02.10.2017
65. Festival Internacional de Cine de San Sebastián

Filmreisen in die Vergangenheit

Robert Schwentkes DER HAUPTMANN
Blick auf den Nationalsozialismus, wie man ihn noch nie gesehen hat: Robert Schwentkes DER HAUPTMANN

Ein vorläu­figer Abschlußbe­richt aus dem Basken­land – Notizen aus San Sebastián, Folge 3

Von Rüdiger Suchsland

»The past is a foreign country. They do things differ­ently there.«
aus: »The Go-Between« von Joseph Losey, 1972

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Das waren noch Zeiten, als einer wie Wolfram Schütte nach Cannes fuhr, und dann, ein paar Tage nach Ende des Festivals, seinen Bericht schrieb – den einen Festi­val­be­richt –, der dafür eine ganz Zeitungs­seite lang war, oder auch mehr, wenn es die Filme verdienten. Schütte, einer der besten und maßgeb­li­chen deutschen Film­kri­tiker der siebziger bis in die neunziger Jahre, erzählte mir das mal lächelnd, und im Bewusst­sein von Zeiten und Verhält­nissen zu sprechen, die sehr weit weg und heute kaum nach­voll­ziehbar sind. Er hob aber den Vorteil hervor, den die tiefere Reflexion hatte, das »sacken lassen« eines Eindrucks, der Vergleich der Filme mitein­ander, das Atemholen.

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Heute in unserer atemlosen Gegenwart bloggt man. Und das gerne. Es ist keine gelassene Analyse mehr, sondern eher ecriture auto­ma­tique, auch ein ehren­wertes Konzept. Die Filme schreiben sich selbst ein in den Geist und Leib des Autors, und man ist dann ein guter Kritiker, wenn man ihnen Raum gibt, sich durch einen zu entfalten – auch dies ist eine Form der Reflexion. So wollte ich eigent­lich in diesem Jahr aus San Sebastián einen täglichen Blog schreiben – das schei­terte aber schon am ersten Woche­n­ende auch mehreren Gründen, Zeit­mangel und eigene Unfähig­keit sind nur ein Teil davon.
Also werden wir am Mitt­woch­abend hier ein ruhiges, gelas­senes Post-San-Sebastián-Tagebuch veröf­fent­li­chen – denn geschrieben ist natürlich vieles, aber bisher nur in privater, vorläu­figer Form.
Aber immerhin eine erste Zusam­men­fas­sung einiger Höhe­punkte soll hier schon heute möglich sein.

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»Das gibt's nur einmal, das kommt nie wieder« – Lilian Harvey Lied, verboten zur Nazi-Zeit, aber unge­bro­chen populär, wird in diesem Film zum Horror­song: Es summt der Gefreite Willi Herold, als er, der Deserteur, in den letzten Wochen des Zweiten Welt­kriegs plötzlich einen leeren Wagen und darin die perfekte gebügelte Uniform eines Haupt­manns vorfindet. Kleider machen Leute, und so wird, als er sie anzieht, aus dem verzwei­felten, verlausten Landser im Nu ein Offizier. Anfangs zögert er noch beim Komman­dieren, doch bald verwan­delt er sich in einen schnei­digen Schleifer, geborenen Befehls­haber und fana­ti­schen Nazi. Und in einen Massen­mörder, der maro­die­rend übers Land zieht, und in einem Lager im Emsland über hundert Gefangene ermorden lässt.

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Eine Köpe­ni­ckiade ist dies auch, aller­dings eine ohne alle Nied­lich­keit, sondern aus dem wahren Leben des April 1945 gegriffen. Es ist die böse Wahrheit hinter dem volks­tüm­li­chen Kitsch des Der Hauptmann von Köpenick, eine abgrün­dige Geschichte über Unter­ta­nen­geist, deutschen Sadismus und den Zerfall aller Werte in den Jahren des Zivi­li­sa­ti­ons­bruchs unter den Nazis.

