26.03.2015
Cinema Moralia – Folge 105

Piloten ist nichts verboten

Godard im Flugzeug aka Sogne ta droite

Über den Wolken: Filmische (Vor-) Zeichen der Flug­ka­ta­strophe – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 105. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»You pilots are such men.« – »They don't call it the cockpit for nothing, honey.«
aus: »Airport '79«

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Ging es Ihnen, liebe Leser, ähnlich? Als ich die ersten Nach­richten über das Flug­zeug­un­glück in Frank­reich hörte, dachte ich an andere Zwischen­fälle mit dem Airbus und dann so etwas, wie: »Das kommt davon, wenn sich Menschen an die Maschinen auslie­fern.« Analog zu Richard Stallmans Fest­stel­lung aus dem GNU Manifest: »With software, either the users control the program, or the program controls the users.« Es gibt ein vers­tänd­li­ches Unbehagen daran, dass Maschinen die Herr­schaft über­nehmen, und der Mensch immer größere Lebens­be­reiche aus der Hand gibt in die von Maschinen – die natürlich menschen­ge­macht sind.
Aber für die Kata­strophe von Flug 9525 von Barcelona ist offen­kundig kein tech­ni­scher Defekt verant­wort­lich, sondern ein Mensch, der den Computer ausge­schaltet hat und die menschen­ge­machten Sicher­heits­vor­schriften, nach denen er ihn ausschalten konnte und auch durfte. Und so hätte man sich, wenn schon keiner seiner Kollegen dies verhin­dern konnte, einen auto­ritären Bord­com­puter wie HAL (aus Kubricks 2001) im Nach­hinein geradezu herbei­ge­wünscht, oder zumindest einen  Termi­nator, der den Co-Piloten recht­zeitig gestoppt hätte.

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Und anders als denje­nigen, die im Fernsehen kommen­tierten, empfand ich es nicht als »noch schreck­li­cher« oder gar als »die schlimmst­mög­liche Nachricht«, zu erfahren, dass es kein Maschinen- und kein Compu­ter­fehler war, und noch nicht mal »mensch­li­ches Versagen«, wie im Fall der Air France, die 2009 über dem Atlantik abstürzte, sondern einfach ein durch­ge­knallter Irrer, ein eitler Wich­tig­tuer, der der eigenen Selbst­ver­nich­tung – wie sonst nur poli­ti­sche Verbre­cher – zusätz­liche Bedeutung verleihen wollte, indem er andere mit sich sterben ließ.
Es ist doch eher ziemlich tröstlich, zu wissen, dass der tech­ni­sche Fort­schritt durch 9525 keines­wegs widerlegt worden ist, sondern dass man sich auf die Maschinen weiterhin verlassen kann, darauf, dass die Sicher­heits­sys­teme zwar schon gut sind, jetzt noch ein bisschen sicherer werden. Dass weiterhin gilt, was in der ersten Verfil­mung von Alex Haileys Airport 1970 schon ein Filmfazit ist: »When you get to be older, there isn't a lot left to be frigh­tened of. ... I've flown thousands of miles and I can tell you it's a lot safer than crossing the street!«

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Ein paar kurze Stunden flatterte der Klarname des hölli­schen Copiloten durchs Netz. Dann wurde er, aus jenem in Deutsch­land so falsch verstan­denen Medi­en­pie­tismus heraus in den meisten deutschen Artikeln gelöscht, und durch »Andreas L.« ersetzt. Auf den zwei, drei öffent­lich Bildern, die es von dem Mann gibt, ist das Gesicht verpixelt. Alles angeblich, um seine Angehö­rigen zu schützen, als ob nicht die Außen­posten eben dieser schüt­zenden Medien längst sein Haus und seine Eltern bela­gerten, als ob nicht zum gleichen Zeitpunkt die Kelleras­seln des Betriebs jeden Stein im Leben des Mannes, der zum Massen­mörder wurde, umdrehten. Hinter jedem Mora­lismus lauert eine gehörige Form Heuchelei, hinter jedem hohen Ton die Eitelkeit – das gilt für Medien nicht minder, als für Wirt­schaft und Politik.
Die Schnel­lig­keit, mit der die Seiten verändert wurden, weckt eher den Ehrgeiz den Namen doch zu erfahren, und auf auslän­di­schen Seiten, etwa allen briti­schen Blättern kann man ihn lesen, erfahren, was Freunde, ehemalige Mitschüler und Kollegen über ihn denken, und natürlich die unver­pi­xelten Bilder sehen.
Es ist also nicht nur prak­ti­scher Unsinn, sich hier nicht mehr Trans­pa­renz zu gestatten, weil man alles im Netz erfahren kann. Derartige Selbst­zensur der deutschen Öffent­lich­keit schürt nur die Paranoia, die Vermutung, hier solle was auc himmer vertuscht werden – wie man auf vielen Seiten anhand der Leser-State­ments nach­voll­ziehen kann.
Gerade im Angesicht solcher Kata­stro­phen, gerade im Moment, indem sie sich ereignen, scheint es mir wichtig, dass wir uns im Bewusst­sein halten, wie wir sie wahr­nehmen, und mit diesen Wahr­neh­mungen umgehen.
Da ist mir die unbe­dingte Aufklä­rungs- und Infor­ma­ti­onswut der Briten lieber. Der deutsche Umgang bedient nicht weniger den Voyeu­rismus des Publikums, nur anderen.

