08.02.2018
IFFR 2018

Die unsichtbaren Stars des Kinos

Dana LInssen Jan Pieter Ekker
Johann Lurfs Zeitreise in den Weltraum

Rotterdam expe­ri­mental: auch 2018 war ein reicher Jahrgang // Johann Lurfs »★« erobert den Kino-Ster­nen­himmel

Von Dunja Bialas

Rotterdam hat zwar mit der Verschlan­kung seines Programms durch den seit drei Jahren amtie­renden Leiter Bero Beyer auch seine Expe­ri­men­tal­filme reduziert, darf sich aber immer noch größtes Festivals nennen, das auch die bran­chen­ferne Nische in den Blick nimmt. Das Tiger-Award-Kurz­film­pro­gramm schien dieses Jahr etwas gefäl­liger als in den Vorjahren, mit der Rotter­damer »Film­werk­plaats« aber hat das Festival in seiner Stadt eine wichtige Plattform analogen und vor allem auch expe­ri­men­tellen Film­schaf­fens, die im Mai auch bei den Kurz­film­tagen Ober­hausen vorge­stellt wird und im Oktober beim Münchner UNDERDOX Film­fes­tival gastierte.

Neu ist in Rotterdam eine eigene Abteilung für den mittel­langen Film, der auch schon seit ein paar Jahren vom im selben Zeitraum statt­fin­denden Max-Ophüls-Festival hoch­ge­halten wird. Hier fanden sich elabo­rierte Werke, wie Matjaz Ivanisins großar­tiger semi-expe­ri­men­teller Doku­men­tar­film Playing Men über männliche Spiel­ri­tuale im Mittel­meer­raum oder der am Ende leider etwas zu sehr nach Kunst ausse­hende Spielfilm La Torre von Sebastián Múnera über ein reales Bomben­at­tentat auf eine Biblio­thek in Medellín. Besonders erwäh­nens­wert ist La Muerte del Maestro des Ecua­do­ria­ners José María Avilés. Sein Debüt insze­niert im Stil des doku­men­ta­ri­schen »Direct Cinema« eine filmische Phantasie über ein Erdbeben, das sich im April 2016 in Ecuador ereignet hatte – mit Laien­dar­stel­lern, die sich selbst spielen, und dem wunder­baren dritten »stummen« Prot­ago­nisten Natur, der mal als aufzie­hender Orkan, mal als idyl­li­scher Garten alle Aufmerk­sam­keit auf sich zieht.

Sehr verheißungs­voll war zumindest der Titel von Leandro Listortis La Película Infinita, der »unend­liche Film«. Der Argen­ti­nier spürt in seinem Monta­ge­film einer unsicht­baren Geschichte des argen­ti­ni­schen Kinos mittels Frag­menten unvoll­endet geblie­bener Werke nach. Ein Film also aus Filmen, die es niemals gab, ein »cinematic Fran­ken­stein«, wie der Regisseur selbst sein Debüt beschreibt: ein aus toten Bildern künstlich geschaf­fenes Leben. Leider verhed­derte sich der Film im eigenen Konzept. Denn die Vorstel­lung, dass diese Bilder nie zu sehen waren, bleibt im Anblick ihrer Projek­tion recht abstrakt.

Sternen-Kino

Ebenfalls ein Montage- und Konzept­film, jedoch völlig über­wäl­ti­gend, ist der neue Film des öster­rei­chi­schen Expe­ri­men­tal­fil­me­ma­chers Johann Lurf, der in Rotterdam auf der größten Leinwand des Pathé-Kinos aufge­führt wurde. Mit seinem ersten Langfilm, der den rein graphi­schen Titel »★« trägt, stellte Lurf ein Werk vor, das von seiner Anlage her tatsäch­lich unendlich sein könnte – sofern man sich die Film­ge­schichte inklusive der films to come als etwas prin­zi­piell Unab­schließbares vorstellen kann: »★« ist Work-in-progress, kann jederzeit ergänzt und ausgebaut werden und also von Jahr zu Jahr länger sein.

Lurf reiht anein­ander: So wäre viel­leicht ganz unpoe­tisch seine Arbeits­weise zu beschreiben. Und zwar unzählige Found­foo­tages, die den Ster­nen­himmel zeigen, in chro­no­lo­gi­scher Folge ihrer Entste­hungs­zeit – der Abspann, der alle Filme aufzählt, ist fast fünf Minuten lang. Es ist ein gründ­li­cher Blick in die Film­ge­schichte jener anderen Sternchen und Stars, die hier wohl zum ersten Mal gebühr­lich Aufmerk­sam­keit bekommen. Der Film ist zugleich auch eine Geschichte der Special Effects, die immer ausge­buffter werden, je mehr die Zeit voran­schreitet. Die Geschichte der Sterne fängt realitv simpel an, mit gezeich­neten Ster­nen­sym­bolen (Edwin S. Porter, Three American Beauties, 1906), und einer Sternen-Kulisse, aus der wie Engel zwischen Wolken Gesichter hervor­bli­cken (Gaston Velle, Voyage Autour d’une Étoile, 1906), geht dann aber schnell über zu einem »wissen­schaft­li­chen«, objek­tiven Ster­nen­uni­versum und ersten räumlich wirkenden Fahrten in den Ster­nen­himmel hinein (Martin Rikli, Unend­li­cher Welten­raum, 1936). Auffällig ist, wie im Zuge des tech­ni­schen Fort­schritts die Vorstel­lung des Weltraums immer »bunter« wird – wo keine kleinen glühenden Sonnen mehr genügen, da muss es ein raum­er­zeu­gender viel­far­biger Ster­nen­nebel oder atem­be­rau­bende 3D-Effekte wie beim Vorspann zu den Star-Wars-Filmen sein.