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Mit seinem Film Der Hauptmann, für den Kame­ra­mann Florian Ballhaus – der längst aus dem Schatten seines Vaters Michael getreten ist –, am Samstag beim Film­fes­tival San Sebastian den Preis für die beste Bild­ge­stal­tung gewann, wirft der deutsche Regisseur Robert Schwentke einen Blick auf den Natio­nal­so­zia­lismus, wie man ihn trotz hunderter Fernseh-Doku­men­ta­tionen und mehrerer Dutzend deutscher Spiel­filme noch nie gesehen hat: In Schwarz­weiß mit dem Mut zur Geschmack­lo­sig­keit – denn wie könnte man die Geschmack­lo­sig­keiten der Nazis noch irgendwie geschmack­voll zeigen, ohne die Opfer zu verraten? – voller Mut zum Hinsehen, mit gefrier­ge­trock­netem Humor und Neugier, dabei von Trauer und spürbarem Entsetzen ange­sichts des immer weiter galop­pie­renden Alptraums erfüllt, gelang Schwentke ein Film, der den Natio­nal­so­zia­lismus als die blutige Travestie, als Hoch­sta­pelei und den Ausbruch unter­drückter Triebe zeigt, der er war – endlich einmal ein Film aus Deutsch­land, der den deutschen Faschismus von seiner abstoßendsten Seite zeigt, ohne Nazis, die sich gepflegt arti­ku­lieren können, die irgendwie 'gute Gründe' für ihr Tun haben und ihn damit versteckt doch irgendwie recht­fer­tigt.
Das gibt's nur einmal, das kommt nie wieder, dass Triebe sich derart entfes­seln. So hofft man – aber sind wir heute noch sicher? Der Hauptmann macht klar, dass uns gar nicht so viel trennt – auch im Gegen­warts­deutsch­land gibt es den rassis­ti­schen, gewalt­be­reiten, macht­geilen Mob auf den Straßen

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Histo­ri­sche Stoffe waren Trumpf beim dies­jäh­rigen Festival in San Sebastian. Auch beim Haupt­preis, der nicht unbedingt ausge­rechnet an James Francos The Desaster Artist hätte gehen müssen, handelt es sich um eine Zeitreise – sie führt aller­dings nur 15 Jahre zurück in die Zeit, in der in Amerika wieder einmal der schlech­teste Film aller Zeiten gemacht wurde: »The Room« – heute ein Kultstoff. Franco formt daraus ein liebevoll-tragi­sches, aber auch ein wenig banales Portrait seiner Gene­ra­tion.

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Zwei der besten Filme des dies­jäh­rigen Jahrgangs stammten aus Frank­reich: Le Douleur von Emmanuel Finkiel geht zurück auf einige Motive der Aufzei­chungen aus den Jahren der deutschen Besatzung Frank­reichs, die Margue­rite Duras unter dem Titel »Der Schmerz« veröf­fent­licht hat. Nachdem ihr Mann, ein Wider­stands­kämpfer verhaftet wurde, nimmt die junge Schrift­stel­lerin Kontakt zur Gestapo auf. Regel­mäßig trifft sie sich mit einem hoch­ge­stellten Kolla­bo­ra­teur, und es entspinnt sich ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen zwei Feinden, die von einander faszi­niert sind, auch weil jeder den Anderen sofort töten könnte – ein atmo­s­phä­risch höchst dichter Psycho­thriller, und zumindest eine Stunde lang einer der aller­besten Filme des Jahres.
Le Douleur lebt von seiner bewegten, atmenden Kamera, von der Textur und Präzision der Ausstat­tung, aber auch von den großar­tigen Texten der Duras. Eine Moment­auf­nahme von zeitloser Gültig­keit.

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Denn Preis für den besten Nach­wuchs­film gewann Le Semeur, das Debüt der Französin Marine Francen, die bisher als Assis­tentin für Olivier Assayas arbeitete. Francen erzählt von einem Dorf in den Voralpen 1851. Eines Tages werden alle Männer verhaftet, die Frauen sind auf sich gestellt. Sie müssen nicht nur die Arbeit der Männer über­nehmen – sondern vermissen auch den Ehemann, Liebhaber und poten­ti­ellen Verlobten. Man schließt einen Pakt: Kommt doch noch ein Mann vorbei, wird man ihn teilen – und eines Tages geschieht es.
So geht es in diesem unge­wöhn­li­chen Film um Freiheit, die aus der Not geboren wird: Um Selbst­or­ga­ni­sa­tion, um die Soli­da­rität von Frauen in einer Männer­welt.
Auch dieser Film ist ein Beispiel dafür, dass die Vergan­gen­heit in diesen Kino-Filmen niemals auf ein Paradies der Erin­ne­rung reduziert wird.

(to be continued)

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