31.08.2017
74. Filmfestspiele von Venedig

Ein Sieg auf Zeit über die Zeit

Lemkes Making Judith
Ein Blick zurück, der besser ist als der Trailer: Ernst Lubitschs Rosita, in einer neu restaurierten Version

»Pre-Inau­gu­ra­zione« mit Lubitschs Rosita. Auch sonst ist hier alles neu, damit alles so bleibt, wie es ist – Notizen aus Venedig, Folge 2

Von Rüdiger Suchsland

Dunkel­blaues Jackett, hell­blaues Hemd, in jedem Fall blau, dies ist der Dresscode für gutaus­se­hende, nicht nur ältere Herren. Der Diens­tag­abend ist in Venedig tradi­tio­nell der Abend der »Pre-Inau­gu­ra­zione«, der Voreröff­nung. Wer von den Akkre­di­tierten schon da ist, darf mit dabei sein, im Prinzip ist das aber ein launiger italie­ni­scher Abend für die Vene­zianer Bevöl­ke­rung, mit der der Sala Darsenna prall gefüllt ist. Es gibt ein paar Reden, von Gesamt-Biennale-Chef Paolo Barrata und von Mostra-Direktor Alberto Barbera, bei denen man sich gegen­seitig auf die Schultern klopft, was für ein tolles Festival das hier doch ist. Gezeigt wird da immer ein restau­rierter Klassiker, möglichst als Welt­pre­miere, bei Stumm­filmen mit live einge­spielter Musik dazu. Diesmal Rosita, der erste ameri­ka­ni­sche Film von Ernst Lubitsch, zu dem Baratta bemerkt, mit seinem Geburts­jahr 1892 sei er ja noch ein Jahr älter als die Biennale, und daran erinnert, dass sich bereits im Programm der aller­ersten Mostra, 1932, unter der Herr­schaft des faschis­ti­schen Duce Benito Mussolini ein Film des aus Deutsch­land emigrierten Juden Lubitsch befunden habe: Broken Lullaby. In Italien sind eben sogar die Faschisten etwas anders.

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Mit dem Remake von Broken Lullaby war übrigens erst vor Jahres­frist François Ozon im Wett­be­werbs-Programm der Mostra: Frantz.

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Bevor es los ging, wurde dann auch noch die Restau­rie­rung vorge­stellt, an der auch das Film­mu­seum München mitbe­tei­ligt ist, und die in diesem Fall vom New Yorker MoMa verant­wortet wird. So sieht man jetzt wenigs­tens mal, wie David Kehr aussieht: Typ altge­wor­dener Hippie, mit weißem Haar, freund­li­chem Gesicht, sehr ameri­ka­ni­sche, etwas slicke Ansprache voller Hymnen auf die Sponsoren.
Erst dachte ich, Kehr lobt das Enga­ge­ment von »arte«, als ich später den Abspann las, begriff ich, dass »RT« gemeint war, »Russia TV«, den man gerade in New York ja gern als einen Propa­ganda-Sender Vladimir Putins in die unseriöse Ecke stellt. Die RT-Betei­li­gung hat vermut­lich auch damit zu tun, dass man eine Kopie des verschol­lenen Lubitsch-Films erst 2001 in russi­schen Archiven wieder­ent­deckt hatte, ganze siebzehn Jahre dauerte die Restau­rie­rung.

