30.10.2014
Viennale V'14

Kampf der Titanen

 

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Friedlich vor sich hinspuckende Trailer-Titanen

Eine Sand­kas­ten­schlacht begleitet die Neueröff­nung des Metro-Kinos zum Auftakt der 52. Viennale

Von Dunja Bialas

Hans Hurch, seit 18 Jahren Leiter der Viennale, sorgt – wie so oft vor Festi­val­be­ginn – für Aufregung. Ähnlich wie vor acht Jahren, als er gegen das »Rotz­bu­ben­kino« aner­kannter öster­rei­chi­scher Regis­seure wetterte (es ging damals tatsäch­lich um niemand Gerin­geren als um den im Frühjahr verstor­benen Michael Glawogger, was Hurch heute die Scha­mes­röte ins Gesicht treiben dürfte), verlaut­barte er auch diesmal zum Auftakt der Viennale ein paar schlag­zei­len­träch­tige feuille­to­nis­ti­sche Kraft­aus­drücke: »Skla­ven­seelen« seien die Wiener Film­kri­tiker, spielten »Privat­po­lizei« für Alexander Horwath, den Leiter des Öster­rei­chi­schen Film­mu­seums.

Wien degra­diert sich derzeit geradezu in einer Provin­z­posse, die beispiel­haft ist für Luxus­pro­bleme, mehr noch aber für mangelnde Soli­da­rität unter Kultur­schaf­fenden und womöglich eitle Geltungs­sucht. Hinter­gründig mag es dabei aber auch um zu verge­bende Finan­ztöpfe gehen, die immer dort eine Rolle spielen, wo Aufmerk­sam­keit und Allein­stel­lungs­merk­male – zwei Unworte aktueller Kultur­rea­litäten – wichtig werden.

Der ganze Streit gründet darin, dass Wien zwei heraus­ra­gende Archive hat. Da ist das inter­na­tional ange­se­hene und weithin wirk­kräf­tige Öster­rei­chi­sche Film­mu­seum mit seiner Film­samm­lung, die mehr als 30.000 Werke der Film­ge­schichte umfasst, angehäuft seit der Gründung im Jahr 1964. Vor allem die Sowje­ti­sche Filmkunst, das New American Cinema und die »berühm­testen Werke der Film­ge­schichte« hebt das Museum in seiner Selbst­dar­stel­lung hervor.

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Das Öster­rei­chi­sche Film­mu­seum in der Albertina

Neben dem inter­na­tional hoch­re­nom­mierten Film­mu­seum ist in Wien länger schon – seit 1955 – das Film­ar­chiv Austria ansässig. Es umfasst mit 70.000 Spiel­filmen und histo­ri­schen Film­do­ku­men­ta­tionen die größte Sammlung öster­rei­chi­scher Filme, darunter auch solche aus der Zeit der Monarchie und eine nahezu lücken­lose Sammlung öster­rei­chi­scher Wochen­schauen ab den 30er Jahren. Selbst­be­wusst heißt es auf der Website: »Die Kultur- und Zeit­ge­schichte Öster­reichs im 20. Jahr­hun­dert kann mit diesem Gesamt­be­stand reprä­sen­tativ doku­men­tiert werden.« Berüh­rungs­punkte zwischen den Archiven gibt es nicht nur in der stolzen Erwähnung von leicht entflamm­baren Nitro-Kopien (»mehrere tausend Rollen« auf Seiten des Öster­rei­chi­schen Film­mu­seums, »derzeit ca. 22.000 Filmdosen« auf Seiten des Film­ar­chiv Austria), sondern auch in der beider­sei­tigen Bean­spru­chung »inter­na­tio­naler Bedeut­sam­keit«, die sich auch das Film­ar­chiv Austria durch Werke aus der Frühzeit des Kinos gesichert hat, u.a. durch »weltweite Unikats­ko­pien«, wie es auf der Website heißt.

Bislang kamen sich die beiden Samm­lungen nicht in die Quere, sondern ergänzten sich vorbild­gemäß. Das Öster­rei­chi­sche Film­mu­seum richtet seit 1968 eine umfas­sende Retro­spek­tive zur Viennale-Zeit und darüber hinaus aus, die Viennale wiederum hat in gemeinsam entwor­fenen Programmen Filme aus dem Archiv­be­stand Austria gezeigt.

