28.06.2018
36. Filmfest München

Make Bavaria Great Again!

Lemkes Making Judith
Festivalleiterin Diana Iljine ließ sich bei der Pressekonferenz von den Herren der Politik einrahmen

Mit Filmen, VR & Games die Berlinale abhängen: Söders Drei-Millionen-Vision für das Filmfest München 

Von Dunja Bialas

»Bayern ist nicht nur ein Land der Tradition, sondern auch der Inno­va­tion.« Die alte Leier von Laptop & Leder­hosen – mit ihr begann Minis­ter­prä­si­dent Söder am vergan­genen Freitag die Vorstel­lung der »Neuaus­rich­tung und Weiter­ent­wick­lung des Münchner Filmfests« im Beisein von Festi­val­lei­terin Diana Iljine und Medi­en­mi­nister Georg Eisen­reich. Film war im weiteren immer auch »Medien«, in einem Atemzug: »Ich bin ein großer Cineast seit meiner Jugend. Deswegen ist mir Film- und Medi­en­po­litik von ganz beson­derer Bedeutung.« Die Film- und Festi­val­för­de­rung in Bayern unter­steht seit Söders Amts­an­tritt wieder der Staats­kanzlei, nachdem sie erst vor fünf Jahren dem Wirt­schafts­mi­nis­te­rium unter­stellt worden war. Er schuf dafür jetzt das neue Minis­te­rium für »Digitales, Medien und Europa«. Minister ist Georg Eisen­reich, zugleich auch der neue Aufsichts­rats­vor­sit­zende des Film- und Fern­seh­fonds Bayern (FFF), der obersten Verga­be­stelle für Film-, Games- und Festi­val­för­de­rung in Bayern. Ab Herbst 2018 wird er auch dem Aufsichtsrat der Inter­na­tio­nalen Münchner Film­wo­chen GmbH (Veran­stalter des Filmfests) vorstehen, wie am Freitag bekannt wurde. »Alle Bereiche in einer Hand«, hatte Söder seine Umstruk­tu­rie­rung im April ange­priesen. Minister Eisen­reich ist funk­tional wie ein Staats­se­kretär einge­ordnet und damit dem Minis­ter­prä­si­denten weisungs­ge­bunden. Woraus sich ableitet: Film- und Medi­en­po­litik ist von nun an Chefsache, alter­na­tivlos.

Ob das neue Vorhaben zum Filmfest also Leiterin Diana Iljine als »Antrag­stel­lerin« zu verdanken ist, wie Söder es darstellte, oder ob sie der »ganz eigenen Vision« von Söder folge, wie sie selbst sagte, wurde am Freitag nicht abschließend klar. Irgend­etwas dazwi­schen muss es gewesen sein. Der Wunsch nach mehr Geld für das Filmfest ging demnach einher mit einer Idee, die den »Ausbau, die Vernet­zung und stärkere Sicht­bar­keit« des Filmfests zum Ziel hatte. Sicher­lich war auch die Rede von den film­fernen »Elementen«, wie Serien, Games und Virtual Reality, die in der Vergan­gen­heit schon eine (Neben-)Rolle beim Filmfest gespielt hatten und jetzt zu »Säulen« ausgebaut werden sollen. Fern­seh­se­rien haben seit einiger Zeit beim Filmfest Premiere, als lizenz­freie Appetizer, im Bereich der Games habe es in der Vergan­gen­heit bereits Koope­ra­tionen mit der Games-Plattform Werk1 gegeben, so Iljine. Spuren dazu finden sich bei der Recherche im Internet aller­dings nicht.

Dafür findet sich, dass die Plattform, die auch »Games Bavaria« hostet, mehr­heit­lich in öffent­li­cher Hand ist. Zehn Prozent fallen auf die Stadt München, 26 auf den Freistaat Bayern und zwanzig auf die Baye­ri­sche Landes­zen­trale für Medien, die wiederum dem Staats­mi­nis­te­rium für Wissen­schaft, Forschung und Kunst unter­stellt ist. Dieser wiederum steht seit April 2018 die Gattin von Söder-Freund Marcel Reif vor; über die aben­teu­er­liche Spezl­wirt­schafts­amts­ver­gabe hat die frisch­ge­ba­ckene Minis­terin Marion Kiechle ausführ­lich in einer ARD-Talkshow Auskunft gegeben (ab Minute 27, einge­leitet von Giovanni di Lorenzos Worten: »Es gibt aber noch einen anderen Mann in Ihrem Leben«).

