18.02.2015

65. Berlinale 2015

Ein wirklich feiner Filmjahrgang

Taxi von Jafar Panahi
Gewinner des politischen Goldenen Bären: Taxi von Jafar Panahi

Berlinale-Nachlese

Von Gregor Torinus

Am Tag nach der dies­jäh­rigen Berlinale-Eröffnung begann das Wett­be­werbs­pro­gramm gleich frühmor­gens sehr stark mit Taxi von Jafar Panahi. Der Film, in dem der iranische Regisseur inkognito als Taxi­fahrer durch Teheran fährt und dabei seine unwis­senden Fahrgäste filmt, fand großen Beifall. Aller­dings hat zu diesem Zeitpunkt sicher­lich kaum einer geahnt, dass dieses kleine Doku-Drama den Goldenen Bären gewinnen würde. Taxi ist clever, entlar­vend und charmant, aber große Filmkunst sieht gewiss anders aus. Deshalb ist es keine Frage, dass die dies­jäh­rige Berlinale-Jury unter Vorsitz von Darren Aronofsky (Black Swan) bei dieser Preis­ver­gabe nach poli­ti­schen, statt nach künst­le­ri­schen Gesichts­punkten entschieden hat. Das mag für ein Film­fes­tival, das für seinen poli­ti­schen Gehalt gerühmt wird, konse­quent sein. Aber wenn nicht nur die alten Herren der Academy den Oscar bevorzugt an Filme mit Nazis, sondern auch noch die Berlinale-Jury den Goldenen Bären an Filme mit politisch enga­gierten Taxi­fah­rern vergibt, muss man sich allmäh­lich fragen, wer überhaupt noch Film­preise für Filmkunst vergibt...

Mit Werner Herzogs Wüsten­saga Queen of the Desert spielte auch der zweite Wett­be­werbs­bei­trag des Tages im Nahen Osten. Doch sollte man für den deutschen Altmeister hoffen, dass sehr bald alle Erin­ne­rungen an diese fade Hollywood-Schmon­zette unter tiefsten Wüsten­sand begraben werden... Unein­ge­schränkt erfreu­lich war dahin­gegen der dritte in dieser Region ange­sie­delte Film des Tages: Der im Panorama gezeigte paläs­ti­nen­si­sche Inde­pen­d­ent­film mit dem inter­na­tio­nalen Titel Love, Theft and Other Entan­gle­ments ist eine jener oft in den Neben­s­ek­tionen der Berlinale verbor­genen Perlen, welche das Festival immer wieder enorm aufwerten. Die Geschichte um einen Tages- und Autodieb, der unver­hofft einen entführten Israeli im Koffer­raum eines geklauten Wagens findet, atmet den Esprit der frühen Tage der Nouvelle Vague. Lässig entfaltet der Film zu einem einem so flotten wie atmo­s­phä­ri­schen Jazz-Score seine skurrile Handlung. Die Schwarz­weiß-Bilder sind von großer Schlicht­heit und zugleich äußerst präzise kompo­niert. Dies ist ein Film über den Nahost­kon­flikt, in dem alles drin steckt, der sich jedoch jeder pädago­gi­schen Attitüde verwei­gert.

Am Samstag gab es in der Spät­vor­stel­lung die Gele­gen­heit die Sichtung einer der am selt­samsten schil­lern­denden Film­perlen des Festivals nach­zu­holen, falls man diese am Eröff­nungtag verpasst hatte: The Forbidden Room von Guy Maddin und Evan Johnson. Der Ursprung des Film liegt in einem Projekt, bei dem Schau­spieler in eine Art von Trance versetzt wurden, um anschließend imagi­nierte Szenen aus verloren gegan­genen Werken der Frühzeit der Film­ge­schichte zu spielen. Das so entstan­dene Material wurde auf eine Weise verbunden, die an Luis Buñuels surreales Meis­ter­werk Das Gespenst der Freiheit (1974) erinnert: Eine Erzählung greift unab­ge­schlossen in die nächste, die wiederum in eine dritte übergeht usw. Das groteske Treiben ist im Stil alter Filme der Stumm­film­zeit gehalten. Die digitalen Aufnahmen wurden auf stark ange­grif­fenes altes Film­ma­te­rial getrimmt. Der besondere Witz des extra­va­ganten Expe­ri­men­tal­films entsteht aus dem Gegensatz zwischen dem gut getrof­fenen Tonfall der altehr­wür­digen filmi­schen Vorbilder und der immer absurder sich entwi­ckelnden Handlung.

Der Wett­be­werb am Montag startete erneut gleich morgens mit einem der späteren Haupt­preis­träger des dies­jäh­rigen Festivals: Der sehr starke chile­ni­sche Beitrag El Club hat den Großen Preis der Jury mit vollem Recht erhalten. Denn im Gegensatz zu dem dies­jäh­rigen Haupt­preis­träger stimmt bei Pablo Larraíns Drama nicht nur die poli­ti­sche Botschaft, sondern auch die künst­le­ri­sche Qualität. Dabei klingt das Thema des Films zunächst nicht unbedingt sehr viel­ver­spre­chend: El Club reiht sich ein in eine in letzter Zeit kaum abreißen wollende Reihe von Dramen und Satiren, welche die Katho­li­sche Kirche unter Beschuss nehmen. Der Film zeigt eine Art von WG, in die von der Kirche sündig gewordene ehemalige Priester abge­schoben werden. Hier dürfen unein­sich­tige Pädophile und andere Schwei­ne­hunde mehr oder minder tun, was sie wollen, solange sie nicht die Aufmerk­sam­keit der Öffent­lich­keit erwecken. Als sich jedoch ein Neuzugang kurz nach seiner Ankunft erschießt, schickt die Kirche einen eigenen Ermittler, um den Wind­hund­rennen liebenden Padres einmal kräftig auf den Zahn zu fühlen. El Club ist eine in grauen Bildern einge­fan­gene bitter­böse Satire, die lange nachwirkt.

