13.04.2017
Cinema Moralia – Folge 154

Ein Filmfestival im Ausnahmezustand

High and Low
Um die Ecke denken beim Istanbuler Festival: Brothers of Silence

Kultur­kampf und Hexenjagd in der Türkei, die geschrumpfte Ufa, und Moritz de Hadeln als Berlinale-Ehren­prä­si­dent – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 154. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Let's not stop. Wait till we get out of town, when we can do ever­y­thing at once. Have a little meal, beer, a cigar. Go in comfort.«
»I can see you're a man who likes his pleasures.«
»Well, Franz, what else is there in life, I ask you?«
aus »Asphalt-Jungle«, 1950

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»Wo ist Euer Hirn, wenn ihr wählt? Achtet darauf.« – Ian McKellen, die britische Schau­spie­li­kone nahm kein Blatt vor den Mund, aber er gab auch keine plumpen Wahl­emp­feh­lungen ab, für das türkische Verfas­sungs­re­fe­rendum am kommenden Sonntag.
Der 78-jährige Ian McKellen, der in seiner Heimat natürlich ein Star am Theater mit Shake­speare- und Ibsen-Insze­nie­rungen und in sensiblen Auto­ren­filmen ist, dürfte dem breiteren inter­na­tio­nalen Publikum vor allem in seinen Rollen als Zauberer Gandalf im Herr der Ringe-Drei­teiler und als trau­ma­ti­sierter jüdischer Superheld Magneto in einem halben Dutzend X-Men-Filmen bekannt sein.
Nun war McKellen der Stargast bei der Eröffnung der dies­jäh­rigen, der 36. Ausgabe des Inter­na­tio­nalen Film­fes­ti­vals von Istanbul. Und zwar ein Stargast, der durchaus mit Bedacht ausge­wählt wurde: Denn McKellen ist auch ein enga­gierter Aktivist für die Rechte von Schwulen und Lesben, die gerade in den letzten Jahren in der Türkei des auto­ritären Präsi­denten Erdogan und seiner Isla­misten wieder stärkerer öffent­li­cher Ächtung und gele­gent­lich offener Verfol­gung und Hass-Verbre­chen ausge­setzt sind.
Auch dies, der Umgang mit Minder­heiten aller Art, steht auf dem Spiel im derzei­tigen Kampf um die poli­ti­sche Zukunft der türki­schen Republik, der beim Verfas­sungs­re­fe­rendum am Sonntag eine entschei­dende Wende erleben könnte.
So gesehen war es ein mutiger und politisch eindeu­tiger Schritt, McKellen in diesem Jahr einzu­laden.

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Die Unsi­cher­heiten der gegen­wär­tigen poli­ti­schen Lage schlagen sich auch in den Filmen nieder – und in der Tatsache, dass sich im Gegensatz zu früheren Jahren nur wenige inter­na­tio­nale Gäste, und so gut wie keine inter­na­tio­nalen Jour­na­listen nach Istanbul getraut haben. (So will ich es mal bescheiden formu­lieren. Ich könnte auch sagen: Wenn es sonst immer zehn bis 20 inter­na­tio­nale Pres­se­ver­treter gab, habe ich diesmal gar keinen getroffen. Ausnahme Klaus Eder, der als Gene­ral­se­kretär der FIPRESCI und in diesem Jahr Jury­prä­si­dent eine Sonder­rolle hat, und nicht für irgendein Medium berichtet.)
Da spielen Hysterie und unbe­rech­tigte Ängste eine größere Rolle, als die wirkliche Lage.
Um so aufmerk­samer blickt man auf dieje­nigen, die trotzdem den Weg an den Bosporus gefunden haben. Aus Deutsch­land gehören dazu Volker Schlön­dorff der seinen neuen Film »Return to Montauk« präsen­tierte, die Regis­seurin Ayse Polat, die in der Doku­men­tar­film­jury sitzt, die Regis­seurin Asli Öszarslan, die für drei Monate ein Künst­lers­ti­pen­dium vor Ort wahrnimmt, und der Filme­ma­cher Julian Rosefeldt.