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So schreck­lich sie sind, die Nach­richten über das Flug­zeug­un­glück in Frank­reich, so sehr drängten sich am Donners­tag­nach­mittag schnell auch wieder all die filmi­schen Zeichen in den Vorder­grund, die sie begleiten. Nicht allein jene offen­kun­digen des Flug­zeug­ka­ta­stro­phen­genres, aus den besonders 1970er Jahren. In den zumindest vom Lebens­ge­fühl her wahn­sinnig sicheren, darum überaus liberalen Easy-Listening-Seventies liebte man überhaupt die Kata­stro­phen­filme: Erdbeben, Flam­mendes Inferno. Da Kino immer die Ängste der Menschen spiegelt, kann man in den vier »Airport«-Filmen zwischen 1970 und 1979 und ihren vielen Verwandten (z.B. der unver­ges­sene Verschollen im Bermuda-Dreieck) nicht nur den tech­ni­schen Fort­schritt von der Boeing 707 über die 747 zur Concorde erkennen, sondern einen Reflex auf den neu aufge­kom­menen Massen­tou­rismus per Flugzeug. Die Fliegerei verlor ihren Heroismus und der Schrecken wechselte die Kleider: Der überaus niedliche Nazi Quax, der Bruch­pilot und die Toll­kühnen Männer in ihren flie­genden Kisten wurden abgelöst durch smarte Zivi­listen in hell­blauen Pilo­ten­hemden, durch Jack Lemmon oder Alain Delon, Nach­folger von Hans Albers im 1932er Ufa-Film F.P. 1 antwortet nicht (»Flieger, grüß mir die Sonne«) und Vorläufer von Leonardo Di Carpios PanAm-Hoch­stapler in Catch Me If You Can, auch ein Titel, der heute merk­würdig klingt.

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Es ist aber wieder einmal nicht Hollywood mit seinen derar­tigen Schmon­zetten, in denen Piloten nichts verboten ist, und tapfere Männer ganze Arbeit leisten im Graben­kampf gegen Maschi­nen­fehler, Inge­nieurs­hy­bris und schlechtes Wetter – »Emergency Room« über den Wolken –, sondern es ist Jean-Luc Godard, dessen Kino hier wie so oft das eine prophe­ti­sche Bild erzeugt hat: 1987 in seinem episo­di­schen, für Godard-Verhält­nisse sprudelnd witzigen Film Sogne ta droite (aka »Keep your Right Up«) schildert Godard einen Flug mit einem selbst­mör­de­ri­schen Piloten, der im Cockpit-Sessel das Buch »Anleitung zum Selbst­mord« liest. Godard selbst ist einer der Passa­giere, und auch seine Figur ist eher nihi­lis­tisch gestimmt: Ein Film­re­gis­seur, der Dosto­je­w­skis »Der Idiot« liest.

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Wer gestern nach dieser Erin­ne­rung dann auch das Bild sah, das vom German-Wings-Co-Piloten vor allem im Netz kursierte, jenes Urlaubs­bild, dem konnten noch einmal die Haare zu Berge stehen: Da saß Andreas L. ja nicht vor irgend­einer Brücke, sondern direkt vor jener »Golden Gate Bridge« der San Francisco-Bay, die auch als »Selbst­mör­der­brücke« berühmt ist. Wem das bewusst ist, dem muss jenes Bild wie der Vorschein des Kommenden erscheinen, wie eine unbe­wusste Warnung vor dem Kommenden aus dem Abgrund der Verzweif­lung.
Die »Golden Gate Bridge« ist genau aus diesem Grund auch die Brücke von Vertigo. An deren Fuß fischt James Stewart Kim Novak aus dem Wasser.

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Die »Kata­stro­phen­phan­tasie«, schrieb Susan Sontag, ermög­liche uns Menschen »mit den Schreck­ge­spinsten der Banalität und unvor­stell­barem Schrecken fertig zu werden.« Kino ist der Ort dieser Phantasie, ist Nach­denken über dieses Unaus­denk­bare.
Es ist zumindest bemer­kens­wert, wie sehr Flug­zeug­un­glücke die Filme­ma­cher immer schon faszi­nierten: Antonioni schrieb eine seiner wenigen Kurz­ge­schichten über ein Flugzeug, das in einem Bergdorf zerschellt ist, und einen Mann, der das Wrack auf Überreste unter­sucht.
Von dem leider etwas verges­senen Regisseur und Autor Will Tremper stammt die berühm­teste Zeitungs­serie zum Thema, deren Titel so sarkas­tisch wie witzig sprich­wört­lich wurde: »Runter kommen sie immer«.

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»Über den Wolken« sang Reinhard Mey, »muss die Freiheit wohl gren­zenlos sein«. Dieser Song ist nicht nur eine Analyse der Seelen­lage der alten Bundes­re­pu­blik in a Nutshell – »Irgend­je­mand kocht Kaffee/ In der Luft­auf­sichts­ba­racke/ In den Pfützen schwimmt Benzin/ Schil­lernd wie ein Regen­bogen/ Wolken spiegeln sich darin/ Ich wär' gern mitge­flogen« – sondern spätes­tens ab heute trans­por­tiert er auch eine bittere, selbst­kri­ti­sche Einsicht in die Grenzen der Selbst­er­mäch­ti­gung des Einzelnen, die Hybris des Wahns absoluter indi­vi­du­eller Freiheit. Man kann es nicht mehr hören ohne bitteren Beige­schmack: »Über den Wolken/ Muss die Freiheit wohl gren­zenlos sein/ Alle Ängste, alle Sorgen/ Sagt man/ Blieben darunter verborgen
Und dann/ Würde was uns groß und wichtig erscheint/ Plötzlich nichtig und klein. »

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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