25.05.2017
70. Filmfestspiele Cannes

Die Illusion der Annäherung

Noah Baumbachs neuer Film
Triumphales Comeback nach elf Jahren: Valeska Grisebachs Western

Bulgarien Mon Amour: Die deutsche Frontier und Volten im Tief­schnee: Western und Wind River, ein deutscher und ein ameri­ka­ni­scher Film über die Grenze der Zivi­li­sa­tion – Cannes-Notizen, 10. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Shouldn't we call backup?« – »This isn't the land of backup, this is the land of your own.«
Aus: »Wind River«

Eine Männer­welt: Harte Jungs, eine Handvoll deutscher Arbeiter in Bulgarien auf Montage. Muskel­pa­kete, tätowiert und verschwitzt.
Wer hätte gedacht, dass ausge­rechnet ein Film mit solchen Haupt­fi­guren, gespielt von Laien, sich als der über­ra­schendste und auch nach einer knappen Woche Festival, in vieler Hinsicht beste Film beim Festival von Cannes entpuppt. Er stammt von der Berli­nerin Valeska Grisebach, die vor elf Jahren mit Sehnsucht bei der Berlinale einen Preis gewann – seitdem hatte man nichts von ihr gehört. Mit ihrem zweiten Langfilm, der in der Neben­reihe »Un Certain Regard« läuft, feiert sie nun ein trium­phales Comeback.

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Der Film heißt Western und eröffnet schon durch diesen Titel einen ganzen Asso­zia­ti­ons­raum aus Mythen und Genre-Stereo­typen, den die Regis­seurin souverän bespielt: Natürlich kommen Pferde vor, Waffen, Poker­spiel und Saufen im Saloon, und Einge­bo­rene, aller­dings keine Apachen, sondern natürlich Bulgaren die die Fremden aller­dings ähnlich miss­trau­isch beäugen, als handle es sich um eine Kaval­le­rie­ein­heit des General Custer.

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Man kennt die ganzen Western-Mythen, die Grisebach anzitiert, das macht aber nichts. Sie dekon­stru­iert sie sogleich. Faszi­nierter gibt sie sich den modernen Männer­welten hin, den Muskeln und Sprüchen, dem Weichen und Harten. Auch das macht nichts, ist aber auch nicht weniger private Obsession als wenn man sich für Schlamm­cat­chen begeis­tert.
Weitaus inter­es­santer ist, was sie filmisch tut: Selten habe ich einen Film gesehen, der mit Laien gedreht ist, und zugleich so stark und so dicht ist.

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Es gibt nicht eine rundum positive Figur. Die Haupt­figur heißt Meinhard – was für ein komischer, altmo­di­scher aus der Zeit gefal­lener Name! Ein zweiter, besonders inter­es­santer Charakter ist Vincent – sein Chef und Antipode.
Meinhard ist ein Lächler. Er steht oft an der Seite, guckt zu. Das drückt Distanz zu den Dingen aus, und weil er dabei aus seinem Schnurr­bart heraus immer so freund­lich geheim­nis­voll lächelt, provo­ziert das die anderen. Glaubt e, er sei was Besseres? Dabei ist Meinhard viel­leicht nur schüch­tern. Aber er scheint von großer Konse­quenz zu sein, und hat hinter der sanften Ober­fläche auch eine innere Härte. Er wider­spri­vcht auch nicht, als manche glauben, er sei in der Frem­den­le­gion gewesen, ihm andichten, er habe in Afgha­nistan und im Irak gekämpft, davon ausgehen, er wisse, wie es ist jemanden zu töten. Viel­leicht stimmt das ja auch alles.
Aber Meinhard verhält sich letzt­end­lich auch ambi­va­lent. Er ist von der neuen Welt in Bulgarien faszi­niert, aber er kann hier nie wirklich ankommen. »Why are you in Bulgaria anyway?«, wird er am Schluss gefragt.

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Western handelt von den Illusion des Zusam­men­kom­mens. Man kann weggehen von zuhause, aber nie wirklich verschmelzen mit dem Neuen, das scheint Grisebach zu erzählen. Er handelt von denen, die die Macht in der Welt haben. Den Deutschen, den Englän­dern, den Ameri­ka­nern. Von der Freiheit und vom Darwi­nismus, dem Recht des Stärkeren.
Gewalt spielt eine große Rolle. Als Gerücht, Meinhard sei Legionär gewesen, und habe getötet. Als Gewalt der Ökonomie, die man den Deutschen immer unter­stellt. Und als Gewalt der Waffen.
Der ehemalige Ostblock ist schon lange das, was Mexiko für die USA ist – eine bundes­deut­sche Frontier, und so handelt Western nicht nur von Männer­ri­tualen und von Deutschen ohne Heimweh, sondern auch von einer deutschen Landnahme. Und von der Illusion der Annähe­rung. Sie wollen, aber sie können nicht zusammen kommen, diese Deutschen und Bulgaren.

