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besprechung
fotoform und toni schneider

toni schneiders subjektive fotografie

eine ausstellung im fotomuseum
von 13.07.1999 bis 03.10.1999

Ist der „einsame Gegenstand“ wirklich Zentrum des Interesses der Gruppe fotoform gewesen? Als Sinnbild einer existenzialistischen Vereinzelung nach dem Krieg? Spricht aus ihnen symbolische Melancholie und Seelenstimmung?
1949 wurde die Gruppe fotoform gegegründet, als Reaktion auf die Ausjurierung zu einer Ausstellung in Neustadt, die, so ein zeitgenössischer Beobachter, sonst nur „kleinbürgerliche Überlieferung“ zu bieten hatte. Wolfgang Reisewitz, Peter Keetman, Siegfried Lauterwasser, Otto Steinert, Heinz Hajek-Halke, Christer Christian sowie Toni Schneiders wurden Mitglieder. Auf der photokina 1950 gelang der Gruppe der Durchbruch, ein Journalist bezeichnete sie gar als „Atombombe im Misthaufen“.

 



Toni Schneiders hat jetzt eine große Einzelausstellung im Fotomuseum des Münchner Stadtmuseum erhalten (bis 3.10.). Sein Werdegang kann als paradigmatisch für die übrigen Mitglieder angesehen werden. Als Fotografenmeister und Kriegsberichterstatter hatte er das Metier nicht nur von der Pieke auf gelernt, sondern es hatte ihn sogar während des Krieges begleitet. Nach dem Krieg pendelte er zwischen kommerziellen und freien Arbeiten. Orientierung bot einzig die Fotografie vor dem Krieg, auf die man sich denn auch ausdrücklich berief. Deren Schöpfer waren allesamt im Exil und kamen nicht mehr zurück.
Eine drückende Lücke klaffte in der Kunstlandschaft, die man nur durch Eigeninitiative füllen konnte. Die „zornigen jungen Männer“ schlossen sich vielleicht auch deshalb zu fotoform zusammen, weil sie innerhalb der Gruppe Halt suchten gegen die herrschende Orientierungslosigkeit. Dafür spricht, daß sie ihre Werke rigiden Maßstäben unterwarfen. Nur Bilder, die von allen Mitgliedern auf der Rückseite des Abzugs abgesegnet wurden, durften unter dem Gruppennamen ausgestellt werden.



Wie sieht sie aber nun aus, die fotoform-Fotografie? Karl Steinorth schrieb, ihr Ziel war das „geformte Foto“... Am besten erklärt die Intention vielleicht eine Aufnahme von Reisewitz: In ein stilles Studio mit einem konventionellen Aufbau für ein Stilleben bricht mittels Doppelmontage ein Treppenhaus mit aller Gewalt ein und wirft die räumliche Orientierung um, zerreißt die Stille, läßt die temperierten Lichtverhältnisse bersten. Die Bombe bringt die Kleinbürgerlichkeit zum Einsturz. Doch ist das Treppenhausrepertoire von den Tendenzen der 20er Jahre überkommen und stellt nicht eigentlich etwas neues dar.
Toni Schneiders Fotos sind weniger spektakulär. Sie erscheinen hin- und hergerissen zwischen figurativer Darstellung und formaler Konzentration. Die „Spiegelnden Scheiben“ von 1952 zeigen es: der Mensch hinter dem Glas verschwindet nahezu zu Gunsten der überbordenden Spiegeleffekte in der Scheibe. Zum Ausdruck der menschlichen Einsamkeit ging Schneiders nicht nahe genug ran. Das Fenster wollte er doch ganz aufnehmen, da geriet der Mensch ins Hintertreffen. Die formale Abstraktion wird aber von dessen schweigender Silhouette unterbrochen. Wie bei Reisewitz wendet man sich einmal diesem, dann wieder jenem Bild im Bild zu, und dieser Dualismus vermag die stilistische Unsicherheit nach dem Krieg am besten widerzuspiegeln.



Sein Selbstporträt von 1980 zeigt: Toni Scheiders hat diesen Weg der Bildfindung nie mehr verlassen und ihn zur Strategie entwickelt. Die Nachkriegsnot wurde zur Tugend, die heute wieder überkommen erscheint, zu Klassikern erstarrt, vielleicht aber auch nur, solange das farbfotografische Werk nicht mitausgestellt wird.

milena greif





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