07.05.2015

30. Dok.fest München

Kinder, wie die Zeit vergeht!

Die Karte meiner Träume
Der Schein trügt: Die Politologin und ehemalige Jennerwein-Wirtin Ursula »Ulla« Weßler ergreift nur ungern öffentlich das Wort und dann nur, wenn es unbedingt sein muss. Sie wirkt jedoch seit 30 Jahren hinter den Kulissen des Dokumentarfilmfestivals. Höchste Zeit, dass sie von ihren Erinnerungen erzählt.
Foto: Dok.fest

30 Jahre Inter­na­tio­nales Doku­men­tar­film­fes­tival – Persön­liche Erin­ne­rungen von Ulla Weßler

Zum 30. Geburtstag des Inter­na­tio­nalen Doku­men­tar­film­fes­tival München haben wir Ulla Weßler gebeten, ein paar von ihren persön­li­chen Erin­ne­rungen für uns nieder­zu­schreiben. Ulla Weßler ist seit drei Jahr­zehnten in ihrer Eigen­schaft als Geschäfts­füh­rerin der Filmstadt München e.V. Mitar­bei­terin beim Münchner Doku­men­tar­film­fes­tival. Sie hat zwei Mal die Leitung gehen und eine neue kommen sehen, und erlebte mit, wie das Festival wuchs und sich verän­derte. Ulla Weßler, die bei den inter­na­tio­nalen Gästen als die gute und bestän­dige Seele des Dok.fest geliebt wie für ihre resolute Herz­lich­keit berühmt ist, winkte bei der Anfrage von artechock zunächst ab: »Ich fühle mich überhaupt nicht befugt, so einen Erin­ne­rungs­text zu schreiben!« Liebe Ulla, wer wenn nicht Du?

Wir haben ihre Erin­ne­rungen, die viel mit Namen und Orten zu tun haben, die nicht allgemein geläufig sind, für unsere Leser annotiert.

Redak­tio­nelle Bear­bei­tung: Dunja Bialas

Meine erste Erin­ne­rung an das Doku­men­tar­film­fes­tival stammt von 1988. Zu Gast war Jürgen Böttcher aus der DDR mit seinem Film In Georgien. Ein schüch­terner Mann, der das erste Mal in der BRD war, und dann gleich in München. Ich fuhr ihn in meinem Auto durch die Stadt, wobei er permanent in Verwun­de­rung ausbrach über das Waren­an­gebot und die vielen »schönen Menschen«, wie er sagte. Ich wiederum war ganz neugierig auf seine Darstel­lungen über das Leben in der DDR. Jürgen Böttcher war mir damals völlig unbekannt. Ich hatte erst im Juni 1986 mit der Arbeit bei der Filmstadt München begonnen und war ganz neu im Doku­men­tar­film­ge­schäft und arbeitete zusammen mit Gudrun Geyer, der ersten Festi­val­lei­terin.

Meine Mitarbeit beim Festival beschränkte sich in meiner Anfangs­zeit auf Hand­lan­ger­ar­beiten und Fahr­dienste. Der Kontakt zu den Gästen sollte bleiben, denn ich orga­ni­sierte ihren Aufent­halt, und alle mussten zu mir ins Büro im Stadtcafé kommen, wenn sie ihre Auslagen zurü­cker­stattet haben wollten. Ich weiß noch, dass Wolle Ettlich und Micky Wulfes, die ich aus meiner Zeit als Wirtin des Jenner­wein kannte, in meinem ersten Jahr das Trans­pa­rent gemacht und in der Lupe aufgehängt haben. Später haben sie sich vom Dok.fest entfernt.

Dokfest

Gudrun Geyer, erste Fesit­val­lei­terin, 2001 bei ihrer Verab­schie­dung. Foto: Dok.fest

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Jürgen Böttcher, Maler und Doku­men­tar­filmer, der seine Bilder mit Strawalde signiert, hat zahl­reiche einfluss­reiche Doku­men­tar­filme über den Alltag in der DDR gedreht. 2001 erhielt er das Bundes­ver­dienst­kreuz.
Wolfgang »Wolle« Ettlich, bekannt für das Heppel & Ettlich, einer Kneipe mit ange­schlos­sener Klein­kunst­bühne in Schwabing, die bis 2009 in der Kaiser­straße geführt wurde. Der aus Berlin nach München gezogene Wolle Ettlich ist Regisseur von zahl­rei­chen Doku­men­tar­filmen.
Michael »Micky« Wulfes, Autor und Produzent von TV-Doku­men­tar­filmen.

