2.6.2016
69. Filmfestspiele Cannes

Last Exit Cannes

Das weisse Band
Mein schönstes Cannes – damals, 2009...

Zauber und Melan­cholie, Kara­mellbon­bons und Paral­lel­welten und Susanne Ostwald gegen die ganze Welt – Cannes-Notizen, 17. Folge – von Rüdiger Suchsland

Cannes ist ein Paral­lel­uni­versum. Das weiß jeder, der hier ist, darin liegt die Sucht­wir­kung von Cannes, seine Faszi­na­tion. Es kann die Welt unter­gehen, aber wenn nicht gerade die ISIS ins Palais eindringt, wird das niemand hier kümmern. Zwölf Tage muss die Welt draußen bleiben, mit dem ganzen Schei ß, der an ihr dranhängt. Herrlich.

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Wenn man dann noch an den letzten Tagen mal Gele­gen­heit hatte, entspannt vor dem deutschen Pavillon zu sitzen, Kara­mellbon­bons zu lutschen, und aufs Meer zu blicken, dann spürt man: Es wäre auch noch, viel­leicht, etwas ganz anderes möglich, ein anderes Leben, ein anderes Cannes, ein anderes Festival... Das wäre nicht notwendig schöner, die Schönheit wäre aber zumindest eine andere. Vage Erin­ne­rungen kommen auf, an die ersten Jahre hier auf dem Festival, als die Redak­tionen andere waren und anderes verlangten, als ich selbst naiver auf dem Festival unterwegs war, unbe­schwerter aller­dings auch, und zumindest öfters an diesem Strand saß.
Mein Cannes-Radius ist kleiner geworden, gerade in diesem Jahr. Ob's an Auftrag­ge­bern liegt, der absurden Wett­be­werbs­fi­xiert­heit, auch meiner eigenen? Keine Party an der Croisette in diesem Jahr, und Blicke in die Mode­bou­ti­quen erst nach Festivals. Das muss sich jeden­falls wieder ändern.
Etwas über 30 Filme habe ich gesehen, zu wenig aus den Neben­reihen, was natürlich auch an der doofen Auswahl von Weintraub in der Quinzaine liegt. Aber »Un Certain Regard« wo ich viel gesehen habe, war auch nicht gut gewesen.
Relativ wenig Filme aus den »Außer Konkur­renz«, vor allem zu wenig Asiaten. Kein Mitter­nachts­scree­ning. Diesmal hatte ich keinen Tag mit fünf Filmen, aber auch keinen unter drei, außer dem ersten, an dem nur zwei liefen.

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Welches mein schönstes Cannes war, hatte Engin mich am ersten Abend gefragt. Spontan hatte ich 2009 genannt, als Haneke mit dem Weißen Band gewonnen hatte. Das war die Zeit, als ich noch aufs arte-Boot ging, und ich Sara aus Madrid kennen­ge­lernt habe, die heute schon keine Film­kri­ti­kerin mehr ist. Dann hab ich von 2003 erzählt, meinem ersten Jahr und 2004, dem Durch­bruch der Asiaten. Da war ich auch noch regel­mäßig ins Petit M gegangen. Später ist mir noch 2011 einge­fallen, das Drive-Jahr.
Ein Film ist es fast immer, der im Kopf bleibt, auch mal zwei, drei, selten mehr als fünf. Sofia Coppola und Guillermo del Toro, die für ihre jeweils besten Filme keinen Preis bekamen. War dies das Jahr, als Ken Loach gewann, 2006, in der hirn­ris­sigen Wong Kar.wai-Jury? Die drei tollen Godard-Filme: Notre MusicFilm Socia­lisme, Adieu au langage, jeweils in Cannes. Wo sonst? La vie d'Adèle, von 2013. NBC und Kawase, von 2014. 2015: Kore-eda vor allem. 2016 wird später das Toni Erdmann-Jahr gewesen sein.

