16.08.2017
70. Locarno

Deutsche Männer und ihre Probleme

Lemkes Making Judith
Jan Zabeils Drei Zinnen: the good father

Wozu nur, wozu? Bärte, Sport und sonstige touris­ti­sche Helden­taten – der deutsche Neo-Bergfilm auf der Piazza Grande – Locarno-Blog, 4. Folge

Von Rüdiger Suchsland

40 Grad waren es fast die ganze erste Woche in Locarno, und auch wenn man nicht gut schlafen konnte, und diesmal immer wieder traurig war, weil doch sehr viel an diesem Ort an den gerade verstor­benen Viennale-Direktor Hans Hurch erinnerte, machte das Festival Spaß. Das lag natürlich nicht zuletzt an den Tourneur-Filmen in der Retro­spek­tive, die sehr sehens­wert waren. Es stimmt: Wenn man auf so einem Festival am liebsten in die Retro­spek­tive geht, macht man es sich einfach – aber es hat ja seinen Grund, dass wir uns an vier, fünf Tourneur-Filme, die wir früher schon einmal sehen konnten, bis heute erinnern, an das meiste aus dem Locarno-Wett­be­werb und der Piazza vom Vorjahr aber bereits nicht mehr.
Die Preis­frage ist eher die, zu welchen unserer Gegen­warts­re­gis­seure – weltweit – in 50, 60 Jahren Retro­spek­tiven abge­halten werden, die irgendwen in ähnliche Begeis­te­rung versetzen?

+ + +

In einem merk­wür­digen Kontrast zu den Tempe­ra­turen standen viele der neuen Filme, vor allem die aus Deutsch­land. Beide Piazza-Filme spielten nämlich in Eis und Schnee, und auch Freiheit, der deutsche Wett­be­werbs­bei­trag, streift zwar alle vier Jahres­zeiten, die zentralen Ereig­nisse geschehen aber in einem grau-regne­ri­schen November.
Lena aus Frankfurt saß diesmal in der FICC-Jury der Kino­be­treiber, wo sie mit ihren Kollegen den mit einem schönen Namen verse­henen »Don Quixote-Preis« vergab. Den gewann dann Annemarie Jacir für Wijab.
Über Don Quixote hat übrigens der Schweizer Germanist Peter von Matt einen lesens­werten Essay geschrieben. Da folgt er den Spuren Don Quixotes, der seit vier­hun­dert Jahren alle Grenzen in Raum und Zeit sprengt und in der Literatur wieder verbindet, was die Politik an Gräben aufreißt. So vermisst Peter von Matt Europa neu: Als Raum der Inspi­ra­tion, dem aber stets ein anderes Europa, ein Raum der Macht und des Krieges, gegenüber­steht. Ein Plädoyer für ein politisch geeintes Europa, in dem natio­nal­staat­liche Grenzen immer unbe­deu­tender werden sollten. Wann gibt es auch so einen Film auf derar­tigem Niveau? Oder ein solches Buch über das Kino?

+ + +

Bereits am zweiten Tag sagte mir Lena: »Es ist furchtbar: Ich muss mir immer über die ganze Zeit irgend­welche beun­ru­higten Männer angucken.« Mit Freiheit konnte sie auch nicht viel anfangen, was ich schade fand, aber so ist es halt. Bei den anderen Filmen waren wir einer Meinung.

+ + +

Hoch auf dem Berg, da herrschen andere Gesetze. Da begegnen wahre Männer sich selbst, der Natur, »dem Schicksal« und jener »anderen Seite«, nach der von den Höhlen­men­schen bis zu den Hippies noch jedes Zeitalter auf seine Weise gesucht hat. Gerade im deutschen Film kommen die Berge und die ihnen offenbar inne­woh­nende »Reduktion von Komple­xität« (Niklas Luhmann) gegenüber den Niede­rungen des modernen Lebens in der Tiefebene wieder in Mode – allemal wenn man jene zwei deutschen Filme zum Maßstab nimmt, die dieser Tage beim Film­fes­tival von Locarno auf der Piazza Grande liefen: Jürgen Vogel ist »Der Mann aus dem Eis« in Felix Randaus fiktio­naler Einfüh­lung in das Leben jenes Mannes aus der Jungstein­zeit, der 5300 Jahre nach seinem Ableben aus dem Gletscher auftauchte und und als Ötzi welt­berühmt wurde, auch als Projek­ti­ons­fläche für Zivi­li­sa­ti­ons­flüchter aller Art. Um die spär­li­chen belegten Fakten herum haben Randau und sein Team eine ambi­tio­nierte Story erfunden, die uns allzu bekannt vorkommt: Damals waren alle Ökobauern, waren zwischen Schweinen und Ritualen eins mit der Natur. Dann wird die Familie von bösen Menschen hinge­met­zelt, und zuvor noch arg miss­braucht, und der Über­le­bende Ötzi muss zwischen Tode­s­trieb und Rachelust so etwas wie Verant­wor­tung lernen, bevor der Film ihn gnädig sterben lässt.