Die Lupe 2 im Schwa­binger Fuchbau war das erste Kino, in dem das Doku­men­tar­film­fes­tival heimisch wurde. Sie wurde 2005 geschlossen.
Zum Jenner­wein: seit 1962 exis­tie­rende legendäre Kneipe in der Clemens­straße, die von Schwa­binger Kultur­größen, aber auch dem zukünf­tigen Ober­bür­ger­meister Christian Ude frequen­tiert wurde. Später wurde sie eine beliebte Anlauf­stelle für die Münchner Punk-Szene, heute steht sie eher für Rocka­billy.

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Viele Namen von Regis­seu­rinnen und Regis­seuren aus dem damaligen Festival sind mir in Erin­ne­rung geblieben und später immer wieder aufge­taucht. z.B. Erich Langjahr, Thomas Riedels­heimer, Peter Heller, Peter Krieg, Ruth Becker­mann, Jennifer Fox, Richard Dindo, Gitta Nickel und Peter Nestler, Patricio Guzmán und Klaus Wilden­hahn.

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Erich Langjahr, Schweizer Doku­men­tar­filmer, der mit seiner Hirten­reise ins dritte Jahr­tau­send (2003) inter­na­tional bekannt wurde und den Schweizer Filmpreis erhielt.
Thomas Riedels­heimer ist bekannt für seine sensiblen Land­schafts-Doku­men­ta­tionen, darunter über den Land-Art-Künstler Andy Golds­worthy (Rivers and Tides, 2000). Riedels­heimer erhielt unter anderem den Adolf-Grimme- und den Deutschen Filmpreis.
Peter Heller, aus Prag stam­mender Münchner Doku­men­tar­filmer, der v.a. kritische Filme über die Nach­wir­kungen der Kolo­nia­li­sie­rung in Afrika macht. 1998 erhielt er zusammen mit seiner Partnerin Sylvie Banuls den höchsten europäi­schen Fern­seh­preis, den Prix Europa, für ihren gemein­samen Film Mama General.
Peter Krieg, Doku­men­tar­filmer, der in seinen Filmen das Verhältnis der 1. zur soge­nannten 3. Welt aufgriff. Bekannt wurde er u.a. für Flaschen­kinder (1978), in dem er den Nestlé-Konzern angriff.
Ruth Becker­mann, öster­rei­chi­sche Autorin und Doku­men­tar­fil­merin, die die Frau­en­the­matik mit Unter­su­chungen über Israel vereinte. Becker­mann ist bekannt für ihre akti­vis­ti­sche Einmi­schung in der öster­rei­chi­schen Kultur­po­litik. Filme u.a. Die papierne Brücke (1987) und Those Who Go Those Who Stay (2013).
Jennifer Fox, ameri­ka­ni­sche Doku­men­tar­fil­merin, die ihren Namen mit einem bekannten Pin-Up-Girl teilt, wurde für den von ihr produ­zierten Film Michael Clayton für einen Oscar nominiert. Hier­zu­lande bekannt wurde ihr Film My Rein­car­na­tion (2010), der auch ins Kino kam.

Richard Dindo, Schweizer Doku­men­tar­filmer, hat viele Filme über Lite­ra­tur­themen gemacht. Wegen seiner enga­gierten Recher­chen in seinen poli­ti­schen Filmen wird er auch »anwalt­schaft­li­cher Filmer« genannt.
Gitta Nickel,
ostdeut­sche Doku­men­tar­fil­merin, war auch schon zu DDR-Zeiten erfolg­reich und wurde mehrfach ausge­zeichnet, u.a. mit dem Kunst­preis der DDR (1973).
Peter Nestler,
Schau­spieler, Maler, Filme­ma­cher. Seine klugen filmi­schen Unter­su­chungen erhielten mehrfach Preise, darunter 1963 die Kultur­film­prämie des Bundes­in­nen­mi­nis­ters. 1966 emigrierte Nestler nach Schweden, da er als linker Filme­ma­cher hier­zu­lande keine Filme mehr reali­sieren konnte. Auch dort eckte er mit seinen zeit­kri­ti­schen Filmen immer wieder an.
Patricio Guzmán, chile­ni­scher Filme­ma­cher, der mit Nostalgia de la luz einem breiteren Publikum bekannt wurde.
Klaus Wilden­hahn
gilt als einer der einfluss­reichsten deutschen Doku­men­tar­filmer des 20. Jahr­hun­derts, der nach einer Begegnung mit dem briti­schen Filme­ma­cher Richard Leacock begann, im unkom­men­tierten Stil des Direct Cinema Filme zu drehen.

