17.05.2016
69. Filmfestspiele Cannes

Kein Verlangen ohne Verbot, kein Begehren ohne Gefahr

Personal Shopper von Olivier Assayas (hier: Kristen Stewart) endet im Oman. Gibt's da viel Geld für wenig Film?

Feti­schismus, was sonst? Neue Filme von Assayas, Park Chan-wook, Bruno Dumont und die Essenz des Kinos – Cannes-Notizen, 8. Folge – von Rüdiger Suchsland

»Ich mag keine Magazine. Magazine verkaufen den Leuten Scheiße, nur für die Anzei­gen­kunden, nie für die Leser.«– Kristin Stewart in Personal Shopper

»Es gibt mehr Götzen als Realitäten in der Welt.«– Friedrich Nietzsche

»Da streiten sich die Leut herum / oft um den Wert des Glücks, / der eine heißt den andern dumm, / am End weiß keiner nix! / Da ist der allerärmste Mann / dem andern viel zu reich, / das Schicksal setzt den Hobel an / und hobelt alle gleich!« –»Das Hobellied«, im Film Personal Shopper, gesungen von Marlene Dietrich,

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Man traut seinen Augen kaum: Da steht Kristen Stewart, in Jeans und Turn­schuhen, in einem alten europäi­schen Herren­haus, das aller­dings kaum erleuchtet ist.
Und plötzlich taucht hinter ihr aus dem Dunkel ein Licht­schatten auf. Er bewegt sich ständig, hat bald die Form eines Gesichts, dann eines Toten­kopfes, eines Körpers. Ein Geist, ganz offen­sicht­lich.

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Personal Shopper ist erst wenige Minuten alt, da hat das Zwielicht, das Flirren zwischen dieser und einer anderen Welt aus ihrem größten Kino-Erfolg Kristin Stewart zurück. Und sie wird aus ihm bis zum Ende dieses Films nicht heraus­treten.

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Stewart steht ganz im Zentrum von Olivier Assayas' neuem Film. Sie ist in fast jedem Bild zu sehen. Wir iden­ti­fi­zieren uns mit ihr, wir verfallen ihr, wir distan­zieren uns von ihr. Bei ihrer Figur handelt es sich um ein junges Mädchen, das im Dienst einer nicht näher defi­nierten Popce­le­brity namens Kira (Nora von Wald­stätten in einem kurzen, aber einpräg­samen Auftritt, von ihr hätte man gern mehr gesehen) teure Marken­kla­motten, Schmuck und andere teure Waren kauft oder ausleiht. So kommt sie in der Welt herum.
Doch das ist nur die Ober­fläche. Dieser Film, der zum Teil in der Welt der Stars und der Medien spielt – und darin als Fort­set­zung von Die Wolken von Sils Maria angesehen werden kann – ist am ehesten ein Psycho­thriller. Man kann ihn auch als Geis­ter­ge­schichte deuten, als Horror­movie. Er ist auch ein Film über Erin­ne­rung und Trau­er­ar­beit und eine philo­so­phi­sche Reflexion über die alte Frage, wie rational die Welt verfasst ist, ob Esoterik und Para­psy­cho­logie, oder auch Reli­gionen etwas zum »tieferen« Vers­tändnis der Welt beitragen können, oder nur Humbug sind, »Opium fürs Volk«, im besten Fall ein Irrtum, im schlech­teren eine große Verschwö­rung, Auch dies steht im Raum, denn wenn hier mitunter Geister per sms zu kommu­ni­zieren scheinen, könnte es sich am Ende doch um Phänomene handeln, die weitaus irdi­schere Ursachen haben. Ande­rer­seits sieht Maureen, so heißt Stewarts Figur, tatsäch­lich Geister, wir tun das mit ihr, aber viel­leicht bildet sie sich das ja nur ein?
Assayas hält all dies wohltuend offen.

