79. Filmfestspiele Cannes 2026
Was man nicht sieht, muss man zeigen |
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| Ein wirklich großer Film: Everytime von Sandra Wollner | ||
| (Foto: Filmfestival Cannes 2026 / The Barricades Panama Film, Gregory Oke) | ||
»Scheiße ihr spinnt doch alle!« – Mellie, 10 Jahre, in »Everytime«
»Ein Film sollte nicht nur geschaut werden, sondern entziffert.« – Chris Marker
Es ist kein alltägliches Bild: Als man gegen Ende des Luxemburgischen Empfangs die abgeschlossene Zeltlandschaft zwischen der Flaniermeile Croisette und dem Strand der Bucht von Cannes, ein paar hundert Meter neben dem Festivalpalais wieder verlässt, werden die Gäste mit Handschlag verabschiedet – von Guy Daleiden, dem Direktor des »Film Fund Luxembourg«, höchstpersönlich. Das ist nur eine kleine Geste und vielleicht reiner Zufall, aber es würde einem bei einem
vergleichbaren Cannes-Empfang der Franzosen oder der Deutschen nicht passieren. Das möchte man mal sehen bei uns! Es liegt auch nicht etwa daran, dass zum Luxemburg-Empfang kaum Gäste gekommen wären – im Gegenteil dürfte selbst Darleiden die Hand am Ende nach ein paar hundert Verabschiedungen etwas wehgetan haben. Die Geste zeigt in einer letztlich von persönlichen Kontakten und Beziehungen geprägten Filmbranche vor allem: Luxemburg bleibt nahbar und hebt nicht ab.
Diese
wunderbare Niederschwelligkeit und Offenheit hat der Luxemburger Filmstandort auch bitter nötig. Denn auch wenn an der Côte d’Azur am Wochenende die Sonne am blauen Himmel strahlte, sind doch für die Kinobranche in vieler Hinsicht dunkle Wolken aufgezogen. Um die augenblicklichen Probleme, um Klagen und wirtschaftliche Sorgen in der Filmszene redete daher selbst vor der prächtigen Kulisse in Cannes niemand herum.
Am Ende stehen die Luxemburger auf der richtigen
Seite.
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Everytime von Sandra Wollner in der Sektion »Un Certain Regard« ist ein wirklich großer Film! Für mich bisher mit Abstand das Beste, das ich in diesem Cannes-Jahrgang gesehen habe. Ein reifer Film, ein Film, der alles, was er erzählt, über Bilder erzählt, ohne deswegen auf Dialoge zu verzichten; der ruhig ist, genau ist im richtigen Moment langsam, aber auch im richtigen Moment schnell, ohne aus dieser Langsamkeit oder Schnelligkeit einen Fetisch zu machen. Zugleich aber auch ein Film, der das Rätsel und die Rätselhaftigkeit an den Anfang stellt, ohne sich zu verrätseln, denn genau genommen ist die Geschichte, die Handlung, sind die Figuren und ist das, was formal und mit Bildern erzählt wird, ganz einfach.
Ein Kind verschwindet. Wie bei Antonioni ist eine Kameradrehung und eine vulkanische Insel der Punkt, an dem sich der Vertigo auftut. »Horror vacui« steht an der Zimmertür.
Man sieht schnell, dass Alltag und Beiläufigkeit dieses Familienlebens nur ein schöner Beginn sind, ein Scheinfrieden, dass Jessie, die ältere von zwei Schwestern mit alleinerziehender Mutter, niemals wieder kommt. Aber wie es dann geschieht, ist atemberaubend: Sie geht nachts noch mal heimlich aus
der Wohnung, sie fotografiert vorher ihre Schwester schlafend auf dem Sofa zweimal. Dann im Wald und auf der Straßenbahnschiene in Berlin geschieht nichts.
Aber oben auf dem Dach: »Man sieht nur leere Wohnungen« sagt sie, und dann: »Wo sind die denn alle?« Ein Moment der Leere, ein Moment der absoluten Stille und des Stillstands der Zeit. Ein Moment der Everytime.
Sie fällt oder stürzt und dann sehen wir ein Bild aus einem Computerspiel, dann geht alles über in eine spätere Zeit. Jetzt ist Jessie beerdigt, wir sehen ihren Grabstein; 2024 ist sie gestorben, die Mutter bringt Blumen.
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Ich weiß nicht, warum, aber schon vorher als sie auf dem Gleisbett stand, als sie durch den Wald ging, war immer wieder alles möglich in diesem Film – eine wunderbare Erfahrung von einer Latenz. Nicht etwa einer Bedrohung. Der Tod hier hat auch etwas Schmerzloses etwas, etwas Gutes, und man spürt, wann etwas passiert, bevor es passiert.
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Später auf dem Tempelhofer Feld. Grillen bei Freunden. Keine Trauer ist erkennbar. Zunächst jedenfalls. Da unternimmt der Film auch eine Absage an die Rituale der deutschen Fernseh- und Filmüblichkeiten. Aber um diese geht es hier nicht.