Im Grunde genommen ändert sich aber nicht viel. Die Vorstel­lung, wie der Ster­nen­himmel oder das Universum filmisch darzu­stellen seien, bleibt im Durchgang der Jahr­zehnte relativ konstant. Die Sterne funkeln, viele befinden sich in langsamer Bewegung – eine der Kurio­sitäten, auf die Lurf im Gespräch aufmerksam macht: das ist, als würde man in die Zeit hinein­sehen können, denn tatsäch­lich bewegen sich die Sterne am Himmel, nur ist dies für das mensch­liche Auge nicht erfassbar. Durch so manchen Ster­nen­himmel (Kino-Früh- wie -Spätzeit) saust ein Komet oder Satellit, oft kann man das univer­sell bekannte Sternbild, den Großen Wagen erkennen, seltener zeigt sich Orion.

Die Ster­nen­himmel sind ganz und gar der Phantasie entsprungen, betont Lurf, die Film­ge­schichte habe auf astro­no­mi­sche Exaktheit verzichtet, und statt­dessen reprä­sen­ta­tive Himmel geschaffen. Auf sie konzen­triert er sich, niemals sind Horizonte oder sonstige Rahmungen des Bildes zu sehen. Seinen Eingangs­schnitt setzt er, wenn das letzte Stück Horizont verschwunden ist und sich der blanke Ster­nen­himmel zeigt, ebenso verfährt er für den Endschnitt. Es ist ein freier Blick aufs All, der Vergleich­bar­keit zwischen den vielen Film­schnip­seln schafft und Voraus­set­zung zu einer beschleu­nigten Zeitreise durch die Film­ge­schichte der Sterne wird.

Diese ist auch eine Geschichte über die gesell­schaft­li­chen Vorzei­chen, die propa­gan­dis­ti­schen Untertöne, die Gewiss- und Unsi­cher­heiten der Menschen. In den Film-Himmeln lasse sich die »Kolo­nia­li­sie­rung des Weltraums« ablesen, so Lurf, und auch die mediale Kolo­nia­li­sie­rung unserer Sinne durch den Special Effect und die immersive Bild-und-Sound-Erfahrung. Über die Tonspur, die Lurf parallel zu den strengen Bild­aus­schnitten ohne Rücksicht auf Bedeu­tungs­ein­heiten, also rein struk­tu­rell cuttet, offenbart sich so auch die jeweilige Ideologie der Zeit. »Was rings im Welten­raume leuchtet, sind alles Sonnen. Unge­zählte Millionen Sonnen«, raunt Martin Rikli in Unend­li­cher Welten­raum (1936) in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus. Meist steht der Space für die mensch­liche Erfahrung kosmi­scher Einsam­keit, im Kalten Krieg wird er zum Schau­platz des Wett­rüs­tens mit den Mitteln der Propa­ganda. Wieder­keh­rend sind über die Jahr­zehnte hinweg träu­me­ri­sche oder futu­ris­ti­sche Musik, oder die Disziplin des Mans­plai­ning: Onkel­hafte, wissen­schaft­lich tuende oder gott­gleiche, aukto­riale Erzähler erklären einem aus dem Off den Weltraum: »This is the universe. Big, isn't it? Thousands of Suns, millions of stars, separated by immense distances and by thin floating clouds of gaz.« Manchmal auch in der Vater-Kind- oder Mann-Frau-Konstel­la­tion, wobei der Mann erklärt und den Frauen und Kindern das Staunen über­lassen wird.

Das alles teilt sich ganz und gar unmit­telbar mit, der Film fächert sich in der Montage seiner Film­schnipsel selbst­er­klä­rend auf. Anders als andere histo­ri­schen Kompi­la­ti­ons­filme kommen­tiert Lurf so auch nicht, nicht durch die Auswahl, die er nicht selektiv, sondern konzep­tuell trifft, allen­falls noch über die Montage bei reich­hal­tigen Jahr­gängen, die eine kompo­si­to­ri­sche Anordnung zulassen. Und schon gar nicht gibt es hier eine Filmer­klä­rung aus dem Off, was sich so mancher film­his­to­risch arbei­tende Regisseur nicht verkneifen kann, um sein Wissen auszu­stellen. Das Ergebnis, »★«, ist ein umso erhel­len­deres Werk, in dem man selbst die Entde­ckungs­reise durch das weite Universum der Film­ge­schichte vollzogen hat. Ganz mit den Mitteln des Kinos.

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Offen­le­gung: Die Autorin ist Leiterin des UNDERDOX Film­fes­ti­vals.

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