16.08.2017
70. Locarno

Glanz und Verfall

Lemkes Making Judith
Godards Grandeur et décadence d'un petit commerce de cinéma: Sinnbild für ein immer müder werdendes Festival von Locarno

Der neue Kino­pas­si­vismus: Der Haupt­preis für den chine­si­schen Doku­men­tar­filmer Wang Bing bestätigt eine gewisse Tendenz des Festi­val­kinos, Locarno-Blog, 5. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Dies war wohl doch der künst­le­risch aufre­gendste Beitrag im dies­jäh­rigen (Haupt-)Wett­be­werb der Film­fest­spiele von Locarno: Der brasi­lia­ni­sche Film As Boas Maneiras, was so viel wie »Gute Manieren« bedeutet, vom Regie-Duo Juliana Rojas und Marco Dutra. Im Modus des Horror­films versuchen sich die Regis­seure an der Geschichte verschie­dener Gren­züber­schrei­tungen: Ein Werwolf-Film, der geschickt die Muster des Horror­film-Genre benutzt, um Gren­züber­schrei­tungen und Meta­mor­phosen zu erzählen. Es geht um Ana, eine Frau aus der reichen Ober­klasse, die ein Kinder­mäd­chen aus armen Verhält­nissen anheuert, weil sie schwanger ist und sich auf die Geburt vorbe­reiten will. Die beiden entwi­ckeln eine überaus enge Beziehung – und als Ana einen kleinen Werwolf zur Welt bringt, nimmt sich die Bediens­tete des Geschöpfs an und versucht es zu schützen – Rose­ma­ries Baby lässt grüßen. Der Film gewann den Spezi­al­preis der Jury. 9 Finger, ein surrealer Thriller des Franzosen F.J. Ossang, erschien manchen als Parabel auf die bürger­liche Gesell­schaft. Ossang wurde als bester Regisseur ausge­zeichnet.

+ + +

Das Tier im Menschen und Chimären zwischen Mensch und Tier waren ein unter­grün­diges, gemein­sames Thema vieler Filme des dies­jäh­rigen Locarno-Festivals. Sensi­bi­li­siert hatte dafür die Retro­spek­tive, die das Werk von Jacques Tourneur zeigte, das von »Katzen­men­schen« und »Leopar­den­män­nern« bevölkert ist. Aber auch auf der Piazza gab es mit Chien einen Film, in dem ein Mensch zum Hund wurde, oder Der Mann aus dem Eis, in dem das Leben in der Jungstein­zeit oft eher tierisch, als mensch­lich wirkt.

+ + +

Den Goldenen Leoparden von Locarno gewann, wie das bei Jury­ent­schei­dungen ja immer so ist, aber ein Film, der mit all dem nichts zu tun hatte. Fast mit Ansage ging der Haupt­preis an einen Film, der bereits von der Papier­form des Katalogs her zu den engeren Favoriten gehört hatte: Mrs Fang, ein Doku­men­tar­film über das Sterben einer an Alzheimer erkrankten alten Chinesin. Warum dieser Film? fragten sich viele, als der Preis bekannt gegeben wurde – aber die Erklärung liegt eigent­lich auf der Hand: Doku­men­ta­ri­sches hat gegen Fiktion in jedem Wett­be­werb schon mal gute Karten, und erst recht ein Werwolf-Stoff tut sich schwer damit, zu behaupten, er sei nach einer wahren Geschichte erzählt.
Vor allem aber ist der Regisseur der Chinese Wang Bing, ein alter Bekannter aus dem »Inner-Circle« des inter­na­tio­nalen Festi­val­be­triebs, der auch photo­gra­phiert und Instal­la­tionen macht. Sein Mrs Fang lief, wie andere Filme von Locarno auch, zuvor auf der »documenta 14«. Was eine neue Verbin­dung des Festivals zum Kunst­be­trieb zeigt.

+ + +

In einem eher schwachen Wett­be­werb, der zu dreizehn Spiel­filmen vier Doku­men­tars­tücke zeigte und einen Essay, der aus den Aufnahmen von Über­wa­chungs­ka­meras montiert wurde, ist dieser Preis zwar auch eine Mängel­an­zeige, die das eher schwache Gesamt-Niveau zusätz­lich hervor­hebt.
Abgesehen davon aber ist der Preis richtig ärgerlich: Denn Wangs extrem gedrehter, Geduld fordernder Darstel­lungs­stil aus langen, langsamen und weit­ge­hend ereig­nis­losen Einstel­lungen, kann sich zwar immer darauf berufen, das ja so halt das Leben ist – aber all das bringt das Kino und die Welterfah­rung nicht voran. Erst recht nicht die Absage an irgend­eine Geschichte, an irgend­eine Form von »Relevanz« – ich weiß schon, dass dies das Schimpf­wort unter den Lieb­ha­bern der Gegen­warts­kunst ist, aber genau hier sollten wir eine Debatte beginnen. Denn so abstoßend politisch korrektes Thesen­kino ist, so nicht minder schreck­lich ist sein Gegenteil: Die Leere und Lange­weile, die sich hinter »Realismus« und der Ausrede vom »genauen Hinsehen« tarnt, die Willkür und Bedeu­tungs­lo­sig­keit, die sich hinter der Verach­tung für Thesen­filme versteckt.
Der schnöde Akti­vismus der einen wird mit einem öden Passi­vismus beant­wortet.

Solche Filme wie der von Wang sind zwar glück­li­cher­weise untypisch für das Gegen­warts­kino, auch das von Locarno, aber er ist leider gar nicht untypisch für eine gewisse Tendenz des Festi­val­kinos, die in den letzten Jahren überhand zu nehmen droht.
Wangs Kino-Passi­vismus maskiert poli­ti­sche und narrative Ratlo­sig­keit, auch formale, und wirkt eher wie eine Ausrede, wie das Herum­drü­cken um den heißen Brei der poli­ti­schen oder welt­an­schau­li­chen Posi­tio­nie­rung. In einer Welt, in der im Namen der Religion Kriege geführt werden, in der zwei Stein­zeit­po­li­tiker einander provo­zieren wie bildungs­ferne Jungs im Sand­kasten, und in der im Namen der Sicher­heit und des Anti­ter­ror­kampfes nicht nur in China elemen­tare Menschen­rechte ausge­he­belt werden, ist dieses beflis­senes Kunstkino der in jeder Hinsicht falsche Preis.

+ + +

Der wohl inter­es­san­teste Film in Locarno stammte nicht von einem Nach­wuchs­re­gis­seur, sondern von dem innerlich jung­ge­blie­bensten Filme­ma­cher: Grandeur et décadence d'un petit commerce de cinéma von Jean-Luc Godard ist ein sehr humor­voller, sehr prophe­ti­scher Film, der den Verfall der Kinos, der Kunst und die tota­litäre Mach­tüber­nahme des Fern­se­hens schon vor 30 Jahren geahnt hat – und eine liebe­volle Hommage an den kurz zuvor zu früh gestor­benen Freund François Truffaut.
»Grandeur et décadence« – Glanz und Verfall, diese Formel enthält tatsäch­lich fast die gesamte Geschichte des Kinos – und des Festivals von Locarno, das in diesem Fall 70 Jahre alt geworden ist.

top