23.05.2015
68. Filmfestspiele Cannes

Flucht im Film: politisch bei Jacques Audiard, poetisch bei Hou Hsiao-Hsien –Blick nach Cannes VI

Hou Hsiao-Hsien, The Assassin
The Assassin ist bildgewaltiger Kino-Eskapismus

Cannes teilt sich uns auch mit, wenn wir nicht in Cannes sind. Wie Bericht­erstat­tung sich anfühlt, wenn man nicht vor Ort ist, wagen wir in unserer neuen Serie »Blick nach Cannes«. Mit Trailern, Verlin­kungen zu Pres­se­kon­fe­renzen, Quer­be­zügen im Programm und natürlich ohne eine einzige Film­kritik zu schreiben. Denn dazu müsste man tatsäch­lich vor Ort sein.

Von Dunja Bialas

Am letzten Tag des Festivals vertiefe ich mich noch einmal in die vergan­genen Filme und picke mir zwei heraus, deren Regis­seure allein durch ihre Namen Gutes verspre­chen. Jacques Audiard ist sicher­lich einer, den man in der Vergan­gen­heit fast bedin­gungslos verehrt hat, auch wenn Der Geschmack von Rost und Knochen manch erzäh­le­ri­schen Faust­schlag voll­führte. Unan­ge­fochten ist der taiwa­ne­si­sche Regie-Gott Hou Hsiao-Hsien, dem das Film­mu­seum München ab Ende Mai eine Retro­spek­tive widmet – übrigens ein Jahr später als die Wiener Kollegen. Zu diesem Thema ist zu sagen: Hou Hsiao-Hsiens Filme waren, zumindest in München, immer wieder zu sehen, seinen Filmen widmete das Werk­statt­kino vor ein paar Jahren bereits eine umfas­sende Werkschau.

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Lange erwartet, aber nicht gemocht: Jacques Audiards Flücht­lings­drama DHEEPAN

Letzter Tag von Cannes. Morgen werden die Preise verliehen, alle Filme wurden gesehen. Auch Jacques Audiard hat seinen neuen Film vorge­stellt, und musste sich vor der Presse recht­fer­tigen, weshalb sein mit dem Arbeits­titel Dheepan versehene neuer Film so anders ist als seine anderen Filme Ein Prophet (Großer Preis der Jury 2009) oder Der Geschmack von Rost und Knochen. Sein neuer Film ist politisch gefasst und unter­scheidet sich darin schon mal deutlich von seinen Vorgän­ger­filmen. Hier geht es um die Flucht, von Sri Lanka, aus dem Bürger­kriegs­chaos, nach Frank­reich, hinein in die Proble­ma­tiken von Intge­gra­tion, Heim­lich­keit, Unsi­cher­heit. Der Film ist in kühl-triste Farben getaucht, das Setting die Pariser Banlieue, die Schau­spieler unbekannt. Alles, was ein Audiard braucht, und dennoch hat der an manchen Stellen etwas sehr über­ra­schende Plot, wie in manchen Medien gespoi­lert wird, am Ende dann enttäuscht. Um aber nicht die Kriti­ker­liste zu vernach­läs­sigen: Audiard steht dort auf Platz sieben. 

Ein Filmpoem: Hou Hsiao-Hsiens ASSASSIN

Kino als Eska­pismus aus unserer Alltags­welt zeigte der taiwa­ne­si­sche Regie­meister Hou Hsiao-Hsien mit The Assassin (Platz zwei auf der Kriti­ker­liste). Sein Film ist ein Film­ge­dicht, in einer langsamen, sich Zeit nehmenden Erzähl­weise, in der die Szenen aus sich heraus entwi­ckelt werden, lange ohne Schnitt bleiben und damit in einen filmi­schen Trance versetzen können. Der große Film­kri­tiker und -theo­re­tiker Helmut Färber, der die leisen Töne liebt und in seinen Seminaren an der HFF München eine gewisse Demut gegenüber den Filmen gelehrt hat, sagte einmal, das Schreiben über Film solle sich dem Film und seiner Erzähl­weise anpassen. So solle ein Film, der keine Gleich­zei­tig­keiten erzähle, vor allem durch neben­ein­an­der­ge­stellte Sätze wieder­ge­geben werden. Kompli­zierte Verschrän­kungen erlauben Schach­tel­sätze. Hou Hsiao-Hsien neuer Film verlangt nach sehr langen, sehr gedehnten Sätzen, in denen wenig steht, und die unmerk­liche Verän­de­rungen statt­finden lassen. Einen ange­hal­tenen Atem, und dann ein ganz langsames Ausatmen, bis der Film in die nächste Szene hinein­gleitet. Hier ist der Trailer, der trotz seiner Kürze eine Ahnung von der umwer­fenden Ästhetik des Films gibt.

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