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Meine persön­liche Seher­fah­rung war folgende: Ich habe, jetzt darf ich es ja sagen, ein bisschen Angst gehabt vor diesem Film. Valeska Grisebach hat seit Sehnsucht im Jahr 2006 keinen Film gedreht, und sie hat bei diesem auch ganz schön lang herum­ge­macht. Gerüchten zufolge musste sie auch nach zwei­ein­halb Jahren im Schnitt geradezu gezwungen werden, den Film endlich für Cannes fertig zu machen. Deshalb und weil mir Sehnsucht zwar gefiel, aber nicht vorbe­haltlos, sondern nur innerhalb gewisser Grenzen, habe ich gedacht, das könnte jetzt auch eine Enttäu­schung werden, oder einfach sehr zäh und lang­weilig.
Am Ende war es gut, nicht zu viel zu erwarten. Denn so wurde alles eine überaus angenehme Über­ra­schung: Obwohl ich den Film als letzten, fünften des Tages, erst um 22.30 sah und schon relativ müde war, und obwohl ich in den ersten Minuten dachte: »Oh weh, jetzt muss ich diesen Typen und ihrem Gelaber zwei Stunden zuhören«, wurde es nie lang­weilig. Im Gegenteil. Der Film ist statisch, streng, aber auch keines­wegs »no nonsense«, wie erwartet. Die Lang­sam­keit ist immer eine produk­tive, und insgesamt gefällt mir Western viel besser, als Sehnsucht.

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Ein schönes Abend­essen mit Hans aus Wien. Im »Crillon«, obwohl ich mir auch hätte einmal was anderes vorstellen können. Aber er hat meinen Lieb­lings­auf­ent­haltsort beim Festival jenseits des Kinos vorge­schlagen, mit der unschlag­baren Begrün­dung, »die im Le Crillon sind halt noch irgendwie normal geblieben und wissen, dass es ein Leben jenseits der Festivals gibt«.
Zuerst reden wir über Dinge, die wir beide lieben, also über Fußball, wie sich das gehört. In der Bundes­liga ist Hans wie ich BVB-Anhänger. Diesmal bleibt er im Gegensatz zu seiner sonstigen Gewohn­heit nicht bis zum Dienstag in Cannes, sondern fliegt schon am Samstag, weil er auf eine Hochzeit in Neapel einge­laden ist. Jetzt überlegt er, wie er es schafft, trotzdem das Pokal­fi­nale zu sehen. »Ich muss halt schon vorher irgend­eine Kneipe finden, die das zeigt. Die Italiener ham ja für sowas Vers­tändnis.«
Er erzählt auch von Buenos Aires und dem BAFICI, das wir beide für eines der besten der Welt halten und lieben, nicht nur weil da viele Freunde arbeiten. Wir erzählen uns auch von Filmen, die wir hier gesehen haben, reden wir über die Auswahl­po­litik des Festivals, streiten über Haneke, den er ganz schwach und unfertig findet, »desin­ter­es­siert an sich selbst«. »Aber ich würde den natürlich auch einladen.« Wir gehören beide zu den Aficio­nados von Bertrand Bonellos Nocturama (der gerade im deutschen Kino gestartet ist), den Cannes im letzten Jahr abgelehnt hat, mit der ziemlich idio­ti­schen Begrün­dung des »modernen Dschi­ha­dismus«. »Das war natürlich ein schwerer Fehler – gerade solche Filme muss ein Festival wie Cannes zeigen. Das würde auch diesen ganzen mediokren Kram im Wett­be­werb erträg­li­cher machen.«
Das fällt auf die zurück, die das sagen, genauso wie der Vorwurf des Zynismus gegen diesen Film eigent­lich nur selber zynisch ist. Die sind in Cannes einfach feige geworden, und auch viel zu nahe an der Pariser Regierung.
Dafür dass er am Wett­be­werb sonst kaum ein gutes Haar lässt, bin ich dann über­rascht, dass Hans den Zwaginztsev gut findet, vor allem jene zweite Hälfte, in der ich dann endgültig ausge­stiegen bin.