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»Horror vacui« steht jetzt nicht mehr an der Zimmertür. Jessies Freund Lux verliert dann die Fassung, heult: »es tut mir so leid! Ich wollte das nicht!«
Die Mutter geht den letzten Weg der Tochter. Dann sehen wir Birgit Minichmayr als Mutter auf dem Bett liegend und ganz langsam zoomt die Kamera heran. Warum dieser Zoom, was soll er uns sagen?
Leere?
Dann zeigt die Kamera nur das Rauschen der Blätter im Wind: Eines der schönsten Bilder in diesem Film, der auch ein Film der schönen Bilder ist.
Das, was man nicht sieht, das muss man zeigen.
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Dann fahren alle drei – Mutter, Tochter Melli (Shirin Keiling ist eine Offenbarung) und Exfreund Lux – plötzlich nach Teneriffa: »Was machen wir jetzt?« – »Urlaub!«
Aus Homevideos wissen wir, dass die Familie, als die tote Jessie noch klein war, schon einmal hier gewesen ist, im gleichen Hotel, dem gleichen Pool, in den gleichen Bergen wanderte. Eine Totenbeschwörung, ein Reenactment ihres Lebens.
»Scheiße ihr spinnt doch alle!« sagt Mellie
Und bald darauf ist Jessie dann plötzlich wieder da, als kleines Kind, aber mit roten Haaren – darauf wurde vorher angespielt. Jetzt wissen wir, dass selbst dies einen Sinn und eine Bedeutung hatte, wie alles in diesem Film.
Es folgt noch ein Schuss in die Sonne, die daraufhin quadratisch wird und eine Weile nicht untergeht; dann doch.
Vielleicht war, wie bei Camus, die Sonne schuld. Wer weiß?
Im Kino, jedenfalls dem von Sandra Wollner, ist alles möglich.
Ein mutiger, toller Film!
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»Everything is connected« – Chris Marker
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Ein ausgezeichneter, toller und ambivalenter Film ist auch Fjord von Cristian Mungiu im Wettbewerb:
Das Territorium der Mungiu-Filme ist bekannt: Der Clash von Glaubensvorstellungen, Ethnien, ideologischen Bezugssystemen, kultureller Werte und identitärer Barrieren. Im Grunde genommen sind wir in diesem Film nicht sehr weit entfernt von R.M.N. und Beyond the Hills, doch diesmal werden sind die Konflikte in einem Lönneberga-haften Dorf am Rande eines norwegischen Fjords angesiedelt, wo regelmäßig Lawinen abgehen: Eine Familie (rumänischer Vater und norwegische Mutter) mit tief verwurzeltem Evangelikalismus und deren rigider Erziehungspraxis kommt mit den säkularen und pseudotoleranten
vermeintlich kinderschützenden Kriterien in Konflikt, die in den Institutionen und in der lokalen Gesetzgebung gelten. Ein mutmaßlicher Fall von Kindesmisshandlung ist der Funke, der hier das Feuer der Fundamentalismen entfacht – aller Fundamentalismen, der einen wie der anderen Seite, auf das erneut der unerbittliche, aber auch bitter-ironische Blick von Cristian Mungiu zielt. In einem Film, der nicht gemacht ist, um irgendjemanden in seinen Überzeugungen zu
trösten oder den jeweiligen Gutmenschen recht zu geben, verschanzen sich fast alle in ihrem autarken identitären und autoritären Zirkel, ohne sich in eigenen Überzeugungen hinterfragen zu lassen.
Mungiu gibt keine Ruhe: Wir können entschiedene Verfechter einer säkularen Erziehung und einer zivilen Gesetzgebung sein, die Kinder vor familiärer Misshandlung schützt, doch wir können zugleich entsetzt sein über die entmenschlichte Praxis institutioneller Protokolle, die über
emotionale Bindungen hinweggehen und sich blind zeigen gegenüber den konkreten Umständen eines Einzelfalls.
Wir können uns jeder religiösen Überzeugung sehr fern fühlen und erst recht autoritären und patriarchalen Erziehungspraktiken, doch wir können nicht gleichgültig bleiben angesichts des emotionalen Schmerzes, den es für eine Mutter bedeutet, wenn ihr das Sorgerecht für ein Baby entzogen wird, das in den Fall gar nicht verwickelt ist, oder angesichts der rigorosen
Anwendung einer Vorschrift, die vom gesamten sozialen Konfliktgefüge abstrahiert.
Der Krebs der Fundamentalismen zerfrisst alles. Die Dialektik zwischen religiöser Toleranz und der Säkularität des Liberalismus, zwischen den konservativen Werten der traditionellen Familie und den Ideen »fortgeschrittener« Gesellschaften, zwischen evangelikalen Atavismen und dem puritanischen Progressivismus der nordischen Länder, zwischen kultureller Assimilation und dem Respekt gegenüber Minderheiten in deren Besonderheiten. Die impliziten Widersprüche in jeder dieser Dichotomien bilden das dichte und komplexe ideologische, kulturelle und religiöse Gewebe, das hier von der Kamera des Filmemachers seziert wird.
