20.07.2017
Cinema Moralia – Folge 159

»Dreams are my reality«

La Boum
»Kontrollgang in die eigene Vergangenheit«: La Boum

Sophie Marceau, Luc Besson und der Computer, Monika Grütters, die FFA und das Sommer­kino – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 159. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Stimmt es, dass Sie persön­lich nicht einmal einen Computer besitzen?
Luc Besson: Das ist richtig. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich ihn bedienen sollte. Ich habe auch noch nie ein Video-Game gespielt. Ob Sie es glauben oder nicht: Ich schreibe all meine Dreh­bücher bis heute mit der Hand. Wort für Wort. Das gibt mir das richtige Gefühl für die Materie. Und ich habe viel­leicht sechs, sieben Jahre meines Lebens im Schnei­de­raum verbracht, aber ich könnte nicht einmal das Video-Schnitt­pult einschalten.

(im Interview mit der AZ, Ulrich Lössl)

»Monsieur Besson,, was bereitet Ihnen am meisten Spaß beim Filme­ma­chen?
Luc Besson: Das Verfassen des Drehbuchs natürlich! Ich setze mich an den Computer und schreibe: 2000 Raum­schiffe tauchen am Himmel auf. Dann überlege ich kurz und denke mir, Luc, das kannst du doch noch besser. Also lösche ich den Satz wieder und schreibe: 5000 Raum­schiffe tauchen am Himmel auf.

(im Interview mit der SZ, David Steinitz)

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In eigener Sache: Wer am Freitag vormit­tags Zeit und Lust hat, kann im »Neuen Arena« in der Hans-Sachs-Straße meinen Film Hitlers Hollywood über das deutsche Kino im Zeitalter der Propa­ganda nachholen, oder noch einmal sehen. Der Film läuft bereits morgens um 9.15 Uhr in einer Vorstel­lung für Schüler, danach ist dann Zeit zum Disku­tieren, oder an die Isar gehen.

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Es kann nicht immer für jeden gut laufen. Für die FFA war es keine gute Woche: Erst gab es die unge­wöhn­lich scharfe Schelte durch Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters. Grütters nahm die neuen film­po­li­ti­schen Leit­li­nien der FFA zum Anlaß für eine Lektion in Sachen kultu­reller Film­för­de­rung. Aus FFA-Kreisen wird dann immer betont, dass es ja »nur Leit­li­nien« seien, keine »Richt­li­nien«, und man müsse sich ja nicht unbedingt dran halten.
Weiterhin fragen sich viele, warum Grütters die FFA so grob anging – wo sie doch selbst deren Rechts­auf­sicht ist. Das hätte man anders lösen können. Oder hat es die Minis­terin versucht, und war geschei­tert?
Mögliche andere Gründe könnten sein, dass Monika Grütters längst weiß, dass sie nach der Wahl als Kultur­staats­mi­nis­terin gehen muss. Angela Merkel will Grütters offenbar als BKM loswerden. Das liegt, wie man hören kann, gar nicht an deren Film­po­litik, sondern an dem Desaster des soge­nannten »Kultur­gut­schutz­ge­setz«. Viele Künstler und Sammler sind deswegen aufge­bracht, machen der CDU die Hölle heiß. In Gesprächen wird über die »Arroganz« von Grütters und ihrer Nummer 1 im Minis­te­rium, Günter Winands geklagt, außerdem floss offenbar seit der Veröf­fent­li­chung des Gesetzes Kunst im Wert von über einer Milliarde aus Deutsch­land ab, weil die Sammler und Gemäl­de­be­sitzer der Regierung nicht trauen, ob ihr Eigentum wohl geschützt bleibt.
Eine andere Erklärung für Grütters öffent­li­chen Wutaus­bruch ist, dass er sich womöglich gar nicht in erster Linie gegen FFA Vorstand Peter Dinges richtet oder ihren Vorgänger Bernd Neumann im FFA-Verwal­tungsrat, sondern gegen Dinges' Stell­ver­tre­terin Christine Berg. Sie ist intern alles andere als unum­stritten, und hat die neue FFA-Leitlinie maßgeb­lich mitzu­ver­ant­worten.