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Ganz ohne Frage gelingt ihm aber mit diesem Film eine Dekon­struk­tion des Horrors, eine Deutung der Geis­ter­welt als weit­ge­hend von Menschen gemachte.
Der Kern dieser Geschichte liegt aber noch woanders: An der Ober­fläche, dem komplett in der Konsum- und Medi­en­welt veran­kerten Brotberuf der Haupt­figur.
Denn ihr wunder Punkt ist nicht allein der Geis­ter­glaube, der sie für Mani­pu­la­tionen anfällig macht, sondern das Begehren, von den Dingen zu kosten, die ihrer Herrin vorbe­halten sind. Es ist ein Märchen­glaube an die Kraft und Ausstrah­lung der Objekte, ihre stabi­li­sie­rende, rettende und heilende Kraft. Dieser Glaube ist das heiße Herz des Kapi­ta­lismus, er hält unsere Welt zusammen. Und Maureen weiß um die Gefähr­lich­keit dieses Glaubens: Sie durch­schaut ihn, sagt Sätze – und aus dem Mund von Kristin Stewart klingen sie noch besser – wie »Ich mag keine Magazine. Magazine verkaufen den Leuten Scheiße, nur für die Anzei­gen­kunden, nie für die Leser.« Der entschei­dende Satz fällt im zweiten Drittel: »No desire if it's not fearful.«
Es geht also um Feti­schismus. Assayas verdammt den Feti­schismus nicht, sondern er versteht und vertei­digt ihn. Und die besten seiner Bilder feiern ihn.

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Personal Shopper ist keines­wegs restlos geglückt. Vor allem versucht er zu viel, teased zuviele Aspekte an, die er dann nicht richtig zu Ende erzählt. Auser­zählen tut Assayas ja eigent­lich nie, aber mitunter ist er hier etwas zu spar­ta­nisch. Aber das ändert nichts daran, dass Personal Shopper unendlich inter­es­santer ist als die meisten Filme auch in einem guten Cannes-Jahr wie diesem. Für die Buhs am Ende gibt es insofern keinen Grund. Aber längst hat der Dämon des Main­stream-Geschmacks das Festival wieder über­nommen.

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Der perfek­tere, und noch feti­schis­ti­schere Film, einer der Filme, die mir bisher am besten gefallen haben, ist Made­moi­selle des Koreaners Park Chan-wook. Auch hier zeigt die Reaktion vieler Film­kri­tiker – nicht die der Freunde und Bekannten, mit denen ich rede und die hier zu Wort kommen, aber der Mehrheit im Saal oder in manchen Kriti­ker­spie­geln, nur deren eigene Beschrän­kungen. Die Reaktion zeigt ein grund­sätz­li­ches Unver­s­tändnis für asia­ti­sche Film auch zwölf Jahre nach 2004, als das Kino Asiens hier seinen Durch­bruch feierte – unter anderem mit Park Chan-wooks Oldboy, seinem ersten Film in Cannes. Made­moi­selle spielt in den 1930er Jahren, aber man spürt die vikto­ria­ni­sche Atmo­s­phäre der Vorlage von Sarah Waters. Die 1930er Jahre waren jedoch die Zeit der japa­ni­sche Besetzung von Korea und der Mand­schurei.

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Es geht los mit einer jungen Frau. Sie ist Korea­nerin, und kommt in ein Riesen­haus mit engli­schem und japa­ni­schem Trakt, verwir­rend, laby­rin­thisch, wie in einer klas­si­schen Gothic Tale. Sie bekommt erstmal eine Führung und wir mit ihr. Zentral ist die kostbare Biblio­thek des Onkels ihrer Herrin, eines Bücher­samm­lers.
Sie bekommt eine kleine fens­ter­lose Kammer zuge­wiesen, direkt neben dem Schlaf­zimmer ihrer Herrin. Die ist eine unver­hei­ra­tete Frau, und kurz nach dieser Expo­si­tion begreifen wir, dass die Dienerin eigent­lich perfekt ausge­bil­dete Taschen­diebin ist, die bereits mit fünf Jahren echte Steine von falschen unter­scheiden konnte und alle Tricks kennt. Wir wissen nun, dass es einen Plot gegen die reiche Erbin gibt.
Doch bald beginnt eine Liebes­ge­schichte zwischen Herrin und Dienerin, und der Plan gerät ins Wanken. Oder ist alles wieder ganz anders?

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In mehreren Kapiteln, mit Perspek­tiv­wen­dungen und Über­ra­schungen erzählt Park Chan-wook überaus virtuos eine komplexe Liebes­ge­schichte, die zugleich ein roman­ti­scher Krimi­nal­thriller ist. Made­moi­selle ist ein Film voller Drive und Dynamik, getrieben von schöner Musik und bemer­kens­werter Insze­nie­rungs­kunst. Und eine korea­nisch-japa­ni­sche lesbische Liebes­ge­schichte ist schon als solche ein Tabubruch.
Auch hier aber steht der Feti­schismus im Zentrum: Der des Zuschauers, versteht sich. Denn alles hier ist pracht­voll anzusehen: Nicht nur die nackten Frau­en­leiber bei den Sexszenen, sondern die kostbaren Bücher der Biblio­thek, die Wand­ge­mälde, Möbel und Tapeten, selbst ein riesiger Octopus, der einmal in einem viel zu kleinen Aquarium im für die Story bedeu­tenden Keller des Onkels auftaucht, auch als lustiges Selbst­zitat des Regis­seurs (in Oldboy wurde ein kleiner Octopus lebendig gegessen) ist herrlich.

