12.02.2015

65. Berlinale 2015

Große Raupe Nimmersatt

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Auch mal Buch und jetzt ein Film: Hugo Cabret

Auf der Berlinale werden nicht nur Filme gehandelt, sondern auch Bücher – Berlinale-Tagebuch, 9. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Begeis­tertes Klatschen, mitten in einem gemüt­li­chen Wohn­zimmer, mit weichem rostrotem Leder­sessel, dahinter eine Leselampe wie aus einem von Loriot gezeich­neten Bieder­mann-Paradies, dahinter eine Bücher­wand, leider mit verdäch­tigen Leer­stellen, eher wie bei Ikea ausge­liehen, als bei einer Leseratte. Und dann in der anderen Ecke – ein Fernseher!

So stellt sich die Berlinale offenbar den typischen Leser vor – oder jeden­falls dekoriert sie so die Bühne zur Veran­stal­tung »Books at Berlinale«. »Books at Berlinale«? Was soll denn das sein? Gut, es gibt immer Buch­ver­fil­mungen, oft von recht seichten Vorlagen, wie gerade des Soft-Sado-Maso-Pornos Fifty Shades of Grey.

Aber dies ist etwas anderes, hier werden kommende Filme zusam­men­ge­bas­telt. Henning Adam, einer der Leiter des Copro­duc­tions-Markts erklärt das Konzept:

»Uns ist auch tatsäch­lich ganz wichtig, dass wir in der Auswahl immer ganz unter­schied­liche Stoffe haben. Also auch Stoffe, die ein größeres Budget erfordern und viel­leicht nur von größeren Produk­ti­ons­firmen überhaupt nur erwogen werden können. Aber auch Stoffe, die für jeden zugäng­lich sind, wo die Schwelle nicht so hoch ist, die man also ohne ein großes Budget machen kann«

Das heißt also: Verlage und Agenten »pitchen« Bücher, die erst noch verfilmt werden sollen, sie preisen sie meist­bie­tend an, wie sonst Dreh­buch­au­toren ihre Stoffe. Im Grunde ist die Berlinale eine einzige große Fashion Week – alle wollen posen und anpreisen, alle stehen hier auf einem Laufsteg, ob mit oder ohne roten Teppich.

411 Filme laufen in diesem Jahr auf den Inter­na­tio­nalen Berliner Film­fest­spielen – kein Mensch kann das alles ansehen. Aber das reicht noch lange nicht. Denn die Berlinale ist vor allem ein großer Markt. Und hier wird längst nicht nur mit Filmen und ihren Rechten gehandelt, sondern auch mit Büchern.

Eine derje­nigen, die dieses Jahr auf die Berlinale einge­laden wurde, ist Anette Knoch, Verle­gerin des »Lite­ra­tur­ver­lags Droschl«. Für sie war dieser erste Auftritt auf einem Festival ein aufre­gendes Erlebnis: »Es ist total spannend... Es ist ein großes Publikum; die elf vorge­stellten Film­stoffe sind so unter­schied­lich und jeder hat sie so grandios vorge­stellt. Ich bin total neugierig, welches davon seinen Durch­bruch haben wird. Weil man hat den Eindruck, jedes hat Potential und jedes spricht ein so unter­schied­li­ches Segment an: Es gibt Kinder­bücher, es gibt Literatur, es gibt Science-Fiction, Fantasy, Mystery – alles da.«

Anette Knoch hat Aberland vorge­stellt, den gerade erst erschienen Roman der jungen Schrift­stel­lerin Gertraud Klemm, erläutert die Verle­gerin: »Es geht um die ewige Thematik der Unver­ein­bar­keit von Familie und Beruf und um diese bürger­liche Rolle, aus der die Frauen raus­wollen und sich oft nicht trauen. Das ist es im Großen und Ganzen.
Und um einen Tonfall – das ist glaube ich das, was Aberland unter­scheidet: Es ist ein politisch unkor­rekter und auch frecher Tonfall, und der bringt auch den Witz rein.«

Wie blickt die Film­in­dus­trie auf Buch­stoffe? Bestimmte Vorlieben und Schwer­punkt­set­zungen erlaubt man sich kaum: Auch hier regiert ein harter Markt über persön­liche Inter­essen und Leiden­schaft. Spricht man mit Produ­z­enten, dann geht es Filme­ma­chern natürlich um inter­na­tio­nale Verwert­bar­keit, um Spannung.

Beliebt sind Elemente der Kolpor­tage und des Genres, auch die Möglich­keit eine Serie aus dem Stoff zu entwi­ckeln. So wurde etwa Storm Sisters vorge­stellt und die soge­nannte Pitchline hierfür spricht bereits Bände: »Spice Girls meets Piraten der Karibik«.

Es geht um fünf, natürlich sehr unter­schied­liche, sehr sehr origi­nelle Girlies aus dem 18. Jahr­hun­dert, die Piraten werden. Wenn es nach den Machern geht, wird Storm Sisters der »Block­buster der 2020er Jahre« werden.

Etwas ernster Pretty Girl 13, in der die Geschichte aus der Sicht eines 13-jährigen Mädchens erzählt wird, die von einer Pfad­fin­der­reise ins Eltern­haus zurück­kehrt – und dort erfahren muss, dass sie drei Jahre lang verschwunden war, und bereits 16 Jahre alt ist.

Beides klingt spannend, teilweise tief­gründig und ist eindeutig auf eine jüngere Ziel­gruppe ausge­richtet. Auch der Trend zum Femi­nismus, zu aktiven helden­haften Frau­en­fi­guren wird hier bedient. In dieser femi­nis­ti­schen Note treffen sich diese beiden Romane auch mit Aberland. Trotzdem sind die Aussichten auf anspruchs­volle Stoffe im Kino zur Zeit nicht über­ra­gend.

Sieht man die bei »Books at Berlinale« verfilmten Bücher dann irgend­wann auch auf der Berlinale? Das ist die große Frage. Henning Adam ist da selber noch etwas unschlüssig: »Im Zentrum der Berlinale des Berlinale Copro­duc­tion Market sind eigent­lich Film­pro­jekte, die in der Entwick­lung sind, und die Partner suchen, damit das Projekt fertig gestellt werden kann, die schon zu Teilen finan­ziert sind. Und dafür suchen wir poten­ti­elle Partner, machen sehr sehr viele Meetings – und dann ist das natürlich ein Projekt, das in einem viel weiteren Stadium der Entwick­lung ist – da kann man das schneller nach­voll­ziehen.
Hier bei den Büchern ist es oft so, dass es oft Jahre um Jahre braucht und wir dann tatsäch­lich versuchen, das nach­zu­voll­ziehen, was dann passiert, aber dass das jetzt für die Berlinale fruchtbar gemacht werden soll – das wäre wünschens­wert, aber das ist nicht unbedingt unser Ziel.«

top