10.08.2017
70. Locarno

Papier ist geduldig, das Kino nicht

Lemkes Making Judith
Herzstück des Festivals in Locarno ist nicht die Piazza Grande, sondern die Retro. Dieses Jahr mit Jacques Tourneur, u.a. I Walked with a Zombie

Große Belie­big­keit bei gleich­zei­tiger Reizüber­flu­tung: Auf der Suche nach dem typischen Locarno-Film

Von Rüdiger Suchsland

Am vergan­genen Mitt­woch­abend wurde das Film­fes­tival von Locarno eröffnet – zum 70. Mal. Damit gehört Locarno zu den ältesten Film­fes­ti­vals der Welt. Unter den bedeu­tenden europäi­schen Film­fes­ti­vals ist Locarno in seiner Bedeutung das kleinste: Ein Festival, das vor allem auf den Nachwuchs konzen­triert ist. Das Programm des Festivals ist aber das zweit­größte: Über 300 inter­na­tio­nale Filme werden im Tessiner Kurort gezeigt. Welcher Film warum in welcher Sektion landet, ist selbst für Außen­ste­hende oft schwer nach­zu­voll­ziehen. So gibt es hier gleich zwei Wett­be­werbe, die sich weder in ihrem Profil noch in ihrem Niveau ernsthaft unter­scheiden: Den »Concorso Inter­na­zio­nale« um den Goldenen Leoparden und vier weitere Preise, sowie den »Consorso Cineasti del Presente«, der natürlich nicht minder inter­na­tional ist. Der beson­deres Reiz dieses zweiten Wett­be­werbs für die Filme­ma­cher liegt darin, dass hier drei Geld­preise im Wert von insgesamt 85.000 Schweizer Franken vergeben werden.

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Die ein bis zwei Filme hingegen, die allabend­lich auf der Piazza Grande laufen, jenem Ort, der den Ruf dieses generell ein wenig zu hoch gehan­delten Festivals begründet, nehmen an keinem dieser beiden Wett­be­werbe teil. Sie können aller­dings den Publi­kums­preis in Höhe von 30.000 Schweizer Franken gewinnen. Im Effekt schafft dieser Aufbau – zu schweigen von der »Semaine de la Critique«, wo auch noch zwei Preise vergeben werden – vor allem Verwir­rung unter den Betei­ligten wie unter Bericht­erstat­tern. Nach Selbst­dar­stel­lung des Festivals sei die Piazza das »Herzstück« des Programms. Das stimmt wohl vor allem im Hinblick aufs Marketing, denn hier entstehen die spek­ta­ku­lärsten Fotos. Aber wenn es dann der Leoparden-Wett­be­werb sein soll, der aufgrund desselben Kata­log­texts die gegen­wär­tige »Landkarte der Filmkunst« definiert, und sich durch Unab­hän­gig­keit auszeichnet, die bereit ist, »von der Industrie gesetzte Grenzen und Konven­tionen zu über­schreiten«, dann spricht man hier durch die Blume auch eine Wahrheit über die Piazza aus: Dort feiert nämlich die Industrie mit ihren Konven­tionen fröhliche Urständ. Und zwar ihre zweite Wahl, jenes Indus­trie­kino, das es nicht nach Venedig geschafft hat, und nicht Toronto bevorzugt.
Die »Cineasti del Presente« wiederum sollen der »Erkundung und Entde­ckung« verschrie­bene Filme sein, mit persön­li­cher und außer­ge­wöhn­li­cher Weltsicht. Bedeutet dies etwa, dass das im Leoparden-Concorso nicht zu finden ist? Schon wahr: Papier ist geduldig.
Doch wenn man als Filme­ma­cher, als Produzent oder Welt­ver­trieb die Wahl hat, wohin soll man seinen Film geben? Was ist »besser« für den Film? So fragen nicht wenige. Und es hat, das ist meine Erfahrung, vor allem mit dem Zufall zu tun, ob ein Film in Locarno aus der Masse heraus­sticht. Mit dem Zufall der Program­mie­rung und der zeit­gleiche Konkur­renz­ver­an­stal­tungen.

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Am ehesten an einem klaren Profil geschraubt und das Programm geschärft hat nur der Franzose Olivier Père, der von 2009-2011 Direktor von Locarno war. In dieser Zeit erschien das Festival am auto­nomsten, zugleich klarsten in seiner Programm­aus­wahl. Man wusste, was man zu erwarten hatte, und dass, auch wo es einen nicht sofort über­zeugte, eine kura­to­ri­sche Idee dahinter stand, über die sich zumindest sinnvoll und inter­es­sant streiten lässt. An der Cine­philie des Italie­ners Carlo Chatrian, der seit 2012 Direktor von Locarno ist, kann ebenfalls kein Zweifel bestehen. Trotzdem ist das Profil unter seiner Leitung weniger klar und wirkt insgesamt belie­biger.
insbe­son­dere hat er in den Program­mie­rungs­ent­schei­dungen, also der schieren Plat­zie­rung der Filme, keine richtig glück­liche Hand. Den Eröff­nungs­film – Noemie Lvovskys Demain et tous les autres jours, den ich selbst nicht sehen konnte – hatten alle, mit denen ich sprach, schon am gleichen Abend wieder vergessen.
Unver­s­tänd­lich auch, dass die gute Entschei­dung, einen Film der dies­jäh­rigen Jacques-Tourneur-Retro­spek­tive auf der Piazza zu zeigen – den so bril­lanten wie abgrün­digen I Walked with a Zombie – dadurch wieder ihren Effekt verliert, dass er erst am vorletzten Abend gezeigt wird, anstatt vielen Menschen Lust auf die Retro­spek­tive zu machen.
Gibt es den typischen »Locarno-Film«? Etwas, das besser hierher passt als irgend­wohin sonst? Eigent­lich nicht.

