21.07.2016
34. Filmfest München

Die 2. artechock-Awards für ausgezeichnete Preiswürdigkeiten

winwin
Überraschender Gewinner des »Gottlieb Wendehals Ehrendiplom der Deutschen Chiropraktiker Innung«: Limbradur

Edelmann und Willman geben die 2. artechock-Awards für das Filmfest München 2016 bekannt

Von Anna Edelmann und Thomas Willmann

Das Gottlieb Wendehals Ehren­di­plom der Deutschen Chiro­prak­tiker Innung

Die Urkunde war schon ausge­stellt für die Entwickler der Filmfest-App. Welche zu verhin­dern wussten, dass die Besucher ohne belas­tende Papiere durchs Festival kommen konnten. Durch das Fehlen eines Offline-Modus und die damit verbun­dene Behä­big­keit und Daten­vo­lu­men­hunger waren alle, die sich unterwegs schnell und effizient infor­mieren wollten, doch wieder auf Zettel­wirt­schaft und das diesmal besonders gewich­tige Magazin ange­wiesen. Die zum Transport benö­tigten Umhän­ge­ta­schen führten freilich geschäfts­för­dernd zu den gewohnten Abzügen in der Haltungs­note.

Doch am Morgen nach der ersten Vorfüh­rung von Limbradur und die Magie der Schwer­kraft war klar, dass es nur einen Gewinner geben konnte: Was da in den Warte­zim­mern auftauchte an neuar­tigen Verren­kungen und Hals­ver­wir­be­lungen (»Limbradur-Lumbago«) sprach von unge­ahnten Dimen­sionen in der Inter­ak­tion von cine­as­ti­scher Vision und mensch­li­cher Anatomie.
Innovativ nutzt Limbradur sein 360° Full Dome-Format – indem er einen unver­rück­baren Boden der Tatsachen etabliert, wo über weite Strecken die Spiel­hand­lung am selben schmalen Quadranten-Horizont der Plane­ta­riums-Kuppel des Deutschen Museums fest­ge­na­gelt blieb. So konnte sich mindes­tens die Hälfte der Zuschauer drehen und wenden, wie sie wollten: Die Filmwelt stand Kopf!

Der 1. Platz beim ESC im NRA-Voting

Wäre Helly Luv (alias Helan Abdulla) im Exil in Finnland geblieben – sie wäre sicher­lich irgend­wann rekru­tiert worden als Teil­neh­merin für den Euro­vi­sion Song Contest. Aber die Co-Prot­ago­nistin aus Bahman Ghobadis bewe­gender Doku A Flag Without a Country ist zurück zu ihren kurdi­schen Wurzeln nach Erbil. Und hat nun kein Land mehr, für das sie antreten kann.
Zero points also leider für einen poten­ti­ellen Sieger­titel und Sommer­of­fen­siven-Hit: »Risk it all« vereint alles, was ESC-Fan-Herzen höher schlagen lässt. Eine schöne, stolze Sängerin; einschlägiger Weltmusik-Dance Pop; Deko-Raub­katzen; fröhliche Flücht­lings­kinder. Und sexy Tänze­rinnen im Tarnanzug, die zu den Zeilen »Put ya guns up in the air« die AK-47s schwingen.

Die silberne »Dovo«-Rasier­klinge für messer­scharfe Aufmerk­sam­keit

Es bedurfte schon fast eines sechsten Sinns, mitten im laufenden Filmfest die unscheinbar betitelte News­letter-Mail nicht nur zu öffnen, sondern sich sogar bis zu der Ankün­di­gung des Über­ra­schungs­gastes vorzu­ar­beiten.
Der findige Anteil des Publikums, dem dies gelang, konnte sich den Preis Donnerstag nach­mit­tags selbst im Vortrags­saal der Biblio­thek abholen: Hoch­do­tiert mit einem raren Publi­kums­ge­spräch mit Michael Madsen.
Angelockt durch Hermann Vaske, dem Regisseur der Doku Dennis Hopper: Uneasy Rider, in der Madsen als einer der Anek­do­teure von seinem Freund und Wegge­fährten Abschied nimmt. Aber Michael Madsen – sonst oft reduziert auf seine Rolle als Tarantino-Darsteller und perso­ni­fi­ziertes Produc­tion Value für osteu­ropäi­sche Direct-to-DVD-Produk­tionen – bekam Carte blanche erteilt, einmal als Ehrengast auf einem Festival über seine Kunst zu sprechen: Der brand­ge­fähr­liche Killer mit dem bübischen Charme ist im fein­geis­ti­geren Neben­beruf Dichter. Er mag (auch nach eigener Einschät­zung) nicht der technisch versier­teste Schau­spieler, und nicht der lite­ra­risch bedeu­tendste Poet sein – aber was kaum einem der Filme im Programm gelang, schaffte er: Einem das Gefühl zu geben von Kunst als Lebens­not­wen­dig­keit.
Stuck after the Middle, war dies der (wirklich ziemlich) heimliche Höhepunkt des Festivals.

