06.04.2017
Cinema Moralia – Folge 153

Lockruf des Kinos

High and Low
»Aber hey, wofür ist das Kino da! Schon mal einen Superheldenfilm gesehen?« Aus einer Besprechung zu Tiger Girl

Wir müssen alle Konspi­ra­teure werden: Monika Grütters wird demon­tiert, Kosslick geht, das Kino bleibt – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 153. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Never check an inte­res­ting fact.» – Howard Hughes

»Wir denken uns unser Leben aus. Wenn wir uns unser leben ausdenken, dann können wir auch gleich ins Kino gehen.» – Heike-Melba Fendel

»Don't send a rabbit to kill a fox.» – Takeshi Kitano in Ghost in the Shell

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Selbst die Aktionäre eines börsen­no­tierten Unter­neh­mens haben in Deutsch­land mehr Macht als alle, die etwas mit Kultur zu tun haben.

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Millionen hier, Millionen da – kein Tag vergeht ohne Pres­se­mit­tei­lung der Kultur­staats­mi­nis­terin. Meist ist darin von Denk­mä­lern die Rede, von Museen und Prove­nienz, von Eröffnung und Aufsto­ckung.
»40 Millionen Euro für national bedeutsame Denkmäler und Orgeln» hieß es heute zum Beispiel, und das ist wirklich kein tendenziös herausgepicktes Beispiel, sondern repräsentativ, auch im Jargon und schlechtem Deutsch. Sie sprudeln aus dem Denk­mal­schutz-Sonder­pro­gramm und dem Programm zur Sanierung und Moder­ni­sie­rung von Orgeln. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters erklärte: »Mit dem Erhalt und der Sanierung vieler Baudenkmäler sowie Orgeln gerade auch in der Region trägt der Bund entscheidend dazu bei, dass unsere reiche Kulturlandschaft erhalten bleibt.»
Insgesamt wurden allein 2017 bislang über 70 Millionen für das Denkmalschutz-Programm und weitere 4,78 Millionen Euro die Orgeln ausgegeben.
Leider hat man von einem auch nur annährend ählichen Engagement des BKM für Sanierung und Modernisierung von Kinos oder von einem »Filmerbeschutz-Sonderprogramm» des fürs nationale Filmerbe verantwortlichen Ministeriums noch nichts gehört.

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Monika Grütters hat die Zeitungs­leser unter uns auch sonst auf Trab gehalten in der vergan­genen Woche. Eindeutig hat Grütters ja gerade mehr als im BKM mit ihrer Partei zu tun. Sie muss sich mit den Niede­rungen der Berliner CDU-Flügel­kämpfe herum­schlagen. Aber es spricht vieles dafür, dass sie schon angezählt ist, bevor sie überhaupt richtig ange­fangen hat.
Berlins CDU hat ihre Bundestagskandidaten bei einem informellen Treffen ausgekungelt, ohne die Vorsitzende Grütters auch nur zu fragen. Im Gegentei: Sie wurde getestet und hat nicht bestanden. Die Berliner Zeitung zitiert: »So etwas habe ich noch nicht erlebt», erklärt ein Parteimitglied, das nachweislich schon viel erlebt hat. »Grütters wurde mit unerhörter Skrupellosigkeit unter Druck gesetzt.»
Grütters wurde erst gegen Mitternacht zu dem Treffen bestellt, wogegen sie sich allerdings verwahrt hat. Das Ergebnis hat sie dann akzeptiert. Ist das »weiblicher Führungstil»? Wenn es so etwas geben sollte, funktionierte es anders. Der Test – ob Grütters so stark ist, wie sie tut, oder eigentlich so schwach, wie sie wirkt, ist erstmal nicht bestanden.

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Die nächste Bewäh­rungs­probe: Die Entschei­dung über die Nachfolge von Dieter Kosslick als Berlinale-Chef: Nach 18 Jahren muss Kosslick, seit 2002 amtie­render, nahezu ewiger Direktor der Berliner Film­fest­spiele, eher wider­willig aber definitiv seinen Stuhl räumen.