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Klaus Wilden­hahn bei seinem Besuch des Dok.fest 2011, das ihm eine Retro­spek­tive widmete. Foto: Dok.fest

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Das Plakat und Kata­log­motiv von 1989 war ein letztes Mal ein Foto von Micky Wulfes. Eröffnet wurde im Wirtshaus am Schlachthof, mit einem Film aus der ersten Hommage, die das Doku­men­tar­film­fes­tival abhielt, für den Kame­ra­mann Carl F. Hutterer. Die Reihe wurde danach fort­ge­setzt, und war inter­na­tio­nalen Größen des Doku­men­tar­film­schaf­fens gewidmet: Louis Malle, Robert Kramer, Raymond Depardon oder Jean Rouch.

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Carl-Franz Hutter wurde für seine Kame­ra­ar­beit u.a. mit dem Adolf-Grimme-Preis und den Deutschen Kamer­a­preis für sein Lebens­werk ausge­zeichnet.
Louis Malle, fran­zö­si­scher Regisseur der Nouvelle Vague, hat auch einige Doku­men­tar­filme reali­siert, die wenig bekannt sind. Zusammen mit Jacques-Yves Cousteau drehte er 1956 den Unter­wasser-Film Die schwei­gende Welt, der als erster Doku­men­tar­film den Haupt­preis in Cannes und obendrein einen Oscar gewann. Später kamen noch Kalkutta (1969), Place de la Répu­blique (1974), Gottes eigenes Land (1986) und …und das Streben nach Glück (1986) dazu.
Robert Kramer, ameri­ka­ni­scher Doku­men­tar­filmer, der seit den frühen 1980er Jahren in Europa lebte. Er zählte zu den radikalen Linken und gründete 1967 das Film­kol­lektiv »Newsreel«.
Raymond Depardon, fran­zö­si­scher Foto­jour­na­list (Gamma, Magnum) und Filme­ma­cher. Seine Filme sind oft Lang­zeit­be­ob­ach­tungen im Stil des Cinema Vérité (Erklärung siehe Jean Rouch). Seine Themen sind staat­liche Apparate wie Gericht und Polizei, aber auch, da er selbst ein Bauern­sohn ist, das sich verän­dernde agro­no­mi­sche Leben.
Jean Rouch gilt als Begründer des Cinéma Vérité, das über das inter­ak­tive Wech­sel­spiel zwischen Gefilmten und Filme­ma­cher eine tiefere Wahrheit heraus­finden möchte. Filmische Selbst­re­fle­xi­vität sind hier ebenso wichtig wie die Provo­ka­tion des Filme­ma­chers gegenüber seinem gefilmten Sujet. Er hat zahl­reiche ethno­gra­phi­sche Filme in Afrika gedreht, darunter Les maîtres fous (1954).

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Zum ersten Mal wurde ein Preis vergeben: der »Preis für den beson­deren Doku­men­tar­film« – gestiftet von den Geyer Kopier­werken. Er ging an den Slowaken Dušan Hanák für seinen Film Bilder einer alten Welt, einen Film, den ich nie vergessen werde. Die Preis­ver­lei­hung war im Maxim an der Lands­huter Allee, dem Kino von Sigi Daiber, anschließend wurde um die Ecke in einer Kneipe wunderbar gefeiert.

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Das Maxim-Kino als Spiel­stätte des Doku­men­tar­film­fes­ti­vals. Foto: Dok.fest

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Geyer-Werke, die älteste Film­fa­brik Deutsch­lands, in der u.a. die Filme von Wim Wenders und R.W. Fass­binder gezogen wurden.
Dušan Hanák, Absolvent der berühmten Film­hoch­schule FAMU in Prag.1989 gewann er mit seinem Spielfilm I Love, You Love den Silbernen Bären der Berlinale.
Das Maxim-Kino, ein für seine enga­gierten Programme geschätztes Kino in Neuhausen – das letzte in diesem Viertel – feierte als drit­täl­testes Kino Münchens 2012 seinen hundert­jäh­rigen Geburtstag. Das Maxim war bis 2005 Spiel­stätte des Dok.fests und wurde aufge­geben, weil es mit seinen knar­renden Holz­dielen und der wech­selnden Projek­ti­ons­qua­lität den gewach­senen Ansprüchen nicht stand­halten konnte. Die Münchner Kino-Perle ist derzeit vom Bestand bedroht.
Siegfried »Sigi« Daiber, seit 1978 Betreiber des Maxim-Kinos, das zunächst als Kollektiv geführt wurde, und später allein von ihm betrieben durch sein gesell­schafts­kri­ti­sches Programm zu Berühmt­heit gelangte.

