16.08.2017
70. Locarno

Irgendwann merkt man: Das ist nicht genug...

Lemkes Making Judith
Milo Raus Das Kongo-Tribunal

Phantome Afrikas: Milo Raus Reise ins Herz der Fins­ternis des Kongo-Kriegs; Locarno-Blog, 3. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Die alten waren schöner, aber die neuen sind bequemer«, sagt Verena ganz prag­ma­tisch und zutref­fend über das frisch­re­no­vierte Rex-Kino, wo die Retro­spek­tiven laufen. Tatsäch­lich ist das Rot der Sitze hässlich, das Kunst­leder geschmacklos, aber wenn das Licht ausgeht, laufen hier die besten Filme, und besser als die engen Plas­tik­schalen, in denen man auf der viel­ge­lobten Piazza sitzen muss, und die ab dem dritten Tag so stra­pa­ziert sind, dass sie während der Vorstel­lung zu Dutzenden mit lauten Knallen durch­bre­chen, sind sie allemal.

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»Verité et justice« steht über dem Saal, große Worte. Gezeigt wird vor über­vollem Saal Das Kongo-Tribunal. Da die Qualität der zwei Wett­be­werbe trotz einzelner High­lights, wie dem deutschen Beitrag, Jan Specken­bachs Freiheit, insgesamt eher mau war, fiel es um so leichter, sich in den Neben­reihen umzu­schauen. In der »Semaine de la Critique« lief dieser hoch­in­ter­es­sante Film vom Deutsch-Schweizer Milo Rau – warum eigent­lich nicht im Wett­be­werb, wo man doch dort vier­ein­halb Doku­men­tar­filme vorführte. Offenbar war Das Kongo-Tribunal zu wenig konven­tio­nell, und dem Schweizer oder Tessiner Touris­mus­ver­band, der hier natürlich auch nichts mitzu­reden hat, zu brisant.
Eine krasse Fehl­ent­schei­dung, schon in der Program­mie­rung, denn Das Kongo-Tribunal zog derart viele Zuschauer an, dass man eine Extra­vor­stel­lung ansetzte.
Milo Rau ist vor allem als Thea­ter­ma­cher ein Star – manche, mit denen ich sprach, teilten meinen Eindruck, dass Rau gerade selbst einiges dafür tut, zum neuen Schlin­gen­sief zu werden, jeden­falls in dessen Fußstapfen einer breiten Gren­züber­schrei­tung herkömm­li­chen Theaters zu treten. Auch Raus beson­deres Interesse für Afrika passt in dieses Bild.

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Raus vierter Film – nach Die letzten Tage der Ceau­cescusHate Radio und den Moskauer Prozessen –, doku­men­tiert zwei »Kongo-Tribunale«, die Rau im kongo­le­si­schen Bukavu und in Berlin aufführte. Dieses »doku­men­ta­ri­sche Theater« ist keine Bühnen­auf­füh­rung einer Vorlage im herkömm­li­chen Sinn, das Stück das dem zugrun­de­liegt, wird in den Staats­kanz­leien und Stra­te­gie­zim­mern der inter­na­tio­nalen Banken geschrieben und das Ergebnis gleicht mehr einer poli­ti­sche Fami­li­en­auf­stel­lung. Raus von der Berliner Editorin Katja Drin­gen­berg so geschickt wie elegant montierter Film füttert diese etwas trockenen, trotz realer Teil­nehmer, fiktiven Prozesse mit viel doku­men­ta­ri­scher Substanz.