So erleich­tert größere Teile der deutschen Filmszene diese Nachricht nun auch aufnehmen – zugleich stellt sich eine ganze Reihe neuer, nicht weniger dring­li­cher Fragen. Denn entschei­dend ist ja nicht, wer warum jetzt nicht mehr die Berlinale leitet. Sondern wer eigent­lich darüber entscheidet, wer dem wich­tigsten Film­fes­tival Deutsch­lands, einer mit vielen Millionen Steu­er­geld ausge­stat­teten öffent­li­chen Insti­tu­tion, in Zukunft vorstehen wird? Und was sind überhaupt die Kriterien? Was macht einen guten Berlinale-Direktor aus?

In der jüngeren Vergan­gen­heit wurde – gerade im Bundes­staats­mi­nis­te­rium für Kultur und in der Berliner Senats­kanzlei, jenen beiden Insti­tu­tionen die formell für die Berufung eines neuen Berlinale-Direktors zuständig sind – gerne Kultur-Politik so gemacht, wie sie einst in den geheimen Kabi­nett­s­zim­mern abso­lu­tis­ti­scher Höfe im 18. Jahr­hun­dert üblich war: Einsame Entschei­dungen nach Fürs­tenart, oder besten­falls Gekungel weniger Einge­weihter. Das Ergebnis wurde der geneigten Öffent­lich­keit dann verordnet, als alles gelaufen war.

Die Folgen sind bekannt: Die Wahl Chris Dercons zum neuen Volks­bühnen-Leiter würde der Senat gern selber rück­gängig machen, die Wahl Ben Gibsons zum Leiter der Berliner Film­aka­demie ist nach wie vor hoch­um­stritten – so wie schon die letzte Vertrags­ver­län­ge­rung für den bishe­rigen Berlinale-Chef.
Eine solches intransparentes Nicht-Verfahren ist einer Demokratie unwürdig. Man kann nicht glaubwürdig Autokraten anderer Länder kritisieren, und in der Türkei oder Russland Meinungs- und Pressefreiheit einfordern, sich aber zu Hause um jede Diskussion herumdrücken, und Debatten darüber peinlich vermeiden, wozu überhaupt eine Institution wie die Berlinale da ist.
Selbst die Aktionäre eines börsennotierten Unternehmens haben in Deutschland mehr Macht, als alle, die etwas mit Kultur zu tun haben, als im Fall der Berlinale die Filmbranche, die Verbände und die Öffentlichkeit.

Jeder, dem die Berlinale am Herzen, liegt, sollte jetzt darauf Wert legen, dass der Posten nicht hinter den Kulissen ausge­kun­gelt wird. Und selbst­ver­s­tänd­lich darf der bisherige Direktor zwar in seiner Meinung gehört werden. Mitreden aber darf er nicht. Denn eine Insti­tu­tion wie die Berlinale ist sowenig ein Erbhof wie Verfü­gungs­masse für Poli­ti­kerehr­geiz.
Der jetzige Berlinale-Direktor wird noch zwei Jahre amtieren. Deswegen sind Eile und Hektik auch vollkommen unnötig – es sei denn, die Kulturstaatsministerin, die sich schon jetzt vor allem mit den Niederungen der Berliner CDU-Flügelkämpfe herumschlagen muss, möchte die Causa Berlinale schnell erledigen, bevor im Herbst gewählt wird und sie als designierte Bürgermeisterkandidatin mit anderem beschäftigt ist.
Hoffen und verlangen wir also, dass die Kulturpolitiker ihre politische Verantwortung wahrnehmen.