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Rose­feldts clip­ar­tiges Expe­ri­men­tal­werk Manifesto erntete gemischte Reak­tionen: Auf den ersten Blick scheint es extrem politisch gewagt, diverse Kunst­ma­ni­feste von Futu­risten, Dadaisten und Surrea­listen aus ihrem histo­ri­schen Zusam­men­hang zu reißen und von der Schau­spie­lern Cate Blanchett aufsagen zu lassen. Auf den zweiten Blick führt es deren Gehalt aber ad absurdum: Das Resultat ist ein einziges Mega-Manifesto-Disney­land, in dem alles austauschbar und nicht mehr ernst­zu­nehmen ist. Und der getragene, bedeu­tungs­schwan­gere Stil von Blanchett tut ein übriges, um diesen Film zu einem eini­ger­maßen nervigen Ereignis zu machen.

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Aber das Festival war hoch­in­ter­es­sant. Wie war es wohl auf dem Lido zu Zeiten Benito Musso­linis? So etwas fragt man sich ange­sichts der manns­hohen Erdogan-Plakate, die von allen möglichen Häusern herab­hängen.
Alles, was in dieser Festi­val­woche geschieht, steht im Schatten des kommenden Verfas­sungs­re­fe­ren­dums und des seit einem Drei­viertel-Jahr in der Türkei herr­schenden Ausnah­me­zu­stands: Welche Filme gezeigt werden und welche nicht, was öffent­lich gesagt oder auch nicht gesagt wird. Man spricht, jeden­falls da wo Äuße­rungen den privaten Rahmen über­schreiten, am liebsten in Metaphern, oder auf Umwegen.
So etwa auch Volker Schlön­dorff beim tradi­tio­nellen Sonn­tags­emp­fang des hiesigen Goethe-Instituts. Schlön­dorff erinnerte sich in seiner kurzen Gastrede an seinen aller­ersten Besuch in der türki­schen Metropole, vor über 50 Jahren, als junger Mann im Herbst 1963.
Es sollte sich just um jene Tage handeln, an denen in Dallas der US-Präsident John F. Kennedy Opfer eines Mord­an­schlags wurde. »Wie schade«, fügte Schlön­dorff hinter­sinnig hinzu, »dass um die heute amtie­renden Präsi­denten kaum jemand ähnlich trauern würde...« Spontaner Applaus im Saal, denn jeder wusste, wer gemeint war.

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»Um die Ecke« denken muss man auch bei einigen Filme. So etwa erzählt der Doku­men­tar­film Brothers of Silence von den bürger­kriegs­ähn­li­chen Verhält­nissen in Kurdistan, in dem er ein Brüder­paar portrai­tiert. Beide sind taub-stumm.
In den Gesprächen mit Filme­ma­chern, Jour­na­listen, Akade­mi­kern und ganz normalen türki­schen Bürgern, die das Festival besuchen, ist Politik allge­gen­wärtig. Sehr schnell kommt die Rede auf Präsident Erdogan, den Ausnah­me­zu­stand und die durch ihn kaschierte Hexenjagd auf die unab­hän­gige Presse und die Oppo­si­ti­ons­par­teien.
Die Stimmung ist ange­spannt, aber nicht pessi­mis­tisch, sondern eher kämp­fe­risch. Viele Gesprächs­partner gehen von einem »Nein!« zu Erdogan Reform­plänen aus. Ich bin anderer Ansicht, und glaube ähnlich wie die Korre­spon­denten des ARD-Studios an ein »Ja!«. Vor allem aber: Werden die Wahlen tatsäch­lich sauber verlaufen, oder mani­pu­liert? Und wird jedes Ergebnis akzep­tiert werden?

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(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.