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die neunte kunst

comic als kunst

anlässlich des münchner comic-festes im aktionsforum praterinsel

von 23.09.1999 bis 26.09.1999

Comics sind die neunte Kunst. So steht es in den Lexika geschrieben und seit 1969 auch in den Gesetzbüchern - ein amerikanisches Gericht hatte damals Zeichnungen von Mort Walker zur Kunst erklärt.

Doch was ist nicht alles Kunst? Wie jedes Medium vereint auch der Comic gute und schlechte Arbeiten und wenn man auch bestimmte Abenteuer-, Science Fiction- oder Westerncomics ohne Zögern als Kunst bezeichnen würde, gibt es wiederum Werke, für die man geneigt wäre, den Begriff Kunst-Comics einzuführen, weil sie formal das Genre transzendieren, dem sie aufgrund ihrer Handlung angehören. Das mag sich wie Haarspalterei anhören, es ist aber doch bezeichnend, daß die Comics, die unter diese Kategorie fallen würden, allesamt von der Sekundärliteratur als Kronzeugen angeführt werden, wenn es gilt, den Kunstcharakter des Sprechblasenmediums hervorzuheben. Da wird dann ein Jacques Loustal mit den deutschen Expressionisten verglichen, ein Richard Corben mit Caravaggio, es wird auf Joan Miros Adaption der amerikanischen Comicfigur Krazy Kat in einem seiner Gemälde hingewiesen und schließlich Lyonel Feininger zitiert, der immerhin einen eigenen Zeitungscomic gestaltete.

Kunst-Comics zeichnet vor allem eines aus: Die Verweigerung von stereotypen Darstellungen des Handlungsablaufs sowie der Charaktere, die so typisch für die an Zielgruppen orientierte Hefte-Industrie sind. So setzen die (in Ermangelung eines besseren Begriffs fortan Kunst-Comics genannten) Werke alles daran, mit den formalen Elementen des Mediums zu jonglieren, Szenarien ihres logischen Ablaufs zu berauben, Gestaltungsmittel experimentell einzusetzen und stilistisches Neuland zu betreten.

bilder-geschichte



Zum Beispiel Lorenzo Mattotti. Der 45jährige Italiener beeindruckt sowohl durch die Farbigkeit wie auch Ausgefallenheit seiner Bildgeschichten - mit Pastellkreide gestaltete Sequenzen, deren einzelne Panels als eigene Werke bestehen, so, als wäre Gemälde an Gemälde gereiht. Einer seiner jüngsten Comics, Caboto, versucht sich an das halb-legendäre Leben des Seefahrers anzunähern, mittels oft verschwommenen, von Texter Zentner meisterhaft kommentierten Bildern, die das wenige, was von Cabot überliefert ist, in eine Parabel von der Ambivalenz der Geschichte verwandeln (Edition Kunst der Comics). Mattottis lyrischer Erzählstil eignet sich besonders, um Belletristik zu illustrieren und so findet er sich denn auch in dem Sammelband Alice im Comicland (Edition Moderne), in dem Comickünstler Werke der Weltliteratur auf jeweils eine Seite komprimiert haben. Das funktioniert nicht immer - vieles gleitet in Slapstick oder schlichtweg ins Banale ab - aber die Anthologie versammelt eine Reihe von ZeichnerInnen, deren Oeuvre in die imaginäre Rubrik der Kunst-Comics fällt. Da wäre zum einen der schon zitierte Jacques Loustal, der seine Aquarelltechnik zu Meisterschaft und unverwechselbarem Markenzeichen perfektioniert hat. Zehn Jahre jünger als Loustal ist Thomas Ott (geb. 1966), dessen Schabtechnik auf schwarzem Karton nicht nur eine unkonventionelle Schwarzweiß-Aufteilung darstellt, sondern auch ganz auf auf Sprechblasen verzichtet und den Leser ganz der Dramaturgie der Panels ausliefert. Ott ist einer der wenigen Europäer, deren Geschichten in Art Spiegelmans legendärem Magazin RAW veröffentlicht wurden. Diese Comiczeitschrift, die von 1980 bis 1991 und damit parallel mit Weirdo, dem Undergroundblatt von Kultzeichner Robert Crumb und dessen Ehefrau Aline Kominsky lief, bot hauptsächlich Amerikanern ein Forum.

