15.02.2016

66. Berlinale 2016

Abschied von Vorgestern

Abschied von Gestern
Alexandra Kluge in Abschied von gestern

Ästhe­ti­scher System­ver­gleich: Die Berlinale-Retro­spek­tive »Deutsch­land 1966 – Filmische Perspek­tiven in Ost und West« – Berlinale-Tagebuch, 9. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Wir müssen wieder Karl May lesen.«
Alexander Kluge, im Jahr 2016

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Im deutschen Kino gibt es gegen­wärtig einen neuen Trend zum Natu­ra­lismus: Aus der Not des fehlenden Geldes macht man die Tugend des Billigen; das fehlende Wissen übers Weltkino und die eigene, deutsche Film­ge­schichte wird in die Feier des Unbe­küm­merten, Laien­haften, der wohligen Naivität umgemünzt.
So haben wir es nicht allein mit Figuren und Geschichten zu tun, die ein Leben in den Tag hinein zeigen, ohne Plan und gar Utopien, ohne Ideale, aber auch ohne echte Not. Wir haben es mit Stilen zu tun, die manchmal den Eindruck erwecken, als wüsste hier wirklich keiner, warum etwas erzählt werden soll, und warum es so erzählt werden soll – eher muss man halt nach ein paar Jahren auf der Film­hoch­schule mal den Beweis antreten, dass man ein echter Filme­ma­cher ist. »30 Prozent aller unter Dreißig­jäh­rigen in Berlin«, so erzählte mir hier gestern eine Doku­men­tar­fil­merin, wollen »irgendwas mit Medien« machen, nicht wenige wollen Filme drehen. Das kann nichts werden, auch wenn es für alle irgendwo einen Film­hoch­schul­platz oder einen Kino-Workshop gibt.
Hinzu kommt das gras­sie­rende Des-Enga­ge­ment: Seit Jahren sind alle müde, die Figuren im deutschen Film (wenn sie nicht gerade hyper­nervös oder hyste­risch sind oder irgend­eine Krankheit haben), sie leiden unter Burnout oder werden stumm vor lauter Krise. Die Gesell­schaft gefällt ihnen nicht, aber sie wollen die Gesell­schaft deshalb nicht ändern. Weil »das ja nicht geht«. Das gilt für die Figuren aber auch für die Macher.
Mann Leute! Dass ihr das auch noch selber glaubt!! Was für ein Unter­schied zur Situation vor 50 Jahren!!!

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Roger Willemsen ist tot, Richard David Precht lebt.

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50 Jahre ist es nun her: 1966 – da war Berlin wie ganz Deutsch­land noch geteilt und Willy Brandt noch regie­render Bürger­meister. Als solcher eröffnete er mit der Deutschen Film und Fern­seh­aka­demie die erste Film­hoch­schule. Politisch war es das Jahr vor der Entspan­nungs­po­litik, gesell­schaft­lich das Jahr vor dem Beginn der großen Revolte, ein Jahr des Aufbruchs, und des Umbruchs, in der DDR wie in West­deutsch­land. Auch im Kino.
Darum geht es jetzt in der Retro­spek­tive der Berlinale, die diesem Jahr vor 50 Jahren gewidmet ist: Sie heißt »Deutsch­land 1966 – Filmische Perspek­tiven in Ost und West«

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Es ist ein span­nender ästhe­ti­scher System­ver­gleich: Nach dem Manifest von Ober­hausen, das bereits 1962 Papas Kino und auch gleich noch das der älteren Geschwister für tot erklärt hatte, kamen jetzt die ersten Werke des »Neuen Deutschen Films« heraus. Ulrich Schamoni, Edgar Reitz, Rainer Werner Fass­binder und Volker Schlön­dorff zeigten ihre ersten langen Filme. Sie wirken so frisch und satt, wie man es den meisten Heutigen wünschen würde. Schlön­dorffs Musil-Adaption Der junge Törless  ist ein Klassiker, ein Film über Jugend­re­bel­lion und Erwach­sen­werden, der sechziger Jahre – im histo­ri­schen Kleid.
Das echte Schlüs­sel­werk dieses Jahres aber ist Alexander Kluges Abschied von gestern.

