23.07.2015
Cinema Moralia – Folge 111

Ein Hellas bitte!

Die Einführung des Tonfilms kostete nicht nur Arbeitsplätze, auch ein Qualitätsverlust des Films wurde befürchtet (Flugblatt, 1929)

Vom Mythos des Kultfilms, eine abgesagte Pres­se­kon­fe­renz und Proteste gegen neue Medien – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 111. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Wie wird man diese uner­träg­li­chen Fesseln los? »Wie? Wie?« fragte er und griff sich an den Kopf. »Ja, wie?« Und es schien ihnen, dass sie bald eine Lösung finden würden, und dass dann ein neues herr­li­ches Leben beginnen könnte; und es war beiden klar, dass das Ende noch in weiter Ferne liege und dass das Schwie­rigste erst jetzt anfange.«
Tschechow, »Die Dame mit dem Hündchen«

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Ja, als es dann wirklich so weit gekommen war, und ich neulich im Bier­garten »noch ein Hellas bitte!« bestellte, das wusste ich, was die Stunde geschlagen hatte, und dass mich das Thema noch ein wenig verfolgen würde.

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In diesem Umgang mit diesem ganzen Finanz-Schla­massel und der angeb­li­chen Grie­chen­land-Krise in diesen Tagen, die eigent­lich gar keine ist, sondern eine Finanz­ka­pital-Krise und eine Staats­schulden-Krise merkt man, dass die Leute alle Angst haben. Dass es eine Angst­be­ses­sen­heit gibt und das verzwei­felte Verlangen, Sicher­heit herzu­stellen durch soge­nannte Rettungs­schirme, die dann keine sind und Sicher­heits-Zusagen, die sich relativ schnell als unsicher erweisen – es dominiert eine Art Politik der Klugheit, »der schwä­bi­schen Hausfrau« wie es dann bei Angela Merkel heißt. In der gibt es immer wieder Sicher­heits­ver­spre­chen, aber eigent­lich wächst die Unsi­cher­heit.
Das Inter­es­sante an Grie­chen­land ist nun, dass es offen­sicht­lich einen Punkt gibt, an dem die Leute so dermaßen in Unsi­cher­heit gestürzt werden können, dass sie die falschen Sicher­heits­ver­spre­chen ausschlagen – nach dem Motto »Du hast keine Chance, also nutze sie.«
Das hat Jakob Augstein im Spiegel als Hoffnung verkauft. Also: Wir können darauf hoffen, dass endlich eine Revo­lu­tion der Hirne statt­findet.

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Zum Grie­chen­land-Thema letzte Woche gab es positive und negative Reak­tionen. Darauf werde ich noch eingehen. Hier aber erstmal aktuell ein Auszug aus einem Gespräch mit meinem lieben Freund, dem Film­kri­tiker Josef Schnelle, das sich eigent­lich vor allem um den deutschen Film drehte, aber kurz auch mal auf Grie­chen­land kam:
»Es geht mir auch so, dass ich diese ganzen Propa­gan­da­kam­pa­gnen, die bei uns gerade gefahren werden, fürch­ter­lich finde – bis hin zur BILD-Zeitung: »280.000 sagen Nein«. Das bedeutet, sie wollen kein Geld mehr an Grie­chen­land geben.
Niemand hat bisher Geld an Grie­chen­land gegeben!
Diese ganzen Insti­tu­tionen haben eigent­lich nur versucht, diese neoli­be­rale Politik der europäi­schen Wirt­schafts­ma­gnaten Grie­chen­land aufzu­zwingen. Nun ist Grie­chen­land am Ende – die können ihre Renten gar nicht zahlen, aber diese Renten sollen gekürzt werden von 300 auf 200 Euro im Monat. Und die Mehr­wert­steuer soll erhöht werden. Man erlebt es auch bei diesen ganzen Vorschlägen, die von der grie­chi­schen Regierung verlangt werden. Wenn der Vorschlag dann kommt, ist zehn Sekunden später die Antwort von Wolfgang Schäuble da: »Geht nicht!«
Es gibt eben keine Soli­da­rität mit Grie­chen­land. Sondern die Finanz­plätze wollen ein Exempel statu­ieren und Spanien davor warnen, auch eine linke Regierung zu wählen. Dabei ist das gerade wahr­schein­lich. Die werden das jetzige Geschehen genau studieren. Die von der Tsipras-Regierung machen bestimmt Fehler. Wer macht schon keine Fehler. Aber ich habe in den Nach­richten den Schulz gesehen – theo­re­tisch ein Sozi­al­de­mo­krat – mit welcher pater­na­lis­ti­schen Attitüde der da auftritt! Was bildet der sich eigent­lich ein. Es sind doch nur die Inter­essen der Heuschre­cken, die da vertei­digt werden. Und der ist von der SPD – ist ja irre!
Es ist offenbar, dass die an Grie­chen­land ein Exempel statu­ieren wollten – und das ist in die Hose gegangen. Vorher lief alles aber ganz friedlich für die Heuschre­cken ab. Ich finde, dass diese Abstim­mung ein Hoff­nungs­zei­chen für Europa ist.
Ich muss sagen, dass diese Grie­chen­land-Krise mir die Augen dafür geöffnet hat, dass das ein Klas­sen­kampf von Oben innerhalb der EU ist.
Innerhalb der EU sollen Regeln durch­ge­setzt werden, die sich eigent­lich immer gegen die normalen Menschen richten. Dieser Kampf wird unglaub­lich hart geführt. Ich verspreche mir von dieser Entwick­lung eine Erosion dieses Finanz­ka­pi­ta­lismus, der uns so einge­lullt hat und die Macht über­nommen hat.«
So weit Josef Schnelle. Auch eine Form von Film­kritik, denn die verdient nur ihren Namen, wenn sie auch Medien- und Diskurs­kritik ist.

