17.02.2017

67. Berlinale 2017

»Toni Erdmann« gewinnt auch auf der Berlinale

Wild Nicolette Krebitz
Hätte mehr Preise verdient: Nicolette Krebitz' Wild

Der Verband der deutschen Film­kritik vergibt seine Preise – Berlinale-Tagebuch, Folge 07

Von Rüdiger Suchsland

Die Rede von Lilith Stan­gen­berg war ohne Frage die schönste des Abends. Für ihre Rolle in Nicolette Krebitz Wild wurde Lilith Stan­gen­berg zur besten Darstel­lerin des Jahres gekürt. Auch sonst hätte ich persön­lich mir den einen oder anderen Preis mehr für Wild gewünscht.

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Während der Berlinale – langsam ist es Tradition – lädt auch der »Verband der deutschen Film­kritik« (VDFK) zu einer wichtigen Veran­stal­tung. In 12 Kate­go­rien wird der »Preis der deutschen Film­kritik« verliehen.
Alles andere als über­ra­schend nach sechs Nomi­nie­rungen war Maren Ades Toni Erdmann der Gewinner des Abends. Die aus vier Frauen und einem Mann bestehende Jury – Esther Buss (Film­dienst), Matthias Dell (der Freitag), Anke Leweke (Deutsch­lan­dRa­di­oKultur); Julia Teichmann (Film­dienst); Anke Westphal (Berliner Zeitung) – gab der gefei­erten Tragi­komödie den Preis des besten Spiel­films, für Drehbuch (Maren Ade) und Schnitt (Heike Parplies). Als bestes Spiel­film­debüt wurde Jonas Roth­la­en­ders in Lissabon spie­lendes Psycho­gramm Fado ausge­zeichnet.

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Auf Augenhöhe von Evi Gold­brunner und Joachim Dollhopf über die Konfron­ta­tion eines Zehn­jäh­rigen mit seinem klein­wüch­sigen Vater wurde zum besten Kinder­film des Jahres gewählt – nach Auskunft von Menschen, die das besser beur­teilen können, als ich, eine frag­wür­dige Wahl.
Ohne Zweifel dagegen der Preis zu »Bester Doku­men­tar­film 2016« an Ulrike Ottingers zwölfstün­diger Chamissos Schatten, der auf den Spuren Adelbert von Chamissos traum­hafte Land­schafts­bilder, ethno­lo­gi­sche Erkennt­nisse und persön­liche Erfah­rungen verbindet. Telefon Santrali von Sarah Drath über eine anachro­nis­ti­sche Erzählung, die mit Atatürks Ausruf der türki­schen Republik endet, wurde zum besten Kurzfilm gewählt. Bester Expe­ri­men­tal­film ist Havarie von Philipp Scheffner, der einen Clip von einem auf dem offenen Meer trei­benden bemannten Schlauch­boot über die Tonspur zu einer neun­zig­minü­tigen Collage zum Flücht­lings­thema gestaltet.

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Den Ehren­preis vergaben die Film­kri­tiker an die aus Zwickau-Planitz stammende Doku­men­tar­film­ma­cherin und Regis­seurin Helke Missel­witz, die in ihren Filmen die deutsche Geschichte neu perspek­ti­viert. Den dies­jäh­rigen Ehren­preis erhält die 1947 in Zwickau geborene Autorin und Film­re­gis­seurin Helke Missel­witz. Damit wird eine Künst­lerin geehrt, die in ihrer knapp 40-jährigen Schaf­fens­zeit in der ihr eigenen Verbin­dung aus Persön­li­chem und Poli­ti­schem, Spie­ge­lungen ost- aber auch west­deut­scher Befind­lich­keiten geschaffen hat. Wie keine andere bietet sie mit ihrem oft doku­men­ta­ri­schen Werk einen wichtigen künst­le­ri­schen und kriti­schen Blick auf Fragen von Identität und Trans­na­tio­na­lität.
In ihrer Laudatio führten Kuratorin Karola Gramann und Film­wis­sen­schaft­lerin Heide Schlüp­mann von der Kinothek Asta Nielsen zu ihrem Werk aus: »Was uns auffällt an ihren Filmen, was wir erinnern, ist die getreue Beob­ach­tung, die Anteil­nahme an unspek­ta­ku­lärem Alltag, an Lebens­welten, an Orten und den Menschen, die dort anzu­treffen sind«.