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Abschied von gestern ist einer der wenigen Filme, die Brücken zwischen den zwei ausein­an­der­ge­ris­senen Hälften des alten Deutsch­lands schlagen, und das zugleich, ohne die Wunden der Vergan­gen­heit zuzu­kle­is­tern. Seine Haupt­figur Anita hat jüdische Wurzeln, sie flieht aus dem Osten in den Westen, und kommt dort aber auch wieder mit den Behörden in Konflikt, und landet im Gefängnis. Sie sind nicht so verschieden, die beiden deutschen Teile, zeigt uns das unter anderem.

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Solche Verwandt­schaften öffnen sich auch von der anderen Seite: Jahrgang '45, der einzige Spielfilm des renom­mierten Doku­men­tar­film-Regis­seurs und Malers Jürgen Böttcher ist getränkt mit dem Geist der Nouvelle Vague, der fran­zö­si­schen Neuen Welle. Junge Menschen, wach, offen, beiläufig, die in den Tag hinein leben.
Auch hier steht die Vergan­gen­heit eines Landes, das erst den Zivi­li­sa­ti­ons­bruch vollzogen, dann selbst an ihm zerbro­chen war, gut 20 Jahre nach Kapi­tu­la­tion und Befreiung vom Faschismus – ständig unaus­ge­spro­chen im Raum. Es ging in Ost wie West um gesell­schaft­liche Wider­sprüche. Aber die Zensur im Osten war ungleich härter und uner­bitt­li­cher, und es gab keine freie Presse, die den Künstlern zur Seite springen konnte. Vieles wurde entschärft, vieles wie der gar nicht ober­fläch­lich poli­ti­sche aber frei­geis­tige und insofern unan­ge­passte DDR-Pop-Movie Jahrgang '45 wurde komplett verboten.
Trotzdem gab es 1966 noch Aufbrüche. Viele DDR-Filme setzten sich unver­blümt mit dem »real­exis­tie­renden Sozia­lismus« ausein­ander. Frank Beyers Spur der Steine überträgt noch heute diesen Elan aufs Publikum. Nie wieder war DDR-Kino so offen respektlos. Nur drei Tage lang wurde dieser Film gezeigt, dann verschwand er für ein Vier­tel­jahr­hun­dert im Panzer­schrank der Stasi.

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Zensur und Selbst­zensur gingen inein­ander über. Und auch da gibt es Paral­lelen zum west­deut­schen Kino. Denn das Auto­ren­kino der Bundes­re­pu­blik verengte sich schnell auf ernste und betont poli­ti­sche Stoffe. Dass es auch eine ästhe­ti­sche Ebene der Kritik gibt, das wusste man in der Musik und im Theater, im Kino war eher Lini­en­treue gefordert. Unor­tho­doxe Regis­seure gerieten unter die Räder. So erging es Will Tremper einem der inter­es­san­testen Filme­ma­cher im West­deutsch­land der frühen Sechziger. Ob in seinem Meis­ter­werk Die endlose Nacht von 1962, oder in Playgirl von 1966, einem kleinen Meis­ter­werk, dass ebenso Godard und Truffaut verpflichtet ist, wie dem besseren Hollywood.
Auch ansonsten ist die Retro­spek­tive 1966 der Versuch auch an Filme­ma­cher wieder zu erinnern, die ein wenig aus dem Zentrum des film­ge­schicht­li­chen Gedächt­nisses nach hinten geschoben wurden: Jeanine Meerapfel, Helke Sander, Ula Stöckl, Michael Klier, Werner Nekes. Ihre Werke kann man in dieser hoch­span­nenden Retro­spek­tive wieder­ent­de­cken.

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