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Wir erfahren viel: Ein schönes Statement kommt von dem Den Haager Richter, der sein Enga­ge­ment wohl auch sich selbst zu erklären sucht: »Ich hab Frau, Kinder, ein Haus, aber irgend­wann merkt man: Das ist nicht genug im Angesicht der Probleme.«
Die Rohstoffe des Kongo sind mehr wert, als die Reich­tümer von Europa und den USA zusammen. Das mora­li­sche Argument, dass sich hinter dieser sach­li­chen Fest­stel­lung versteckt, ist aller­dings stumpf. Denn der Kongo wäre das erste Mal, wo es um Gerech­tig­keit und nicht um Macht ginge.
Was bleibt? Das Berliner Tribunal macht die Weltbank und EU verant­wort­lich. Das scheint mir zu billig, zu erwartbar.
Ich hätte es gern gehabt, dass dieser Film länger geworden wäre, dass er zugleich sich auf weniger Personen konzen­triert und diesen Personen stärkeren Raum gegeben hätte. Zum Beispiel Miriam Saage-Maaß und Wolfgang Kaleck. Sie treten nur einmal auf, wirken da zu sehr als reine Stich­wort­geber.
Man hätte etwas mehr Hinter­grund­in­for­ma­tionen und Kontext geben müsse – so irrt der zuschau­ende Nicht­ex­perte gele­gent­lich durch den Faktend­schungel.

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Die Bilder sprechen immer wieder für sich in diesem Film. Das über­ra­schendste Resultat: Auch wenn manche Worte sich auf die Mitver­ant­wor­tung der globalen Konzerne und Welt­mächte konzen­trieren, wider­legen die Bilder solche einfachen Schuld­zu­schrei­bungen. Die große Leistung des »Kongo-Tribunal« ist die Erkenntnis, dass es die Groß­kon­zerne und anderen Ausbeuter aus dem reichen Norden gar nicht braucht: die Afrikaner beuten einander selbst am gnaden­lo­sesten aus, die verschie­denen Banden im Kongo massa­krieren einander auch ohne jede Anleitung aus dem Ausland. Hier ist Heimat der reine Horror.

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Trotzdem bleibt das Tribunal symbo­lisch, fiktiv, nicht auto­ri­siert, nicht fürs Recht, sondern für die Öffent­lich­keit. Ein Einwand ist das nicht, denn darin gleicht es der Kunst des Kinos.

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Die »Neue Züricher Zeitung« hält es trotz all dieser Qualitäten für nötig, Das Kongo-Tribunal zu verreißen. Und zwar schön ad hominem: Vom »umtrie­bigen« Rau ist schon in der ersten Zeile die Rede. »Was doku­men­ta­risch sein soll(te), ist zu grossen Teilen insze­niert. Diesem frag­wür­digen Trend im Bereich des Doku­men­tar­film­genres folgt auch Milo Rau, was in diesem Kontext besonders irritiert. Als Post­dra­matik wird seine Thea­ter­ar­beit auch bezeichnet. Ist das hier Post-Doku­men­tar­film? Nichts ist dem Zufall über­lassen, von den idyl­li­schen Land­schafts­auf­nahmen aus Ostkongo, welche den Frevel an dem Land und seiner Bevöl­ke­rung konter­ka­rieren und das Publikum gefühlig machen sollen, bis zu den pitto­resken tradi­tio­nellen Trachten der Frauen, die Rau in ihrer Schönheit und Farbig­keit immer wieder effekt­voll ins Bild setzt. Ist das nur der schöne Schein?«
Kaum zu glauben: Da wirft eine Film­kri­ti­kerin einem Regisseur vor, dass er seine Mittel souverän benutzt und nicht so naiv, wie sie es offenbar gewohnt ist, dass er nichts dem Zufall überlässt. Macht man das denn bei der NZZ?
Dass hier voraus­ei­lender Gehorsam gegenüber erwar­teten Leser­re­ak­tionen geistige Strippen gezogen hat, wollen wir mal nicht vermuten. Inter­es­sant ist aller­dings, dass die Autorin der NZZ eine Deutsche ist.

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In der Retro­spek­tive dann Timbuktu, den Jacques Tourneur 1958 gedreht hat. Ein Action­film, nicht weiter wichtig fürs Werk, aber amüsant mit seinen Klischees über »moslem uprising« und »holy men«, schon damals. Ameri­kaner, als Franzosen im Jahr 1940. »We are fighting a demon«, sagt ein Franzose. Antwort des von Victor Mature gespielten Ameri­ka­ners: »Phantoms don't use rifles.«

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