Mungius Bilder sind ruhig und transparent. In ihrem Inneren wird ein erbitterter und schmerzhafter Kulturkrieg ausgetragen, doch seine weiten Einstellungen lenken oder erzwingen unseren Blick nicht.
Die Kamera unterstreicht nichts und lässt uns frei, beinahe unaufhörlich zu schwanken zwischen unserer Identifikation mit einer bestimmten Ideologie und unserem emotionalen Schmerz angesichts ihrer gefühllosen Anwendung, zwischen unserer Ablehnung religiösen Sektierertums und den Rechten von Minderheiten. Ohne Didaktik oder Manichäismus irgendeiner Art befragt Fjord uns in unserer eigenen Vorstellung von Güte und stellt das selbstzufriedene gute Gewissen der Woke-Ideologien an den Pranger, ohne auch nur einen einzigen Millimeter Terrain an die traditionalistisch-reaktionären Ideologien abzutreten. Seine Bilder sezieren einige der entscheidendsten Konflikte, in denen wir in unseren westlichen Gesellschaften gefangen leben, und warnen uns vor den Gefahren, uns von in sich selbst verschlossenen Identitäten gefangen nehmen zu lassen – seien dies nun die uralten Atavismen religiöser Aberglauben oder die säkulare und kalte institutionelle Maschinerie eines kleinen und fernen norwegischen Ortes, beide zugleich bedroht von der Gefahr jener metaphorischen Schneelawinen, die im Begriff zu sein scheinen, alle zu begraben, gemeinsame Opfer gleichwertiger Blindheiten.
Ein herausfordernder und mutiger Film, der weder Rezepte noch Trost anbietet, sondern uns Fragen stellt und unsere Überzeugungen infrage stellt.
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Ich mag keine Vorhersehbarkeit. Es gibt Kritikerkollegen, bei denen man schon vorher weiß, dass sie die Filme von zum Beispiel Lisandro Alonso aus Argentinien und Valeska Grisebach aus Deutschland am allerbesten finden werden – dieser Typ der Filmkritik ist wahrscheinlich mein größtes Problem, das ich mit den Filmen der Genannten habe. Diese Art von Berechenbarkeit, dass bestimmte Elemente gepriesen werden und dass sie meistens gepriesen werden in der Verbindung mit
einer Verachtung für jede andere Art von Kino.
Das sind alles selbsterfüllende Prophezeiungen. Ebenso wenn ich am zweiten oder dritten Tag des Filmfestivals so einen Satz lese, der lautet: Fatherland ist schon jetzt einer der besten Filme des Filmfestivals. Woher weiß das die Autorin?
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Ein französischer Regisseur, der in Luxemburg lebt, schimpft auf dem Luxemburg-Empfang über die Quinzaine: »Da regiert vor allem militanter Aktivismus von Leuten, denen es nicht um das Kino geht.«
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I'll be gone in June ist der erste Langfilm von Katharina Rivilis. Es geht um eine junge Deutsche, Franny, die 2001 kurz vor dem Anschlag auf die Zwillingstürme als Austauschschülerin in New Mexico landet, im »Bermudadreieck«.
Der Beginn des Films knüpft an Paris, Texas an, indem er sich der Westernlandschaft dieses Grenzgebiets aus einer
Perspektive nähert, die zwischen Faszination und Fremdheit schwankt.
Diesen Blickwinkel hält die Regisseurin fast den gesamten Film hindurch aufrecht. Rivilis' Film ist eine Hommage an eine frühere Zeit, die analoge Zeit und die analogen Techniken der damaligen Epoche.
Auch ein Nachdenken über die USA. Die Regisseurin zeigt ein auch immer wieder mal unsympathisches Amerika, in dem sich die MAGA-Szene schon andeutet; zugleich ein Amerika, das vor allem verloren ist und an sich selber leidet, und in dem die einzelnen Menschen wiederum oft sehr sympathisch sind, und empathisch geschildert.
Vieles ist hoffnungslos; der amerikanische Traum ist vorbei.
Ein paar erhabene, poetische Momente: »Trinity«, ein blauer Sandsturm, blaues Sandmeer, romantische Autoren werden gelesen, voller Entsetzen auf den »The falling man« an 9/11 gestarrt.
Der Film mäandert ein bisschen, zeigt Coming of Age als Seiteneffekt von Ennui und Herumhängen.
Vor allem in der ersten Hälfte ist dies auch ein sehr genauer, empathischer Blick auf die USA. Mit Humor.
Und ein Film, der in dem es im Hintergrund um Krieg geht, um Hoffnungslosigkeit und darum, wie am Anfang des 21. Jahrhunderts die Träume dieses Jahrhunderts fast schon vorbei waren. Das Ergebnis erleben wir jetzt.
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Eines der anregendsten Debüts dieser Regard-Sektion – ein Film, der den jugendlichen Blick reproduziert, und sich mit neuer Energie in unterschiedliche Traditionen einfügt, sehr interessante visuelle Lösungen bietet, eine Regisseurin und eine Hauptdarstellerin einführt, die man im Auge behalten sollte, und das amerikanische Imaginäre aus europäischer Perspektive neu betrachtet.