+ + +

Während der Versuch, sich der neoli­thi­schen Kultur zu nähern, oft unfrei­willig komisch ist, und Jürgen Vogels Spiel unter erfun­dener Primitiv-Sprache, Strub­bel­bart und kilo­schweren Fell­ge­päck im schlech­testen Sinne wuchtig wirkt, trösten immerhin die großar­tigen Bilder von Jakub Bejna­ro­wicz über die Ödnis dieser Chronik eines ange­kün­digten Todes hinweg.

+ + +

Die Frage »Wozu?« können aber auch die schönsten Bilder nicht tilgen. Das geht schon mit der Tätigkeit der Experten los, denn was nutzt es mir als Zuschauer, wenn Vogels Ötzi ein »Uh uh« macht, das mögli­cher­weise aus Exper­ten­sicht authen­tisch ist, im Gegensatz zu »Ah ah«, das sich auch der Regie­prak­ti­kant hätte ausdenken können? Dass die Hütten mit Rinde bedeckt sind, anstatt mit Stroh, und die Felle um Vogels Lenden vom richtigen Tier abstammen? Ein hervor­ra­gendes Beispiel für Aufwand an der falschen Stelle. Am Ende denkt man doch irgend­wann an die »Familie Feuer­stein«, an den Senta-Berger-Film Als die Frauen noch Schwänze hatten (1970), an Conan der Barbar und Am Anfang war das Feuer (1981), der noch der beste ist – selbst unter den besten Regis­seuren wird ein Stein­zeit­a­ben­teuer immer zu einer Art Trash.

+ + +

Natürlich »geht« der Film irgendwie beim Publi8kum, das mal etwas anderes sehen will, als eine »Terra X«-Folge. Dafür war er ja auch teuer genug.
Ich mag auch viele, die da mitge­ar­beitet haben. Aber ich geb's auch zu: Ich kenne Team­mit­glieder, die schon während der Dreh­ar­beiten hinter vorge­hal­tener ähnliche Gedanken äußerten.

+ + +

Eine zweite, auch seelische Glet­scher­land­schaft voller ausge­lutschter Mythen errichtet Regisseur Jan Zabeil (Der Fluß war mal ein Mensch). In Drei Zinnen verschlägt es eine Patchwork-Familie in die Dolomiten. Die Leute heißen so, wie nur Menschen in Berlin-Mitte oder im deutschen Film, nämlich Aaron und Tristan. Aha. Aaron (Alexander Fehling) möchte ein toller Stief­vater für Tristan werden, den Sohn seiner neuen Freundin, doch der kleine Ödipus macht es ihm nicht leicht. Eine ganze Weile ist der Film eine Art Alle Anderen auf der Berghütte, und mit Ödipus wie gesagt.
Man sieht eine Sexszene, wie gern in deutschen Filmen: Im Stehen, hart und an der Wand. Kann man ja auch besser filmen. Nicht zum Aushalten ist aller­dings, und jetzt müssen wir ganz genau erzählen, dass der Regisseur dann direkt vom Rammeln schneidet auf – na? Allen Ernstes Aaron beim Sägen mit der Säge. Was man sonst so macht auf der Hütte. Zicke-zacke. Und was passiert dann? Genau: Die Säge bricht. Allen Ernstes! Tolle Metapher, falls es eine sein soll.
Ein paar Film­mi­nuten später hören wir dann von der Mutter (Bérénice Bejo übrigens): »Tristan will, dass du die Geschichte vorliest.« Da glucksten wir am Piazza-Tisch, denn den Satz, der im Prinzip okay ist, hatten wir erst am Morgen gehört, in Freiheit. »Mit zweien beginnt die Wahrheit«, schrieb Nietzsche – zweimal der gleiche Satz, kommt aus dem Unter­be­wusst­sein: In deutschen Filmen müssen deutsche Männer offenbar besonders gute Väter sein, und dieses Gute-Väter-Sein und die innige Beziehung damit beglau­bigen, indem sie vorlesen.

