03.07.2015

33. Filmfest München

How the Filmfest got its groove back

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Allein war er dem Filmfest nicht gut genug - Jean-Jacques Annaud

Edelmann und Willmann sind halbvoll des Lobses

Von Anna Edelmann & Thomas Willmann

Anfang Juli 2015 in München. Die Stadt spielt The Floor is Lava. Der Asphalt löst sich nur schwer wieder von den Schuhen. An den Isar-Kieseln holt man sich seine Hot Stone-Anwendung. Junge, attrak­tive Menschen sitzen mit Gitarre und Freunden (nicht zu nah) am Grill­feuer. Aber etwas fehlt. War da nicht immer etwas – ein Getränk, eine Marke, eine Bauspar­kasse –, das genau dieses, ihr Lebens­ge­fühl beglei­tete? Wie hieß denn das nochmal? Dafür gab es doch überall diese visuellen Gedächt­nis­stützen. Wo sind eigent­lich die hin?
Seit Wochen herrscht in München Werbe-Unter­bre­chung: Alle verfüg­baren Litfaßsäulen, Plakat­wände, MVG-Perso­nen­be­för­de­rungs­mittel und Bahn­steig­böden zeigen nur noch ein Motiv – die Filmfest-Sonnen­brille, umfunk­tio­niert zum Black Tie-Acces­soire. (Die übrigens erste wirklich gelungene Variante des desi­gnierten Marken­zei­chens.)

Und das Werbe­flächen­bom­bar­de­ment scheint seinen Zweck zu erfüllen: Gefühlt zumindest beschränkt sich dieses Jahr selbst bei den obsku­reren Programm­punkten die freie Platzwahl öfter auf Einzel­sitze denn wie früher häufig auf ganze Reihen.
Doch wer dem Lockruf der Brillen-Fliege und der Kino­kli­ma­ti­sie­rung gefolgt ist, fand – jeden­falls in unserer bishe­rigen Erfahrung – das Verspre­chen der »Besten Filme des Sommers« nicht erfüllt. Das soll nicht heißen, dass das Programm nicht durchaus solide war. Dennoch hat man den Eindruck, dass jener Film fehlte, der den Jahrgang 2015 als Kino­er­lebnis prägen wird: Der Film, dessen Titel schon klar ist, wenn ein Festival-Gespräch nur beginnt mit »Und wie fandest Du...?«. Der Film, der seine Karriere der Entde­ckung auf dem Festival verdankt. Oder der Film, über den alle nur entweder in Lobes­hymnen oder Zetereien rhap­so­dieren. Ein Film wie Oh Boy, Only God Forgives, Under the Skin.

Wir würden prognos­ti­zieren, dass 2015 weniger cine­as­tisch in Erin­ne­rung bleiben wird, denn als jenes Jahr, in dem das Festival, zum ersten Mal seit dem Abhan­den­kommen der »Isarmeile« als Garant für die häufige Begegnung unter Gleich­ge­sinnten, wieder etwas von seinem fami­liären Groove gefunden hat. Dass die dies­jäh­rigen nach­hal­tigen Leis­tungen viel­leicht eher im Orga­ni­sa­to­ri­schen denn Filmi­schen lagen.

Gemeinsam über­standen sind die verkrampften »Glamour«-Ambi­tionen. Vieles hat sich wieder auf ein sympa­thi­sches »Mia san mia«-Maß einge­pen­delt. Es wirkt, als wäre endlich die Phase vorbei, in der das Filmfest München sein Heil in der Exklu­si­vität gesucht hat. Nach ihrem Antritt als neue Leiterin hatte Diana Iljine noch geschwärmt von den Zeiten, als man über Mauern kletterte, um trotz nicht gewährter Invi­ta­tion auf begehrte Filmfest-Empfänge zu kommen. Inzwi­schen hat man wieder erkannt: »Der Mittler zwischen Star und Festival muss das gemeine Volk sein.« Und unter­nimmt bewusst Inklu­sions-Anstren­gungen: Selbst den Ruhm-Beein­träch­tigten bietet man bei wirklich jeder Gala-Vorstel­lung ein frei verkäuf­li­ches Karten­kon­tin­gent. Zur schon lange dankend ange­nom­menen Tradition der Abschluss­feier für alle gesellt sich nunmehr immerhin neben den Empfang im Baye­ri­schen Hof eine barrie­re­freie, boarische Zweit-Eröff­nungs­party für Zivi­listen. Wie man überhaupt, selbst wenn man nicht so an Filmen inter­es­siert ist, nicht mehr Jung­s­chau­spieler, Fern­seh­pro­du­zent oder Münchner B-Promi sein muss, um auch ohne Einladung ein numerisch kaum noch zu erfas­sendes Programm vorzu­finden. (Wo nur ist die siebte Party?)

