11.08.2017
70. Locarno

Kino der Beunruhigung

Lemkes Making Judith
Jacques Tourneurs Cat People

Versuch, das Unsicht­bare zu filmen: Psycho­logie und Schwarze Romantik gestern und heute – die Phantome der Gegenwart und eine Retro­spek­tive zum Werk des Regis­seurs Jacques Tourneur, des Franzosen im klas­si­schen Hollywood

Von Rüdiger Suchsland

»Wenn ich mir was wünschen dürfte, käm' ich in Verle­gen­heit...« – es ist die Stimme Marlene Dietrichs, unver­kennbar auf einer Aufnahme in späteren Jahren, die plötzlich das große, mit über 2000 Zuschauern gefüllte Fevi-Kino in Locarno füllt. Friedrich Holla­en­ders Lied über das »Heimweh nach dem Trau­rig­sein«, das die Dietrich bis zum Schluss immer wieder gern auf ihren Konzerten anstimmte, sang sie zuerst gegen Ende der Weimarer Republik, in Robert Siodmaks Der Mann, der seinen Mörder sucht, in dem ausge­rechnet Heinz Rühmann einen selbst­mord­ge­fähr­deten Ange­stellten spielt.
Der Berliner Jan Specken­bach hat den melan­cho­li­schen Song jetzt ausge­graben, und unterlegt seinen zweiten Film (nach Die Vermissten) an entschei­dender Stelle damit. Freiheit, mit dem am ersten Donnerstag beim Film­fes­tival von Locarno der Wett­be­werb um den Goldenen Leoparden gewann, könnte auch den Titel tragen: »Die Frau, die ihren Mörder sucht«. Johanna Wokalek spielt hier Nora, eine Anwältin, die von einem auf den anderen Moment alles hinter sich lässt: Mann, zwei Kinder, den hoch­be­zahlten Job und das gute Leben in Berlin. Sie tauscht es ein gegen ein prekäres Driften in eine imaginäre Nebel­win­ter­land­schaft zwischen Wien und Bratis­lava. Eigent­lich weiß man schon von Anfang an, worauf es hinaus läuft, wenn man die Donau sieht, die wie der Totenfluß »Lethe« aussieht, wenn Nora im Kunst­his­to­ri­schen Museum Breughels »Turmbau von Babel« ansieht und dann »Orpheus und Eurydike«, wenn immer wieder aus dem Off Purcells Dido die Arie »Rember Me« anstimmt.

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Die Musik des Films ist großartig, wenn sie auch gele­gent­lich zu deutlich als Kommentar oder Inten­sitäts­ver­s­tärker einge­setzt ist – ande­rer­seits passt das, denn um Inten­sität, die Suche nach ihr und die Angst vor ihr, geht es in Freiheit. In Bildern, die düstere Pracht mit beiläu­figem sozialem Kommentar vereinen, paral­le­li­siert er Noras einsame Reise, ihr Warten ohne Ziel mit dem Weiter­leben ihres Mannes Philip (wunderbar zwischen Satu­riert­heit und Zerbre­chen: Hans Jochen Wagner) und der Kinder. Der Film ist eine große Leistung, nicht allein weil er unter schwie­rigen Bedin­gungen mit wie üblich zu geringer Finanz­austat­tung entstand, sondern weil er seinen Figuren zur Seite steht, wie das selten der Fall ist, sie nie verrät, auch nicht wenn es schwer wird – ohne Frage war dies ein Film, der das Niveau, das man vom Wett­be­werb in Locarno in den letzten Jahren gewohnt war, klar über­schritt, und der bei der Preis­ver­lei­hung nicht leer ausgehen sollte.

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Von der moder­ni­sierten schwarzen Romantik bei Specken­bach führt ein gerader Weg zurück zum Schaffen von Jacques Tourneur, dem in Locarno die dies­jäh­rige Retro­spek­tive gewidmet ist.
Das Kino, das solle Eska­pismus sein, angenehme Ausflucht in künst­liche Welten, es solle den Leuten helfen, ihre Sorgen und Probleme zu vergessen. So sprach er als alter Mann, Mitte der 70er im fran­zö­si­schen Fernsehen.
Tatsäch­lich hat der Film­re­gis­seur Jacques Tourneur in seinen Werken aber oft das Gegenteil gemacht: Er brachte die Alpträume auf die Leinwand, das Unter­drückte und Verdrängte, sein Kino ist ein Kino der Beun­ru­hi­gung – dies aller­dings in stilis­tisch so anspre­chender und eleganter Weise, dass es genau der Kontrast aus Beun­ru­hi­gung und Verzau­be­rung, aus Verun­si­che­rung und Gebor­gen­heit war, der diese Filme so attraktiv machte.
Er war eine der merk­wür­digsten Figuren im an seltsamen Gestalten nicht armen Personal des Klas­si­schen Hollywood: Jacques Tourneur, der einzige Franzose, dem es als Regisseur dauerhaft gelang, in der Traum­fa­brik zu überleben – wenn auch manchmal eher schlecht, als recht.
Geboren 1904 zog er noch vor Beginn des Ersten Welt­kriegs mit seinem Vater, dem gleich­falls berühmten Stumm­film­re­gis­seur Maurice Tourneur, nach Kali­for­nien. In den späten 20er Jahren arbeitete er dann ein knappes Jahrzehnt in seiner fran­zö­si­schen Heimat, bevor er dann für die nächsten 30 Jahre in der ameri­ka­ni­sche Traum­fa­brik arbeitete.