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Als einziger deutscher Filmpreis, der ausschließ­lich von Kritikern vergeben wird, zeichnet der Preis der deutschen Film­kritik seit 1956 deutsche Filme aus, die nicht nach wirt­schaft­li­chen, länder­spe­zi­fi­schen oder poli­ti­schen Kriterien bewertet werden, sondern ausschließ­lich nach künst­le­ri­schen. Über die Preis­ver­gabe entscheiden Jurys aus Mitglie­dern des Verbandes der deutschen Film­kritik.
Die Nomi­nie­rungen:

BESTER SPIELFILM

BESTES SPIELFILMDEBÜT

BESTER DOKUMENTARFILM

BESTER KINDERFILM

BESTER KURZFILM

  • Kaputt (Volker Schlecht, Alexander Lahl)
  • Der Struggle ist real (Britta Wandaogo)
  • Telefon Santrali (Sarah Drath)

BESTER EXPERIMENTALFILM

  • Copy Complete (Maria Auerbach)
  • Havarie (Philip Scheffner)
  • Thunder In My Heart (Carolina Hellsgård)

BESTE DARSTELLERIN

BESTER DARSTELLER

BESTES DREHBUCH

BESTE KAMERA

  • Wolfgang Thaler (Vor der Morgen­röte)
  • Colorado Velcu, Philip Scheffner, Parizan Nistor, Casino Nistor, Mario Ilie, Emporio Ilie, Noami Nistor, Fecioara Velcu, Zefir Chiciu, Jeckichan Velcu, Rata Miclescu, Calil Velcu, Donadoni Miclescu, Bernd Meiners u.a. (And-Ek Ghes...)
  • Reinhold Vorschneider (Wild)

BESTER SCHNITT

BESTE MUSIK

(Hierzu der VDFK: »Aufgrund mehr­fa­cher Rück­fragen zur Nomi­nie­rung von Toni Erdmann in der Kategorie »Beste Musik« weisen wir darauf hin, dass die Kategorie nicht auf eigene Musik­kom­po­si­tionen beschränkt ist, sondern wie in diesem Jahr geschehen auch die künst­le­ri­sche Arbeit der Musik­aus­wahl und deren Einsatz im Film gewürdigt werden kann. Die Offenheit der Kate­go­rien beim Preis der deutschen Film­kritik ist uns wichtig. Aller­dings möchten wir damit selbst­ver­s­tänd­lich nicht den Eindruck erwecken, dass wir die Arbeit von Musik­kom­po­nisten nicht wert­schätzen, sondern im Gegenteil die Bedeutung von Musik im Kino in großer Band­breite hervor­heben.«)

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Die Juries:

DOKUMENTARFILM:

  • Knut Elster­mann (rbb, MDR, Arte)
  • Rainer Gansera (Film­dienst)
  • Martina Knoben (Süddeut­sche Zeitung, epd Film)

KINDERFILM:

  • José García (textez­um­film, Die Tagespost)
  • Reinhard Kleber (Vision Kino, Kinofenster)
  • Johannes Litschel (Radio Drey­eck­land)

KURZFILM:

  • Jennifer Borrmann (ray Film­ma­gazin, Film­dienst)
  • Claus Löser (Berliner Zeitung, taz)
  • Silvia Hallens­leben (epd Film, taz, Tages­spiegel)

EXPERIMENTALFILM:

  • Dunja Bialas (artechock.de)
  • Hannes Brühwiler (critic.de)
  • Conny Voester (blackbox)
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