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Anfang der Woche protes­tierte auch die AG VERLEIH (der 37 unab­hän­gige Unter­nehmen angehören) gegen die neuen Leit­li­nien. In der Meldung heißt es »Die AG VERLEIH – Verband unab­hän­giger Film­ver­leiher begrüßt die Kritik der Beauf­tragten der Bundes­re­gie­rung für Kultur und Medien, Frau Monika Grütters, an den neuen Leit­li­nien der Film­för­de­rungs­an­stalt.
Die Fixierung will­kür­li­cher Grenzen durch den Verwal­tungsrat in den veröf­fent­li­chen Leit­li­nien ist nicht nach­voll­ziehbar. Diese Grenzen spiegeln weder Effizienz, noch Wirt­schaft­lich­keit eines Filmes wieder. Ganz im Gegenteil, durch die Fixierung auf höhere Budgets in Verleih und Produk­tion ist der Rückfluss von Förder­mit­teln erfah­rungs­gemäß erschwert. Effi­zi­ente mittlere und kleine Filme mit ihrem ratio­nalen Verhältnis von Budget und Recoup­ment werden jetzt von vorn­herein ausge­schlossen, obwohl doch gerade hier die Kriterien Wirt­schaft­lich­keit und Effizienz erfüllt werden.«
Die Verleiher – im Vorstand sitzen Torsten Frehse, Hans-Christian Boese, Alexandre Dupont-Geis­sel­mann, Michael Höfner, Björn Hoffmann, Joachim Kühn – fordern, endlich zu veröf­fent­li­chen, welche Produ­zenten überhaupt Förder­gelder zurück­zahlen. Die FFA macht daraus bisher ein Geheimnis, offen­kundig vor allem, weil extrem wenig Geld überhaupt zurück­ge­zahlt wird, und weil große Firmen in der Vergan­gen­heit meistens so gut wie kein Geld zurück­ge­zahlt haben.
»Wir plädieren in diesem Sinne für Trans­pa­renz und fordern erneut und nach­drück­lich die Offen­le­gung aller bishe­rigen und zukünf­tigen Förder­rück­flüsse. Nur so ist die Möglich­keit zur Evalua­tion von Wirt­schaft­lich­keit und Effizienz im Sinne aller Markt­teil­nehmer gegeben.«

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»Die Film­för­de­rungs­an­stalt soll Struktur und kreativ-künst­le­ri­sche Qualität des deutschen Films sichern, also sämtliche Belange des deutschen Filmes unter­s­tützen. Wir bitten die Beauf­tragte für Kultur und Medien, Frau Grütters, daher, ihre Rechts­auf­sicht über die FFA tatsäch­lich auszuüben und darauf hinzu­ar­beiten, dass die Grund­sätze Wirt­schaft­lich­keit und Kultur sich auch in Zukunft in den Förde­r­ent­schei­dungen wider­spie­geln.
Ebenso erwarten wir, dass Filme mit Herstel­lungs­kosten von weniger als 2,5 Millionen Euro und weniger als 250.000 Besuchern bis auf Weiteres vom Abführen der Film­ab­gabe ausge­nommen werden, da diese Projekte mit Veröf­fent­li­chung der Leit­li­nien offen­sicht­lich nicht mehr dem Portfolio der FFA-Förderung angehören sollen.«
Der letzte Satz ist so lustig wie konse­quent: Warum sollten die Teile der Film­branche Abgaben für eine Förderung zahlen, die sie gar nicht bekommen können?

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Erinnern Sie sich noch? 1980 – da waren wir noch jung, zumindest jünger. 35 Jahre jünger, um genau zu sein. La Boum – die Fete hieß der Film dieses Sommers. Alle Jungs in der Schule waren in Sophie Marceau verliebt, ein paar Mädchen auch, die anderen wollten sie zur besten Freundin haben oder so sein wie sie: Hübsch, klug, cool. »Dreams are my reality« hieß einer der Filmhits, man tanzte »Schieber« dazu – und alle fragten sich, warum es in Deutsch­land eigent­lich keine solchen Partys gab, und auch keine solchen Eltern...
Ein Jahr später schon kam das Sequel Die Fete geht weiter, und so begannen für eine ganze Gene­ra­tion die achtziger Jahre nicht nur mit Nena und ihren »99 Luft­bal­lons« sondern auch mit La Boum und den schönen Augen von Sophie Marceau.
Diese Woche nun kehrt La Boum wieder zurück in die deutschen Kinos. Was wird das mit uns machen, wenn wir es wieder­sehen?

