30.06.2016
34. Filmfest München

Filmen in Anführungszeichen

actor martinez
Es schärft sich der Blick für die Frage, wann hier eigentlich jemand nicht »in character« ist.

In der Reihe Inter­na­tional Inde­pend­ents: ACTOR MARTINEZ von Nathan Silver & Mike Ott

Von Dennis Vetter

»Acting, working with actors: for me it's chemistry. Under­stan­ding the world and under­stan­ding human beings.« – Werner Herzog

Der Schau­spieler Arthur Martinez spielt einen Amateur-Schau­spieler namens »Arthur Martinez«. Ein guther­ziger, etwas resi­gnierter, hin und wieder abge­brühter Kerl ist dieser »Arthur«. In vielen Filmen, in vielen Rollen, hat er einiges gesehen. Der würde doch einen hervor­ra­genden Anti­helden für einen Indiefilm abgeben!

Mit »Mike« und »Nathan« scheint er auch bereits zwei taugliche Indie­re­gis­seure zu kennen. Man setzt sich zusammen und irgendwie kann man ganz gut reden. Die Frage könnte beim Zusam­men­treffen von Kreativen natürlich lauten, was es dieses Mal eigent­lich noch zu erzählen gilt. Gestellt wird sie aber nie so recht, man kann ja auch erst einmal herum­pro­bieren. In der Tat scheint sich hier kaum jemand tatsäch­lich für eine Geschichte zu inter­es­sieren, vielmehr geht es um den Fort­schritt eines Projekts. Wir sehen in der folgenden Stunde einen fort­lau­fenden, verwin­kelten Fluss, ein nie endendes, aufrei­bendes Work-in-Progress. Viel­leicht genügt es ja, das scheint eine wichtige Über­le­gung dieses Films zu sein, etwas einfach auf schlaue Art zu betrachten. Denn es gibt viele Rezepte für das Kino. Der Gestus ist am Ende das wichtige! Die Essenz! Viel­leicht wird das ein Doku­men­tar­film, oder ein realis­ti­scher Spielfilm, oder eine Mischform aus beidem?

Warum nicht den Entste­hungs­pro­zess eines Films filmen, wenn man schon einmal dabei ist einen zu machen? »The Making of Actor Martinez«, das wäre viel­leicht ein helfender Titel für den neuen Film von Mike Ott und Nathan Silver. Actor Martinez ist ein Film, in dem sich Stan­dard­si­tua­tionen des unab­hän­gigen Filme­ma­chens anein­ander reihen und von den Figuren reflek­tiert werden. In diesem Nach­denken über einen möglichen Film, der allem Anschein nach scheitern wird, entfaltet sich das Geschehen vor allem als soziale Dynamik. Ständig wird darüber geredet, was passiert. Jeder der vier Prot­ago­nis­tInnen spielt sich selbst, gibt eine Variante. Die »Regis­seure« sitzen abends zusammen am Set, trinken und disku­tieren mit den »Schau­spie­lern« über Arbeits­weisen und die Auffäl­lig­keiten des Tages. Man versucht, empa­thisch mitein­ander zu sein, wenn man schon nicht viel für das Projekt bezahlen kann. Doch gerade ohne Budget, da kennt das Kunst­hand­werk oft keine Hemmung. Es ist Vorsicht ange­bracht, damit niemand über seine Grenzen geht und sich als Privat­mensch zu sehr veraus­gabt. Man braucht viel­leicht manchmal eine Rolle, denn sie kann durch klare Grenzen einen Schutz­raum vor der Über­grif­fig­keit der Kunst bieten.