Alle und alles bestens vernetzt

Alle und alles also bereits bestens vernetzt. Auch »Games Bavaria« ist im Schul­ter­schluss von Staat und Wirt­schaft öffent­lich-privat getragen, mit kräftigen Finanz­spritzen aus dem FFF und der Baye­ri­schen Staats­kanzlei. Laut Website ist die »Mission«, die Bezie­hungen zu vertiefen und zu erweitern, innerhalb der »lokalen, natio­nalen und inter­na­tio­nalen Spiele­indus­trie«.

Ohne Mission und Vision geht es nicht. Söder weiß: »Wir haben in Bayern eine ganz besondere Grund­qua­lität, die andere nicht haben, die sich aus der Games­szene ableitet. Virtual Reality, Games­szene sind Rechen­mo­delle, zusätz­liche Kapa­zitäten, die für die künftigen Entwick­lungen von Filmen inter­na­tional eine große Rolle spielen können. Deswegen wollen wir neben der klas­si­schen Film­ent­wick­lung künftig auch genau dort einen Schwer­punkt setzen, in der Verschrän­kung von normalem Film und Virtual Reality und auch von der Möglich­keit dessen, was aus der Games­branche sich bereits an entspre­chenden Auflö­sungs­re­chen­ka­pa­zitäten…«

Auch wenn Söder seinen Satz nicht beendet, trauen wir ihm Fach­wissen zu. Denn er weiß auch, dass »Game of Thrones« und schon früher, Der Herr der Ringe, ohne VR nicht denkbar wären. Minister Eisen­reich hatte erst im Mai, also einen Monat nach seinem Amts­an­tritt, eine Reise nach Montreal unter­nommen, wo er der Firma »Rodeo FX«, verant­wort­lich für die Game-of-Thrones-Effekte, einen Besuch abstat­tete, die im September 2018 in München eine Filiale eröffnen wird. Die Online-Zeitung »GamesWirt­schaft« berich­tete: »Nun gehe es darum, weitere Unter­nehmen aus Film und Games zu über­zeugen, nach Bayern zu kommen. 'Bei uns finden sie ein offenes Ohr, den FFF Bayern als finanz­stärksten Förder­partner in den deutschen Ländern und ein Ökosystem erfolg­rei­cher, inno­va­tiver Unter­nehmen', so Eisen­reich: 'Bayern setzt auf Film und Games.'«

Wer also auch immer die Idee zur Auswei­tung des Filmfests zur Games- und VR-Plattform gehabt haben mag: Sie steht im Dienste der Ambi­tionen des Minis­ter­prä­si­denten und folgt der Agenda der Staats­re­gie­rung.

Was aber soll die ganze kritische Recherche? Wer sollte schon etwas dagegen haben, wenn sich Wirt­schaft in Bayern ansiedelt? Was, wenn nicht VR und Games, ist die Fort­set­zung von »Film« mit modernen tech­ni­schen Mitteln?

Das Medi­en­fest

Es darf fest­ge­halten werden: Es geht immer noch um das zweit­größte deutsche Film­fes­tival, das jetzt zum »Medi­en­fest« umgebaut werden soll. Was hier nach Plänen der CSU in Zukunft konkret geschehen wird, kann man sich besser vorstellen, wenn man guckt, wie Festivals das machen, die diese spezia­li­sierte Ausrich­tung bereits haben. Da gibt es zum Beispiel Places, Deutsch­lands erstes Festival für VR, das im April 2018 in Gelsen­kir­chen (NRW) erstmals statt­ge­funden hat. Die Fotos zeigen die Festi­val­be­su­cher mit der obli­ga­to­ri­schen VR-Brille – im Zustand totaler Verein­ze­lung. Natürlich sind alle fröhlich und gut gelaunt. Schließ­lich hat es ja was sehr Unter­halt­sames, Verblüf­fendes und auch Geis­ter­bahn­haftes, sich in die virtu­ellen Welten zu begeben. Man erinnere sich: Auch die unter dem Angriff der neuen Medien in die Defensive geratene Kunstform Film begann als Sensation für die Sinne auf dem Jahrmarkt.