Schon seit 2002 hat das Film­ar­chiv Austria seine Haupt­spiel­s­tätte im Metro-Kino, einen Steinwurf vom Öster­rei­chi­schen Film­mu­seum entfernt, und alles deutete bis zur Reno­vie­rung, die vor wenigen Jahren in Angriff genommen wurde, auf eine fried­liche Koexis­tenz hin. Schließ­lich: warum auch nicht?

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Aus dem Cocon geschlüpft ist das Metro-Kino mit zwei Sälen

Glaubt man der »Presse«, gab jedoch schon länger unter­schwellig Missgunst und Neid zwischen Hans Hurch, der sich für das Film­ar­chiv Austria einsetzte, und dem Öster­rei­chi­schen Film­mu­seums-Leiter, es ist sogar die Rede von einem »histo­ri­schen Streit«. Nun wurde das zum »Kino­kul­tur­haus« umgebaute Metro-Kino neu eröffnet (das 20er-Jahre-Kino bekam unter sorg­fäl­tiger Beachtung der histo­ri­schen Gege­ben­heiten einen weiteren Saal im Ober­ge­schoss), und der Streit wurde offen­sicht­lich. Im Rahmen seiner Peter-Handke-Retro­spek­tive zeigt nun das Film­ar­chiv im Metro-Kino auch zwei Filme von John Ford, inte­griert in das Viennale-Programm, ein klarer Faux pas, da es damit der dies­jäh­rigen John-Ford-Retro des Film­mu­seums zumindest in die Suppe spuckt.

Hurch wurden daraufhin »seltsame Neben­ge­schäfte« und »undurch­schau­bare Verflech­tungen« der Viennale mit dem Film­ar­chiv Austria unter­stellt. Dieser wiederum sieht dies als »jour­na­lis­ti­sche Kame­ra­derie« für Alexander Horwath und konterte mit einem Monolog im »Falter« und einem Gast­kom­mentar im »Profil«: »Viel­leicht ist das alles (das neue Kino­kul­tur­haus) einfach nur zu viel, auch für den alten und neuen Nachbarn Film­mu­seum, der inzwi­schen ein wenig in die Jahre gekommen ist und langsam anfängt, sich da und dort zu wieder­holen. Ein Zuviel an produk­tiver Heraus­for­de­rung, an zumut­barer Ergänzung und leben­diger Konkur­renz. Im Grunde ein kultur­po­li­tisch wünschens­werter und richtiger Zustand, von dem die Film­kultur und eine kino­in­ter­es­sierte Öffent­lich­keit nur profi­tieren können.«

Hurch selbst hat einge­standen, dass seit längerer Zeit Konflikte zwischen ihm und seinem Vorgänger und jetzigen Leiter des Öster­rei­chi­schen Film­mu­seums, Alexander Horwath, gärten. Wie es sich aber nun wirklich verhält, und ob der eine im Sinne des Film­ar­chiv Austrias mehr nach­ge­holfen hat als notwendig, oder ob der andere über­em­pf­lind­lich reagierte, weil er um sein Allein­stel­lungs­merkmal bangt und deshalb einen mit dem Film­mu­seum befreun­deten Jour­na­listen bericht­er­stat­tend auf seine Seite schlagen konnte, wodurch der große Streit erst richtig losge­treten wurde, sei dahin­ge­stellt. Von außen betrachtet sieht alles nach einem unnötigen Sand­kas­ten­kampf aus, bei dem man sich gegen­seitig die Schaufel wegzu­nehmen versucht, damit der andere nicht weiter­bud­deln kann.

Was für ein Rotzbuben-Streit!

Der 105jährige Manuel de Oliveiera hat mit seinem Trailer, der die 52. Viennale begleitet, nolens volens einen treff­si­cheren Kommentar zum aktuellen Viennale-Skandalon geliefert. Zwei Tita­nen­köpfe spucken zusammen in einen Brunnen.
So einfach kann das sein.

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