13.05.2016
69. Filmfestspiele Cannes

Monster am Mittelmeer

George Clooney ist das »Money Monster« in Jodie Fosters gleichnamigen Film (außer Konkurrenz)

Der Zynismus der Verhält­nisse: Soll man Woody Allen verbrennen? – Cannes-Notizen, 3. Folge – von Rüdiger Suchsland

»Mit der Vielheit der Elemente und Tendenzen, als deren Inein­ander und Durch­ein­ander das Leben sich vorfindet, scheinen wir praktisch nur so auszu­kommen, dass wir unser Verhalten auf jedem Gebiet und in jeder Periode von einem einheit­li­chen und einsei­tigen Prinzip absolut regieren lassen.
Auf diesem Wege aber holt jene Mannig­fal­tig­keit des Wirk­li­chen uns immer wieder ein.«
– Georg Simmel: »Philo­so­phie des Geldes«

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Woody Allens Café Society war dann doch ein Eröff­nungs­film, der schnell verblasste. Was von diesem Alters­werk bleibt, sind allein die tollen Haupt­dar­steller Kristin Stewart und Jesse Eisenberg, und ein gewisses Gefühl von Nostalgie für die 30er Jahre. Das Allen hier auch Dinge verklärt, muss man nicht weiter erwähnen, aber Verklä­rung gehört dazu.

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Ansonsten bleibt Uner­freu­li­ches: Teil­nehmer der Eröff­nungs­ver­an­stal­tung berich­teten über­ein­stim­mend, es sei so peinlich gewesen wie noch nie. Der Moderator muss Woody Allen wohl sinngemäß ange­spro­chen haben, er sei über­rascht, dass er nicht von der Polizei wegen Verge­wal­ti­gung verhaftet worden sei. Und hat der 80-jährige Allen tatsäch­lich auf der Bühne gesagt, er finde »rape-jokes« lustig?

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Das Echo davon ereilte auch mich am nächsten Tag. Da hatte ich einer geschätzten Regio­nal­zei­tung meinen Eröff­nungs­text gemailt, und bekam folgende Mail:
»Lieber Rüdiger, die Agenturen laufen gerade heiß mit den Vorwürfen von Allens Adop­tiv­sohn. Kann ich das mit einem Satz in deinen Text einfügen?«
Unten­drunter stand dann die dpa-Meldung über einen Text von Ronan Farrow im Holly­wood­re­porter. Tenor: »Die langsame Entwick­lung der Old-School-Medien hat dazu beige­tragen, eine Kultur der Straf­frei­heit und des Schwei­gens zu schaffen«. So etwas kommt in unseren puri­ta­ni­schen Zeiten auch außerhalb Amerikas gut an.
Meine Antwort: »Von den Miss­brauchs­vor­würfen redet hier natürlich niemand. Und ich sollte ja aus Cannes berichten... Wollt ihr das nicht besser unter Vermischtes melden, wenn's sein muss?«
Mal sehen, wie der Text jetzt aussieht.

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Zum Echo gehört dann, dass aber trotzdem darüber berichtet wird. Dabei hat Farrow in seinem Text, der inhalt­lich nur die seit Jahren bekannten und nie belegten Vorwürfe aufwärmt, das Entschei­dende selbst geschrieben: »Er wird seine Stars an seiner Seite haben. Sie können sich auf die Presse verlassen, dass sie ihnen keine störenden Fragen stellen wird. Das ist nicht der Augen­blick, das ist nicht der Ort, das macht man nicht.«
Genau das: Das macht man nicht, und Cannes ist nicht der Ort. Farrow nutzt nur die Aufmerk­sam­keit, die auf Cannes liegt, um seine 15 Minuten Aufmerk­sam­keit abzu­be­kommen, und dafür recht­staat­liche Grund­sätze wie »keine Verur­tei­lung ohne Beweis« und »im Zweifel für den Ange­klagten« über Bord zu werfen.
Und wenn einen die schon nicht inter­es­sieren – wahr­schein­lich ist Rechts­staat auch »Old School« – dann könnte man doch wenigs­tens versuchen, Kunst und Moral ausein­an­der­zu­halten, und ein Festival, das einen Film zeigt, nicht gleich zum Quasi-Komplizen von Kindes­miss­brauchs­tä­tern zu erklären.

Kann man ein Kunstwerk nicht von seinem Schöpfer trennen, analy­tisch meine ich?

