12.02.2016

66. Berlinale 2016

Wer ist der »Fixer« der Berlinale?

George Clooney in Hail, Caesar!
George Clooney in Hail, Caesar!

Ein einziger Betrug: Das alte Hollywood in all seiner Bruta­lität – Star­system, Hack­ord­nungen, Medien. »Hail Caesar« ist der perfekte Eröff­nungs­film – Berlinale-Tagebuch, 6. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Ich habe mal gesagt: Es sind nicht Opening Nights, sondern Opening Night­mares. Den richtigen Eröff­nungs­film zu finden, ist sehr, sehr schwierig, weil wir ein spezi­elles Publikum haben. Man darf nicht vergessen, dass den Film 4.500 Leute in drei Kinos parallel schauen. Hail, Caesar!  ist ein Film, bei dem ich wirklich sagen würde, dass ich das Eintritts­geld persön­lich zurück­zahle, wenn der jemandem nicht gefallen hat. Es ist ein Film, der das Film­ge­schäft reflek­tiert, er wirft große philo­so­phi­sche Fragen auf und ist gleich­zeitig noch extrem witzig und mit großen Stars. Das ist neben Meryl Streep als Jury-Präsi­dentin mindes­tens nochmal ein Sechser im Film-Lotto.
Frage: Gibt's zum Eröff­nungs­emp­fang Caesar Salad?
Ja, das könnte es geben, solange keine Schin­ken­streifen drin sind. Denn die Berlinale ist bis auf Fisch­ge­richte, die aus der Region kommen, vege­ta­risch.«

Dieter Kosslick im Gespräch mit Rainer Veit im RBB-Kultur­radio

»Die Kunst ist Teil des Beste­henden; sie spricht, als Teil des Beste­henden, gegen das Beste­hende – wider­spricht ihm. Dieser Wider­spruch ist der Kunst inhärent; er ist aufge­hoben im Kunstwerk, in seiner ästhe­ti­schen Form, die noch den 'neutralen' Inhalt von dem Beste­henden disso­zi­iert, ihm entge­gen­stellt. So reflek­tiert sich im Kunstwerk die Not und Notwen­dig­keit der Verän­de­rung – reflek­tiert sich in der ganzen Vielheit der Formen, Stile und Sprachen.«
Herbert Marcuse, »Der eindi­men­sio­nale Mensch«

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»Dr. Marcuse aus Stanford« ist eine der wichtigen Figuren in dieser gut gelaunten Nummern­revue von Film. Das Unter­fangen der Coen-Bruder erinnert mich vor allem an Billy Wilder: Abgrund und Gelächter, Paradies und Hölle zusammen in einer gedämpften hyste­ri­schen Achter­bahn­fahrt durch das Hollywood der 50er Jahre. Eine Art Prequel zu »Mad Men«, aber auf Speed.

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Wilder drehte in Hollywood bekannt­lich Komödien mit mehr oder weniger Slapstick, mit an Lubitsch orien­tierten Dialogen und er drehte Film Noirs. Auch die Coens sind Film-Noir-Regis­seure, ihre Filme sind Neo Noirs genauer gesagt, und immer wieder geht es in ihren Filmen auch um den Ernst und die Abgründe. Jene Kriti­ker­kol­legen, die sich hier einfach nur amüsieren, haben nichts verstanden. Bei den Coens ist das Amüsement ein Sein zum Tode.

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Marcuse begann als Heidegger-Schüler, er wurde dann Marxist und Mate­ria­list, aber auch als Player im Zentrum der Offense der Kriti­schen Theorie blieb er immer Heidegger Schüler: Inter­es­siert am Onto­lo­gi­schen, an der Kunst vor allem im Hinblick auf die Funktion, von »dem Menschen« redend, nicht vom Einzelnen, und eher ihre und wie sein Lehrer vom Todt­nau­berg den verborgen Lust­gärten des Terrors nicht voll­kommen abgeneigt. Aber wie dieser auch scharf und mitunter erleich­ternd undia­lek­tisch im Blick auf die Konsum­ge­sell­schaft. Ein unver­hohlen Kultur­pes­si­mist. Ein rechter Linker.

