14.05.2018
71. Filmfestspiele Cannes

Die Stunde der Osteuropäer

Der Leopard
Sergeij Loznitsas Donbass eröffnete in Cannes die Nebensektion »Un Certain Regard«

Filme aus Polen und Russland – Cannes-Notizen, 4. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»In Poland you were a man. Here you are different.«
aus: »Cold War«

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Auch die wich­tigste Neben­s­ek­tion, »Un Certain Regard«, wird offiziell von Direktor Thierry Frémaux eröffnet. Sechs erste Filme laufen in dieser offeneren Reihe der »Sélection Offi­ci­elle«. Bei der Eröffnung stellte Frémaux zunächst die Jury vor, vor allem den Jury­prä­si­denten: »Benicio del Toro ist cinephil – und außerdem ein Mani­pu­lator.« Er liebe Jean Vigo und hoffent­lich mache er bald eigene Filme.
Del Toro fand noch schönere Worte: »Egal wo ein Film herkommt – we see ourselves, when we watch a movie, we escape, we will escape, when we watch... to find ourselves in the 18 movies we will see.«

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Der Eröff­nungs­film kam dann von Sergeij Loznitsa, Russe de sang et d'esprit, et avec un passeport ukrainien, wie Frémaux höchst­per­sön­lich vorstellte. Respek­tieren muss man, dass der Film erst vor sechs Wochen abgedreht wurde. Ein bisschen wurde das aber auch als Erklärung zur Schau gestellt, damit schlüssig begründet ist, warum Loznitsas knalliger Film im Gegensatz zu seinem letzten Spielfilm nicht in den Wett­be­werb geladen wurde.
»Ich will in Cannes sein«, sagte der längst in Berlin lebende Loznitsa auf der Bühne, auf die er mit fünfzehn Leuten gekommen war.

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»Why are you so sourfaced. Ich hab die Gesichter satt« – so der aller­erste Satz, als wolle der Regisseur manchen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen.
Donbass bietet keine geschlos­sene Handlung, sondern eine Aufein­an­der­folge lose zusam­men­hän­gender Szenen, die alle irgend­wann im Winter im Donbass-Becken spielen, jener mehr­heit­lich russisch bevöl­kerten Region, die sich von der Ukraine abge­spalten hat und seitdem in heftige Kämpfe mit der Kiewer Zentral­re­gie­rung verstrickt ist. Die Szenen sind mal nahezu natu­ra­lis­tisch, mal eine offene Farce mit Elementen schriller Satire, clow­nesker Slapstick oder schmerz­haft-unan­ge­nehmer Über­trei­bung: Einem Jour­na­listen wird ein Kübel Exkre­mente über den Kopf gekippt, ein ukrai­ni­scher Soldat wird an einem öffent­li­chen Pranger fast gelyncht, Laien­dar­steller spielen Opfer für die Fern­seh­nach­richten und derglei­chen mehr – was all diese Szenen vereint, ist erkenn­bare Misan­thropie, in der alle Menschen als hässlich und amora­lisch erscheinen, und die sehr einseitig und unkri­tisch pro-ukrai­nisch auf die Dinge blickt.
Ande­rer­seits wundert man sich ange­sichts der US-Südstaa­ten­flagge und anderer Symbole, mit welcher Noncha­lance Loznitsa auf die Dinge blickt.

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Aus Polen kommt Pawel Pawli­kowski. Sein Cold War, Favorit bei vielen an den ersten Tagen, fügt sich vor allem der Kunst­kon­ven­tion.
Der Film erzählt einer­seits wort­wört­lich vom Kalten Krieg, ande­rer­seits von einem Kompo­nisten und einer Sängerin, die sich in einem Propa­gan­da­mu­sik­chor kennen­lernen. Das wird ihre Liebes­ge­schichte über knapp zwei Jahr­zehnte, doch sie bleibt trocken, die sehr distan­zierte Amour Fou behauptet. Ich jeden­falls glaube kein Wort, finde alles Konzept-Kunst und eitles Filme­ma­chen.
Am Schluss wieder die übliche Miese­pe­trig­keit des osteu­ropäi­schen Films, verbunden mit dem Selbst­mit­leid der Polen. Selbst­mord, aber bitte nach katho­li­scher Hochzeit. Die Botschaft? Hätten das alle machen sollen?

(to be continued)

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