Aber nicht alle Filme der dies­jäh­rigen Berlinale übten sich in düsterer Sozi­al­kritik. So fand in der Panorama-Sektion eine Welt­pre­miere der glitzernd-hedo­nis­ti­schen Art statt: Ein von einem bis zum anderen Ohr grin­sender Mark Chris­to­pher präsen­tierte siebzehn Jahre nach der Kino­ver­sion von Studio 54 (1998) den ursprüng­lich inden­tierten 54: The Director's Cut. War der Kinofilm um New Yorks berühm­testen Club der Siebziger und frühen Achtziger so etwas wie die weich­ge­spülte Disco­ver­sion von Paul Thomas Andersons Porno-Chic-Drama Boogie Nights (1997), hat der Director's Cut deutlich mehr Biss. Anders, als viele Director's Cuts verlän­gert die neue/ursprüng­liche Version nicht einfach nur die Kino­fas­sung um zehn bis zwanzig Minuten weniger wichtiges Material. Hier wurden fast vierzig Minuten in der Kino­ver­sion fehlendes Film­ma­te­rial neu inte­griert und dafür dreißig Minuten von den damaligen Produ­zenten veran­lasste Nachdrehs wieder entfernt. Der Film zeigt jetzt in aller Deut­lich­keit Dinge, wie die für die damalige Zeit – zumindest in den USA – hoch­bri­sante bise­xu­elle Drei­ecks­be­zie­hung des Prot­ago­nisten.

Einer der unge­wöhn­lichsten Wett­be­werbs­bei­träge kam aus Rumänien. Radu Judes Aferim! ist ein im Jahre 1835 in Osteuropa ange­sie­delter lako­ni­scher Balkan­wes­tern in Schwarz­weiß. Der Film verfolgt den Weg des Gendarmen Costandin und seines Sohns, die durch die steinige Land­schaft der Wallachei reiten, um einen entlau­fenen »Zigeu­ner­sklaven« seinem Besitzer zurück­zu­bringen. Die von alten Doku­menten und Liedern angeregte Geschichte zeigt eine erschre­ckend mittel­al­ter­liche und barba­ri­sche Gesell­schaft. Der desil­lu­sio­nierte Costandin – der mehr wie ein Kopf­geld­jäger als ein Geset­zes­hüter daher­kommt – hat für jede Situation einen passenden Spruch parat. Dies äußerst sich in einen fast nie abreißen wollendem Rede­schwall, der größ­ten­teils aus derben Flüchen und Beschimp­fungen besteht. Doch Costadin erscheint fast als ein Heiliger in einer Welt, in der selbst ein Priester voller frem­den­feind­li­cher und rassis­ti­scher Vorur­teile steckt. Nur Constan­tins naiv-unver­dor­bener Sohn betrachtet das wüste Treiben um ihn herum mit einem Blick, der vermuten lässt, dass er sich hier im falschen Film wähnt. Aferim! ist ein sehr unter­halt­samer Film, der ein sehr klas­si­sches Setting mit einer wüsten Tonebene konter­ka­riert. Wieso jedoch gerade dieser visuell recht karge Film den Silbernen Bären für die Beste Regie erhielt, ist durchaus diskus­si­ons­würdig.

Am letzten Wett­be­werbstag gab es noch eine besonders schöne Film-Perle zu sehen, die leider ganz ohne Preis ausging: Das viet­na­me­si­sche Drama mit dem deutschen Titel Unsere sonnigen Tage besticht durch eine Reihe von Qualitäten, die auch den verdienten letzt­jäh­rigen Gewinner des Goldenen Bären – das chine­siche Thril­ler­drama Feuerwerk am hell­lichten Tage – auszeich­neten: Der hoch­at­mo­s­phä­ri­sche Filme zeigt eine Gruppe junger Leute, die Ende der 90er-Jahre in einer am Fluss gelegenen Bara­cken­sied­lung von Saigon leben. Der Zuschauer erlebt ihre Welt durch die Augen des Foto­gra­fie­stu­denten Vu, der mit der Kamera seine neue Umgebung erkundet. Besonders faszi­niert ihn das düster-quierlige Nacht­leben der Stadt; ein düster-funkelndes Zwischen­reich voller Drogen­dealer, Spieler und Prosti­tu­ierter. Diese Welt ist ebenso poetisch einge­fangen, wie der spätere Blick auf die unberührte Natur des Mekong-Delta. Obwohl manch ein Prot­ago­nist sich um eine staat­liche Prämie zu kassieren seinen Samen­leiter durch­trennen lässt, ist Armut hier kein anzu­kla­gender Sach­ver­halt, sondern eine schlichte Tatsache des Lebens. Homo­se­xua­lität ist da schon eher ein ernst­haftes Problem. Aber egal, ob voll­ge­dröhnt beim Tanzen im Nachtclub oder beim Schlammbad in freier Natur im Mekong-Delta genießen die jungen Prot­ago­nisten, was ihnen das Leben zu bieten hat. Regisseur Phan Dang Di kreiert eine poetische Welt von geradezu magischer Qualität. Dabei genügen ihm einfache Dinge, wie ein locker einge­streutes Standbild eines urwüch­sigen Waldes, um den Zuschauer völlig gefan­gen­zu­nehmen. Unsere sonnigen Tage ist ein unprä­ten­tiöser Film voller Zauber und voller Kraft.

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