+ + +

Noch ein paar Film­mi­nuten später gehen Aaron und Tristan ins Gebirge. Irgend­wann streiten und verlieren sich beide in den Bergen. Arons Bein bricht, das Handy geht auch kaputt, Mami kann man also nicht mehr anrufen, es ist ganz wie früher. Auf Wieder­finden und Jungs­ver­söh­nung am Lager­feuer folgt neue Pein: Beide streiten sich wieder, dann verschwindet der Junge im Nebel, Aaron robbt hinterher, das Bein ist ja gebrochen. Ein guter, aber schlecht geführter deutscher Schau­spieler spielt mit allen Manie­rismen Ächzen und Stöhnen und zugleich Bedeutung. Dann steckt Tristan im Eisloch, wie auch immer er da hinkam, dann fällt auch Aaron hinein – wir müssen das wie gesagt so genau erzählen, sonst glaubt man es nicht –, dann hievt Aaron den Jungen wie auch immer, irgendwie halt aus dem Eis – vermut­lich »in einer über­mensch­li­chen Anstren­gung«, wie man das im Wehr­macht­be­richts-Film­pro­gramm­hefte-Deutsch der fünfziger Jahre geschrieben hätte –, bleibt aber selber drin. Jetzt kommt Mami mit dem Suchtrupp, findet Tristan, der sagt aber nicht, wo Aaron ist. Der geht im Eisloch unter. Es folgt eine minu­ten­lange Tauch­partie bei Minus­tem­pe­ratur, die ein bisschen an Herzogs The Wild Blue Yonder erinnert. Auch das eiskalte Wasser und der fehlende Sauer­stoff kann dem Helden Aaron nichts anhaben, mit dem Kopf bricht der deutsche Dick­schädel irgend­wann durch die Eisplatte wieder an Luft und Licht – ob er überlebt, wissen wir nicht, denn jetzt ist der Film aus. Kaum 20 Sekunden Höflich­keitsp­plaus beendeten diesen Reinfall auf der Piazza.

+ + +

Beide Filme – sonst vor allem sport­liche Leis­tungen – einen merk­wür­dige Gemein­sam­keiten: Zweimal verzwei­felte Deutsche im aussichts­losen Kampf mit den Elementen. Zweimal der Berg als Schick­salsort, die Natur als harte Kulisse aus Eis und Fels, zugleich zur Heimat aus Nebel-Licht und Sonnen­schein roman­ti­siert. Eine solche Klischee­la­wine der Gegen­mo­derne hat im deutschen Kino eine lange Tradition. Schon Siegfried Kracauer schrieb über die Bergfilme der 30er Jahre, was sich auch über den deutschen Neo-Bergfilm fest­stellen lässt: »Helden mit unge­stümen Instinkten … Vergöt­zung von Glet­schern und Felsen … Blindheit gegenüber substan­ti­el­leren Ideen [die sich] in touris­ti­schen Helden­taten austobte.«

+ + +

Von den Bärten, die deutsche Männer in deutschen Filmen offenbar haben müssen, wollen wir jetzt gar nicht anfangen. Von dem ganzen Jungs­quatsch, dem Muskel­ge­quat­sche, dem Macho­kör­per­kram dieser Filme. All das erzählt vor allem von der offen­kun­digen Unsi­cher­heit des modernen deutschen Mannes, von der Angst, etwas falsch zu machen, vom Rückzug auf das Eigent­liche, das in den Augen der Macher wohl der Körper ist – denn vor »Verkop­fung« haben deutsche Filme­ma­cher und ihre Redak­teu­rinnen ja gerne Angst. Also über­frachtet man mit Testo­steron.

Beide Filme haben etwas seltsam Maßloses, beide nehmen sich viel zu ernst, beiden entgeht in ihrer voll­kom­menen Humor­lo­sig­keit, wie (unfrei­willig) komisch sie mitunter sind.

top