10.02.2016

66. Berlinale 2016

Mehr Demokratie wagen?

Die DFFB
Soll wieder zum Impulsgeber des deutschen Kinos werden...

Ein »Atelier der Inno­va­tion« im Geist von Willy Brandt: Der neue DFFB-Direktor Ben Gibson will Berlin »die Film­schule geben, die es verdient« – Berlinale-Tagebuch, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Durch­ge­bräunt ist Ben Gibsons Teint, was vor dem bleichen Berliner Febru­ar­himmel über dem Sony-Center um so mehr auffällt. Sein Jahr in Austra­lien wirkt noch nach beim neuen Direktor der »Deutschen Film- und Fern­seh­aka­demie Berlin« (DFFB), der sein Amt offiziell erst kommenden Montag antritt, sich jetzt aber schon eine Woche vorher – und recht­zeitig vor dem Veran­stal­tungs­t­su­nami der Berlinale – der Presse vorstellte.
Auch sonst zeigte sich Gibson sommer­lich gut gelaunt, humorvoll und offen im Rahmen des Möglichen: »Über konkrete Pläne, über das, was ich verändern will, möchte ich noch nicht sprechen.« Womit er immerhin schon verraten hat, dass sich etwas ändern soll. Und etwas später sagt er dann schon, es sei wahr­schein­lich, dass es zum Herbst »tief­grei­fende Ände­rungen« werde.

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Eine Evalua­tion, gemein­same Gespräche mit allen Abtei­lungen sollen dem voraus­gehen, ein paar Wochen werde das schon dauern. »Wir werden auf alles schauen und Berlin die Film­schule geben, die es verdient, aber wir werden das zusammen tun, als Gemein­schaft aus Kreativen – Studenten und Dozenten.« Gibson weiß, dass er hierfür nicht allzu viel Zeit hat, allein schon, weil die DFFB im September ihr 50. Jubiläum feiert. »Gut, dass Willy Brandt die DFFB nicht im Februar eröffnet hat.« sagt er lächelnd und verweist auf die Retro­spek­tive der kommenden Berlinale: »1966 war unser Grün­dungs­jahr. Bei der Retro­spek­tive können wir verstehen lernen, worum es seiner­zeit ging.« Gibson erinner an den Geist der DFFB als einer autonomen Schmiede des Auto­ren­films, »ein Atelier der Inno­va­tion.« Diese revol­tie­rende Tradition sei ihm sympa­thisch, ein Kultur­re­vo­lu­ti­onär sei er aber nicht.

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Gibson spricht mit den Jour­na­listen Englisch, Deutsch muss er noch lernen. Im Gespräch mit der sehr inter­na­tio­nalen Studen­ten­schaft wird das kein Hindernis sein, schon eher mit Mitar­bei­tern und manchen Dozenten. Um Nuancen und den wichtigen »Flurfunk« aufzu­schnappen, wird er noch eine Weile auf Über­set­zungs­hilfen ange­wiesen sein. Aber Gibson macht nicht den Eindruck, als wäre er fremden Einflüs­te­rungen allzu leicht zugäng­lich – dafür ist er wohl auch zu erfahren.

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Garantien habe es keine gegeben seitens des Senats, weder finan­zi­eller Art, noch für den grund­sätz­li­chen Bestand der Film­schule, um die sich immer mal wieder Gerüchte ranken, sie solle aufgelöst werden, oder verschmelzen mit der weniger rebel­li­schen Film-Uni in Potsdam, der HFF Konrad Wolf, wie sie früher hieß.

»Was ich garan­tieren kann, ist, dass ich für diese Film­schule kämpfen werde« versi­cherte Gibson ungefragt. Entschei­dend sei am Ende immer: »Who is running the place?« Wer ist der Chef?
Dass er der Chef sein will, daran lässt Gibson keinen Zweifel. Aber diese Bemerkung richtet sich nach beiden Seiten: Nach innen, aber auch nach Außen, hin zur von Björn Böhning (SPD) im Film­be­reich kata­stro­phal gema­nagten Senats­kanzlei, und zum Kura­to­rium: »Es wäre viel­leicht keine schlechte Idee, auch ein paar Filme­ma­cher reinzutun« – das war eine der wenigen spitzen Bemer­kungen Gibsons, und sie zielte auf das Gremium, das ihn gerade erst berufen hatte.