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Man würde übrigens gern mal ein Treffen zwischen Marcuse und Don Draper orga­ni­sieren, in welchem Universum auch immer. Sie hätten sich etwas zu sagen.

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»Vater ich habe gesündigt.« Mit einer Beichte geht es los. Blitze, Regen, Nacht in den 50er Jahren in Kali­for­nien. Ein Off-Erzähler imitiert den Gestus der Hard-Boiled-Novellen. Die Haupt­figur, von Josh Brolin gespielt, heißt Eddie Mannix und ist die Nummer zwei eines großen Studios, ein »Fixer« für alle Probleme. Ständig unter Stress. Der Film zeigt uns andere Filme, die nicht exis­tieren, in Ausschnitten: Zwei Western, ein Musical, ein Melodrama, ein Esther-Williams-artiges Wasser­bal­lett – bezau­bernde Verweise, die im Betrachter den Wunsch wecken, diese Filme zu sehen, wieder mehr zu sehen im Stil des alten Hollywood.
Und es gibt einen Sandalen-Film. Der steht im Zentrum und heißt ebenfalls »Hail Caesar« – der Titel bezeichnet also den Film und den Film im Film. George Clooney spielt – so alt aussehend, wie noch nie – dessen Haupt­dar­steller: Versoffen und dumm, aber gut und entspre­chend eitel. Dieser Haupt­dar­steller wird eines Tages entführt, von einer kommu­nis­ti­schen Unter­grund­gruppe – von Dreh­buch­au­toren, die von Hollywood ernied­rigt und beleidigt wurden. Ange­leitet werden diese Dreh­buch­au­toren von »Dr.Marcuse aus Stanford«.

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Dr. Marcuse wirkt hier eher wie Doktor Mabuse. Aber er leitet die Clooney-Figur an, gibt ihr eine Art Schnell­kurs im Kommu­nismus und der Schaffung des »Neuen Menschen«. Danach redet die Clooney-Figur ziemlich viel Unsinn.

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Es geht in diesem Film um das alte Hollywood, in all seiner Bruta­lität. Es geht um das Star­system, um Hack­ord­nungen, darum, das Hollywood ein einziger Betrug ist – selbst­ver­s­tänd­lich! Was denn sonst?
Es geht aber auch um Medien, um den Show­be­trieb, darum, dass auch ein System wie die Berlinale ein einziger Betrug ist. Viel­leicht hat auch die Berlinale ihren »Fixer«. Müssen wir uns Thomas Hailer viel­leicht als den Eddie Mannix von Berlin vorstellen?

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Ein Film, der die Archi­tektur, die Moden, den Lebens­stil, das Tempo und – ja – auch das Kino einer vergan­genen Zeit feiert. Recht hat er. Früher war nicht alles, aber vieles besser.

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Mein Freund Ugo Brus­aporco aus Italien sagt: Dies ist ein faschis­ti­scher Film. Denn er macht sich über alles lustig: Frauen sind unwichtig; Kino ist unwichtig; Philo­so­phie ist unwichtig.
Darüber werden wir noch reden. An Ugos These ist was dran, ich finde sie trotzdem Quatsch.

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Ich finde: Ein hervor­ra­gender Eröff­nungs­film, der gute Stimmung macht, auch unter denen, die keine Ahnung haben, der Stars auf den Roten Teppich bringt, und filmisch anständig ist. Und der das Festival selbst zum Thema macht.
Vor allem aber: Die Coens machen sich über alles lustig, aber sie lieben vieles. Ihr Film ist durch­zogen von Hoch­ach­tung vor der Traum­fa­brik, die Hollywood eher war als ist, die aber das Kino noch immer sein kann.

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»Nur um der Hoff­nungs­losen willen ist uns die Hoffnung gegeben.«
Walter Benjamin

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