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Auch Helke Missel­witz habe ich in diesem Jahr kennen­ge­lernt, mit ihrem Film Winter adé. Sie hatte kleine Aufkleber anfer­tigen lassen, die wir überall hinklebten. Lange befand sich auch einer in der Innen­seite meiner Geldbörse. Winter adé ist ein Film, der mir sehr, sehr lange im Gedächtnis geblieben ist.

Ein Jahr später, es war das Jahr eins nach dem Mauerfall, kamen sehr viele DDR-Regis­seure nach München, und es wurden hoch­span­nende Diskus­sionen geführt und dazu massiv Alkohol getrunken. Es waren da: Helke Missel­witz, Volker Koepp, Gerd Kroske, Andreas Voigt, Lew Hohmann, Andreas Dresen, Gitta Nickel.

Es kamen neben dem Maxim und der Lupe drei neue Kinos hinzu: die Breitwand in Gilching, das Film­mu­seum und der Rio Palast am Rosen­heimer Platz.

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Helke Missel­witz, Regis­seurin der DDR, die sich ihre künst­le­ri­sche Unab­hän­gig­keit dadurch bewahrte, dass sie neben ihrer Autoren- und Regie­tä­tig­keit als Kellnerin arbeitete. Das bewahrte sie nicht vor Auszeich­nungen: 1988 erhielt sie für Winter adé den wichtigen »Find­lings­preis«, den Preis der DDR-Filmklubs. Heute ist sie Regie-Profes­sorin an der Film­u­ni­ver­sität Babels­berg (ehemals HFF Potsdam).
Volker Koepp, bekannt für seine Doku­men­tar­filme über Wittstock, darunter Herr Zwilling und Frau Zucker­mann (1999) und Dieses Jahr in Czer­no­witz (2004). Zu DDR-Zeiten hatte er eine Anstel­lung bei der DEFA, die er aber, als er durch die Stasi in Bedrängnis geriet, zugunsten einer freien Autoren-Tätigkeit aufgab.
Gerd Kroske doku­men­tierte in Leipzig im Herbst die Montags­demos 1988/89, die (neben anderen poli­ti­schen Entwick­lungen) zur Öffnung der Mauer führten. Weitere bekannte Werke sind die Kehraus-Trilogie (1990-2006) oder Heino Jäger – Look before you kuck (2012).
Andreas Voigt wurde inter­na­tional durch seine »Leipzig-Filme« bekannt, die er ab 1987 zehn Jahre lang reali­sierte, und ein wichtiges und bewe­gendes Dokument über die Zeit vor und nach dem Mauerfall wurde.
Lew Hohmann wurde durch seine »Wolf-Trilogie« über Friedrich (Schrift­steller), Konrad (Film­re­gis­seur und Präsident der Akademie der Künste der DDR) und Markus Wolf (Leiter des Auslands­nach­rich­ten­dienstes im Minis­te­rium für Staats­si­cher­heit der DDR), die zwischen 1985 und 1998 entstand, bekannt.
Andreas Dresen, der zur DDR-Zeiten an einem Theater mit seiner künst­le­ri­schen Arbeit begann, doku­men­tiert in seinem Kinodebüt Stilles Land (1991) die Wirren zur Wendezeit in einem Klein­stadt­theater.
Gitta Nickel, bereits zu DDR-Zeiten erfolg­reiche Filme­ma­cherin. Viele ihrer Filme drehte sie in der Sowjet­union und erhielt zahl­reiche Auszeich­nungen, darunter 1973 den Kunst­preis der DDR und 1982 den Find­lings­preis.
Das Film­mu­seum München beher­bergt auch heute noch das Dok.fest, ebenso wie der Rio-Film­pa­last.

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Da fing es auch an, dass wir für die Gäste und Besucher ein Festi­val­büro einrich­teten: zunächst im Gotischen Zimmer im Ignaz-Günther-Haus am St.-Jakobs-Platz, dem Film­mu­seum schräg gegenüber. In den folgenden Jahren zog das Festi­val­büro öfters um, blieb aber immer im Carré: wir zogen vom Ignaz-Günther-Haus in die damalige Artothek am Sebas­tians-Platz, von dort in den großen Saal im ersten Stock des Film­mu­seums, und seit letztem Jahr befindet es sich im Foyer des Jüdischen Museums.