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Von seinem Arbeits­zimmer blickt Gibson übrigens direkt auf das von Dieter Kosslick herab. Er kann den Trubel sehen, der sich da unten jetzt aufbaut, zugleich wirkt das Gebrause ganz klein, ganz weit weg. Man hat von hier oben, in den Lüften des neunten Stocks Distanz und so sollte man Gibsons Plädoyer für Realismus nicht als Bekenntnis zum Kino-Rinnstein-Realismus miss­ver­stehen, zur Absage an Utopien.

Der Film­re­dak­teur der nach Selbst­be­schrei­bung »örtlichen« West­ber­liner Zeitung »Tages­spiegel«, der die Anliegen der Studenten, und ihr Drängen auf Demo­kra­ti­sie­rung und Trans­pa­renz noch nie verstanden hatte, hat sich viel­leicht zu früh gefreut, wenn er unver­hohlen jubelt, als ob sein Fußball-Team gerade das Cup-Final in Wembley gewonnen hätte: »dynamisch, charis­ma­tisch, konkret, pointiert und entschieden durch­set­zungs­fähig. Mit einem engli­schen Wort: powerful.«
Na, das warten wir mal ab.

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Eine paar – zumindest für seine Kritiker über­ra­schende – Bekennt­nisse ließ Gibson sich dann doch entlocken: Er sei gegen Spezia­li­sie­rung einer Film­schule, auch Kame­ra­leute seien in erster Linie »Filme­ma­cher«. Er habe »nie Main­stream gemacht«.

Die DFFB solle in Berlin verankert sein, sich der Stadt und ihrem Film­dis­kurs öffnen, wieder zum Impuls­geber des deutschen Kinos werden – das solche Impulse und einen Stachel im Fleisch gut gebrau­chen kann, das lässt Gibson unver­blümt durch­bli­cken. Gibson spricht über Alexander Kluge und die Berliner Schule, über die Kraft des irani­schen Films und seine Liebe zum Kino als privi­le­gierter Ort des Film­se­hens – ich bin da eher konven­tio­nell. Ich glaube nicht, dass wir alle bald nur noch YouTube gucken«

Noch sind die Wunden der letzten Jahre an der DFFB nicht verheilt, noch gibt es tiefe Gräben und Verwer­fungen innerhalb der Dozenten, und zwischen Studenten und manchen ange­stellten Mitar­bei­tern. Auf Nachfrage bekennt sich Gibson auch zur studen­ti­schen Mitbe­stim­mung. Das ist gut, um dem Rumoren hinter den Kulissen und der eher skep­ti­schen Erwar­tungs­hal­tung vieler Studenten entge­gen­zu­wirken. Dass nun ausge­rechnet der sehr gefragte und beliebte DFFB-Dozent, der Filme­ma­cher Fred Kelemen, selbst ein Bewerber um den Direk­to­ren­posten und einer, der es gewagt hatte, das unselige Beru­fungs­ver­fahren und das Verhalten des Kura­to­riums wie manchen Dozen­ten­kol­legen auch öffent­lich zu kriti­sieren, nun seit Jahren erstmals keinen neuen Lehr­auf­trag erhalten hat, war kein kluger letzter Schachzug der intern umstrit­tenen Inte­rims­lei­tung.

Zuvor hatte sie die Stelle einer Mitar­bei­terin, die DFFB-Filme inter­na­tional vermarkten und auf Festivals plat­zieren sollte, ein arbeits­in­ten­siver Job, der viel mit lang­jäh­riger Kontakt­pflege zu tun hat, abge­schafft, worauf deren Kollegin aus Frust und Arbeitsüber­las­tung gekündigt hat – ein weiteres Indiz unter mehreren für die nicht einfache Situation an der DFFB.

Ben Gibson will diese Gräben zuschütten. Viel­leicht hält er sich auch da an die Maximen des von ihm offenbar geschätzten Willy Brandt. Der hoffte zur DFFB-Eröffnung im September 1966 nicht nur auf »künst­le­ri­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Impulse in die Gesell­schaft, er prägte auch das Motto »Mehr Demo­kratie wagen«. Beides könnte der DFFB und Gibson nutzen. Denn Freund­lich­keit und gute Manieren allein werden nicht genügen.

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