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Die deutschen über­re­gio­nalen Zeitungen kann man zu diesem Thema immer weniger lesen. Im Netz, um sich zu ärgern. Wenn man aber noch für irgend­etwas Geld ausgibt, dann für den Guardian, den Economist, die Neue Zürcher, die Berliner Zeitung, die taz und den Freitag.

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»Dieses Publikum, dem man so voll­kommen die Freiheit entzogen hat und das dies alles geduldet hat, verdient weniger als jedes andere, dass man es schont. Mit dem tradi­tio­nellen Zynismus derer, die die mensch­liche Neigung, unge­rechte Krän­kungen noch zu recht­fer­tigen, kennen, verkünden die Mani­pu­la­toren der Werbung heute in aller Ruhe, dass man ins Kino geht, wenn man das Leben liebt'. Aber dieses Leben und dieses Kino gelten gleich wenig; insofern sind sie tatsäch­lich beliebig austauschbar.
Das Kino­pu­blikum, das nie sehr bürger­lich war und auch kaum mehr aus dem gewöhn­li­chen Volk kommt, setzt sich inzwi­schen fast nur noch aus einer einzigen sozialen Schicht zusammen, ... tatsäch­lich täuschen sich diese hier in allem und können nur noch über Lügen faseln. Es sind arme Lohn­ab­hän­gige, die sich für Eigen­tümer halten; betrogene Igno­ranten, die sich gebildet glauben, und Tote, die meinen, sie hätten Sitz und Stimme.«
Guy Debord

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Leser-Anmer­kungen gabs auch zum »Kultur­schutz­ge­setz« des BKM. Ein Vertei­diger der Kultur­staats­mi­nis­terin meinte mich belehren zu müssen: Es gehe de facto um das Verhältnis zwischen Gemein­in­ter­esse und Indi­vi­dual­in­ter­esse. Genau das, Herr Direktor. Und das im Zwei­fels­fall das Gemein­wohl vorgeht, das steht schon in der Verfas­sung. »Schutz heißt nicht Enteig­nung »argu­men­tiert Grütters formal schlüssig. Aber »Schutz« ist oft genug nur ein sympa­thi­scheres Wort für Entmün­di­gung und Bevor­mun­dung. Um Sterbende vor sich selbst zu schützen, dürfen sie sich nicht töten oder dafür die Hilfe von Ärzten in Anspruch nehmen. Statt­dessen müssen reiche Sterbende in die Schweiz reisen, arme Sterbende müssen weiter leben.
Auch zu unter­scheiden ist zwischen dem Schutz der Künstler und dem der Verwerter. Also zwischen Maler und Galerist, Autor und Verleger, Filme­ma­cher und Verleiher oder Sender.
Am Ende steht im Text­ent­wurf des Minis­te­riums, solle der Staat einen vergüns­tigten Zugriff auf die Kunst­werke haben. Und es bleibt ein unsym­pa­thi­scher Eindruck. Der der Gefahr einer kalten Enteig­nung durch den Staat.

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Ja, Eigentum verpflichtet. Ja, man muss dem freien Markt enge Grenzen auflegen, ihn sogar im Sinne des Gemein­wohls eingrenzen und unter Kuratel stellen. Nur fragt man sich, warum die Bundes­re­gie­rung da ausge­rechnet bei der Kunst anfängt. Warum werden nicht die Rechte der Banken beschnitten? Warum gibt es klein Gesetz zum Schutz des Volks­ver­mö­gens? Warum werden nicht die deutschen Reichen besteuert?

