08.02.2018
artechock expanded

Klangkino: Der Urwald-Sound von Apichatpong Weerasethakul

Dana LInssen Jan Pieter Ekker
METAPHORS / Selected Soundworks from the Cinema of Apichatpong Weerasethakul (Foto: Sub Rosa)

»artechock expanded« ist die neue Veran­stal­tungs­reihe von »artechock« – das Magazin für Film und darstel­lende Künste wagt sich in den urbanen Raum. Den Anfang macht Pico Be mit einem Klangkino-Abend – präsen­tiert wird aus der Reihe »Selected Sound­works from Cinema« des belgi­schen Plat­ten­la­bels Sub Rosa das Album METAPHORS mit dem Dschungel-Sound des thailän­di­schen Regis­seurs Apichat­pong Weerasethakul
METAPHORS // 12.2.2018 // Favorit-Bar // 20-22 Uhr // Damen­stiftstr. 12 // 80331 München

Schweigt der Projektor, leuchtet der Tonarm – der Klang der Filme von Apichat­pong Weerasethakul

Von Pico Be

There's more to the picture
than meets the eye. (Neil Young)

Zuerst ist da Gezwit­scher und Gezirpe. Lang, kurz kurz kurz, lang. Zilp zilp. Morgen­grüße im Morse­al­phabet der Vögel. Hörst du derlei Geräusche, noch ehe sie sichtbar manifest werden – Geräusche ohne Bild – so musst du wo ganz nah dran sein, ja eigent­lich schon drin, drin in der Urwald­nacht von Apichat­pong Weerasethakul. In der alles nur ein Traumbild ist. Oder gab es ihn wirklich ... den Büffel? Wie er dich ansah, aber du von ihm nur die Silhou­ette sahst, Schat­ten­theater vor der Wald­lich­tung. Und viel­leicht tat der Büffel auch nur so, als würde er die Kamera sehen, als wollte ihn der Qualm vom Lager­feuer inter­es­sieren. Nein, der Büffel röhrt und büchst aus – ein Tier mit Charakter! Im Wald aber verbleibt das unheim­liche Wesen mit den roten Leucht­augen.

»Dawn of Boonmee« heißt der Track, der so vieles im Vagen lässt, zur frühen Geis­ter­stunde. Track? Haben wir gerade einen Track gehört? Aber ja doch, oder vielmehr: Eine erblin­dete Filmszene, übrig bleibt die Tonspur, rema­te­ria­li­siert im Format Schall­platte. Ohne Bild übernimmt eine Paral­lel­spur die Erzählung, und es kann passieren, dass es schnell um eine andere Geschichte geht. Die Spur ist nur eine von vierzehn Klang­geis­tern, die Weerasetha­kuls Tonmeister Akrit­ch­a­lerm Kala­ya­na­mitr und Koichi Shimizu zu einem Album versam­melt haben. Lang, kurz, lang lang, kurz kurz, undso­weiter, haben die Tonmeister gewis­ser­maßen einen neuen Film ange­ordnet, einen Film mit dem Titel Metaphors. Es ist aber weniger die Anordnung der Szenen, denn der Szenen Unsicht­bar­keit, die diesen Film beim Hören des Albums entstehen lässt. Szenen aus vier Lang­filmen, drei Instal­la­tionen (eine davon, »Fever Romm«, war im Dezember, als das Album auf die Welt kam, in der Volks­bühne zu erleben), der Studie »Mekong Hotel«, und einem Kurzfilm.

Die Wieder­ge­burt als Tonträger bringt zwangs­läufig alles Durch­ein­ander. Beglei­tete »Dawn Of Boonme« noch die eingangs beschrie­bene Opening–Scene von Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives (2010), so bekommt dieser auf den Metaphors erst Track­po­si­tion Nummer Drei zuge­wiesen. Zuvor verzau­bert thailän­di­scher Dream-Pop die Szenerie einer luftigen Spritz­tour: Der junge Soldat Keng und der Country–Boy Tong sind so glücklich inein­ander verliebt! »Straight« ist eines von zwei Stücken, die nicht aus sich selbst/aus der Film­ar­beit heraus entstanden, sondern als fertige Musik­stücke in die Filme einge­schmug­gelt wurden, als rein­ge­rut­sche Popmusik in Gestalt einer Tonträ­ger­kon­serve. Im Film abge­spielt, zieht diese eine weitere sublime Geis­ter­spur.

