonservativer Ideologie und seiner Frau, die zunächst in Paris lebte, bevor sie zu ihm nach Vichy zog.
Doch niemand sollte sich täuschen: Wir haben es hier nicht mit einer konventionellen
historistischen Rekonstruktion zur Befriedigung politisch bewusster Zuschauer zu tun, sondern mit einem weitaus interessanteren filmischen Versuch, die Geschichte in die Gegenwart zu holen.
Der Regisseur zeigt all die Doppelzüngigkeit und den Zynismus seines Großvaters, aber auch seine Schwächen und Niederträchtigkeiten, seine moralischen Zweifel, seine karrieristischen Strategien und seine emotionalen Wunden, während dazwischen aus dem Off der Text der Briefe seiner Frau zu hören ist oder von Zeit zu Zeit musikalische Pop-Zwischenspiele einbrechen, in denen Figuren zu bewusst anachronistischen Musikstücken tanzen.
Während der Rest der französischen Auswahl des Wettbewerbs ausgesprochen chauvinistisch und geschmacklos und dumm und komplett belanglos anmutet, erscheint Notre Salut als eines der riskantesten, mutigsten und modernsten Werke des Wettbewerbs.
+ + +
Das war ein schöner Abend! Ich habe ein bisschen gepokert und einfach ein bisschen Glück gehabt – und so bin ich dann nach dem Film von Marie Kreuzer auch noch in den Mitternachtsfilm Colony hineingekommen. John Travolta sei Dank. In meinem Blick ins Programm haben sich beide Filme um eine halbe Stunde überschnitten und ich hatte mir vorher gedacht, dass ich wohl aus dem Film von Marie Kreuzer vielleicht einfach eine halbe Stunde vor dem Ende rausgehen würde und mir dieses Ende dann erzählen lassen würde. Der Film ist auch fast zwei Stunden lang und insofern konnte man vielleicht auch sagen, dass man nach 90 Minuten geht. Allerdings hat der Film dann auch noch etwas verspätet begonnen und ich dachte mir schon, dass er entweder wirklich so schlecht sein muss oder so langweilig, dass ich viel früher rausgehe oder ich es dann wahrscheinlich nicht mehr schaffen würde, in Colony zu gehen, aber ich habe es einfach probiert und hatte das Glück, dass sich alles über eine halbe Stunde nach hinten geschoben hatte – ein Phänomen, das gar nicht so selten vorkommt in Cannes und mit dem ich nach mit einer gewissen Erfahrung doch spekuliere. Glücklicherweise kann man Kinotickets reservieren, auch wenn die Filme sich um einen größeren Teil überschneiden. Da ist das Festival realistisch und kommt professionellen Besuchern entgegen, weil natürlich viele Fachbesucher Filme nicht zu Ende sehen, sondern nach der Hälfte oder etwas mehr und manchmal auch viel früher rausgehen, weil man nicht wissen möchte, wie es ausgeht, sondern weil man sich für den Stil interessiert, für die Handschrift eines Regisseurs, weil man wissen will, ob der Regisseur was neues gemacht hat oder sich im guten oder eher am schlechten Sinn wiederholt.
+ + +
Eine total niveaulose Pressekonferenz, es ist eigentlich keine Presse, sondern es ist Yellow-Press. Sie sind an nichts interessiert, das irgendwie mit Kunst zu tun hat, meistens auch nicht am Kino, sie wollen Nachrichten für WhatsApp und kurze Tiktok-Clips
+ + +
Einer der schönsten Filme gestern Abend: Christophe Honorés Mariage à goût d’orange. Honoré hat eine Filmografie geschaffen, die von seiner besonderen Fähigkeit geprägt ist, sich zwischen Registern, Stilen und Tonlagen zu bewegen, ohne dabei eine wiedererkennbare Identität zu verlieren. Sein Kino kann von sentimentaler Leichtigkeit zum Melodram wechseln, vom Musical zur trockensten Intimität, von naturalistischer Beobachtung zu beinahe theatralischen Ausbrüchen. Beispiele dafür sind etwa Les Chansons d’amour, wo sich die Liebesgeschichte unerwartet in ein Musical verwandelt, oder Plaire, aimer et courir vite, der romantische Sensibilität und tragisches Bewusstsein miteinander verbinden kann.
Mariage à goût d’orange ist ein Film, der scheinbar als Familientreffen beginnt und sich schließlich in eine Art emotionales Schlachtfeld verwandelt. Eine Hochzeit in der Bretagne im Jahr 1978. Honoré nutzt dieses Ereignis als Vorwand, um eine schonungslose Bestandsaufnahme einer menschlichen Gemeinschaft vorzunehmen, die zwischen Konventionen und zerbrochenen Gefühlen gefangen ist. Was zunächst wie die Feier einer Verbindung erscheinen könnte, entpuppt sich schließlich als Inventar von Trennungen, Verletzungen, unerfüllten Lieben, festgefahrenen Ressentiments, familiären Feindschaften, begrabenen Geheimnissen und Schicksalen, die bereits von einer stillen Fatalität vorgezeichnet scheinen. Es liegt etwas zutiefst Französisches in dieser Art, eine Feier in eine kollektive Abrechnung zu verwandeln, doch Honoré vermeidet gefällige Auswege. Das Jahr 1978 erscheint nicht als nostalgische Postkarte einer Epoche, sondern als Moment sozialer und moralischer Spannung. Die Figuren scheinen zwischen einer Generation zu schweben, die sich weigert zu verschwinden, und einer anderen, die allem entkommen möchte, was sie geerbt hat.
Die große Herausforderung des Films liegt in seinem Ensembleanspruch. Honoré versammelt eine Luxus-Besetzung aus einem Dutzend Stars, Darstellerinnen und Darsteller, die in der Lage sind, extreme Emotionen zu tragen und Zerbrechlichkeit mit Exzess koexistieren zu lassen. Namen wie Vincent Lacoste, Adèle Exarchopoulos, Paul Kircher, Noemie Abita usw. Alles scheint um einige Grade bigger than life zu sein.
Honorés Inszenierung sucht mitunter die Fluidität des Kinos, die beiläufige Beobachtung von Körpern und Gesten, treibt die Schauspieler bis an eine beinahe unangenehme Grenze. Manche Szenen scheinen um das Wort und die körperliche Konfrontation herum organisiert zu sein. Dieses Nebeneinander von Kino und Literatur erzeugt Momente enormer Intensität, ein wunderbares Gefühl von Exzess und Maßlosigkeit.
+ + +
Wer in diesem Wettbewerb die Goldene Palme gewinnen wird, das kann ich beim besten Willen nicht sagen.
Meine Goldene Palme ginge an James Gray für Paper Tiger.