Dokfest

So kennt man sie: Ulla Weßler im Festi­val­büro, es war 1999. Foto: Dok.fest

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Vorbe­reitet wurde das Festival immer in der Privat­woh­nung von Gudrun Geyer und Sigi Daiber in der Troger­straße in Bogen­hausen. Im Flur stand ein großer Kopierer, und in der Wohnung war auch die elek­tri­sche Schreib­ma­schine, auf der Gudrun alles schrieb. Die Film­be­schaf­fung wurde per Telefon und Faxgerät durch­ge­führt, Sigi fuhr persön­lich zum Zoll am Flughafen, um von dort die schweren 35mm-Kopien so günstig wie möglich raus­zu­holen. Gelagert wurden sie dann stapel­weise im Wohnungs­flur. Ungefähr drei Wochen vor Festi­val­be­ginn, oft an den Oster­fei­er­tagen, wurden mit Hilfe von Schü­le­rinnen und Schülern, die aus dem Bekann­ten­kreis kamen, in der Wohnung Tausende von Programmen einge­tütet.

Ich erinnere mich an eine Szene, wie Gudrun Geyer über den Innenhof des Film­mu­seums kam und eine 35mm-Kopie schleppte. Alles wurde eigen­händig erledigt, und die Festi­val­lei­terin war sich für nichts zu schade.

Sehr erin­nerns­werte Jahre folgten. Es gab ein »arabi­sches Jahr«, 1996, mit drei Regis­seuren aus dem Nahen Osten und Ägypten. Aufregend war auch das Jahr drauf, als Alexandr Sokurov hier war, für die große Retro­spek­tive des Sankt Peters­burger Doku­men­tar­film­stu­dios. Sokurov entdeckte damals Gudrun als Schau­spie­lerin für seinen Film Mutter und Sohn. Und 1998 kam die Kuba-Retro­spek­tive, mit drei kuba­ni­schen Regis­seuren, die alle drei große Charmeure waren.

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Alexandr Sokurovs Filme kolli­dierten oft mit der sowje­ti­schen Zensur, und er erhielt Unter­s­tüt­zung von Andrej Tarkowski und anderen bekannten Regis­seuren der Sowjet­union. Berühmt wurde er für seinen in einer einzigen Einstel­lung gedrehten Film The Russian Ark (2002).

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Für mich die schönste Erin­ne­rung ist die Retro­spek­tive mit Jean Rouch, der höchst­per­sön­lich zum Doku­men­tar­film­fes­tival nach München kam. Er war ein so toller, beschei­dener und unter­halt­samer Mensch. Damals machte auch ein Kino in Freising mit, wo ebenfalls ein Film aus der Retro­spek­tive gezeigt wurde. Ich brachte Jean Rouch in meinem Panda zum Kino, er wie immer mit einer billigen Stoff­ta­sche, ich sehe ihn noch damit herum­laufen. Als wir in Freising ankamen, waren genau drei Besucher für seinen Film da. Mit ihnen disku­tierte er anschließend fast eine Stunde. Der Ausdruck, der mir seit seinem Besuch im Gedächtnis geblieben ist, stammt von Jean Rouch selbst: »Je mange l'écran«, was heißt, ich sitze möglichst weit vorne im Kino.

Irgend­wann wurde uns auch mal Geld gestohlen, aus der Handkasse im großen Saal. 5.000 Mark, die Gudrun aus ihrer Privat­ta­sche ersetzte. Nach sechzehn Jahren gab sie die Leitung auf, und Hermann Barth wurde ihr Nach­folger, der schon seit der Gründung beim Doku­men­tar­film­fes­tival mitge­ar­beitet hatte. Mit Hermann gab es ein richtiges Büro in der Land­wehr­straße, das Festival profes­sio­na­li­sierte sich zusehends, und die Eröff­nungen wurden pompös im Arri oder Carl-Orff-Saal im Gasteig gefeiert, sogar mit OB Ude. Hermann Barth, der acht Jahre lang Leiter des Festivals war, gab dem Inter­na­tio­nalen Doku­men­tar­film­fes­tival auch seinen neuen Namen, das seitdem kurz und bündig DOK.FEST genannt wird. Auch die selbst­ge­bas­telten Plakat­mo­tive wurden ersetzt durch die heute immer noch gültige Serie aus vier Motiven von Grafiker Gerwin Schmidt.

Das gehört dann aber schon zur jüngeren Geschichte, und es wurde der Beginn von neuen Entwick­lungen des Festivals, die mit Daniel Sponsel, der 2010 der dritte Festi­val­leiter wurde, noch einmal eine neue Richtung nahmen und sich beschleu­nigten.

Dokfest

Ulla Weßler mit OB Christian Ude und Festi­val­leiter Hermann Barth, 2003. Foto: Dok.fest

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