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Einen inter­es­santen Frage­ka­talog bekam ich neulich per Mail von einem Freund: »Was sind denn die Kultfilme der letzten 10 Jahre?« hieß es da. Es erscheint mir so, als gäbe es dies Phänomen nicht mehr unge­bro­chen. Zumindest fielen mir keine ein.« Das war eine inspi­rie­rende Frage, auch wenn ich das Wort »Kultfilm« eigent­lich selten benutze und auch immer seltener denke.
Aber es stimmt schon, dass es scheinbar so unge­bro­chene »Kultfilme« etwas weniger (oder gar nicht mehr?) gibt. Es gibt nicht mehr so etwas wie Matrix, der das vom ersten Tag an war. Dieser Eindruck könnte zunächst einfach damit zu tun haben, dass ich langsam zu alt für sowas bin. Und natürlich, dass das Kino mehr und mehr kein Leit­me­dium ist. Dass es in diesem Leit­me­di­um­s­cha­rakter durch Fernseh- und DVD- und Streaming-Serien, durch Compu­ter­spiele und allerlei Internet-Dinge abgelöst wird. Da gibt es nämlich durchaus »Kult«. Sogar im Fernsehen: siehe Tatort!
Zugleich ist »Kult« primär natürlich ein Jugend­phä­nomen, auch wenn es neuer­dings »Kult« für die Silver Ager der 60+-Gene­ra­tion oder richtig Alte gibt.
Daneben ist »Kult« wohl etwas Milieu- und Gene­ra­tions-abhän­giges. Will sagen: »James Bond«-Filme sind für manche Menschen per se »Kult«, auch »Star Wars«. Ebenso war Ziemlich beste Freunde eine Art »Kult«, oder nennen wir es ein »Must see«. Der Unter­schied zwischen beidem wäre aber, dass »Kult« etwas ist, das irgendwie Spuren in einer Kultur hinter­lässt, zu einem popkul­tu­rellen Phänomen wird. Und das es mehr ist, als eine Eintags­fliege. Aus genau diesem Grund ist Monsieur Claude auch ganz und gar kein Kult, Herr der Ringe, Harry Potter und Twilight aber schon.
Was ist nun in der Hinsicht von dieser Welle der ganzen Super­hel­den­filme der letzten Jahre zu halten? Ich bin nicht sicher.

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Was für mich »Kultfilme« der letzten 10 Jahre waren, werde ich auch noch gefragt. Es gibt schon immer noch auch über die Leinwand hinaus sehr einfluss­reiche Filme, aber doch viel stärker nur innerhalb von Mileu­grenzen. Selbst die Coen-Brüder haben es nach Fargo nicht wieder so geschafft.
Aber Tarantino. Inglou­rious Basterds hat schon univer­sale Wirkung. Ansonsten gibt es sicher im jewei­ligen Milieu bestimmte Werke: Anime-Filme (Miyazaki) und Horror­filme (die Hostel-Reihe). Auch ein einma­liges Teil wie Pans Labyrinth, der irgendwie Fantasy und Märchen ist.
Unter intel­lek­tu­ellen Großs­täd­tern mit Affinität zum europäi­schen Auto­ren­film sind die Filme von Sofia Coppola Kult (besonders Lost in Trans­la­tion und The Virgin Suicides, die beide aber älter als zehn Jahre sind). Filme von Wes Anderson und sogar von Paul Thomas Anderson und dann die soge­nannten Mumble­cores, u.a. Frances Ha.
»Kult« kann auch Star-abhängig sein: Filme mit Tom Cruise, George Clooney sind Kult, und Filme mit Stallone und Schwar­ze­negger allemal Nostalgie-»Kult«.
Für mich waren »Star Wars« gene­ra­tio­nell Kultfilme. Irgendwie auch die frühen John Travolta-Filme, dann die »großen« New Hollywood-Filme: Bonnie und Clyde, Exorcist, Der weiße Hai, Der Pate,  Apoca­lypse Now, Blade Runner. Aber warum die und nicht andere? Da muss ich noch nach­denken. Zu sehr persön­li­chem Kult wurde auch später Bestimmtes: Alles von Michael Mann, besonders Heat, alles von Brian De Palma, alles von Scorsese, alles von Fincher. Matrix und Memento. In Europa: Diva, Leon – der Profi, Das fünfte Element, Brazil, Life of Brian, Wenn die Gondeln Trauer tragen,  Train­spot­ting.