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»Es gibt nichts Neues zu entdecken bei Lubitsch, aber es gibt immer noch etwas wieder­zu­finden.« – Mit dieser weisen Formel hatte Alberto Barbera das Publikum geschickt auf das Nach­fol­gende vorbe­reitet. Tatsäch­lich ist es kein sonder­lich inter­es­santer Lubitsch-Film, sehr angenehm anzusehen, und gerade in seinen (wenigen) Massen­szenen erstaun­lich souverän insze­niert, aber doch auch über weite Strecken recht ober­fläch­liche Kolpor­tage.
Alles spielt in einem ziemlich ausge­dachten Sevilla zur Zeit des Karnevals, der König ist ein Hallodri, der alles unter­schreibt, was ihm der Erste Minister so vorlegt, vor allem Todes­ur­teile, und der versucht, mit möglichst vielen Unter­ta­ninnen einen Lieb­schaft zu haben. Sein neuestes Objekt wird die Sängerin Rosita, ein Mädchen aus dem Volk. Zunächst gar nicht unwillig, werden die Verhält­nisse dann kompli­ziert, als sie sich in einen Grafen verliebt, der auch noch ein rebel­li­scher Vorkämpfer für Gerech­tig­keit ist. Es folgt eine ziemlich kompli­zierte Intrige, in der es zwischen echten und Schein-Hinrich­tungen, einer Hochzeit mit Unbe­kannten und den gegen­sei­tigen Winkel­zügen des Königs und der Königin derart durch­ein­ander hin- und hergeht, dass es am Ende tatsäch­lich fast zu einer Revo­lu­tion kommt – aus reinem Zufall und Miss­ver­s­tänd­nissen, den in Wahrheit ist hier keine Figur wirklich an der Verän­de­rung der Verhält­nisse inter­es­siert.
Auch privat nicht: Die Königin, die es einmal geschafft hat, den törichten Gatten zu über­listen, weiß, dass dies nur ein Sieg auf Zeit ist.
So ist dies einmal ein Lubitsch-Film mit erstaun­lich konser­va­tiver Botschaft: Die Frauen siegen. Aber es siegt auch die resi­gna­tive Einsicht, dass sich an den Verhält­nissen nichts ändern wird.

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Die Haupt­rolle spielt immerhin Mary Pickford, und es fällt nicht schwer zu verstehen, warum diese damals eine derart faszi­nie­rende Darstel­lerin war. Sie ist einfach quick­le­bendig, dynamisch und kraftvoll, das Gegenteil der äthe­ri­schen Engel und Drama-Queens des Stumm­films.

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In diesem Jahr ist alles Mögliche neu in Venedig. Und wenig wird besser. Zunächst einmal der Festi­val­trailer: In der ersten Folge hatte ich noch vom alten geschwärmt, nun flimmerte der neue über die Leinwand. Garniert von einer überaus banalen Musik sieht man in abstra­hiertem Schwarz­weiß kurze ange­deu­tete Ausschnitte aus Film­klas­si­kern: The Wizard of Oz, Chaplins Der große Diktator, King Hus Touch of Zen2001 von Kubrick, Taxi Driver und tatsäch­lich auch La La Land – eine ziemliche Geschmack­lo­sig­keit, die nach kurzem fassungs­losen Schweigen viele Buhs provo­zierte. Erbärm­lich ist vor allem die extrem ameri­ka­ni­sche Auswahl, ohne jedes Selbst­be­wusst­sein, zu dem das italie­ni­sche Kino doch Gründe genug hätte.

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Komplett neu sind auch große Teile des Bodens des Festi­val­pa­lais'. Hier hat man sich nicht lumpen lassen: Weißer Stein, wie in den zum Teil 80 Jahre alten Gebäuden, bedeckt den Platz. Vor allem hat das »Casino«, eines der Haupt­ge­bäude, endlich wieder jene Treppe, die Barberas Vorgänger Marco Müller hatte abtragen lassen, ihre jahr­zehn­te­alte Geschichte igno­rie­rend: Dutzende von Besu­cher­ge­ne­ra­tionen hatten sich dort verab­redet, gesessen, waren mit Filme­ma­chern und Stars ins Gespräch gekommen.

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Neu ist aber auch anders: Der für alle hier wichtige einzige große Super­markt auf dem Lido ist erstmals seit siebzehn Jahren komplett umgebaut und in ein weiteres schänd­li­ches Beispiel des modernen Kapi­ta­lismus verwan­delt worden: Weniger Raum, weniger Waren­aus­wahl, auto­ma­ti­sche Kassen ohne Menschen – eine Apoka­lypse!
Eher private Gewohn­heiten warf unsere Vermie­terin über den Haufen, denn auch die Wohnung ist umgebaut, und beweist, dass Italien das Land des Designs und der Schönheit eher in der Phantasie der anderen Europäer ist: Plastik ersetzt Stein, Zweck­mäßig­keit Einfalls­reichtum.
Immerhin eine Sache, auf die man sich halbwegs verlassen kann: In Venedig ist die Bar Maleti. Da gehen wir jetzt hin.

(to be continued)

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