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Park erfüllt damit alle Erwar­tungen an sei Kino: Made­moi­selle argu­men­tiert in Bildern, dies ist ein Film der sinn­li­chen Gewiss­heiten, nicht der Analyse und psycho­lo­gi­schen Trif­tig­keit, die auch die guten Filme der Europäer oft im Würge­griff hält.
Übrigens hat der Film, dessen korea­ni­scher Titel »Unver­hei­ra­tete Frau« bedeutet, den inter­na­tio­nalen Titel The Hand­maiden. Die beiden Titel bezeichnen unter­schied­liche Figuren – ein zusätz­li­cher Beleg, dafür, dass im Kino alles im Auge des Betrach­ters liegt. (Anm. d. Red: In Deutsch­land kommt der Film unter dem Titel Die Taschen­diebin in die Kinos)

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Überaus bemer­kens­wert ist auch Bruno Dumonts Ma Loute, der verrück­teste, auch ausge­las­senste Film im bishe­rigen Wett­be­werb. Wir befinden uns wieder in der nordöst­lichsten Küsten­ge­gend Frank­reichs, und in jenem stilis­ti­schen Terrain, das der Franzose in seinem letzten Film P'tit Quinquin ausge­lotet hat, der auf Festivals im Kino und danach als Serie auf Arte lief.

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Starker Dialekt, Karikatur, Slapstick, Running Gags und Over­ac­ting, dazu das Casting von Laien mit Segel­ohren, Sprach­feh­lern und schlechter Haut markieren den sehr spezi­ellen Humor Dumonts, einen lako­ni­schen Absur­dismus, der am ehesten den Komödien von Jacques Tati verwandt ist.
Poli­zisten sind hier gleich­zeitig dick und doof, aber würdevoll, selbst wenn sie mit Wampe und Melone eine Düne herun­ter­pur­zeln, Frauen klingen, wenn sie reden wie Opern­diven, jodeln »oh« und »ah« und betonen bei »wie schön!« das erste Wort,
Je länger der Film dauert, um so mehr spinnt er einfach. Irgend­wann fliegt eine Frau wie Magneto über die Dünen und ein Polizist wie ein Ballon.

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Alles spielt 1910: Sommer­fe­rien, die debile Land­be­völ­ke­rung trifft auf den debilen Adel aus Lille, die »Wisse-ki« zum »Aperi« trinken, entweder Hyste­riker sind, oder depressiv, oder es an »den Nerven« haben. Die Wirk­lich­keit ist melo­dra­ma­tisch. Wir sehen Taucher und Stürme, Prole­ta­rier im Wald auf Adelsjagd und höhere Töchter, die – ein wunder­bares Bild – mit Krocket-Holz­schlä­gern auf sich eindre­schen. Katho­li­zismus trifft Kanni­ba­lismus, und Liebe geht über Klas­sen­grenzen.
Das ist sehr witzig und klug, wenn man es mag, ansonsten eine gnaden­lose Zumutung.

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Und die Musik ist toll, es ist die Prelude au deuxieme acte des unbe­kannten belgi­schen Wagne­ri­an­ders Lekeu.

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Junge Frauen sind bei Dumont immer super. Star des Films ist daher auch hier die sich Raph nennende Debü­tantin, die die Tochter von Binoche und einzige humane Adelige spielt. Und von der man bis nach Ende des Films nicht weiß, ob sie eine junge Frau oder doch ein junger Mann ist. Erst die Pres­se­kon­fe­renz brachte Aufschluss.

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Das Ende von Personal Shopper spielt ziemlich unver­mit­telt in Oman. Und ich frage mich, ob am Ende diese ganzen Global­filme, die Filme, die in acht Ländern spielen, nicht vor allem als Ergebnis der Film­för­de­rung zu verstehen sind: Weil man im Oman Geld, viel Geld bekommt, haben dann die Filme plötzlich ein paar Szenen im Oman.

(to be continued)

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