11.02.2015

65. Berlinale 2015

Zwischen Schönheit und Schrecken, Humor und Groteske

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Dominga Sotomayors Mar

Latein­ame­ri­ka­ni­sches Kino auf der Berlinale streift Folk­lo­ris­ti­sches und Poli­ti­sches – Berlinale-Tagebuch, 7. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Monu­men­tale Mähdre­scher und Bagger, futu­ris­ti­sche Hoch­häuser, ein Ballett der Maschinen zu Orches­ter­musik, Körper, Land­schaften, Bewegung, eine schöne neue Welt und ihre Abgründe – das ist Marcelo Pedrosos Brasil S/A, eine filmische Antwort auf lite­ra­ri­sche Beschwö­rungen des brasi­lia­ni­schen Traums, ob durch Stefan Zweig, Max Bense oder Clarice Lispector.
Aber dieser beein­dru­ckende Film im »Inter­na­tio­nalen Forum« der dem Auto­ren­kino verschrie­benen Sektion der Berlinale, zeigt eben auch die anderen Seiten, symbo­li­siert durch das Bild einer riesigen Natio­nal­flagge Brasi­liens, die mit einem Loch in der Mitte über den Hoch­haus­schluchten landet. Ein modernes Selbst-Bild von Brasilien und gewis­ser­maßen dem ganzen Kontinent, aber eben auch ein Bild der Folgen von Moder­ni­sie­rung und rasantem sozialem Wandel. In der Schönheit wohnt der Schrecken. Und wenn ein riesiges Fracht­schiff so malerisch wie pathe­tisch den Ozean durch­pflügt, dann ist das auch ein Bild der Macht.

Latein­ame­rika ist gleichz­eitig ein klas­si­scher wie ein unbe­kannter Kino­kon­ti­nent. So viel­fältig wie die Länder ist auch das Kino. Dabei ist es wieder einmal der Wett­be­werb der Berlinale, in dem allzu Offen­sicht­li­chen, Erwart­baren nach­ge­geben wird: Ein Film zeigt Indigenes, an der Grenze zum Folk­lo­ris­ti­schen, wie der guate­mal­te­ki­sche Film Ixcandul über die Welt der Kaffee­pflü­cker und Maya-Nach­fahren, über eine junge Frau und das Thema Zwangsehe – das ist der Stoff, aus dem so mancher Berli­nale­film ist und doch beschleicht einen gele­gent­lich der Eindruck, das größte Ereignis dieses Films sei viel­leicht, dass es ihn überhaupt gibt, dass in Guatemala überhaupt Filme gemacht werden.

Der zweite Wett­be­werbs­bei­trag, The Club vom Chilenen Pablo Larrain, setzt auf die zweite Seite unserer Vorstel­lung des Konti­nents: Soziales Elend und den harten, poli­ti­schen Skandal: Es geht einmal mehr um sexuellen Miss­brauch in katho­li­schen Zusam­men­hängen und die klägliche Rolle der katho­li­schen Kirche. Larrain, einem der wich­tigsten Filme­ma­cher Latein­ame­rikas ist ein wichtiger, sehr gut insz­e­nierter, starker Film gelungen. Aller­dings speku­liert er auch auf den Skandal, und eine kühle Glätte durch­zieht den Film, dem man anmerkt, dass hier einer auf den Beifall des Festi­val­pu­bli­kums hofft.

Richtig über­ra­schend, frisch und ästhe­tisch wie inhalt­lich überz­eu­gend war anderes. Besonders stark sind in diesem Jahr wieder die Filme aus Argen­ti­nien, einem der wich­tigsten Kinoländer des Konti­nents: Mar von Dominga Sotomayor, auch ein Forums­film, erzählt zwischen Drama und ironi­scher Groteske von einem Paar, das Urlaub am Strand macht, sich zu trennen droht, dann kommt seine Mutter. Das Ganze vor dem Hinter­grund des Wochen­end­tou­rismus mit seinen ganz eigenen, mitunter bizarren Seiten – hier paart der Humor sich mit dem Schrecken. Ganz direkt: Denn irgend­wann schlägt hier der Blitz ein.

Ein anderes Paar zeigt Juan Schnitman: El Incendio ist ein rasanter Hand­ka­me­ra­film aus dem Metro­polen-Taumel von Buenos Aires, der ein wenig an den tollen deutschen Wett­be­werbs­film Victoria erinnert: 24 Stunden im Leben eines Paares, während denen sich das Private zum Panorama einer hyper­ner­vösen Gesell­schaft weitet.

Schließ­lich El Guri von Sergio Mazo, auch aus Argen­ti­nien, in der Jugend­sek­tion »Gene­ra­tion«: Ein kleiner Junge, dessen Mutter fort­ge­gangen ist, ist auf sich allein gestellt. Er hängt herum mit dem Tierarzt und den Arbeitern des Dorfes, mit Tieren und in der Natur – ein Junge, in dem der spätere Mann schon erkennbar ist. Und allmäh­lich erfährt er die Wahrheit über die Mutter, wird erwachsen...

Auch hier steckt im Privaten das Poli­ti­sche.

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