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Wo bleibt das Positive? »Sind Filme am Ende inter­es­santer als Männer?» lautet die mutige, auf den Punkt gesetzte erste Frage, die die sehr geschätzte Ex-Kollegin Julia Encke auf der Leipziger Buchmesse an Heike-Melba Fendel stellt, aus Anlass ihres Romans »Zehn Tage im Februar», der ja unter anderem ein Berlinale-Roman ist. Meine Antwort wäre hier natürlich »Ja, am Ende schon», aber die Frage müsste man für mich anders stellen. Heike ist diplo­ma­ti­scher: »Das ist, glaube ich, nicht zu beant­worten.» Das Problem des realen Lebens: Man sei ja in der Regel »nicht mit dem Mann und der Frau» zusammen, »sondern mit einem Mann und mit einer Frau». Das Kino habe einfach mehr Optionen und mehr Zauber, »aber ob das besser ist, als was man tatsäch­lich morgens beim Aufwachen anfassen kann, möchte ich nicht behaupten.»
Weiter geht's: Jedes Filmfestivals habe seinen eigenen Charakter, das ist Binse, aber nicht fürs Volk. Heike spricht über die »seltsame Schizophrenie, dass man sich vom Kino sehr beeinflussen lässt; man befragt das Kino, wie man leben soll. Und das kann man auf Filmfestival so gut wie an keinem anderen Ort.»
»Wir denken uns unser Leben aus. Wenn wir uns unser Leben ausdenken, dann können wir auch gleich ins Kino gehen.»
Liebe zum Kino – das ist einfach da. Je mehr schlechte Filme man sieht, um so mehr wartet man auf den einen guten Film. Dann erzählt sie, wie sie im Arsenal den Director's Cut von Heaven's Gate in einer schlechten Kopie gesehen hat. »Rausgehen? Ich guck bis zum Ende. Das ist so ein komischer Respekt. Es gibt immer die eine Szene, den einen Satz...»
Und dann beschreibt sie den Lockruf des Kinos: Das Kino ist stärker als die Liebe. »Wir beschließen ja, uns in jemanden zu verlieben. Das Kino hat eine größere Stärke als dieser eine Mensch im Leben, der diesem Anspruch nicht standhalten kann.»

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Etwas verspätet wurde uns Facebook-Absti­nenz­lern ein FB-Eintrag zu unserem schönen Interview mit Heike-Melba Fendel über­mit­telt.
Da hat Esther Gronen­born, Regis­seurin, einst artechock-Autorin und Pro-Quote-Akti­vistin grund­sätz­lich verschnupft und konkret etwas wunder­lich reagiert: Denn weil Heike den poli­ti­schen Wider­spruch benannt hat, dass die lieben Pro-Quote-Damen in der Gummi-Frucht­blase auf der Berlinale Sticker verteilen und Unter­schriften sammeln – natürlich auch die von Frau Grütters – aber nicht im Traum dran denken, gegen die von Frau Grütters geför­derte Berlinale zu protes­tieren, die Frauen auf ihre Schlüs­sel­reize reduziert und über ihre Sponsoren als Sexob­jekte vermarktet, weil Heike das tut, wirft Frau Gronen­born ihr vor, von den armen geplagten Frauen einfach zu viel zu verlangen: »Ehren­amt­lich sollen die Frauen von Pro Quote Regie dann auch noch das Treiben auf dem roten Teppich der Berlinale kriti­sieren. Nach dem Motte: Wenn Frauen aktiv werden, dann müssen sie schon gleich die ganze (Frauen-)Welt retten!» Und legt ihr nahe, die Klappe zu halten, und überdies solle sie doch mal »auf die Webseite gehen und sich einlesen, bevor sie sich in Inter­views lautstark äußert und Quatsch erzählt.»
Das klingt etwa so, wie wenn Herr Seehofer die Kritiker der CSU-Flüchtlingspolitik auf CSU-Parteiprogramm verweist, wo doch drin stehe, dass man alle Schwarzen liebe, wenn sie sich anständig benehmen.

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»Und wie wäre es mal zur Abwechs­lung mit der wohl­ver­dienten Unter­s­tüt­zung für das Viele, das diese Bewegung seit ihrem Auftau­chen vor 3 Jahren für die weib­li­chen Film­schaf­fenden erreicht hat?»
Ohhhh...