Actor Martinez unter­sucht also eine »Filmcrew« auf der Suche nach einem funk­tio­nie­renden Stoff und »Schau­spieler« auf der Suche nach einer funk­tio­nie­renden Arbeits­ethik. Dieser »Arthur Martinez«, über dessen Quali­fi­ka­tion als Schau­spieler wir nur nach und nach etwas erahnen, scheint dabei glei­cher­maßen auch als Produzent seiner eigenen Geschichte aufzu­treten. Er ist ein bisschen eitel, könnte man sagen. Er tauscht sich mit den »Regis­seuren« aus, wer denn nun seine »Geliebte« spielen wird und es wird beim Casting vorsichtig abgewogen, mit wem er eine Tren­nungs­ge­schichte denn wohl genauso glaubhaft erleben kann, wie sie sich mit seiner Exfrau tatsäch­lich zuge­tragen hat. Die zwei »Filme­ma­cher« wollen mit ihm den Film zu Ende bringen, angeblich weil sie ihn als Schau­spieler toll finden. Dass das Arbeit bedeuten könnte, müssen sie noch verstehen lernen, denn sie sind nicht nur uner­fahren, sondern auch ignorant. Eine Kamera auf etwas zu richten, scheint sie in einer unbe­hol­fenen Sicher­heit zu wiegen. Trotz allem: Eine »Schau­spie­lerin« namens Lindsay (Lindsay Burdge) kann für das Projekt gewonnen werden. Die Chemie stimmt für eine Weile und dann entgleist alles zunehmend. Weil Etwas auszu­drü­cken eben ein Prozess ist und Sorgfalt braucht.

Sorgfalt braucht hier auch das Zusehen: Persön­liche Begeg­nungen, insze­nierte Szenen und Filmdreh-Situa­tionen verschwimmen mit zuneh­mender Regel­mäßig­keit. Wann eine Figur sich gerade insze­niert oder preisgibt, das ist bald extrem schwer zu erspüren. Einmal soll »Arthur« mit »Lindsay« eine Sexszene spielen. Das geht ihr zu weit. Ein Moment, der unan­ge­nehm ist und ein Wende­punkt, bei dem plötzlich die »Regis­seure« in ihrem Dilet­tan­tismus zum Fokus des Kame­ra­blicks werden. Glei­cher­maßen erscheinen die »Menschen« hinter den »Schau­spie­lern«. Und doch bleiben sie allesamt Figuren. Vorstel­lungen des Privaten werden zum Material, zum Anschau­ungs­ge­gen­stand und glei­cher­maßen zur Strategie der Täuschung. Alles was hier zwischen den Figuren »tatsäch­lich« und »intim« wirkt, ist vermut­lich am sorg­fäl­tigsten insze­niert.

Im Grunde ist es der Sinn für das Reale selbst, der in Otts und Silvers Film zum Prot­ago­nisten wird. Die beiden »Regis­seure« versuchen sich daran, die Schutz­re­flexe einer Film­pro­duk­tion über den Haufen zu werfen und einen Prozess des Insze­nie­rens so persön­lich, selbst­re­flexiv und authen­tisch zu gestalten, dass ihre »Schau­spieler“ sich in deren Rollen völlig preis­geben. Woran es diesen respekt­losen Jungs mangelt, ist neben sozialem Feinsinn der Respekt und das Gespür für Grenzen. Und bald beob­achten wir, wie alle Betei­ligten von der mangelnden Fein­füh­lig­keit eines Prozesses aufge­rieben werden. Es schärft sich der Blick für die Frage, wann hier eigent­lich jemand nicht »in character« ist.

Das Kino mit seinen Kadragen, Montagen und den sich daraus erge­benden Begren­zungen wird hier zum Bild des sich selbst Insze­nie­rens, im Privaten wie im Öffent­li­chen. Wir können im Bild nur das glauben, was wir sehen. Ebenso wie wir im Sprechen und Umgehen mit Menschen auf die Hoffnung vertrauen müssen, dass unser Gegenüber ein Vers­tändnis von Wahrheit, eine Haltung zur Wahrheit, eine Ethik der Wahrheit besitzt. Aus den Fugen gerät die Welt dann, wenn wir erkennen, dass wir weder über Bilder, noch über Worte und deren Limi­ta­tionen letztlich eine voll­s­tän­dige Kontrolle besitzen. Und damit schon gar nicht über die Wahrheit. Was bleibt, ist die Hoffnung auf die anhal­tende Vertei­di­gung von Feinsinn und Empathie.

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Actor Martinez · R: Mike Ott, Nathan Silver · USA 2015 · 75 min.
Donnerstag, 30.06.2016, 17:00 Uhr, Münchner Freiheit 2, Q&A mit Regisseur Nathan Silver
Freitag, 01.07.2016, 22:00 Uhr, Münchner Freiheit 4, Q&A mit Regisseur Nathan Silver

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