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»And out of their west­in­dian island comes a tale of terror and Vodoo, of witch­craft an zombies..« Berühmt wurde er mit B-Movies: Kurz und schnell, so flink erzählt, wie gedreht, ohne bekannte Stars, erlaubten sie freieres Arbeiten. I Walked with a Zombie schrieb Tourneur mit dem deutschen Emigranten Curt Siodmak, es wurde der erste Zombie-Film der Film­ge­schichte.
Noch bekannter ist Catpeople, Katzen­men­schen, in dem sich eine junge Frau mit einem Panther iden­ti­fi­ziert – und zugleich ein Film, der überaus einfalls­reich, klug und visuell fesselnd das ewiges Thema vom Anteil des Tieri­schen im Menschen aufgreift und betrachtet, ebenso wie den Mythos von der Raub­tier­natur der Frau, der noch heute in den Fetisch­ge­stalten der »Catwoman«, und der kral­len­haften Femme Fatale nachwirkt.
40 Jahre später drehte Paul Schrader sein berühmtes Remake Cat People mit Nastassja Kinski in der Haupt­rolle und ganz im Geist des psycho­de­li­schen Glam-Punk, zu dem David Bowie den Sound­track beisteu­erte.

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Das Irra­tio­nale und die Vernunft, Aufklä­rung und der Glaube ans Über­sinn­liche prallen in Tourneurs Filmen immer wieder schroff aufein­ander. Immer wieder gibt es Gestalten, die an der Idee einer bere­chen­baren, kontrol­lier­baren Welt fest­halten, und immer wieder werden sie enttäuscht. Darum sind die Frauen, denen zumindest das kultur­his­to­ri­sche Klischee nachsagt, dem Emotio­nalen, Natür­li­chen und Über­sinn­li­chen näher­zu­stehen, immer die Über­le­genen in Tourneurs Filmen.
Denn Tourneur versuchte das Paradox: Er versuchte, das Unsicht­bare zu filmen. So sind seine Filme Beispiele für eine moder­ni­sierte schwarze Romantik, die im fran­zö­si­schen Film immer präsent war: Von Georges Franju über Jean-Luc Godard bis hin zu Luc Besson.

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Zugleich ist Tourneur auch der Begründer des »Film noir«,, jenes einma­ligen Genres, das Deutschen Expres­sio­nismus und kühl exis­ten­tia­lis­ti­sche Neue Sach­lich­keit in die USA impor­tierte und mit der Erfahrung des Krieges zu illu­si­ons­losen, »hard boiled« Dramen verschmolz düsteren, coolen, eisge­kühlten, zugleich stil­be­wussten Krimi­nal­ge­schichten, die dem Zeitgeist der Nach­kriegs­zeit der 40er und 50er Jahre perfekt entspra­chen. Bei Tourneur waren sie oft phan­tas­tisch. Der Gangs­ter­thriller Out of the Past mit Robert Mitchum, Kirk Douglas und Jane Greer ist Tourneurs Meis­ter­werk. Er handelt genau wie Freiheit von Sehn­süchten, und dem Wider­spruch zwischen dem Wunsch nach Inten­sität und nach Gebor­gen­heit, und es misslingt auch der zweite Versuch, ein Leben gelingen zu lassen – und die Menschen ergeben sich ihrem Schicksal: Dass die Vergan­gen­heit mächtiger ist, als die Gegenwart.

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Zu einem jener Erleb­nisse, wie man sie nur in so über­schau­baren Orten wie Locarno haben kann, kam es dann am Donnerstag nach der Vorfüh­rung dieses Films: Mit im Kino saßen da nämlich zwei ganz Große des europäi­schen Films: Claude Lanzmann und Olivier Assayas, die beide in ihren Filmen die gleichen Obses­sionen verfolgen, und den Geistern der Gegenwart wie Vergan­gen­heit Raum geben.

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