Da kann man sich leicht darüber lustig machen. Realität aber ist, dass auch renom­mierte Festivals wie Tribeca oder Sundance dieses Jahr auf VR oder AR (Augmented Reality) gesetzt haben. Tribeca zeigte die virtu­ellen »Story­scapes« und »Exhibits« in der kompe­ti­tiven Sektion Tribeca Immersive. Sundance nannte seine VR-Sektion New Frontier at the Ray und bemühte damit für seine virtu­ellen Welten das Sied­ler­stich­wort der US-Landnahme. Auch hier: Fotos von sich selbst über­las­senen Menschen mit Brille. Workshops und Panels holen das dann wieder als Gemein­schafts­er­lebnis ins Programm zurück.

Die lukrative Möglich­keit, unter dem neuen Themen­feld beiläufig Firmen zu präsen­tieren und Sponsoren zu gewinnen, macht der Games-Bereich deutlich. Hier sind die Künst­ler­namen bereits durch die Firmen, die die Spiele entwi­ckeln, ersetzt.

Dass die Games jedoch beileibe nicht neu sind, und in den vergan­genen Jahr­zehnten eine ganz eigen­s­tän­dige Community entwi­ckelt haben, die sich unab­hängig von der Film­branche denken lässt, ist unschwer aus der Tatsache zu folgern, dass das renom­mierte Inde­pen­dent Games Festival in San Francisco bereits vor 20 Jahren, 1998, gegründet wurde, um unab­hän­gige Spie­le­ent­wickler analog zum Sundance-Film­fes­tival zu fördern. Den Bildern zu entnehmen, sitzt jeder für sich mit Head­phones vor Rechnern und gamt vor sich hin. Wer sich Fotos von der 3. Dreamhack in Leipzig ansieht, sieht erstens, dass es dies in Deutsch­land auch schon gibt, zweitens, dass das mit einem Film­fes­tival ungefähr so viel zu tun hat wie eine Fahr­rad­spei­chen­fa­brik mit einer Wieder­auf­be­rei­tungs­an­lage. Dabei tut die Messe alles, um sich als unkom­mer­zi­elles Festival zu tarnen: »Ausge­las­sene Festi­val­stim­mung, große Emotionen, strah­lende Sieger, spannende Turniere, über 18.000 Besucher, Zuspruch aus ganz Europa«, jubelt die Pres­se­mit­tei­lung über das »voll­ge­packte Event­pro­gramm«.

Make Bavaria great again!

Wieso soll sich das Filmfest verküns­teln? Es wäre dem Freistaat Bayern ein leichtes, ein eigenes, vom Filmfest unab­hän­giges Games-Festival zu gründen und mit den verspro­chenen drei Millionen Euro auf solide Füße zu stellen. VR gibt es ja schon längst auf Film­fes­ti­vals, das kann ohne Tamtam inte­griert werden.

Ums Tamtam aber geht es.

Söder, das machte er auf der Pres­se­kon­fe­renz unmiss­ver­s­tänd­lich klar, will die Neuaus­rich­tung des Filmfests in Konkur­renz zur Berlinale verstanden wissen. Das ist lächer­lich und zeugt von unend­li­cher Provin­zia­lität, die immer dann eintritt, wenn Bayern ein großes Rad drehen will. Mit den anvi­sierten 5,8 Millionen Euro Förderung (2,8 Mio derzeit von Stadt und Land, hinzu kommen drei Millionen vom Freistaat Bayern) kann es das Filmfest München kaum mit der mit 25 Millionen Euro ausge­stat­teten Berlinale aufnehmen. Die Berlinale ist zudem A-Festival und wird es mit dem neuen Leiter Carlo Chatrian vermut­lich schaffen, mehr als bisher die inter­es­santen Produk­tionen an Land zu ziehen.