Ein Zeichner der ersten Stunde war Gary Panter, dessen Stil die Punk-Ästhetik mit Dubuffets art-brut vereint und für eine ganze Generation - auch europäischer - Künstler Vorbildfunktion hatte. Der Schweizer M.S. Bastian ist einer davon; er lernte Panter 1990 in New York kennen und führt sozusagen dessen Erbe in der Zeitschrift Strapazin, der europäischen Antwort auf RAW und wie dieses beinahe schon ein Synonym für Kunst-Comics, weiter. Die Literaturzeitschrift Schreibheft widmete übrigens Panter und dem Kunst-Comic allgemein eine äußerst lesenswerte Ausgabe: In Heft 51 (Rigodon-Verlag, Essen) lernt man nicht nur Derridas Meinung zu Comics kennen, sondern auch eine Anzahl interessanter Künstler, von denen Anke Feuchtenberger die in Deutschland noch am ehesten bekannte sein dürfte. Beispielhaft für ihren ornamentalen, schwermütigen Stil ist die Kurzgeschichten-Sammlung Die kleine Dame (Jochen Enterprises). Unbestrittener Meister seines Fachs ist auch Hugo Pratt (1928-1995), dessen knappe, aber ungemein poetische Bildgeschichten unerreichtes Vorbild vieler Zeichner sind. Mit Sein letzter Flug hat der große Italiener nicht nur Antoine de Saint-Exupery ein Denkmal gesetzt, sondern auch sich selbst ein würdevolles Epitaph auf sein Lebenswerk. Sicherlich inspiriert von Pratt, vom Epigonentum jedoch weit entfernt ist der Deutsch-Belgier Didier Comes (geb. 1942), der die Schwarzweiß-Kontraste noch drastischer als Pratt einsetzt und damit seine bevorzugtin ländlicher Isolation angesiedelten Dramen wie Die Wildkatze oder Eva (Edition Moderne) in ein schaurig- mystisches Licht rückt. Ein Seelenverwandter Comes’, wenn auch im Stil viel zeichnerischer, ist ohne Zweifel der unter seinem Vornamen veröffentlichende Andreas Martens: Die Rückkehr des Cromwell Stone erinnert frappierend an Gustave Dorés Stiche aus dem letzten Jahrhundert - eine ans Besessene grenzende minutiöse Schraffiertechnik, die von der säulenartigen Panelaufteilung noch gesteigert wird. Wesentlich nüchterner, aber nicht minder genial präsentiert sich Jaques Tardi, der sich in mehreren Comics mit dem Grauen des Ersten Weltkriegs auseinandergesetzt hat. Seine bedeutendsten Arbeiten schuf der auf dem Erlangener Comicsalon von 1998 ausgezeichnete Franzose jedoch mit seinen Adaptionen von Leo Malets Kriminalromanen um den fatalistischen Detektiv Nestor Burma. 120, Rue de la gare und Der Tote im Nebel sind perfekte Comicversionen des film noir, die das Paris der 40er und 50er Jahre meisterhaft einfangen.

leinwand-comic



Ein Kuriosum schließlich sind jene Comiczeichner, denen das eigene Metier wohl doch als zuviel Handwerk und zuwenig Kunst erscheint und die dann Leinwände bespannen, um ihre Kreationen als vergrößerte Einzelstücke feilzubieten. So geschehen bei Enki Bilal, dessen Comics ohnehin über jeden Verdacht der stereotypen Massenware erhaben wären - trotzdem übersetzt der gebürtige Bulgare seine Panels formal wie inhaltlich nur geringfügig verändert aufs "Kunst-Format" und übersieht dabei, daß jedes Medium seine eigenen Gesetzmäßigkeiten hat. Etwas übersehen wurde auch im letzten Beispiel zu diesem Thema: Beuys - der lächelnde Schamane ist der Versuch einer Comic-Biographie des großen deutschen Nachkriegskünstlers und reiht doch nur Lebensstation an Lebenstation aneinander, ohne den Versuch zu wagen, auch an einer Stelle in die Tiefe zu gehen, sei es mit Dialogen (in die Beuys weiß Gott genug Energie investierte), sei es mit Interpretationen oder Gewichtungen. Statt dessen plätschert Beuys’Lebensweg dahin und erinnert höchstens noch an die naiv-volkstümliche Form des Bilderbogens, in denen auch komplizierte Sachverhalte allgemeinverständlich dargelegt wurden - J.B. the folk hero...

armin mühsam





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