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Generell leidet Locarno unter einer großen Belie­big­keit mit gleich­zei­tiger Reizüber­flu­tung. Zusammen mit der alljähr­li­chen, zuletzt wieder stärker gewor­denen Uneben­heit des Programms, und krassen quali­ta­tiven Ausschlägen nach unten, erinnert das alles fatal an eine etwas kleinere, aber in char­man­terer Umgebung veran­stal­tete Berlinale.
Das geht nicht nur mir so. Im letzten Jahr habe ich mal diese Gespräche beschrieben, die hier unter allen möglichen, sehr unter­schied­li­chen Besuchern geführt werden – und zwar jedes Jahr aufs Neue. Man kommt trotzdem, weil der Ort schön ist, das Wetter prächtig und weil man hier eben arbeitet – wozu auch gehören muss, die Schwächen beim Namen zu nennen. Auch die Bericht­erstat­terin einer bedeu­tenden über­re­gio­nalen Tages­zei­tung bringt sich vor dieser Überfülle in die Gebor­gen­heit der Retro­spek­tive in Sicher­heit.

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Die Retro­spek­tiven gehören seit jeher zum Besten dieses Festivals – hier haben wir Minelli, Peckinpah, Preminger, den italie­ni­sche Unter­hal­tungs­film und das deutsche Nach­kriegs­kino gesehen. Sie sind für mich persön­lich der wich­tigste Grund, immer wieder nach Locarno zu kommen. Die dies­jäh­rige Retro beschäf­tigt sich mit Jacques Tourneur (1904-1977), dem seit den späten dreißiger Jahren wich­tigsten Franzosen im klas­si­schen Hollywood. Grund­sätz­lich dem B-Movie verhaftet, drehte Tourneur gerade in der Freiheit, die ihm diese billi­geren, weniger korrekten und kaum star­las­tigen Filme ermög­lichten, einige der besten und ästhe­tisch einfluss­reichsten Kinowerke seiner Zeit. Tourneur ist nicht zuletzt einer der Begründer des »Film noir«, jenes einma­ligen Genres, das Anre­gungen durch die europäi­sche Avant­garde aufgriff und sie mit den Erfah­rungen der tota­litären Dikta­turen, der Kriege 1914-1918-1922, des Spani­schen Bürger­kriegs 1936-1939 und dann des Zweiten Welt­krieges zu illu­si­ons­losen, exis­ten­tia­lis­ti­schen, enorm zeit­ge­mäßen Dramen verschmolz – bei Tourneur waren sie oft phan­tas­tisch, geprägt von seiner Faszi­na­tion für das Schwarz­ro­man­ti­sche, das Unbe­wusste, das Über­na­tür­liche.
Verschärft wurde das noch dadurch, dass Tourneur oft mit deutschen Filme­ma­chern zusam­men­ar­bei­tete, Emigranten, die vor dem Natio­nal­so­zia­lismus geflohen waren, und so auch das Film-Erbe einer spezi­fi­schen deutschen Tradition im Exil revi­ta­li­sierte: des Deutschen Expres­sio­nismus. I Walked with a Zombie schrieb Tourneur mit Curt Siodmak. Sein berühm­tester Film, Katzen­men­schen, wurde 1981 Vorlage für Paul Schraders Remake – mit Nastassja Kinski in der Haupt­rolle.

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Seit Donnerstag nun kämpfen 18 Filme um den Goldenen Leoparden – darunter auch ein deutscher Beitrag: Freiheit des Berliner Nach­wuchs­re­gis­seurs Jan Specken­bach. Zu der ganzen Reihe deutscher Beiträge, die noch zu sehen sind, gehören auch zwei, die schon einmal mitein­ander gemeinsam haben, dass es in ihnen kalt zugeht, und sie beide in den Bergen spielen: Drei Zinnen von Jan Zabeil und Felix Randaus Der Mann aus dem Eis. In einer fiktiven Erzählung versuchen Regisseur und Team dort offenbar, sich in das Schicksal und die letzten Lebens­wo­chen des vor 5300 Jahren in der Jungstein­zeit verstor­benen Alpen­men­schen »Ötzi« einzu­fühlen. Jürgen Vogel spielt den Stein­zeit­men­schen.
Mit Spannung erwartet wird auch Das Kongo Tribunal, bei dem der vielfach ausge­zeich­nete Thea­ter­re­gis­seurs Milo Rau nicht nur Regie führte, sondern auch das Buch schrieb. Der Film versucht, das unge­schönte Porträt eines der größten und blutigsten Wirt­schafts­kriege der Geschichte zu geben. Anhand zweier Tribunale werden die Gründe und Hinter­gründe eines Konflikts durch­leuchtet, der aufgrund der direkten oder indi­rekten Verwick­lung aller Großmächte unserer Zeit von manchen bereits als »Dritter Weltkrieg« bezeichnet wird und bis zu sechs Millionen Tote forderte.

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Wir warten gespannt darauf, das alles auf der Leinwand zu sehen. Denn Papier ist geduldig, das Kino nicht.

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