»Alte Filme sehen, das heißt einen Kontroll­gang durch die eigene Vergan­gen­heit machen.« sagte schon in den 1920er-Jahren Siegfried Kracauer, der als Film­kri­tiker so gut war wie als Film­his­to­riker. Nicht der Kontroll­gang ist hier das wich­tigste Wort, sondern die »eigene« Vergan­gen­heit. Denn jeder sieht ja seinen eigenen Film, erst recht in einem bestimmten Alter.
Und es ist eine manchmal sehr merk­wür­dige, aber auch sehr lehr­reiche Erfahrung, einen Film wieder einmal im Kino zu sehen, den man vor Jahr­zehnten geliebt hat. Manchmal wundert man sich, wie toll und niveau­voll damals doch noch das Kino war. Und manchmal ist man über­rascht über den irgendwie vertrauten Unbe­kannten, der man damals war. Wie doch die Zeit vergeht...
La Boum ist übrigens bei weitem nicht das einzige alte Filmwerk, das diese Woche auf Kino­lein­wand neu aufgelegt wird: Catherine Deneuve, die vom Alter her Sophie Marceaus Mutter sein könnte, und wie diese auch heute weiterhin eine der besten und best­aus­se­hensten fran­zö­si­schen Schau­spie­le­rinnen, spielt die Haupt­rolle in Belle de Jour – Schöne des Tages: Eine frus­trierte oder irgendwie frigide, aber auch einfach neugie­rige, gelang­weilte reiche Arzt­gattin, die sich tagsüber als Prosti­tu­ierte verdingt. In ihren Tagträumen, den eigent­li­chen Höhe­punkten des Films, wird die Deneuve ausge­peitscht, vom Personal verge­wal­tigt oder einfach ihre schnee­weiße Haut mit Dreck beworfen. Auch diese sarkas­ti­sche Gesell­schafts­komödie Luis Bunuels kommt diese Woche ins Kino – so Anfang August Die Reife­prü­fung, in der Anne Bancroft den blut­jungen Dustin Hofman verführt. Wenn diese drei Filme irgend­etwas gemeinsam haben, dann, dass es immer um irgendwie eman­zi­pierte selbst­be­wusste Frauen geht, die sich nehmen, was sie wollen.

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»Jede Einstel­lung ist da genau überlegt« sagte die etwas ältere Kollegin nach Belle de Jour. Ja? Stimmt das wirklich? Warum spielen sie dann manchmal so schlecht, so hölzern? Nicht Deneuve, aber andere. Belle de Jour ist eine seltsame Seher­fah­rung. Dafür, wie hoch der Film gehandelt wird, enttäuscht er ein bisschen. Die Bilder sind erlesen, der ganze Film sehr inter­es­sant. Auch vers­tö­rend, wobei man da erstmal eine Strecke auf den Film zugehen muss. Aber es »kickt« auch nicht richtig. Der Film stammt aus einer Zeit, die vorbei ist. So wie Thomas Assheuer in der Zeit mal geschrieben hat, dass man heute nicht mehr so denken könne, wie Ernst Bloch – ich wollte ihm das nicht glauben –, so kann man heute wohl keine Filme mehr machen, wie Bunuel. Womit natürlich noch nicht entschieden ist, ob das nicht eher gegen unsere Zeit spricht, und für 1967, dass man damals solche Filme machen konnte.

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Die Rückkehr der Klassiker ist also ein Trend und zeigt zugleich, was sich im heutigen Kino gerade grund­sätz­lich verändert: Früher sprach man von »Reper­toire« – da liefen auch 50 Jahre alte Filme ganz selbst­ver­s­tänd­lich jenseits von Film­mu­seen immer wieder in kommu­nalen und Programm­kinos und das über viele Wochen, so wie es überhaupt Filme gab, La Boum zum Beispiel, die über 30 oder mehr Wochen aufein­ander im gleichen Kino gespielt wurden.
Heute ist das völlig anders: Alles wird Event. Und die Aufgaben der Programm­kinos werden zunehmend von Film­fes­ti­vals erledigt – da läuft dann etwas »weniger main­strea­mige« Filmkunst oder eine klas­si­sche Retro­spek­tive und weil ein Festival angeblich es ein Event ist, gehen da auch Leute hin, die ein normales Programm­kino nie betreten würden.
Ein Event ist es daher auch, wenn jetzt La Boum und Belle de Jour wieder ins Kino kommen. Dieser »Wieder­auf­tau­chen der Klassiker«-Event fällt zusammen mit einem zweiten: Dem Sommer­kino, das bis in den September Gele­gen­heit gibt, unge­wöhn­liche Filme zu sehen. Manchmal sind es – wie in München – sorg­fältig kura­tierte kommunale Film­kunst­wo­chen, die nebenbei den Sinn haben, den geschätzten Programm­kinos ökono­misch über die Sommer­fe­rien zu helfen, manchmal ist es eher die Lust eines Verlei­hers oder Kino­be­trei­bers am Expe­ri­ment, manchmal einfach Frei­luft­kino.
Gemeinsam ist ihnen: Auch das Kino gibt sich im Sommer einen Ruck, es traut sich was, und seinem Publikum etwas zu. Wenn wir das auch in Zukunft weiter haben wollen, dann sollten wir selbst jetzt auch den Mut zum Expe­ri­ment mit uns selber haben und ins Kino gehen: In Belle de Jour, Die Reife­prü­fung, La Boum und alle anderen.

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.