Und schon sind wir der perfiden Illusion vom Einklang aus Bild und Ton der Sound­works auf den Leim gegangen! Die Tier­geräu­sche, sie setzen sich zusammen aus unter­schied­li­chen Aufnahmen, von denen die Wenigsten auf der Bildspur »sichtbar« sind. Mal ist es Gril­len­ge­zirpe, das zu einer Sequenz hinzu addiert wurde, mal lassen sich Remix–Arbeit und die Raum­si­tua­tion eines Tonstu­dios vor dem geistigen Auge ausmalen – ist die visuelle Ebene erst einmal weg, offen­bahrt sie sich in viel­fa­cher Erwei­te­rung. Das Schnauben des Büffels wurde ganz woanders mitge­schnitten, als die Sequenz im Film uns glauben macht. An einem anderen Tag, an einem anderen Ort, einen anderen Büffel mikro­fo­niert, ein Büffel im Zoo – auch das Unkon­trol­lier­bare, Alea­to­ri­sche im Klang hier ist mani­pu­liert. Am Tollsten, der Track aus Syndromes and a Century (2006), dem ein Schiffs­horn als Grundlage dient, aufge­nommen aus einem leer­ste­henden Gebäude in Bangkok heraus. Ohne Hafen­blick, war das Schiffs­horn dort laut genug zu hören. Der Track trägt den Titel »Memory of the Future«.

Viel­leicht betreiben die Tonspuren in solchen Momenten einfach Höhlen­ma­lerei: Wie, wenn das Gestein das Gehölz des Urwalds draußen vor der Höhle beschreibt, derweil sich das Gehölz wandelt zu Gestein, das einst Gehölz gewesen. Das Tonstudio ist die Höhle, in der eine Explosion der Meta–Ebenen passiert. Dazwi­schen geistern die Lebewesen. Und alles gerät zu Musik.

Eine warme Unaus­weich­lich­keit gibt als Stimmung den Ton an, eine Stimmung, die schon in den Titeln der Filme steckt: Tropical Malady (2004). Intimacy And Turbu­lence, wie Syndromes and a Century ursprüng­lich hätte heißen sollen. Uncle Boonme... Lauter Idyllen, die umkippen müssen. Überall entspannte Vertraut­heit, die sich in der jeweils zweiten Hälfte in das Fremde, Unbe­kannte, wandelt. Das aber entgegen aller Hollywood-Konven­tion gar nicht unent­spannt wird, sondern ... einfach weiter­geht und bleibt, angenehm bleibt, während das Subjekt verschwindet. Uncle Boonmee sieht seinen Tod kommen im Wissen, dass sein Nieren­schaden von dem schlechten Karma herrührt, das ihm von früher anlastet, da er als junger Mann so viele Kommu­nisten tötete. Oder alles ist von Anfang an schon völlig jenseitig, gleich­zeitig aber beschrieben als Pracht, als Friedhof der Herr­lich­keit: In Cemetery of Splendour (2015) liegen die Soldaten den ganzen Film über im Tief­schlaf, auf der Paral­lel­spur der Trau­mebene. Es mag Leute geben, die das lang­weilig finden. Aber ich möchte glauben, dass es der über­wie­genden Mehrheit der Betrachter so ergeht wie mir: Einmal im Leinwand–Urwald abge­taucht, will ich da gar nicht mehr raus, auch wenn ich mich nicht mehr auskenne. Und nicht anders ist es nun mit diesen METAPHORS. Lange­weile ist da gar kein Kriterium, oder zumindest keines, das sich diesem Album entge­gen­stellt.

METAPHORS ist also ein sehr ange­nehmes Album. Und dennoch eine reich­hal­tige Heraus­for­de­rung: Die Film­geister, sind die nun da drin, und wenn ja, was mache ich mit ihnen, im Unsicht­baren? Wie das Unsicht­bare hörend heraus­holen? Es ist im Grunde ein Prozess, der an den Charakter des Hörer­leb­nisses der ebenfalls von »Sub Rosa« publi­zierten »Lost Shadows: In Defence of the Soul« (2015) heran­reicht; Aufnahmen, die David Toop 1978 in Venezuela machte, den Ritualen von Yanomami–Schamanen beiwoh­nend. Man muss sich beim Hören all das ausmalen, die Raum­si­tua­tion, in welcher das Ritual statt­findet, die Bedeutung der zu verneh­menden Laute, Beschwö­rungs­for­meln, nonver­bale Emana­tionen ... vor allem aber muss man sich das innere Auge der Schamanen vorstellen – sehen, was diese sich vorge­stellt und in ihren Visionen gesehen haben mochten.

METAPHORS ist Kunst, die nicht einfach konsu­miert werden will, vielmehr den Geist und die Sinne anspricht, den Körper beruhigt. Es sind Sound­works, die nicht konsu­miert werden können, da sie bereits konsu­miert worden sind. Sind also die METAPHORS ein Abfall­pro­dukt, gar Müll? Not exactly. Zumindest ich würde die Asche meines Onkels oder anderer Ahnen nicht gerade als Müll bezeichnen. Und natürlich handelt es sich, wie das bei Tonträ­gern so üblich ist, um ein Produkt für den privaten Gebrauch. Ein movie hingegen blüht auf, da er vom Projektor auf eine Masse losge­lassen, und imselben Moment in der sich­tenden Masse versenkt wird. Wenn der Projektor aber schweigt, dann heißt es für die METAPHORS erst: Film ab!

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»Metaphors – Selected Sound­works from the Cinema of Apichat­pong Weerasethakul«
(Sub Rosa 2017 / 71:22 min.)

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