Die Autorin von Spiegel-Online kann es leider nicht. In ihrem Text schwur­belt sie beides elegant ins eins. Das geht dann so: »Bald findet sich Vonnie in einem Liebes­di­lemma wieder, das sich so auflöst, wie man es von Woody Allen erwarten muss: Wenn sich eine Frau zwischen einem gleich­alt­rigen und einem deutlich älteren Mann entscheiden kann, wählt sie den deutlich älteren. Dass die 26-jährige Stewart in ihrer Rolle als Gespielin des 53-jährigen Carell dauernd Babydoll-Kleider und Schleif­chen im Haar trägt, lässt einen noch stärker an dieser Paarung zweifeln. Passen­der­weise hat Allens eigener Sohn Ronan Farrow gerade erst im Bran­chen­dienst »Hollywood Reporter« ein längeres Stück dazu geschrieben, wie die Medien mit den Miss­brauchs­vor­würfen gegen Allen 2014 umge­gangen sind. Seiner Meinung nach haben sie die Anschul­di­gungen seiner Schwester Dylan, die Allen sexuelle Über­griffe in ihrer frühen Jugend vorwarf, nicht ernst genug genommen.
Was auch immer sich damals zuge­tragen hat – das thema­ti­sche Echo, das Allens Filme bis hin zu diesem immer wieder bieten, ist erschre­ckend. Der durch­wach­sene Applaus, den der Film bei der Eröffnung erhielt, hatte damit wohl nichts zu tun. Der war eher dem Umstand geschuldet, dass Allens Porträt von Old Hollywood und seiner Ober­fläch­lich­keit selbst wenig gehalt­voll ausfallen ist. Da hat die Berlinale mit der Showbiz-Farce Hail, Caesar! von den Coen-Brüdern in diesem Jahr deutlich besser dage­standen. Letztlich sollte beides der Festi­val­lei­tung von Cannes zu denken geben, ob man die Fest­spiele wirklich noch mit einem Film von Allen eröffnen kann.«

Warum sollte Cannes das nicht können? Weil es die Vorwürfe gibt, oder weil der Film schlecht ist, oder weil der Applaus nur durch­wachsen war? Ich finde den Film ja auch nur durch­wachsen, aber darum geht es nicht.
Ich wünsche der Autorin, dass sie nie irgend­wann mal mit unbe­wie­senen, aber harten Vorwürfen konfron­tiert wird, und dann Dritte ihren Kopf fordern.

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Da passt dann wieder der gute Dialog-Satz, das Leben sei eine Komödie, »verfasst von einem sadis­ti­schen Autor.« Das glamouröse »Festival der Stars«, dass die Veran­stalter für dieses Jahr verspro­chen haben, ging am Donnerstag weiter. Da kamen dann Julia Roberts, George Clooney und Jodie Foster. Letztere führte Regie in Money Monster. Das Monster ist hier vor allem das Geld und die Gier, aber auch ein nimmer­satter Finanzhai und CEO, der seiner Firma mit einem orga­ni­sierten Computer-»glitch« 800 Millionen abge­luchst hat. Haupt­figur in dem turbu­lenten Finanz­thriller, der manchmal wie eine sarkas­ti­sche Komödie funk­tio­niert, ist aber ein von Clooney gespielter TV-Moderator, der mit einer ein bisschen debilen, ein bisschen kriti­schen Börsen­sen­dung zum Star geworden ist. Mitten in seiner eigenen Sendung wird er als Geisel genommen. Ein geprellter Kunde will die wahren Hinter­gründe eines Börsen­crashs aufklären. Money Monster, von Clooney produ­ziert, ist einer­seits Beispiel für das Beste an Hollywood: Engagiert, aber main­stream­taug­lich und daher brei­ten­wirksam wird ein bren­nendes Thema kriti­scher angepackt, als es die oft von Lobby­in­ter­essen und Ideo­lo­gien gefangene Politik und die längst zur unkri­ti­schen Unter­hal­tung geron­nenen Medien tun, die nur noch ihr Geschäft – Quoten und Auflage – im Kopf haben.

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Einleuch­tend zeigt der Film den Zynismus der Verhält­nisse. Nur ist er einfach nicht gut genug, und schwankt zu sehr zwischen Finanz­drama, Crime­thriller, und Komödie. Auch leiern manche Erzähl­stränge, und ist die Hand­lungs­logik frag­würdig. All das tut dem Vergnügen freilich wenig Abbruch.