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Dass Cannes immer Welt­pre­mieren verlangen würde, ist eine fromme Lüge. Offenbar kann sich das Festival diese Forderung nicht mehr leisten, denn sogar in »Un Certain Regard« laufen inzwi­schen Filme, die bereits vorher in ihrem Heimat­land gezeugt wurden. Zum Beispiel Wind River von Taylor Sheridan.

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Sheridan, bekannt als Schau­spieler ist zuletzt auch ein gefei­erter Dreh­buch­autor, seit er die Scripts für Denis Ville­neuves Sicario und Hell or High Water von David Mackenzie schrieb. Auch zu Wind River schrieb er das Drehbuch und dieses Regie­debüt ist ein guter Beleg dafür, dass die wich­tigste Person beim Filme­ma­chen eben immer noch der Regisseur ist. Denn Wind River ist inter­es­sant, aber leider doch mehr als eine Klasse schlechter, als die beiden von erfah­re­neren Regis­seuren insze­nierten Filme.
Der Film beginnt mit einer nächt­li­chen Schnee­land­schaft. Eine Frau rennt durch den Schnee, wir sehen, dass sie barfuß ist. Sie fällt auf den Boden, wir hören ihren (?) inneren Monolog. Dann ein Schnitt, eine Schnee­land­schaft bei Tag: Wald, male­ri­sche Berge, Vieh, ein Wolf. Er wird geschossen, und der Jäger zieht das tote Tier eine lange Blutspur hinter­las­send, durch den Schnee.
Der Schau­platz ist originell und spannend: Ein India­ne­re­servat in Wyoming, die Menschen bewegen sich oft mit schnellen Motor­schlitten durch den Tief­schnee, düsen bewaldete Berge hinauf wie zuletzt Willy Bogner in Der Spion, der mich liebte. Die Haupt­figur ist ein Jäger. Er lebt getrennt, mit seinem Sohn, einem Halbblut, fährt er übers Woche­n­ende zu den india­ni­schen Groß­el­tern, nicht ohne zu kitschiger Musik ein paar Lebens­weis­heiten aus alten Zeiten zu verbreiten. Er selbst hat vor Ort zu tun, soll einen Puma schießen. Bald aber wird er anderes jagen, denn auf der Suche findet er eine Frauen-Leiche, offenbar wurde sie zuvor mehrfach verge­wal­tigt.
Das FBI kann nur eine einzige Agentin schicken, Jane Banner (Elisabeth Olsen) die mit Terrain und den Eigen­heiten des Reservats nicht vertraut ist. Sie engagiert Cory (Jeremy Renner) den Jäger, weil der sich als excel­lenter Spuren­leser entpuppt.

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Das Inter­es­sante an Wind River ist vor allem die spezielle Rechts­lage im Reservat, die Span­nungen zwischen der Juris­dik­tion des Reservat mit ihrer eigenen India­ner­po­lizei und der bundes­staat­li­chen Gewalt des FBI. Sie hinter­lassen Leer­stellen, in die dann private Sicher­heits­trupps treten, deren Wirken von dem der Krimi­nellen oft kaum zu unter­scheiden ist. Die Tatsache, dass es im Nord­westen der USA und in Kanada zu Mord-Serien an jungen India­ne­rinnen gekommen ist, die nicht nur sexuelle, sondern auch rituelle archai­sche Hinter­gründe haben, bildet den bösen Hinter­grund des Films.

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All dies gesagt, funk­tio­niert er trotzdem nur mit Ach und Krach. Immer wieder in einzelnen Szenen straight und fest insze­niert verhed­dert sich die Regie doch auffal­lend oft in den Einzel­heiten der Story und wird immer wieder inkon­se­quent. Es gibt erzäh­le­ri­sche Lücken, die sich im Schnitt nicht korri­gieren ließen, manche Story­fäden gehen spurlos verloren, andere wirkt wie ein Alibi, und aus vielem hätte Sheridan mehr machen können, nein müssen. In jeder Szene sieht man dem Film auch das vermut­liche viel zu wenige Geld an, das zur Verfügung stand. Irgendwie ist Wind River ein gewöhn­li­cher Genrefilm: Er hat harte, eisige Schieße­reien, ein paar Jagd­mo­mente, Suspense und eine ziem­li­chen häss­li­chen, unnötig expli­ziten Rückblick auf den Gangrape, der dem Tod des Mädchen voraus­ging, doch gerade die Schußwechsel sind mehr getrickst, als insze­niert. Irgendwie will Sheridan ernsthaft von seiner unge­wöhn­li­chen Welt erzählen – doch er verliert sich ein ums andere Mal, und bekommt gegen Ende auch eine unnötig sadis­ti­sche Volte.

(to be continued)

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