Oft sind es auch einfach die vermeint­lich kleinen Ände­rungen und Neue­rungen, die einen nicht geringen Teil dazu beitragen, dass man sich wieder mehr wie auf einem richtigen Filmfest fühlt, statt nur bei einer großen Ansamm­lung einzelner Kino­vor­stel­lungen: Details wie die filmi­schen Grußbot­schaften verhin­derter Filme­ma­cher zu Beginn der Vorfüh­rung ihrer Werke. Oder die Ummöblie­rung der Filmma­kers Live-Gespräche in der Black Box (bei denen durch Freiti­ckets auch die bangenden Warte­schlangen sich verkro­chen haben) – wo nun die Stargäste ohne tren­nenden Podiums-Tisch zwang­loser fast auf Augenhöhe mit dem Publikum sitzen.

Regel­recht eine Revo­lu­tion hingegen ist, dass das Publikum nun eine reelle Chance hat, über den Gewinner des Publi­kums­preises zu entscheiden. Das war eine der letzten richtig großen Bastionen der Schein-Demo­kratie. Denn bisher bediente man sich zur Abstim­mung Zetteln, die frei auslagen und in belie­bigen Mengen einzu­sam­meln waren. Auf denen konnte man selbst­tätig den Titel jenes Films eintragen, dem man den Preis am meisten wünschte. Und sie dann in unbe­ob­ach­teten Augen­bli­cken in ebenso belie­bigen Mengen in die bereit­ge­stellten, ach so trans­pa­renten Wahlurnen versenken. Was fürsorg­li­chen Regis­seuren zuvor­kom­mend die Möglich­keit eröffnet hat, sich für die lang­jäh­rige Unter­s­tüt­zung von Freunden und Familie zu bedanken. Indem sie deren über­ra­schenden Gewinn der lockenden Venedig-Reise statis­tisch deutlich wahr­schein­li­cher machten.
Was für rührende Szenen sich da oft am heimi­schen Kachel­ofen abge­spielt haben müssen!
»Muatter, woaßt scho, wo'sd nächsten Sommer hifahrst? Weil i woaß des fei.
Nach Venedig.«
»Ja wie?«
»G'wonna hast. A Reis.«
»Ja wos?«
»Zu di Film­fest­spiele.«
»G'wonna? A geh! I hob do goar nix g'spuit.«
»Ja aber I, für di. Weil'sd imma gar so guad wars'd. Und fürs ganze Filmteam Apfel­ki­acherl bachen hast.«
»Und da ham's grad mei Los zog'n? Ja so a Glück!«
»Na jo, I moan, des worad ned nur a rein's Glück... I hob scho aa a bisserl nachg'holfa.«
»Nachg'holfa host, Bua?«
»Ja freilich. Siebzig Zetterl hob I ausg'füllt für di. 's ganze Wochenend bin I dag'hockt.«
»Siiieeebzig! Mei, Bua!«
»Ja. Des wars'd ma scho wert.«
»Siiieeebzig! Geh, schad', dass da Vatter des nimmer derlebt hod!«
»Ja scho. Aber immerhi mitg'macht hat er aa. Siebzg moi.«

Das heißt nicht, dass alle Gewinner der letzten Jahre unver­dient oder durch unlautere Mittel zu ihrer Ehre kamen. Aber aufgrund der offen­sicht­li­chen Fälle standen sie alle unter Gene­ral­ver­dacht. Dadurch war das System doppelt unfair – und der Preis kurz davor, zur Lach­nummer zu werden.

Und wir sind, ehrlich gesagt, schon ein bisschen gekränkt, dass uns das Filmfest jetzt die Chance genommen hat, all die schönen, gemeinen Witze noch an- und unter­zu­bringen, die wir zu diesem Thema ange­sam­melt hatten. Denn dieses Jahr wurde der Abstimm­pro­zess – wohl auch dank neuen Sponsors – gegen ein durch- und von Grund auf über­dachtes System ausge­wech­selt. Nun muss man tatsäch­lich ein Ticket für den jewei­ligen Film besitzen, und mittels eines darauf abge­druckten, indi­vi­du­ellen Codes online eine Wertung abgeben.