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Das ästhe­ti­sche Problem, das Money Monster mittelbar auch stellt: Wie zeigt man Geld­ströme und unsicht­bares Kapital? Klar, erstmal muss die Geschwin­dig­keit, mit der in Sekun­den­bruch­teilen Milli­arden verschoben werden, durch Tempo verkör­pert werden, schnelle Schnitte. Die noch gravie­ren­dere Frage der Darstel­lung der Komple­xität des Börsen­ge­sche­hens wird durch elek­tro­ni­sche Musik gelöst, Kame­ra­fahrten durch riesige Compu­ter­hallen, Aufnahmen blin­kender Leucht­di­oden, Zahlen­ko­lonnen.
Dazu Clooney Stimme: »You dont have a clue, where your money is.«

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So könnte man kriti­sieren: Wie so viele Filme, die vermeint­lich kritisch mit dem Finanz­markt umgehen, verfällt auch dieser wieder der eigenen Bild­sprache des Finanz­ka­pi­tals, die immer ein bisschen propa­gan­dis­tisch ist und noch im Scheitern an ihrem Glamour, ihrer Selbst­my­thi­sie­rung arbeitet. Diesem Glamour leisten auch noch so vermeint­lich – und in ihrer Selbst­wahr­neh­mung – extrem kritische Filme wie die von Oliver Stone oder zuletzt Adam McKays The Big Short am Ende Vorschub.
The Big Short zeigte nur eine andere – vermeint­lich (!!!) – sympa­thi­schere Seite: Die Börsen-Hippies, die Handvoll Männer, die aus Über­zeu­gung wie Gier wie Konspi­ra­ti­ons­theorie gegen den Trend speku­lieren und mit Erfolg auf das Platzen der Finanz­blase setzen, setzen sich äußerlich von der Konkur­renz ab: In T-Shirt und Shorts, vulgär schreiend, autis­tisch im Büro Musik machend, paranoid mit acht Telefonen und Geheim­num­mern hantie­rend – der Film zeigt die Hippie­seite der Börse.
Wie in Money Monster wird der Finanz­markt immerhin kurz von seiner schöp­fe­ri­schen Seite erkennbar: Auch die Börse »würfelt nicht« (Albert Einstein) und unter vielen klugen Speku­lanten gibt es ein paar Genies, die die Zukunft vorher­zu­sagen vermögen.

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Dass die Börse grund­sätz­lich aber eine einzige Fikti­ons­ma­schine ist, wird hier deutlich und ist schon längst keine origi­nelle Einsicht mehr. Binsen­weis­heit ist, dass hier mit Erwar­tungen gehandelt wird, mit Ängsten und Hoff­nungen, Prognosen für die Zukunft also. Die Realität, der Gegenwert eines Unter­neh­mens oder Geschäfts im Jetzt und Hier zählt eigent­lich gar nichts. Denn wenn sich auch nur zehn Prozent der Händler das auszahlen ließen, was ihre Aktien angeblich wert sind, wäre der große Krach da, und viele von ihnen pleite. Es zählt also, was einer nicht hat oder jeden­falls nicht »reali­siert«, wie der Börsen­jargon treffend heißt. Aktien sind Irrealia, wie das Geld überhaupt, das schon Georg Simmel, der Soziologe unter den Philo­so­phen, in seiner immer noch unter Wert gehan­delten »Philo­so­phie des Geldes« als »flüssiges« »Medium« charak­te­ri­siert hat.
Dies alles zu verstehen, heißt aber nicht, dass Börse und Finanz­markt, Geld gar, als reine Phan­tastik abzu­werten seien. Es bedeutet im Gegenteil, das Phan­tas­ti­sche im Leben gegenüber der schnöden Pragmatik wieder aufzu­werten.

Die Börse – das ist so etwas wie der Roman des Neoli­be­ra­lismus, die große Erzählung des freien Marktes. Darum braucht sie eigent­lich keine Filme. Außer jenen Filmen, die ihr Wider­stand entge­gen­setzen, ohne sie gleich moralisch, also plump zu kriti­sieren. Filme die sie ausein­an­der­nehmen und wieder neu zusam­men­setzen, dekon­stru­ieren.

(to be continued)

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