05.02.2015

65. Berlinale 2015

Mad Men in der Tafelrunde

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Ein Filmfestival ist wie ein Raumschiff

Regeln und Unvor­her­seh­bares bei der Film­preis­ver­gabe – eine kleine Berlinale-Jurykunde aus aktuellem Anlass – Berlinale-Tagebuch, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Eines zumindest scheint schon vorher klar: Man hat sich in Berlin offenbar schwer­getan, die sieben Jury­mit­glieder zusam­men­zu­be­kommen. Denn so spät wie diesmal, gerade einmal acht Tage vor Festi­val­be­ginn, ist lange keine Jury mehr bekannt­ge­geben worden.

Ande­rer­seits: Jurys sind über­schätzt. Ist es tatsäch­lich wichtig, wer am Ende eines Film­fes­ti­vals die Preise erhält? Nicht wirklich. Jeden­falls nicht bei der Berlinale. Oder erinnern Sie sich noch, wer vor fünf Jahren den Goldenen Bären bekommen hat? Oder vor einem Jahr?

So ein Film­fes­tival funk­tio­niert, während es noch läuft, wie ein Raum­schiff – völlig losgelöst von der Erde schwebt es im eigenen Orbit, da kann wie vor zwei Jahren während der Berlinale sogar der Papst zurück­treten, oder wie ein Jahr zuvor, natürlich auch während der Berlinale, ein Bundes­prä­si­dent – die anwesende Jour­na­lis­ten­schar schaut, wenn sie es denn überhaupt regis­triert, nur mal kurz vom Programm­heft auf und ärgert sich, dass jetzt womöglich der Platz für den Festi­val­be­richt in der Zeitung oder der Radio­sen­dung weniger wird. Und ab geht's ins Kino zum nächsten Film.
Sobald sich die Aufregung des Festi­val­be­triebs dann gelegt hat und der Schlaf­t­rythmus wieder normaler wird, also so zwei, drei Tage nach Festi­va­lende, ist aus dem Raum­schiff eine Geis­ter­stadt geworden, und »High Noon« ist lange vorbei.

Jurys sind aber auch unter­schätzt. Denn hier kann eine Handvoll Leute ganze Leben verändern, Unbe­kannte entdecken oder wenigs­tens einmal ins Rampen­licht holen, aber auch Hoff­nungen zunich­te­ma­chen. So etwas speist natürlich die eigene Eitelkeit und den Hang einer Jury, irgend­etwas Über­ra­schendes, völlig Uner­war­tetes zu machen, eine Entschei­dung zu treffen, an die man sich auch nach Jahren noch erinnert.

Eine Jury kann auch Karrieren einen ganz neuen Schub geben. So etwa Fatih Akin, als er vor nunmehr auch schon elf Jahren für Gegen die Wand den Goldenen Bär gewann, da machte die Jury um Schau­spie­lerin Frances McDormand nicht nur aus dem immer noch etwas jugend­li­chen Hamburger, dessen Filme längst nicht allen gefielen, einen Weltstar, sie machten auch aus Berlinale-Chef Dieter Kosslick den Mann, der dem deutschen Film eine Plattform bot.
Dabei hatte ausge­rechnet Kosslick den Film gar nicht im Wett­be­werb haben wollen, ihn nur in eine Neben­s­ek­tion einge­laden.
Erst durch ein paar Zufälle rückte der Film kurz vor Tore­schluss nach.

Jurys sind aber vor allem undurch­sichtig. Was da genau bei der geheimen Tafel­runde hinter geschlos­senen Türen passiert, das wissen nur die, die dabei gewesen sind. Und nicht einmal die verstehen es immer rück­bli­ckend ganz genau. Denn jede Jury hat ihre Eigen­dy­namik, ist ein einma­liges, komplexes soziales Geflecht, in dem Sympathie nicht weniger zählt, als Argumente.

Mit dabei sein möchte eigent­lich immer der Festi­val­di­rektor und dann mit sanften Empfeh­lungen oder unge­be­tenen Ratschlägen dem Film zum Sieg verhelfen, der dem Festival nutzt. In Cannes, dem Mekka des Kino, macht man das offenbar gern.
Bei der Berlinale, so sagt man, hat der Direktor weniger Einfluss. Im letzten Jahr konnte man das erleben. Da wollte alle Welt, dass Richard Linkla­ters Boyhood gewinnt, und dem mauen Wett­be­werb hätte das geholfen. Der Goldene Bär ging dann aber uner­wartet an einen unbe­kannten Chinesen.

Auch beim dies­jäh­rigen Jury­prä­si­denten Darren Aronofsky kann man sich schwer vorstellen, dass er sich von Dieter Kosslick etwas sagen lässt. Dass Aronofsky, der bisher mit seinen Filmen immer in Cannes oder Venedig war, überhaupt mitmacht, liegt wohl nur daran, dass er nach seinem Megaflop Noah offenbar dringend in der Filmwelt Gutwetter machen muss.

Gern würde man dagegen dabei sein, wenn Aronofsky mit dem Koreaner Bong Joon-ho disku­tiert. Beide gelten als ausge­wie­sene Alpha­tiere der Film-Branche, und ihre Geschmä­cker sind, schließt man von ihren eigenen Filmen drauf, meilen­weit verschieden.

Schau­spieler in der Jury sollen vor allem beim Foto­termin einen schönen Eindruck machen und im Boulevard für tägliche Schlag­zeilen sorgen. Gerade in Berlin.
Vor Jahren taufte der Boulevard einmal eine, die es mit diesem Job besonders genau nahm, und sich so leicht­be­kleidet wie photogen auf dem roten Teppich räkelte, »die Berlin­ackte«.

Was hat es schließ­lich zu bedeuten, dass mit Matthew Weiner, ein Fern­seh­se­ri­en­ma­cher, in der Jury sitzt. Man würde ja auch nicht einen Popbarden über klas­si­sche Streich­kon­z­erte entscheiden lassen. Aber beide Medien nähern sich einander an, gerade in Berlin, wo die Auswahl popu­lis­ti­scher und massen­ori­en­tierter ist, als in Cannes oder Venedig.
Und beim Berliner Filmmarkt, der der Industrie wichtiger ist als der Wett­be­werb, dreht sich diesmal viel um Serien.

Es gibt also für die Mitglied­schaft in einer Jury viele Gründe. Man könnte auch die Auswahl der Filme so erklären. Mit jeder Nomi­nie­rung setzt man ein Zeichen, und am Ende sollen alle Seiten, die Kunst und das Geld und das Publikum zufrieden sein
Dass die Jury nebenbei auch noch Preise vergeben muss, ist dabei nur ein Detail unter vielen.

Aber viel­leicht kommt alles auch wieder ganz anders. Hinterher ist man immer dümmer.

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