Die Lav Diaz-Medaille am blauen Band für die längste Laufzeit

Geht an die Freibier-Zapfhähne auf der Indie-Party. Die dieses Jahr erfreu­li­cher- und fata­ler­weise eine Ausdauer weit über das Ende der letzten Spät­vor­stel­lung und selbst unsere Aufnah­me­fähig­keit hinaus demons­trierten.

»Sagrotan«-Nadel für angst­be­freite Annähe­rung an Unap­pe­tit­lich­keiten

Sagrotan gratu­liert dem Filmfest München zu der erfolg­rei­chen Absol­vie­rung seines Fünf-Schritte-Programms »Genre-Kino: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt!«.
1.) Gestehe Dir ein, dass Genre-Kino existiert.
Dass es nicht auszu­rotten ist.
Aber Du etwas tun kannst, seine unkon­trol­lierte Ausbrei­tung einzu­dämmen.
2.) Heut­zu­tage kann man selbst bei den seriö­sesten Cineasten nicht mehr von einer Immunität gegenüber Genre-Kino ausgehen. Deshalb ist die gezielte, gesteu­erte Bildung von Anti­kör­pern uner­läss­lich.
Dein Beitrag als modernes Filmfest muss sein, sorg­fältig und gewis­sen­haft nicht-virulente Spezimen zu selek­tieren, die eine gefahr­lose Konfron­ta­tion erlauben. Wähle Gangster-Filme, in denen Gewalt lediglich angedroht wird (MR. SIX); Musicals, die unmu­si­ka­li­scher sind als die sanges­freien Filme des Regis­seurs (Johnnie Tos OFFICE); deutsche Flücht­lings­pro­ble­matik-Thriller in Fern­seh­zu­schnitt, bei denen einem einfach die Lust am Kino vergeht (VOLT).
3.) Nutze die Dir zur Verfügung stehenden Kommu­ni­ka­ti­ons­kanäle, um gefähr­dete Publi­kums­gruppen auf die bereit­ge­stellten Möglich­keiten zum betreuten Schauen unter der Obhut von geschultem Personal hinzu­weisen. Betitele selbst­be­wusst und kühn! (»Es fliegen die Fetzen«!)
4.) Bei allen bisher getrof­fenen Vorkeh­rungen: Gib Acht, auch Dein Personal ist gefährdet!
Sorge für Sicher­heits­ab­stand, wenn es nervös und tapfer vor Kinosäle voller Genrewil­liger tritt: Man weiß nie, wer nur auf einen einma­ligen Kick neugierig, und wer bereits unheilbar infiziert ist.
Schule alle, die in direkten Kontakt treten, im pädago­gi­schen Umgang mit den Risi­ko­gruppen – welche zum Nach­denken über ihre Vorlieben und Verhalten angeregt werden sollen, ohne sie abzu­schre­cken und in zwie­lich­tige Hinter­höfe und unver­ant­wort­liche Werk­statt­kinos zu treiben.
Nicht zu empfehlen ist zu ehrlicher Ausdruck des eigenen Ekels. (Also nicht: »Freaks! Freaks! Freaks!«) Heische Vers­tändnis, bewahre aber Dein Bewusst­sein mora­li­scher Über­le­gen­heit. (Etwa: »Sie, die hier sitzen, sind ja vermut­lich solche Filme gewohnt...«
Ä ußere nicht, aber denke: »Tierporno-Gucker!«)
5.) Stelle ausrei­chend Dekon­ta­mi­na­tions-Säle bereit mit Filmkost, die das Güte­siegel trägt: »Kino ist gut für Dich!« (Genre: Scho­nungs­loser Sozi­al­rea­lismus.)

Der Sepp Blatter-Fair Play-Pokal für die inten­sivste Fanbe­treuung

5:1 war der Stand vor wie nach dem Auswärts­spiel.
Wobei die fünf Mitglieder des inter­na­tional besetzten Teams »Zuschauer« im Lauf der 77 Minuten Spielzeit immer wieder von Stadi­on­durch­sagen aus der Arena gerufen und durch Neuzu­gänge ausge­wech­selt wurde. Während das Team »Moderator« auf seiner einzigen Position durch Michael Stadler besetzt blieb.
Da der Filmfest-Vertei­diger sich auf mehr Gegenüber einge­stellt hatte, war es ihm ein Leichtes, die Anwe­senden auf die 1.800 Plätze in der Public Viewing-Arena am Münchner Flughafen zu verweisen.
Star in der 1-3-1-Aufstel­lung war der einzige eigens für den Film Referees At Work aus dem fernen Dachau ange­reiste Zuschauer. In der Drei­er­kette wurde dafür munter das Kurz­pass­spiel mit Fach­sim­pe­leien gepflegt.
Es war eine island­gleiche Turnier-Über­ra­schung, im Rahmen eines solchen Großer­eig­nisses eine solch persön­liche Ansprache und familiäre Stimmung zu finden.

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