Dagegen tritt Söder an: Bayern soll sich »beim Thema Film (…) nicht mit Platz zwei zufrieden geben. Wir sollten uns überlegen, da kompe­ti­tiver zu werden und voran­zu­gehen. (…) Wir haben in den letzten Jahren schon erlebt, dass es gewisse Tendenzen gab nach Berlin. Das Ziel ist nicht zu sagen: Wir wollen national stärker werden. Wir wollen als inter­na­tio­naler Standort zukünftig noch span­nender werden und eine Konkur­renz in einem eigen­s­tän­digen Bereich aufbauen.« Über das schlechte Image der Landes­haupt­stadt weiß auch der ehemalige Finanz­mi­nister bestens Bescheid: »München soll nicht nur eine Stadt des Finanz­platzes sein, der Glit­zer­türme und des Geldes.« Ihm gehe es um das »kreative Feeling« in der Stadt, das in der letzten Zeit etwas abge­nommen habe. »Wir müssen uns mehr Krea­ti­vität zutrauen!« Die inves­ti­ti­ons­freu­dige Games-Industrie ist für ihn da die wunder­bare Spagat­lö­sung.

Dass das alles politisch zu verstehen ist, und über das Thema »Filmfest« hinaus­reicht, machte dann folgende Äußerung von Söder deutlich: »Erst einmal sind wir norma­ler­weise immer freund­lich zu Berlin [lacht]. Wir sind in dem Thema noch freund­li­cher als in anderen Themen der Zeit. Es ist ein sport­li­cher Beitrag, keine Kampf­an­sage. Wenn ein großes Schlacht­schiff da fährt, und dann wird's wieder ein bisserl statisch, dann muss es an dieser Stelle ein Schnell­boot werden. Wir haben eigene Ideen, weil wir nicht so einge­fahren sind, das Ganze weiter­zu­ent­wi­ckeln.« Auf Dauer sei es schwer zu akzep­tieren, dass Berlin so unein­ge­schränkt die Nummer eins sei. »Bayerisch denken, heißt größer denken!«, tönte Söder. Und: »Geld schießt Tore!« Berlin möge sicher­lich arm und viel­leicht sexy sein. Bayern aber sei wohl­ha­bend! Und inter­es­sant!
Make Bavaria great again!

Womit man einen Blumen­topf gewinnen könnte

Dabei täte es dem Filmfest gut, gerade nach der Wahl der neuen Berlinale-Leitung, die mit Carlos Chatrian als künst­le­ri­schem Leiter und German-Films-Geschäfts­füh­rerin Mariette Rissen­beek klug gewählt wurde, tatsäch­lich ernsthaft über eine neue Rolle in der Festi­val­land­schaft nach­zu­denken.

Das Filmfest München sammelt als Publi­kums­fes­tival vor allem die wichtigen Filme der großen Festivals ein, was wir Münchner schätzen, weil uns teure Reisen erspart bleiben. Viele der Filme kommen dann bald auch ins Kino, so dass das Filmfest immer mit dem Image zu kämpfen hat, das Programm auch aus vielen Previews zusam­men­zu­stellen, wie es andere baye­ri­sche Sommer­fes­ti­vals auch machen, so das Fünf-Seen-Film­fes­tival oder auch die Münchner Film­kunst­wo­chen.

Der mitt­ler­weile gute Ruf des Film­pro­gramms begründet sich auf der von Neugier ange­trie­benen Arbeit der sechs Programmer, den Hommagen und den vom Publikum erst noch zu entde­ckenden unbe­kannten Filmen. Diesen »Nucleus« (Iljine) des Festivals weiter zu schärfen und als Allein­stel­lungs­merkmal hervor­zu­heben, könnte für das Filmfest lohnens­wert sein, um sich weiterhin im Gespräch zu halten – auch bei den an Film als Kunstform Inter­es­sierten, nicht nur der wirt­schafts- und stand­ort­ori­en­tierten Film­branche.

Vollzieht sich das neue Selbst­ver­s­tändnis jetzt aber zusätz­lich über filmferne Sektionen, wird sich viel­leicht die Branche für das neue Medi­en­fes­tival inter­es­sieren. Eine neue, junge Ziel­gruppe wird die Spiel­flächen stürmen, aber kaum in die Kinos drängen und dort den inter­na­tio­nalen Arthouse-Film entdecken. Der Film­sektor und das Kino hätten wenig gewonnen. Für alle anderen heißt es: das Rauschen der neuen Medien ausblenden und sich den Vorwurf gefallen lassen, sich die Scheu­klappen einfach unver­bes­ser­li­cher Cineasten anzulegen.

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