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Ich glaube, um »Kultfilm« zu sein, darf ein Film nicht zu ernst sein, darum steht kein Wenders hier, kein Fass­binder. Gibt es Auto­ren­kult? Heute ist Godard Kult, weil er immer noch da ist und arbeitet. Kultfilm ist auch etwas, in das Leute immer wieder rein gehen: Eis am Stiel oder Rocky Horror Picture Show.

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Eine, gelinde gesagt, höchst kuriose E-Mail-Abfolge erreichte uns vergan­gene Woche. Da gab es endlich mal wieder Post von Björn Böhning. Um den Staats­se­kretär und Chef der Berliner Senats­kanzlei war es zuletzt fast schon auffällig still geworden. So als ob er sich nach dem Scheitern der von ihm verant­wor­teten Olympia-Bewerbung und dem Total-Debakel der von ihm – theo­re­tisch – orga­ni­sierten Neube­set­zung des DFFB-Direktors, mal eine Weile politisch tot stellen wollte. Oder eben politisch tatsäch­lich schon tot war.
Aber Totge­sagte leben bekannt­lich länger und gerade im Fall von Böhning kann man sich darauf gefasst machen, dass einem der Mann im Leben immer wieder begegnen wird, garan­tiert bald in irgend­einer berlin­fernen neuen Funktion. Sigmar Gabriel war schließ­lich auch mal Pop-Beauf­tragter der SPD.
Jeden­falls hatte ich mich, als ich die Einladung vom »Presse- und Infor­ma­ti­onsamt des Landes Berlin« ins Berliner Rathaus bekam, kurz gefreut. Denn darin hieß es, Böhning würde über »aktuelle film­po­li­ti­sche Entwick­lungen im Land Berlin« »infor­mieren«. Toll! Ich dachte, nun würden mir endlich die Augen geöffnet, der Blick klar und die lang­er­sehnten und gewiss bei richtiger Betrach­tung und ange­mes­sener Infor­ma­tion blen­denden film­po­li­ti­schen Perspek­tiven der Haupt­stadt am Horizont erscheinen. Super!
Die Vorfreude aller­dings währte nicht lang. Nur ein paar Minuten, so lang wie in etwa ein Anruf vom Büro des regie­renden Bürger­meis­ters zur Senats­kanzlei dauern mag, dann kam eine zweite Mail hinterher: »Pres­se­kon­fe­renz entfällt!« hieß es da schnöde und ohne Erklärung. Was mag da wohl passiert sein?

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Neue Techniken hatten es gegen die Puristen schon immer schwer. Ich habe damals geschrieben: Nolans »Inter­stellar« hat auch deshalb so intensiv gewirkt, war auch deshalb so gut, weil er auf Film gedreht wurde. Aber natürlich gibt es darin digitale Effekte. Auch ich liebe 35mm, aber muss ich deshalb alles Digitale verdammen? Auch ich liebe Kino, aber darf ich deshalb keine DVD- und Streaming-Serien mögen und Filme nicht auf DVDs nochmals angucken? Purismus und Puri­ta­nismus sind immer unsym­pa­thisch. Und leicht gerät man da in selbst­ge­baute Fallen. Ein Beispiel dafür bietet ein Hand­zettel, der keines­wegs neu ist, mir aber erst jetzt in die Hände fiel: »Gegen den Tonfilm!« heißt die Dachzeile: »Für lebende Künstler!« Und dann weiter: An das Publikum!
Achtung! Gefahren des Tonfilms! Viele Kinos müssen wegen Einfüh­rung des Tonfilms und Mangel an viel­sei­tigen Programmen schließen!
Tonfilm ist Kitsch!
Wer Kunst und Künstler liebt, lehnt den Tonfilm ab!
Tonfilm ist Einsei­tig­keit!
100 % Tonfilm = 100 % Verfla­chung!
Tonfilm ist wirt­schaft­li­cher und geistiger Mord!
Seine Konser­ven­büchsen-Apparatur klingt keller­haft, quietscht, verdirbt das Gehör und ruiniert die Exis­tenzen der Musiker und Artisten!
Tonfilm ist schlecht konser­viertes Theater bei über­höhten Preisen!
Darum:
Fordert gute stumme Filme!
Fordert Orches­ter­be­glei­tung durch Musiker!
Fordert Bühnen­schau mit Artisten!
Lehnt den Tonfilm ab!
Wo kein Kino mit Musikern oder Bühnen­schau:
Besucht die Varietés!«
Inter­na­tio­nale Artisten
Loge E.V. Deutscher Musiker – Verband

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So weit kann's kommen.

(to be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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