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So wie Filme­ma­cher haben auch Film­kri­tiker Männer­phan­ta­sien. Natürlich ist es Über­trei­bung und kompletter Wahnsinn, wenn ein renom­mierter Autor in der Süddeut­schen behauptet, Tiger Girl sei ein Meis­ter­werk. Er hätte sowieso persön­lich allen Grund, gerade über diesen Film nicht zu schreiben. Aber hey, wofür ist die Zeitung da, wir sind nicht mehr jung, wir brauchen das Geld. Korrup­tion, Comp­li­ance ist doch eh Kacke.
»Ruhe bewahren, beruhigend auf die Volltrottel einreden – das ist nun die gelernte Option. Blöd nur, dass es die einzige ist. Und wie toll, mal ehrlich, wäre jetzt eine Alternative, die sich ein bisschen weniger kläglich und erniedrigend anfühlt?» Genau, mal ehrlich, lassen wir doch das Gefasel. War das nicht auch die Strategie von Hitlers Braunhemden? Und Tigers Schlüsselsatz »Du musst einfach sagen, was du willst, und dann kriegst du's auch», könnte genauso gut das Motto einer anderen, sehr viel aktuelleren Machtergreifung sein. Am Ende bleibt da wirklich nur eine Gewissheit: Wenn schon Rüpel die Welt beherrschen müssen, die ihre dunkelsten Impulse unkontrolliert ausleben – dann dürfen es zur Abwechslung ruhig auch mal Filmkritiker werden.
Und genau: Ich möchte Teil einer Jungendbewegung sein. Ist es nur Zufall, dass TK , also Tom Kummer, nicht der andere, gerade einen Roman geschrieben hat?
»Aber hey, wofür ist das Kino da!» Pffff.. »Schon mal einen Superheldenfilm gesehen?» Puh...

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Die Herr­schaft der Buch­halter wird unsere Welt zugrunde richten. Die Formal-Nerderei der deutschen Tugend­wächter verkauft als Regel­ge­horsam, die Angst vor Korrup­tion, obwohl man die gar nicht versteht. Es sind die Kleinen, die Museen und Dozenten, die Akademien und vor allem die Menschen, die dort, die bei allen öffent­lich geför­derten Insti­tu­tionen die Arbeit machen, die unter ihnen leiden. Die wirklich Reichen, Groß­kop­ferten machen weiter, wie bisher, die tangiert das nicht. Genauso wie der Irrsinn der modischen »Comp­li­ance» nur dazu führt urmen­sch­li­ches Verhalten zu zerstören, oder mindes­tens zu verhin­dern. Natürlich hilft man Freunden. Auch weiterhin. Man tarnt sich nur besser.
Als der Projektor eines Filmmuseums nach vielen Jahren repariert werden musste, kam ein Brief von der naturgemäß fachfremden Buchhalterin: Ob dies nicht eine Wertsteigerung des des Geräts bedeute. Wertsteigerungen sind schlecht, sofern man sie nicht vorab genehmigt hat – und, unnötig zu sagen: Man würde sie nicht genehmigen, denn nur Werterhaltung ist erlaubt, Werterhaltung durch Wertsteigerung aber nicht.
Die Fachfremdheit wird dann als Vorteil, als Vorurteilsfreiheit gerechtfertigt. Kenntnisse wiederum gelten als Vorurteil. Was schlimmer ist, als dass jetzt die Maschinen entscheiden, ist: Es entscheiden Menschen, die Maschinen imitieren.

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Die Comp­li­ance hat Camou­flage und Konspi­ra­tion zur Folge. Conspi­ra­tion, bei den Ideologen des Beste­henden gern verschrien als Verschwö­rung, kommt aus dem Latei­ni­schen, und heißt, Rainald Goetz hat vor Jahren schon darauf aufmerksam gemacht, nichts anders als »zusammen atmen». Konspi­ra­tion ist also etwas sehr Schönes. Wir müssen alle konspi­rieren und Konspi­ra­teure werden.
Unter dem Regiment der Camouflage, der Tarnung, deren komplett unbewusster, unreflektierter Zeitgeist-Ausdruck der neue Boom der Militärkleidung unter vollkommen pazifistisch gesonnenen Teens und Twens und unter Hipstern der Berliner Mitte ist, entstehen völlig neue Umgangsformen mit sich selbst. Es sind Verhaltenslehren des Tarnens, des Verbergens, des Spuren-Verwischens. »Lern unerkannt gehn» dichtete bereits vor 50 Jahren hell­sichtig Hans Magnus Enzens­berger.
Dem Dark Web folgt das Dark Life auf dem Fuß.

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.