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Sie sickert und tropft natürlich trotzdem hinein, die Welt. Nicht allein, weil nach dem letzten Besuch am deutschen Pavillon, der dann mich besuchte, leider sehr FC Bayern-lastig, das war schon dass falsche Signal fürs Pokal­fi­nale, und so kam es auch.
Wenn man gewisse Fußball­ergeb­nisse, Mitmen­schen, Anrufe, Ämter, Bezie­hungen hier auch noch igno­rieren kann, so sorgen doch die Filme dafür, vor allem die schlechten. Und die gutge­meinten, was wenigs­tens nicht immer dasselbe ist. Etwa in Filmen wie Sean Penns The Last Face, einem einzigen Desaster. War Toni Erdmann ein Film, der so gut ankam, wie noch nie ein Film in Cannes seit Jahren, so fiel dieser auf eine Weise durch, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Selbst Buhrufe wären zuviel gewesen für diesen Schrott.

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Was uns bisher zwar irgendwie bewusst war, aber immer wieder in Verges­sen­heit gerät, das ist, dass es auch innerhalb dieses Orbits Cannes mehrere Paral­lel­uni­versen gibt.
In einem bewegte sich offen­kundig die dies­jäh­rige Jury. Ihre Entschei­dungen, die ich gebührend kommen­tiert, aber noch nicht ausrei­chend erläutert habe, erklären sich eigent­lich nur daraus, dass diese neun Leute auf einem anderen Festival waren, als ich, dass sie andere Filme gesehen hatten, die nur zufällig die gleichen Titel trugen.

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Ein Universum für sich ist Susanne Ostwald, Kriti­kerin der im Prinzip renom­mierten NZZ, aller­dings geboren in Herne/Süd. Über Ostwald wurde noch auf dem Deutschen Filmpreis gelästert – nicht von mir ausgehend. Aber ich hab dann mitgeläs­tert. Denn es war auch anderen, mehreren anderen aufge­fallen, dass Ostwald die einzige Kriti­kerin der Welt war, die mit den Jury-Entschei­dungen einver­standen war, die Xavier Dolans Film mochte, den noch nicht mal jene, die ihn verkaufen mussten, etwas abge­wonnen konnten. Die Ken Loach... Ach was solls, über den Unsinns­text muss man kein Wort mehr verlieren.

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Langsam sickert die Welt wieder ein, am Ende eines solchen Festivals. Die, die nicht bis zum Ende ausharren berichten von Fran­zö­sisch­kursen in Paris, auf die ich aus mehreren Gründen auch Lust hätte, von bevor­ste­hender Arbeit, oder sie verab­schieden sich bis zum nächsten Festival. Ande­rer­seits lebt das Festival auch weiter, auf Festi­val­scope zum Beispiel und natürlich eben in Paris, wo jetzt alle Neben­s­ek­tionen nach­ge­spielt werden. Die haben's gut – es lebe die Fran­co­philie.

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Auf dem Rückflug sind die hübschen Stewar­dessen von Germ­anwings in etwas alberner, aber eigent­lich sehr erhe­bender Flirt­stim­mung. Und der Bekannte eines Welt­ver­triebs liest ein Buch mit dem Titel »trans­former ma vie«.
Das fragt man sich dann am Ende eines Festivals, aber Preise hin, Jurys her – das dies­jäh­rige Cannes war jede Sekunde wert.

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Dann die Landung als Vertrei­bung aus dem Paradies, Ankunft um 22.40 Uhr, 45 Minuten verspätet wegen des Sturms. Zurück in der wirk­li­chen Welt. Berlin ist so klein, so herun­ter­ge­kommen, und so billig, man vergisst es nur immer – das will Haupt­stadt sein? Hier fahren die Straßen­bahnen nicht mal alle 10 Minuten, hier werden werktags um Mitter­nacht die Bürger­steige hoch­ge­klappt, und alle gehen ins Bett. Vergesst den Mythos, Leute, Berlin ist einfach eine Pissstadt, in Mannheim ist um die Zeit mehr los. Um 23 Uhr fuhr ich dann im X9-Bus zum Haupt­bahnhof. Dort aber fährt keine S-Bahn, weil der S-.Bahn-Verkehr mal gerade wieder wegen irgend­wel­cher Umbauten ab 21.30 einge­stellt ist. Es bleiben Regio­nal­bahnen, die nächste fährt um 23.45. Dann aber doch nicht, weil sie Verspä­tung hat. Nach BVG-Angaben »5 Minuten, da ist sie aber schon 10 Minuten verspätet. Die Anzeige ändert sich auf »15 Minuten später«, es werden dann 20. Beim Bahnhof Fried­rich­straße kommt die nächste Straßen­bahn dann in 13 Minuten. Das ist Haupt­stadt­fee­ling.

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