16.05.2018
71. Filmfestspiele Cannes

Engel des Todes

Der Leopard
Nein, das ist nicht unser Cannes-Korrespondent Rüdiger Suchsland, aber einer seiner bisherigen Favoriten: Under the Silver Lake

Verloren im Reich der Zeichen: Luis Ortegas abgrün­dige Gangs­ter­komödie und David Robert Mitchells L.A.Elegie – Cannes-Notizen, 7. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Our World is filled with codes«
aus: Under the Silver Lake

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Er ist ein Genie. Ein Schul­ver­sager und ein verwöhntes Mutter­söhn­chen. Nur für seine Mutter ist er ein Engel. Aber der 17-jährige Jüngling mit den vollen roten Lippen und den blonden Locken und dem harmlos wirkenden Gesichts­aus­druck hat es faustdick hinter den Ohren. Denn als Einbre­cher ist Carlos Robledo Puch hoch­be­gabt. Tagtäg­lich klaut er dauernd irgend­etwas, ihm fehlen offenbar alle mora­li­schen Grenzen und Werte.

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Der 38-jährige argen­ti­ni­sche Regisseur Luis Ortega erzählt in seinem Film El Angel, der beim Film­fes­tival von Cannes in der Neben­s­ek­tion »Un Certain Regard« läuft, die Geschichte dieses Carlos Robledo Puch abwechs­lungs­reich und mit viel Humor – Einbruch und Raub als schöne Kunst betrachtet, und ein sehr witziger, auch schriller Film, eine Gangs­ter­komödie mit mehr als einem Touch Almodóvar. Das knüpft in seiner Unbe­küm­mert­heit an die Nouvelle Vague an, die auch nach 50 Jahren noch immer das Maß aller Erneue­rung im Auto­ren­film bildet.
Je länger er dauert, um so mehr entfaltet El Angel aber auch eine andere Seite: Denn der junge Einbre­cher ist gar nicht so charmant, sondern auch skru­pellos und brutal. Irgend­wann wird er zum brutalen Mörder.
Carlos Robledo Puch gab es wirklich. In Buenos Aires wurde er 1972 verhaftet, brach noch einmal aus dem Gefängnis aus, um dann endgültig 1973 inhaf­tiert zu werden. Die Presse nannte ihn »den Engel des Todes«, denn Robledo Puch wurde nicht nur wegen über 40 Diebstählen verur­teilt, sondern auch wegen 11 Morden.

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Dem Regisseur gelingt ein gerade durch seine schein­bare Leich­tig­keit abgrün­diger Film, der in der Geschichte dieses jugend­li­chen Gangsters etwas Univer­sales findet: Die Willkür seiner Taten ist die eigent­liche Bedrohung, eine Willkür, die sich in kein ideo­lo­gi­sches Muster pressen lässt. Es ist die Willkür des Kapi­ta­lismus – die sich hier im Spiegel sieht. Denn der Kapi­ta­lismus ist selbst ein Engel des Todes.

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Cannes ist in Film­fes­tival der Etab­lierten. Der älteste Regisseur im Wett­be­werb ist der 87-jährige Jean-Luc Godard, einer der Gründer der Nouvelle Vague. Aber es ist auch ein Festival, in dem Stars gemacht werden, ein Festival der Entde­ckungen. Und natürlich reizt es in Cannes ganz besonders, diese neuen Namen und Stile zu entdecken.
Erstmals im Wett­be­werb ist zum Beispiel ein Ameri­kaner: David Robert Mitchell, der vor vier Jahren mit seinem Erstling, dem Horror­film It Follows, in der Neben­s­ek­tion »Semaine de la Critique« debü­tierte.
Sein neuer Film hat mit Horror gar nichts zu tun, dafür mit Mythen um so mehr. Under the Silver Lake, der gestern im Wett­be­werb Premiere hatte, ist ein sehr origi­nelles Kinowerk. Zwischen Phantasie und Realismus erzählt es von Sam, einem ziellos herum­hän­genden jungen Mann, der in seiner eigenen Welt der Erin­ne­rungen und popkul­tu­rellen Zitate lebt und Schulden ansammelt.
Er verliebt sich in seine schöne Nachbarin, doch die ist am Tag nach dem ersten Rendez­vous spurlos verschwunden.

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Sam versucht heraus­zu­finden, wo sie ist, und diese Suche verwan­delt sich zunehmend in eine Obsession. Wie ein Film-noir-Detektiv streift Sam – dessen Vorname natürlich auf Sam Spade anspielt – durch das Los Angeles der Gegenwart. Er besucht die Partys der Reichen und Schönen, und so zeigt der Film pracht­volle, eigen­wil­lige und extra­va­gante Schau­plätze und die diversen Merk­wür­dig­keiten des ganz normalen Wahnsinns im Ameri­ka­ni­schen Empire.
Man muss an Roman Polanskis Neo-Noir Chinatown denken, aber auch an Motive von Brian De Palma und die Filme von David Lynch. Denn dieses Amerika ist nicht zu hundert Prozent realis­tisch. Es ist ange­rei­chert mit popkul­tu­rellem Wissen, mit Voyeu­rismus und mit Paranoia.
So bietet Mitchell eine sehr schräge, hoch­un­ter­halt­same und intel­li­gente Innen­an­sicht unserer Gegenwart. Einer der aufre­gendsten und besten Filme im Wett­be­werb von Cannes. Man möchte ihn sofort noch einmal sehen.

(to be continued)

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