Sicher werden noch immer die Lokal­helden einen gewissen Heim­vor­teil haben, weil sie poten­tiell mehr Freunde und Familie als Publikum haben, die sie wirklich zur positiven Abstim­mung moti­vieren können. Aber es ist endlich sicher­ge­stellt, dass nicht fünfmal soviel Stimmen für einen Film gezählt werden, wie ihn tatsäch­lich Leute gesehen haben. Das macht den Riesen­un­ter­schied zwischen einem natür­li­chen Vorteil und der Möglich­keit zur scham­losen Mani­pu­la­tion. Und zwischen einem trans­pa­renten System und einem All-you-can-Vote. Außerdem gibt es jetzt ein Korrektiv, da man nicht mehr einfach nur für einen Film stimmt, sondern jeden Film – ob positiv oder negativ – bewerten kann. So können Freunde und Familie die zu verge­benden Sternchen in noch so vielen Fünfer-Konstel­la­tionen erstrahlen lassen – es hilft wenig, wenn der Film dem objek­ti­veren Teil des Publikums schnuppe war.

Doch während der Publi­kums­preis seine längst über­fäl­lige Wieder-Aufwer­tung erfährt, befindet sich der Stern des CineMe­rits weiter im Abstieg. Für Jean-Jacques Annaud fand das große Bibbern bereits bei der Pres­se­kon­fe­renz des Filmfests ein Ende: Da war klar, dass er nicht allei­niger dies­jäh­riger Empfänger des CineMerit Awards bleiben würde. Da hatte man schon Rupert Everett nach­no­mi­niert.
Nun ist es ein offenes Geheimnis, dass mit dem CineMerit seit Anfangs­tagen vor allem die Bereit­wil­lig­keit von nament­lich bekannten Film­schaf­fenden ausge­zeichnet wird, sich in München auf dem Roten Teppich Arm in Arm mit der jewei­ligen Festi­val­lei­tung ablichten zu lassen. Neu aber ist die Entwick­lung hin zu den CineMe­riten: Dass anschei­nend jetzt jedes Jahr die Entschei­dung für einen exklu­siven Preis­träger nur so lange Bestand hat, bis ein promi­nen­terer, photo­ge­nerer Star während einer Promotour auf Durch­reise in München vom jüngsten Bahn­streik über­rascht wird und fest­ge­setzt werden kann.

Letztes Jahr war man schon sehr über­rascht, wie sehr sich der groß ange­kün­digte und allemal würdige CineMerit-Empfänger Udo Kier doch verändert hat – bis sich mitten während der Festi­val­woche die Gerüchte von einem spontanen Zweit-Preis als wahr heraus­stellten, und die Person im Abend­kleid auf Gala-Photos als Isabelle Huppert entpuppte.
Ganz so schäbig wie diese Düpierung – die den Preis und das verlei­hende Festival nur klein macht – ist es dieses Jahr freilich nicht. Aber es tat einem schon weh, in der Verlei­hung an Jean-Jacques Annaud zu sitzen mit dem Wissen, dass er allein dem Filmfest nicht gut genug war, einfach zu dieser ersten Wahl zu stehen – sondern man der Verlo­ckung eines optisch wieder­er­kenn­ba­reren Stars erlegen ist. Da stand er, der Annaud, und erzählte von seiner Zeit in München während der Arbeit an Der Name der Rose, seiner Beziehung zur, seiner noch immer präsenten Erin­ne­rungen an die Stadt, an Bernd Eichinger – dessen Witwe der Festi­val­lei­tung freund­schaft­lich verbunden ist und die Laudatio auf »JJ« (B. Eichinger) hielt.

Und man muss Annaud nicht für einen der welt­größten Regis­seure halten, um das Gefühl zu haben: Das hätte gepasst. Das wäre nicht spek­ta­kulär gewesen – aber familiär und eine Wert­schät­zung der Film­his­torie Münchens. Statt­dessen zeigt das Banner im Gasteig, an dem alle Preis­träger vorbei müssen, typo- und ikono­gra­phisch klar die Rang­ord­nung: Annaud herun­ter­ge­setzt kleiner am linken Rand; groß und zentral »ein Mann von engels­glei­cher, präraf­fae­li­ti­scher Schönheit« (Zitat Filmfest-Magazin), Rupert Everett – durchaus ja poten­tiell ein würdiger Kandidat für ein anderes Jahr.
Und man war nicht einmal gewiss, wie lange ihm dieser Vorzug vergönnt bleiben würde. Bis zum letzten Festi­valtag beglei­tete einen latent das Gefühl: Es ist ja noch Zeit. Viel­leicht tut sich ja eine Termin­ka­lender-Lücke auf bei jemandem von gott­glei­cher, raffae­li­ti­scher Schönheit.
Viel­leicht strebt das Filmfest ja auch bei den CineMer­etierten einen neuen Besu­cher­re­kord an.
Wir jeden­falls erwarten voller Vorfreude die erste Verlei­hung eines Dritt-CineMe­rits.

top